Politik

Deutschland stoppt Genehmigung von Nord Stream 2

Bundeskanzler Scholz stoppt das Zertifizierungsverfahren für die umstrittene Gaspipeline nach Russland.

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 10.05.2026
Deutschland stoppt Genehmigung von Nord Stream 2
Das Wichtigste in Kürze
  • Deutschland bricht mit langjähriger Energiepolitik: Bundeskanzler Olaf Scholz hat die Zertifizierung der Nord-Stream-2-Pipeline gestoppt
  • Der Schritt…

Mit einem einzigen Satz hat Bundeskanzler Olaf Scholz eine der teuersten Infrastrukturinvestitionen der deutschen Nachkriegsgeschichte auf Eis gelegt: Die Bundesregierung stoppt das Zertifizierungsverfahren für die Gaspipeline Nord Stream 2 — ein Schritt, der Milliarden Euro vernichtet, eine Zeitenwende in der deutschen Energiepolitik einleitet und die Beziehungen zu Moskau auf einen neuen Tiefpunkt drückt. Rund zehn Milliarden Euro Baukosten stehen seither im Feuer.

Scholz zieht die Reißleine: Was der Stopp konkret bedeutet

Die Entscheidung, das Zertifizierungsverfahren für Nord Stream 2 auszusetzen, ist kein endgültiges Verbot, aber de facto ein Einfrieren auf unbestimmte Zeit. Die Bundesnetzagentur, die als zuständige Regulierungsbehörde über die Betriebsgenehmigung entscheidet, hatte das Verfahren ohnehin bereits aufgrund formaljuristischer Fragen zur Eigentümerstruktur der Betreibergesellschaft pausiert. Nun hat das Kanzleramt diesen Schwebezustand politisch festgeschrieben.

Hintergrund ist der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze sowie die Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin als unabhängige Staaten. Scholz reagierte darauf unmittelbar: „Das ist eine schwerwiegende Verletzung des Völkerrechts", erklärte er in Berlin. Die Konsequenz sei, dass Deutschland die Situation neu bewerte — und das schließe Nord Stream 2 ausdrücklich ein.

Für die Energieversorgung Deutschlands bedeutet das in der unmittelbaren Gegenwart keine technische Unterbrechung, denn die Pipeline hat den Betrieb nie aufgenommen. Sie war fertiggestellt, mit Gas befüllt, aber noch nicht kommerziell in Betrieb. Der Stopp des Zertifizierungsverfahrens verhindert also nicht den Verlust einer laufenden Gaslieferung, sondern den Beginn einer neuen — einer Lieferung, die Deutschland tiefer in die Abhängigkeit von russischem Erdgas geführt hätte.

Die rechtliche Dimension: Bundesnetzagentur und europäisches Recht

Das Zertifizierungsverfahren selbst ist komplex. Die Bundesnetzagentur prüft, ob der Betreiber — die Nord Stream 2 AG mit Sitz in der Schweiz, wirtschaftlich aber vollständig dem russischen Staatskonzern Gazprom zuzurechnen — den europäischen Anforderungen an eine Entflechtung von Produktion und Transport entspricht. Das sogenannte Unbundling-Prinzip des europäischen Energiebinnenmarktes verlangt, dass Gasproduzenten nicht gleichzeitig Pipelinebetreiber sein dürfen.

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Die Behörde hatte bereits vor dem politischen Eingriff des Kanzlers festgestellt, dass die Betreibergesellschaft diese Anforderungen in ihrer aktuellen Konstruktion nicht erfüllt. Eine Tochtergesellschaft nach deutschem Recht sollte gegründet werden, um das Problem zu umgehen — doch auch dieser Weg ist nun blockiert. Das Bundeswirtschaftsministerium unter Robert Habeck hat klargemacht, dass keine administrative Beschleunigung des Verfahrens stattfinden werde. (Quelle: Bundesnetzagentur)

Das Bundesverfassungsgericht ist in diesem Verfahren bislang nicht direkt involviert, doch Verfassungsrechtler weisen darauf hin, dass ein dauerhaftes Verbot ohne gesetzliche Grundlage möglicherweise Entschädigungsansprüche der Investoren auslösen könnte. Mehrere internationale Energiekonzerne — darunter Uniper, Wintershall Dea und die OMV — haben erhebliche Summen in die Finanzierung des Projekts gesteckt. Ihre Forderungen könnten den deutschen Steuerzahler noch Jahre beschäftigen.

