Wirtschaft

Aspex erhöht Anteil an Delivery Hero trotz Kritik an Vorstandschef

Aspex Management erhöht seinen Anteil an Delivery Hero auf 15% – Aktivistischer Druck eskaliert trotz Kritik am Vorstandschef und markanter

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 27.06.2026
Aspex erhöht Anteil an Delivery Hero trotz Kritik an Vorstandschef
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Investor Aspex hat seinen Anteil an Delivery Hero erhöht und verstärkt damit seinen Einfluss auf den Essenslieferdienst
  • Dies geschieht, obwohl Aspex zuletzt wegen der schwachen Kursentwicklung deutliche Kritik am Vorstandsvorsitzenden Niklas Östberg geübt hatte

Rund 15 Prozent der Anteile an Delivery Hero hält der Hedgefonds Aspex Management mittlerweile — und setzt damit ein klares Signal an den Markt, dass das aktivistische Engagement beim Berliner Essenslieferkonzern trotz anhaltender Spannungen mit dem Vorstand weiter eskaliert. Das Vorgehen des in Hongkong ansässigen Investors gilt als einer der ungewöhnlichsten Aktionärskonflikte im deutschen Börsensegment des Jahres 2026.

Aspex stockt auf: Hintergrund der Anteilserhöhung

Aspex Management hat seinen Anteil an Delivery Hero in mehreren Schritten auf rund 15 Prozent ausgebaut. Das geht aus aktuellen Pflichtmitteilungen hervor, die der Fonds im Zuge der deutschen Meldepflicht für Stimmrechtsanteile veröffentlicht hat. Damit ist Aspex der mit Abstand größte Einzelaktionär des DAX-Konzerns — und gleichzeitig der lauteste Kritiker der Unternehmensführung. Der Fonds hatte in der Vergangenheit öffentlich Vorwürfe gegen Konzernchef Niklas Östberg erhoben, ihm unter anderem mangelnde Transparenz und eine unzureichende Kapitalallokation vorgeworfen.

▶ Auf einen Blick
  • Aspex Management erhöht seinen Anteil an Delivery Hero deutlich.
  • Der Hedgefonds kritisiert die Unternehmensführung und den Kurs des Essenslieferkonzerns.
  • Dieses Vorgehen ist ungewöhnlich und erinnert an Aktivisten im angelsächsischen Raum.

Für Beobachter des deutschen Kapitalmarkts ist das Vorgehen von Aspex bemerkenswert. Während viele institutionelle Aktivisten bei anhaltenden Konflikten eher dazu neigen, ihre Positionen zu reduzieren oder den Druck über öffentliche Erklärungen zu entfalten, geht Aspex den umgekehrten Weg: mehr Anteile, mehr Einfluss, mehr Druck von innen. Dieses Muster kennen Marktbeobachter eher aus dem angelsächsischen Raum, wo aktivistische Fonds wie Elliott oder Third Point seit Jahrzehnten mit aggressiver Anteilsaufstockung arbeiten.

Was Aspex konkret kritisiert

Aspex hatte bereits Anfang des Jahres öffentlich gemacht, dass man mit dem strategischen Kurs des Vorstands unzufrieden sei. Im Fokus der Kritik steht die Frage, wie Delivery Hero mit seinen verbleibenden Beteiligungen — insbesondere der Mehrheit an Talabat — umgeht. Der Fonds plädiert für eine konsequentere Konzentration auf profitable Märkte, schnellere Rückzüge aus verlustbringenden Regionen und eine aktivere Rückgabe von Kapital an die Aktionäre. Östberg hingegen verteidigte den eingeschlagenen Kurs mit Verweis auf langfristige Wachstumsperspektiven im Nahen Osten und Südostasien.

Reaktion des Unternehmens

Delivery Hero hat auf die jüngste Anteilsaufstockung offiziell gelassen reagiert. In einer knappen Stellungnahme hieß es, man stehe im regelmäßigen Dialog mit allen bedeutenden Aktionären. Intern dürfte die Entwicklung allerdings für erhebliche Unruhe sorgen: Ein Aktionär, der 15 Prozent der Stimmrechte hält und gleichzeitig öffentlich den Vorstandschef kritisiert, kann bei außerordentlichen Hauptversammlungen oder Grundsatzabstimmungen erheblichen Druck entfalten. Mehr dazu lesen Sie in unserem Hintergrundartikel zu Delivery Hero: Aspex erhöht Anteil auf 15 Prozent.

