ZenNews24› Gesellschaft› Fachkräftemangel: Deutschland braucht 7 Millionen… Gesellschaft Fachkräftemangel: Deutschland braucht 7 Millionen Einwanderer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt dramatischen Arbeitskräftebedarf Von Thomas Weber 23.02.2026, 11:55 Uhr 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026 Das Wichtigste in Kürze Deutschland braucht bis 2035 sieben Millionen Einwanderer, um den demografischen Rückgang auszugleichenIW-Studie zeigt dramatischen Arbeitskräftebedarf… Sieben Millionen Menschen fehlen. Diese Zahl steht im Zentrum einer neuen Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die den Arbeitskräftebedarf Deutschlands bis zur Mitte des Jahrhunderts hochrechnet — und die politische Debatte über Migration, Integration und Arbeitsmarkt mit neuer Dringlichkeit auflädt.InhaltsverzeichnisEin Land im demografischen StresstestWas Betroffene erleben: Zwischen Potenzial und bürokratischen MauernWas jetzt gefordert ist: Konkrete MaßnahmenGlobale Konkurrenz um Talente Der demografische Wandel trifft Deutschland mit voller Wucht. Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, die sogenannten Babyboomer, scheiden in den kommenden Jahren massenhaft aus dem Erwerbsleben aus. Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate seit Jahrzehnten unter das Bestandserhaltungsniveau. Das Ergebnis ist eine strukturelle Lücke auf dem Arbeitsmarkt, die durch inländische Maßnahmen allein nicht zu schließen ist — da ist sich die Forschungsgemeinde weitgehend einig. Studienlage: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) beziffert den kumulierten Arbeitskräftebedarf bis zur Mitte des Jahrhunderts auf rund 7 Millionen Fachkräfte, die durch Zuwanderung gewonnen werden müssten. Derzeit wandern jährlich etwa 300.000 bis 400.000 Personen netto nach Deutschland ein — deutlich weniger als benötigt. Das Statistische Bundesamt registriert, dass die Erwerbsbevölkerung (20- bis 67-Jährige) ohne Zuwanderung bis Mitte des Jahrhunderts um rund 5 Millionen Personen schrumpfen würde. Die Bertelsmann Stiftung hat in einer eigenen Modellrechnung einen jährlichen Bedarf von 260.000 qualifizierten Zuwanderern aus Drittstaaten errechnet, um den Wohlstandsverlust abzumildern. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums sehen 68 Prozent der deutschen Unternehmen den Fachkräftemangel als ihre größte Wachstumsbremse. Das Allensbach-Institut verzeichnet gleichzeitig eine gespaltene Gesellschaft: Knapp 54 Prozent der Bevölkerung befürworten mehr gezielte Arbeitsmigration, während 38 Prozent skeptisch bleiben. (Quellen: IW Köln, Statistisches Bundesamt, Bertelsmann Stiftung, Forsa, Institut für Demoskopie Allensbach) Ein Land im demografischen Stresstest Die Zahlen sind bekannt, ihre gesellschaftliche Sprengkraft ist es ebenfalls. Doch selten wurde das Ausmaß des Problems so präzise und zugleich so politisch unbequem formuliert wie in der aktuellen IW-Studie. Ihr Kernbefund: Deutschland braucht nicht nur punktuell Zuzug, sondern eine nachhaltige, strukturierte und massiv ausgeweitete Einwanderungsstrategie — und zwar sofort. Das Statistische Bundesamt hat die Bevölkerungsvorausberechnung zuletzt aktualisiert und kommt zum selben Schluss: Ohne signifikante Nettozuwanderung verliert Deutschland in den nächsten Jahrzehnten Millionen von Erwerbstätigen. Besonders betroffen sind die Pflege, das Handwerk, der Bildungsbereich und die Informationstechnologie. In der Altenpflege etwa fehlen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung schon heute mehr als 100.000 Vollzeitstellen — Tendenz stark steigend. (Quelle: Statistisches Bundesamt)📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Dr. Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte am IW Köln, bringt das Dilemma auf den Punkt: „Wir haben keine Alternative zur Zuwanderung. Die Frage ist nicht ob, sondern wie wir sie gestalten." Die Studie des Instituts empfiehlt eine deutliche Ausweitung der Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse, eine Beschleunigung der Visaverfahren und einen stärkeren Fokus auf Länder mit jungen, gut ausgebildeten Arbeitskräften — etwa in Lateinamerika, Südasien und Teilen Afrikas. Was Betroffene erleben: Zwischen Potenzial und bürokratischen Mauern Amara Diallo ist Krankenpfleger aus Senegal, lebt seit drei Jahren in Nordrhein-Westfalen und arbeitet in einem Kreiskrankenhaus im Ruhrgebiet. Sein Weg dorthin war steinig: Anerkennungsverfahren, Sprachkurse auf eigene Kosten, monatelange Wartezeiten bei Behörden. „Ich bin Fachkraft, ich wurde ausgebildet, ich will arbeiten", sagt er. „Aber das System macht es einem nicht leicht." Sein Fall steht exemplarisch für Tausende ähnliche Biographien. Auf der anderen Seite steht Maria Hofbauer, Inhaberin eines mittelständischen Metallbetriebs in Bayern mit 80 Mitarbeitern. Seit Jahren findet sie keine Auszubildenden mehr. „Ich habe drei offene Stellen für CNC-Maschinisten, und ich kriege keine einzige qualifizierte Bewerbung", sagt sie. „Wenn Deutschland jetzt nicht handelt, müssen wir Aufträge ablehnen." Ihr Betrieb hat begonnen, gezielt in Bosnien-Herzegowina zu rekrutieren — mit gemischtem Erfolg aufgrund von Bürokratiehürden. Diese Alltagserfahrungen decken sich mit dem, was Forsa im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums erhoben hat: Unternehmen klagen nicht nur über fehlende Köpfe, sondern über ein Einwanderungssystem, das Qualifikation zu selten belohnt und Integration zu selten fördert. (Quelle: Forsa) Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Reform mit Lücken Die Bundesregierung hat mit dem reformierten Fachkräfteeinwanderungsgesetz erste Weichen gestellt. Die Einführung der sogenannten Chancenkarte — ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild — wurde von Arbeitsmarktökonomen grundsätzlich begrüßt. Doch die Umsetzung hinkt hinter den Erwartungen zurück. Visastellen im Ausland sind chronisch unterbesetzt, Bearbeitungszeiten von sechs bis zwölf Monaten sind keine Ausnahme, sondern Regel. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) erklärte, die Reformen seien ein „wichtiger Schritt in die richtige Richtung", räumte aber ein, dass die Verwaltungskapazitäten ausgebaut werden müssten. „Wir können nicht auf der einen Seite das Tor öffnen und auf der anderen Seite den Einlass durch Personalmangel blockieren", sagte er bei einer Anhörung im Bundestag. Kritik kommt auch aus den Ländern. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) drängt auf schnellere Verfahren, mahnt aber gleichzeitig zur Steuerung: „Wir brauchen Zuwanderung in den Arbeitsmarkt, nicht in die Sozialsysteme." Diese Differenzierung ist politisch heikel, aber faktisch relevant: Qualifizierte Arbeitsmigration und humanitäre Migration folgen unterschiedlichen Logiken und sollten im politischen Diskurs nicht vermischt werden — auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung oft in einen Topf geworfen werden. Integration als Voraussetzung, nicht als Nachgedanke Der bloße Zuzug von sieben Millionen Menschen löst das Problem nicht. Das ist der zweite, oft unterschätzte Teil der IW-Studie. Integration in den Arbeitsmarkt ist keine Selbstverständlichkeit — sie erfordert Sprachkurse, Anerkennung von Abschlüssen, Beratungsangebote, soziale Infrastruktur und kulturelle Offenheit auf beiden Seiten.Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek Das Allensbach-Institut hat in einer Langzeitstudie ermittelt, dass das gesellschaftliche Klima gegenüber Einwanderung stark von Wahrnehmungen abhängt: Dort, wo Integration sichtbar gelingt, steigt die Akzeptanz. Dort, wo sie scheitert — oft aus strukturellen Gründen wie Wohnungsnot oder Überlastung von Integrationskursen —, kippt die Stimmung. (Quelle: Institut für Demoskopie Allensbach) Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrer Studie „Faire Chancen für alle" darauf hingewiesen, dass Deutschland im europäischen Vergleich bei der Anerkennungsquote ausländischer Berufsabschlüsse im Mittelfeld liegt — hinter Schweden und den Niederlanden, aber vor Österreich und Frankreich. Handlungspotenzial ist also vorhanden. (Quelle: Bertelsmann Stiftung) Auch die gesellschaftliche Polarisierung darf nicht ignoriert werden. In einer Zeit, in der europäische Demokratien unter Druck stehen — wie die Proteste gegen Medienpolitik zeigen, etwa wenn Tschechien tausende Menschen gegen Medienpläne der Regierung mobilisiert — braucht eine nachhaltige Migrationspolitik vor allem eines: gesellschaftlichen Rückhalt. Und der entsteht nicht durch Appelle, sondern durch erlebbare Erfolge. Was jetzt gefordert ist: Konkrete Maßnahmen Die Forderungsliste der Forschungsinstitute und Verbände ist lang, aber konkret. Sie umfasst kurzfristige Sofortmaßnahmen ebenso wie langfristige Strukturreformen. Fest steht: Das Fenster für eine geordnete Transformation des Arbeitsmarkts schließt sich. Wer heute nicht handelt, zahlt morgen den Preis in Form von Wohlstandsverlusten, Rentenlücken und einem Sozialstaat, der aus den Fugen gerät. Gleichzeitig braucht die Debatte mehr Sachlichkeit. Migrationspolitik wird in Deutschland allzu oft durch Extremereignisse dominiert, die das Gesamtbild verzerren. Die gesellschaftlichen Folgen von Einzelereignissen — ob es sich um Fälle handelt, in denen ein Verdächtiger einer Amokfahrt in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird, oder um Berichte über schwere Gewalt — prägen die Stimmung, dürfen aber nicht die strategische Weichenstellung ersetzen. Es geht um strukturelle Logik, nicht um Symbolpolitik. Und strukturell ist die Lage eindeutig: Ohne Zuwanderung schrumpft das Erwerbspersonenpotenzial, ohne Integration verpufft die Zuwanderung, ohne politischen Mut bleibt beides aus. Dass gesellschaftliche Konflikte auch in anderen Ländern eskalieren können — man denke an Berichte, in denen Gerichte über extreme Konsequenzen häuslicher Gewalt urteilen, etwa wenn ein schottisches Gericht einen Suizid nach häuslicher Gewalt als Femizid einstuft —, zeigt: Gesellschaftliche Stabilität hängt nicht nur von Wirtschaftsdaten ab, sondern von sozialer Kohäsion. Diese Kohäsion ist auch beim Thema Migration der entscheidende Faktor. Visaverfahren radikal beschleunigen: Botschaften und Konsulate müssen mit mehr Personal ausgestattet werden. Ziel sollten Bearbeitungszeiten von maximal acht Wochen für Fachkräfte aus anerkannten Berufsgruppen sein. Zuständig: Auswärtiges Amt, Bundesagentur für Arbeit. Anerkennungsverfahren vereinfachen und digitalisieren: Ausländische Berufsabschlüsse müssen schneller und transparenter anerkannt werden. Die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) und die Bundesagentur für Arbeit betreiben das Portal Anerkennung in Deutschland als Anlaufstelle. Integrationskurse ausbauen und flexibilisieren: Berufsbegleitende Sprachkurse, digital verfügbare Lernformate und arbeitgebernahe Angebote sind notwendig. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) koordiniert das Kursangebot bundesweit. Internationales Recruiting institutionalisieren: Die Bundesagentur für Arbeit betreibt mit dem Projekt Make it in Germany eine Plattform für internationale Arbeitssuchende. Diese muss stärker bekannt gemacht und in Partnerländern aktiv beworben werden. Chancenkarte aktiv bewerben: Das neue Punktesystem für qualifizierte Einwanderer ist ein richtiger Ansatz, der in Zielländern kaum bekannt ist. Informationskampagnen in Südasien, Lateinamerika und Afrika sind überfällig. Zuständig: Bundesinnenministerium, Außenministerium. Kommunen bei Integration entlasten: Städte und Gemeinden brauchen verlässliche Bundesmittel für Wohnraum, Kitas, Schulen und Beratungsstellen. Der Deutsche Städtetag fordert einen Pakt für kommunale Integrationsinfrastruktur. Globale Konkurrenz um Talente Deutschland ist nicht allein in seinem Bedarf. Kanada, Australien, die Niederlande, Schweden und zunehmend auch Länder des Globalen Südens konkurrieren um dieselben Fachkräfte. Ein philippinischer Krankenpfleger oder eine indische Softwareentwicklerin hat heute mehr Optionen als je zuvor. Wer attraktiver sein will, muss mehr bieten: schnelle Verfahren, faire Anerkennung, bezahlbaren Wohnraum, Perspektiven für die gesamte Familie. In diesem Kontext ist es bemerkenswert, wie wenig Deutschland bisher in sein internationales Image als Einwanderungsland investiert hat. Während Kanada mit millionenschweren Kampagnen weltweit Talente wirbt, bleibt Deutschland im Ausland oft mit Klischees assoziiert — hohe Steuern, schwieriges Klima, komplizierte Bürokratie. Das muss sich ändern, wenn die Zahlen der IW-Studie auch nur ansatzweise erreicht werden sollen. Und schließlich: Es geht auch um eine gesellschaftliche Erzählung. Deutschland hat Einwanderung über Jahrzehnte als Problem behandelt, nicht als Ressource. Diese Grundhaltung zu verändern, ist vielleicht die schwierigste Aufgabe — aber auch die notwendigste. In einer Welt, in der selbst Luxusgüter Grenzen kennen — so wie der Bericht, dass Jeff Bezos seine 127-Meter-Luxusjacht verkauft, weil sie für die meisten Häfen zu groß ist — zeigt sich: Auch Wohlstand hat seine infrastrukturellen Grenzen. Für Deutschland ist die Grenze des Wohlstands nicht die Jachtgröße, sondern die Arbeitskräftebasis. Gesundheitsthemen spielen dabei ebenfalls eine Rolle: Internationale Fachkräfte kommen aus Regionen, in denen andere Krankheitsbilder präsent sind. Behörden und Betriebe müssen vorbereitet sein — auch auf neue medizinische Herausforderungen. Dass etwa die WHO eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Hantavirus nicht ausschließt, ist ein Beispiel dafür, dass globale Mobilität und Gesundheitsvorsorge zusammengedacht werden müssen — ohne dabei in Pauschalisierungen oder Stigmatisierungen zu verfallen. Die Botschaft der IW-Studie ist klar und unmissverständlich: Sieben Millionen Menschen. Diese Zahl ist keine Drohung und keine Utopie. Sie ist eine nüchterne Rechnung — und eine Aufforderung zum Handeln, die Deutschland sich nicht länger leisten kann, zu ignorieren. Mehr zum ThemaDeutschlands Wirtschaft wächst wiederHandwerk in der Krise: Fachkräftemangel, Digitalisierung,Schwarzarbeit in Deutschland: Ausmass, Branchen, wirtschaftliche Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Fachkräftemangel Migration Einwanderung Arbeit IW Wirtschaft T Thomas Weber Politik & Wirtschaft Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik. 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