Die Geschichte einer umstrittenen Pipeline

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Planungsphase
Nord Stream 2 wird als Erweiterungsprojekt zur bestehenden Nord Stream 1 angekündigt. Die Pipeline soll jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas direkt von Russland nach Deutschland transportieren und dabei traditionelle Transitländer wie die Ukraine und Polen umgehen. Kritiker warnen von Beginn an vor der geopolitischen Abhängigkeit.
Baustopp durch US-Sanktionen
Die USA verhängen unter Präsident Donald Trump Sanktionen gegen am Bau beteiligte Unternehmen. Das Schweizer Verlegeschiff „Allseas" zieht sich umgehend zurück. Das Projekt liegt über ein Jahr brach, bevor russische Spezialschiffe die Arbeiten fortsetzen.
Fertigstellung der Pipeline
Nord Stream 2 wird physisch fertiggestellt. Russland befüllt die Pipeline mit Erdgas als technischen Drucktest. Der kommerzielle Betrieb steht aus, da die Genehmigung durch die Bundesnetzagentur noch aussteht. Die EU-rechtlichen Fragen zur Betreiberstruktur bleiben ungeklärt.
Zertifizierungsverfahren gestoppt
Bundeskanzler Scholz ordnet die Überprüfung und faktische Aussetzung des Zertifizierungsverfahrens an, nachdem Russland die Unabhängigkeit der ukrainischen Separatistengebiete anerkennt. Die Bundesnetzagentur friert das Verfahren ein. Deutschland signalisiert damit eine grundlegende Neuausrichtung seiner Russlandpolitik.
Sprengung der Pipelines
Explosionen beschädigen beide Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee schwer. Die Sabotage macht eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 dauerhaft unmöglich. Ermittlungen laufen seitdem in mehreren Ländern. Im Zusammenhang mit den Untersuchungen wurden später Dokumente beschlagnahmt — mehr dazu im Artikel über die Klimastiftung MV: Ermittler beschlagnahmen Nord-Stream-Dokumente.

Reaktionen aus den Fraktionen: Breites Spektrum, wenig Einigkeit

Fraktionspositionen: CDU/CSU begrüßt den Stopp ausdrücklich und wirft der SPD vor, das Projekt trotz jahrelanger Warnungen aus den eigenen Reihen der Union vorangetrieben zu haben — Friedrich Merz spricht von einer „überfälligen Entscheidung". SPD verteidigt den Kurs als verantwortungsvollen Schritt angesichts veränderter Sicherheitslage, vermeidet aber direkte Selbstkritik an der früheren Förderpolitik. Grüne fordern eine vollständige und dauerhafte Einstellung des Projekts sowie eine beschleunigte Energiewende als Konsequenz; Wirtschaftsminister Habeck sieht seine seit Jahren geäußerten Bedenken bestätigt. AfD lehnt den Stopp ab und argumentiert, Deutschland gefährde damit seine Versorgungssicherheit und schade der eigenen Wirtschaft zugunsten amerikanischer Flüssiggas-Exportinteressen.

Die Positionierungen der Fraktionen spiegeln tiefere weltanschauliche Gräben wider. Während Union und Grüne den Schritt — aus unterschiedlichen Motiven — befürworten, steht die SPD vor einem inneren Erklärungsnotstand. Ehemalige Bundeskanzler aus den Reihen der Sozialdemokraten hatten das Projekt über Jahre aktiv gefördert und sind wirtschaftlich mit russischen Energieunternehmen verflochten. Die Parteiführung versucht diesen Widerspruch durch den Verweis auf veränderte geopolitische Realitäten zu überbrücken — mit mäßigem Erfolg in der öffentlichen Wahrnehmung.

Geopolitische Einbettung: NATO, EU und die Ukraine

Der Stopp ist nicht isoliert zu betrachten. Er steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der sicherheitspolitischen Neuaufstellung Deutschlands, die sich in den Wochen und Monaten danach in noch deutlicheren Schritten manifestiert hat. Deutschland erhöht seine Verteidigungsausgaben erheblich — eine Entwicklung, die im Artikel über die Erhöhung der deutschen Verteidigungsausgaben auf zwei Prozent ausführlich analysiert wird. Parallel dazu intensiviert Berlin seine Sicherheitspartnerschaften, darunter auch mit Israel, wie der Bericht über die deutsch-israelische Sicherheitskooperation zeigt.