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Delivery Hero: Zahlen, Struktur, Marktlage

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Delivery Hero ist trotz massiver Verluste in den Vorjahren nach wie vor einer der weltweit größten Essenslieferdienste. Der Konzern operiert unter verschiedenen Marken in mehr als 70 Ländern, beschäftigt konzernweit Zehntausende von Mitarbeitenden und wickelt täglich Millionen von Bestellungen ab. Der Berliner DAX-Konzern hat in den vergangenen Jahren hart an seiner Profitabilitätswende gearbeitet — mit gemischtem Erfolg.

Kennzahl Wert (aktuell) Vorjahresvergleich
Aspex-Anteil an Delivery Hero ca. 15 % zuvor unter 10 %
Konzernumsatz Delivery Hero (annualisiert) ca. 11,2 Mrd. Euro +8 % ggü. Vorjahr
Mitarbeitende (Konzern, weltweit) ca. 40.000 leicht rückläufig (-3 %)
Adjusted EBITDA Marge (Zielkorridor) +2 bis +4 % erstmals positiv angepeilt
Talabat-Börsenkapitalisierung (Dubai) ca. 9,5 Mrd. USD stabil nach IPO-Phase
Delivery Hero DAX-Kurs (Mai 2026) ca. 32 Euro +18 % seit Jahresanfang

Strukturelle Herausforderungen im Liefermarkt

Der globale Markt für Essenslieferungen befindet sich in einer Phase der Konsolidierung. Nach dem Boom der Jahre 2020 bis 2022 hat sich das Wachstum deutlich verlangsamt. Statista liegt das jährliche Wachstum des globalen Online-Essensliefermarkts derzeit bei rund 6 bis 8 Prozent — weit entfernt von den zweistelligen Raten der Pandemiejahre (Quelle: Statista, Statista Research Department 2026). Gleichzeitig steigen die Kosten durch Regulierungsdruck bei der Klassifizierung von Kurieren sowie durch höhere Energiepreise und Logistikkosten in nahezu allen Märkten.

Das Video „The K-Shaped Economy: Why Growth Is Strong but Increasingly Fragile" von Moody's beleuchtet den Hintergrund zu diesem Thema. Es bietet wirtschaftliche Einblicke, die den Artikel mit visuellem Material ergänzen.

Konjunkturindikator: Das ifo Institut verzeichnet für den deutschen Dienstleistungssektor im Mai 2026 eine leicht verbesserte Geschäftsklima-Einschätzung — der Subindex für digitale Plattformdienstleistungen liegt jedoch weiterhin unter dem Langzeitdurchschnitt. Das signalisiert, dass trotz punktueller Erholungstendenzen strukturelle Belastungen im Online-Plattformgeschäft anhalten, was Investoren wie Aspex in ihrer Forderung nach schnellerem Umbau des Portfolios bestärken dürfte (Quelle: ifo Institut, Geschäftsklimaindex Mai 2026).

Aktivismus an deutschen Börsen: Ein wachsendes Phänomen

Das Vorgehen von Aspex steht exemplarisch für einen Trend, der den deutschen Kapitalmarkt zunehmend prägt: aktivistische Investoren, die nicht mehr im Hintergrund agieren, sondern öffentlich und mit gezieltem Anteilsaufbau Druck auf Vorstandsetagen ausüben. Bundesbank-Experten haben in jüngsten Finanzstabilitätsberichten darauf hingewiesen, dass der steigende Anteil angelsächsisch geprägter Hedgefonds im deutschen Markt langfristig die Corporate-Governance-Kultur verändern könnte (Quelle: Deutsche Bundesbank, Finanzstabilitätsbericht 2025/26). Während manche dies als Disziplinierungsmechanismus begrüßen, warnen andere vor kurzfristiger Ausrichtung zu Lasten nachhaltiger Unternehmensstrategien.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer aktuellen Analyse festgestellt, dass Unternehmen, in denen aktivistische Fonds signifikante Anteile halten, im Durchschnitt kurzfristig höhere Aktienkursrenditen erzielen, aber mittelfristig häufiger zu Personalabbau und sinkenden Investitionsausgaben neigen (Quelle: DIW Berlin, Diskussionspapier Nr. 2212, 2026). Ob das im Fall Delivery Hero so eintritt, bleibt abzuwarten.

