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"Nürnberg": Russell Crowe als Göring im psychologischen Drama

Neuer Film untersucht die Psyche eines NS-Verbrechers im Gespräch mit einem Psychiater.

Von ZenNews24 Redaktion 3 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
"Nürnberg": Russell Crowe als Göring im psychologischen Drama

Der neue Film "Nürnberg" wagt sich an ein psychologisches Gedankenexperiment heran: Er konfrontiert Hermann Göring, einen der mächtigsten und gefürchtetsten Verbrecher des Dritten Reichs, mit einem Psychiater. Gespielt von Russell Crowe, wird der historische Reichsmarschall in diesem Drama zum Gegenstand einer eindringlichen Analyse – nicht zur Rechtfertigung, sondern zur Erkundung der dunklen Abgründe einer verbrecherischen Persönlichkeit.

Hintergrund

Hermann Göring war als Oberbefehlshaber der Luftwaffe und enger Vertrauter Adolf Hitlers einer der einflussreichsten Funktionäre des NS-Regimes. Verantwortlich für zahlreiche Kriegsverbrechen und systematische Verfolgungen, gilt er als einer der Hauptverantwortlichen für millionenfaches Leid während des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg wurde Göring in den Nürnberger Prozessen angeklagt und zum Tode verurteilt – er starb 1946 durch Suizid in seiner Gefängniszelle.

Der Film greift auf die historischen Nürnberger Prozesse zurück, jene Gerichtsverfahren, die von 1945 bis 1946 die Hauptverantwortlichen des NS-Regimes vor Gericht stellten. Diese Prozesse gelten als Meilenstein der internationalen Justiz und setzten Maßstäbe für die Ahndung von Kriegsverbrechen.

Die wichtigsten Fakten

  • Russell Crowe spielt die Hauptrolle des Hermann Göring und trägt damit die dramatische Last einer psychologischen Auseinandersetzung mit einer historischen Verbrecherpersönlichkeit.
  • Das Drama konzentriert sich auf Gespräche zwischen Göring und einem Psychiater, die tief in die psychologische Struktur des Kriegsverbrechers eindringen.
  • Der Film stellt die zentrale Frage: Kann man einen Naziverbrecher verstehen, und ist dieses Verstehen moralisch vertretbar oder sogar notwendig?
  • Das Szenario basiert auf den historischen Nürnberger Prozessen, die die rechtliche und moralische Abrechnung mit dem NS-Regime darstellten.
  • Das Drama vermeidet oberflächliche Urteile und nähert sich stattdessen einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Frage nach Verantwortung und menschlicher Psyche.

Provokative Fragen statt einfacher Antworten

Die zentrale These des Films ist weniger eine historische Dokumentation als vielmehr eine philosophische Untersuchung: Ist es möglich – und sinnvoll – die innere Welt eines Mannes zu erkunden, der unermessliches Leid verursacht hat? Durch die Figur des Psychiaters wird dieser Frage nachgegangen, ohne dabei in die Falle einer psychologisierten Entschuldigung zu tappen.

Russell Crowe verkörpert diese Ambivalenz: Ein Mann, der in seinen Augen vielleicht „normal" wirken könnte – mit Gefühlen, Zweifeln, einer inneren Welt – und doch ein systematischer Verfechter des Bösen war. Diese Spannung macht den psychologischen Horror des Films aus: Die Erkenntnis, dass Monstren nicht automatisch Ungeheuer aussehen müssen.

Der Film berührt damit ein sensibles Thema der Zeitgeschichte und Psychologie, das seit Jahrzehnten diskutiert wird. Hannah Arendt prägte mit ihrer Analyse des Eichmann-Prozesses den Begriff der „Banalität des Bösen" – die Vorstellung, dass Massenmorde nicht von übernatürlichen Monstern, sondern von alltäglich wirkenden Menschen begangen wurden. Auch Göring präsentiert sich in dieser Lesart nicht als ideologischer Fanatiker, sondern als pragmatischer Machtmensch, dessen Gewöhnlichkeit das Schreckliche umso verstörender macht.

Künstlerische Verantwortung im Umgang mit NS-Geschichte

Ein Film über einen Kriegsverbrecher muss sich der Frage stellen, ob er nicht unbewusst einer Romantisierung oder Normalisierung Vorschub leistet. Das Drama "Nürnberg" scheint sich dieser Verantwortung bewusst zu sein. Durch die dialogische Struktur – das Gespräch zwischen Psychiater und Verbrecher – wird eine kritische Distanz gewahrt. Es geht nicht um eine psychologische Rehabilitation Görings, sondern um das Verstehen der Mechanismen, die es möglich machten, dass ein intelligenter, kulturell interessierter Mensch zum Architekten des Massenmordes wurde.

Für das deutsche Kino und die internationale Filmlandschaft ist solch eine differenzierte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit relevant. Sie widersteht sowohl einer moralisierenden Vereinfachung als auch einer sentimentalen Mitleidserweckung. Stattdessen bietet sie Raum für unbequeme Fragen: Was macht Menschen zu Tätern? Sind sie durch ihre Biografie geprägt, oder treffen sie bewusste moralische Entscheidungen?

Ausblick

Der Film "Nürnberg" trägt zu einer wichtigen Debatte bei, die in Deutschland und weltweit kontinuierlich geführt wird: Wie geht man künstlerisch und pädagogisch mit der NS-Geschichte um? Wie vermeidet man Voyeurismus, ohne dabei in sentimentale Verklärung zu verfallen?

Mit Russell Crowe in der Hauptrolle erhält das Drama internationale Aufmerksamkeit und könnte damit auch außerhalb Deutschlands Diskussionen über Kriegsverbrechen, Verantwortung und die Psychologie des Bösen anregen. In einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen weltweit wieder erstarken, bleibt die Frage nach den Ursprüngen totalitärer Herrschaft und den psychologischen Profilen ihrer Architekt:innen von beklemmender Aktualität.

Quellen: Süddeutsche Zeitung, Filmkritik und Recherche zu den Nürnberger Prozessen
Quelle: SZ Kultur