Der NATO-Rahmen spielt eine entscheidende Rolle. Die östlichen Bündnispartner — allen voran Polen und die baltischen Staaten — haben Nord Stream 2 stets als strategisches Instrument Russlands zur Spaltung Europas betrachtet. Ihre Warnungen wurden in Berlin lange als übertrieben abgetan. Mit dem Stopp des Zertifizierungsverfahrens bekennt sich Deutschland implizit dazu, dass diese Warnungen berechtigt waren. Das verändert auch die Glaubwürdigkeit Deutschlands als sicherheitspolitischer Partner grundlegend — in beide Richtungen: Es stärkt das Vertrauen im Osten, hinterlässt aber in Teilen der deutschen Wirtschaft und bei bestimmten gesellschaftlichen Gruppen erheblichen Vertrauensverlust gegenüber der Verlässlichkeit politischer Zusagen.

Die Europäische Kommission hat den deutschen Schritt begrüßt, ohne sich explizit zu positionieren. Intern hatte Brüssel die Pipeline ebenfalls kritisch gesehen, sich aber gescheut, direkt in ein deutsches Infrastrukturprojekt einzugreifen. Das EU-Gasmarktrecht hatte dabei sowohl als Hebel als auch als Schutzschild gedient — je nach politischer Lesart. (Quelle: Europäische Kommission)

Wirtschaftliche Folgen: Wer zahlt den Preis?

Investor / Beteiligter Investierter Betrag (geschätzt) Status der Forderungen
Gazprom (Russland) ca. 5 Mrd. Euro Pipeline physisch zerstört, Forderungen eingefroren
Uniper (Deutschland) ca. 950 Mio. Euro Abschreibungen angekündigt, Staatshilfe erhalten
Wintershall Dea (Deutschland) ca. 950 Mio. Euro Milliardenabschreibung auf Russland-Engagements
OMV (Österreich) ca. 730 Mio. Euro Rechtliche Prüfung laufend
Engie (Frankreich) / Shell je ca. 950 Mio. Euro Teilabschreibungen, Rückzug aus Russland-Geschäft

Die wirtschaftlichen Schäden verteilen sich also nicht nur auf russische Seite, sondern treffen erhebliche Teile der westeuropäischen Energiewirtschaft. Uniper, das durch seine Russland-Abhängigkeit in eine existenzbedrohende Krise geriet, musste vom deutschen Staat gerettet werden — ein Vorgang, der die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler direkt belastet hat. Diese Verquickung von energiepolitischen Fehlentscheidungen und staatlichen Rettungsaktionen hat die Debatte über die Rüstungs- und Verteidigungsfinanzierung neu entfacht, die auch im Kontext der Erhöhung des deutschen Rüstungsbudgets geführt wird.

Aus Sicht der Haushaltspolitik ist die Situation paradox: Deutschland hat durch seinen jahrelangen Festhalten an Nord Stream 2 nicht nur geopolitische Glaubwürdigkeit eingebüßt, sondern auch erhebliche Mittel der Privatwirtschaft in ein Projekt gelenkt, das nun vollständig wertlos ist. Die politischen Kosten tragen alle — die wirtschaftlichen vor allem diejenigen, die früh gewarnt haben und nicht gehört wurden.

Was bleibt: Eine Zeitenwende ohne Rückfahrkarte

Mit dem Stopp von Nord Stream 2 endet ein Kapitel der deutschen Außen- und Energiepolitik, das auf dem Glauben beruhte, wirtschaftliche Verflechtung schaffe politische Stabilität. Diese These — in der deutschen Außenpolitik jahrzehntelang als „Wandel durch Handel" bekannt — hat sich gegenüber dem russischen Vorgehen in der Ukraine als nicht tragfähig erwiesen.

Bundeskanzler Scholz steht nun vor der Aufgabe, nicht nur eine Energiepolitik neu zu justieren, sondern auch eine politische Tradition seiner eigenen Partei zu überwinden. Die SPD hat Nord Stream 2 in weiten Teilen als positives Projekt verteidigt — und muss nun erklären, warum dasselbe Projekt plötzlich ein sicherheitspolitisches Risiko darstellt. Dass dies in erster Linie auf eine Veränderung des russischen Verhaltens zurückzuführen ist, ist zwar argumentativ vertretbar, politisch aber fragil.

Gleichzeitig zeigt die Entscheidung, dass Deutschland unter Scholz in der Lage ist, schnell zu reagieren, wenn der geopolitische Druck groß genug ist. Die Frage, die viele Partner stellen, lautet: Warum erst jetzt? Diese Frage wird die neue sicherheitspolitische Agenda Berlins noch lange begleiten — auch unter der Regierung von Friedrich Merz als neuem Bundeskanzler, der nun die Trümmer einer gescheiterten Energiepolitik in eine kohärente Strategie überführen muss. Nord Stream 2 ist Geschichte. Die Konsequenzen sind es nicht.

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

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