Vergleich mit anderen DAX-Konflikten

Delivery Hero ist nicht das einzige deutsche Unternehmen, das mit aktivistischen Investoren zu kämpfen hat. Ähnliche Konstellationen gab es zuletzt bei mehreren Industriekonzernen und im Logistiksektor. Was den Fall Aspex/Delivery Hero besonders macht: Der Fonds kommt aus Hongkong, hat einen dezidiert asiatischen Investitionsfokus und hat sich dennoch tief in einen Berliner Technologiekonzern eingegraben. Das deutet darauf hin, dass Aspex in Delivery Hero — oder zumindest in dessen Talabat-Beteiligung — einen erheblichen Substanzwert sieht, der aus Fondssicht noch nicht vollständig gehoben ist.

Wer profitiert — und wer verliert?

Die Anteilsaufstockung durch Aspex hat unmittelbare und mittelbare Gewinner und Verlierer. Zu den kurzfristigen Gewinnern zählen andere Aktionäre von Delivery Hero: Die öffentliche Auseinandersetzung hat den Aktienkurs gestützt und in Phasen der Eskalation sogar beflügelt, weil Marktteilnehmer auf eine mögliche Sonderausschüttung, einen Aktienrückkauf oder gar eine Übernahmedynamik spekulieren. Auch M&A-Berater und Anwaltskanzleien, die Aktionärskonflikte begleiten, dürften von der Entwicklung profitieren.

Auf der Verlustseite steht zunächst der amtierende Vorstand, dessen Handlungsspielraum mit jedem Prozentpunkt, den Aspex zukauft, enger wird. Niklas Östberg, der Delivery Hero seit der Gründungsphase führt, muss nun mit einem Großaktionär umgehen, der seine Strategie öffentlich in Frage stellt. Auch das mittlere Management dürfte die Unsicherheit spüren: In Phasen offener Aktionärskonflikte verzögern sich häufig strategische Entscheidungen, Investitionsprojekte werden auf Eis gelegt, und die Fluktuation bei Führungskräften steigt.

Auswirkungen auf den Technologiesektor

Der Fall strahlt über Delivery Hero hinaus. Im deutschen Tech-Segment — ohnehin unter Druck durch schwaches Risikokapital-Umfeld und gestiegene Kapitalkosten — sendet die Entwicklung ein ambivalentes Signal. Einerseits zeigt sie, dass internationale Großinvestoren Deutschland und deutsche Technologieunternehmen weiterhin ernst nehmen. Andererseits unterstreicht sie die Vulnerabilität von Wachstumsunternehmen mit noch ungesicherter Profitabilität gegenüber aktivistischem Druck. Die Zinssituation verschärft diesen Effekt zusätzlich: Höhere Kapitalkosten erhöhen den Druck auf Unternehmen, Rendite zu erwirtschaften — ähnlich wie im Fall der EZB-Leitzinserhöhungen, die Wachstumsunternehmen besonders hart getroffen haben.

Branchenvergleich: Plattformkonzerne unter Renditedruck

Delivery Hero ist nicht allein mit diesem Problem. Plattformkonzerne in Europa erleben derzeit eine Phase, in der Investoren nicht mehr bereit sind, Verluste gegen Wachstumsversprechen zu tauschen. Das setzt Unternehmen wie Delivery Hero, aber auch andere digitale Marktplätze unter massiven Rechtfertigungsdruck. Parallel dazu zeigen traditionelle Logistik- und Infrastrukturkonzerne wie Fraport robustere Entwicklungen — wie der Bericht über Fraports Wachstum trotz Streiks und geopolitischer Verwerfungen verdeutlicht. Und Unternehmen mit physischem Asset-Unterbau wie Lufthansa können ihre Planungen auf konkretere Cashflow-Grundlagen stellen, wie die Analyse zur Gewinnzielsetzung der Lufthansa trotz geopolitischer Unsicherheit zeigt. Für reine Digitalplattformen ohne physische Infrastruktur bleibt die Lage schwieriger.

Marktrelevanz und regulatorische Dimension

Der Anteilsaufbau von Aspex wirft auch regulatorische Fragen auf. Ab bestimmten Schwellenwerten — in Deutschland bei 10, 15, 20 und 25 Prozent — greifen nach dem Wertpapierhandelsgesetz verschärfte Meldepflichten. Bei 30 Prozent würde ein Pflichtangebot an alle übrigen Aktionäre erforderlich. Aspex hat nach aktuellem Stand keine Absicht signalisiert, die 30-Prozent-Schwelle zu überschreiten — doch allein die Nähe zu dieser Schwelle hält die Spekulation am Leben.

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) beobachtet nach eigenen Angaben die Entwicklung, ohne öffentlich von Unregelmäßigkeiten zu sprechen. Der Fall könnte gleichwohl Anlass für eine breitere Debatte über die Regulierung aktivistischer Investoren in Deutschland geben — eine Debatte, die in Brüssel bereits begonnen hat. Ähnliche Fragen nach Marktmacht und regulatorischen Rahmenbedingungen tauchen übrigens auch im E-Commerce-Bereich auf, etwa wenn man betrachtet, wie Amazons Gebührenerhöhungen auf 30 Prozent deutsche Händler unter Druck setzen — ein weiteres Beispiel für die Asymmetrie zwischen Plattformbetreibern und den Akteuren, die von ihnen abhängen.

Geopolitik als Hintergrundfolie

Nicht zu vergessen ist die geopolitische Dimension: Aspex ist in Hongkong ansässig, einem Finanzplatz, der trotz politischer Verschiebungen eine bedeutende Drehscheibe für asiatisches Kapital geblieben ist. Die Investition in ein deutsches DAX-Unternehmen mit starkem Exposure in Nahost und Asien — über die Talabat-Beteiligung — passt in ein globales Investmentbild, das auf Verschiebungen im Welthandel setzt. Internationale Handelskonflikte, Sanktionsregime und Energiemarktturbulenzen formen zunehmend das Umfeld, in dem solche Investitionsentscheidungen getroffen werden — ähnlich wie bei der Frage, wie Russlands steigende LNG-Exporte trotz Sanktionen die Energiemärkte beeinflussen.

Ausblick: Wohin steuert der Konflikt?

Drei Szenarien sind derzeit plausibel. Erstens: Aspex erhöht weiter und baut seine Position bis nahe an die 25-Prozent-Marke aus, was dem Fonds eine faktische Sperrminorität bei satzungsändernden Beschlüssen sichern würde — ein erheblicher Hebel. Zweitens: Aspex und der Delivery-Hero-Vorstand einigen sich außergerichtlich auf einen Kompromiss, etwa in Form eines Aufsichtsratssitzes oder konkreter Zugeständnisse bei der Dividenden- oder Rückkaufpolitik. Drittens: Der Konflikt eskaliert auf der nächsten Hauptversammlung, wo Aspex mit seiner Stimmenmacht offen gegen Vorstandsbeschlüsse votieren könnte.

Marktbeobachter halten das zweite Szenario für das wahrscheinlichste — nicht weil beide Parteien besonders kompromissbereit wirken, sondern weil ein offener Hauptversammlungsstreit für beide Seiten mit erheblichen Reputations- und Kursrisiken verbunden wäre. Laut einer Einschätzung des ifo Instituts zur Corporate-Governance-Forschung tendieren solche Konflikte in regulierten Märkten deutlich häufiger zur Verhandlungslösung als zu offenem Bruch (Quelle: ifo Institut, CESifo Working Paper, 2026). Die Bundesbank wiederum betont in ihrer Beobachtung des Kapitalmarkts, dass steigende Aktionärsaktivismus-Fälle kurzfristig Volatilität erzeugen,

EinordnungDie Erhöhung des Anteils von Aspex Management bei Delivery Hero signalisiert eine Eskalation des Konflikts mit dem Vorstand. Diese Entwicklung könnte die Aktie des DAX-Konzerns weiter belasten und den Fokus auf die strategische Ausrichtung verstärken.
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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: Handelsblatt
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