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Fünf Jahre nach Corona: Die gesellschaftliche Bilanz

Fünf Jahre sind vergangen, seit Corona unseren Alltag zum Erliegen brachte. Längst haben wir gelernt, mit dem Virus zu leben – doch die Narben in unserer…

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Fünf Jahre nach Corona: Die gesellschaftliche Bilanz

Fünf Jahre sind vergangen, seit Corona unseren Alltag zum Erliegen brachte. Längst haben wir gelernt, mit dem Virus zu leben – doch die Narben in unserer Gesellschaft sind tiefer, als viele gedacht hätten. Als langjähriger Gesellschaftsredakteur habe ich die Pandemie aus nächster Nähe beobachtet. Was mir bei der Rückschau auffällt: Die gesellschaftlichen Verwerfungen sind weniger dramatisch sichtbar als die wirtschaftlichen, aber deutlich persistenter. Wir sind nicht „zurück zur Normalität" – wir haben uns in eine neue Normalität eingelebt, die von Verletzungen, Verhaltensänderungen und einem diffusen Vertrauensverlust geprägt ist.

Die psychische Gesundheit bleibt angespannt

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Das offensichtlichste Vermächtnis der Pandemie ist die psychische Belastung, die andauert. Die Zahlen sind bemerkenswert: Depressionen und Angststörungen sind nach Auswertungen der Techniker Krankenkasse um etwa 32 Prozent gestiegen und sind seitdem auf erhöhtem Niveau stabil geblieben. Was mich als Journalist überrascht hat, war die Offline-Begegnung mit Menschen, die berichten, dass sie immer noch unter Langzeitfolgen leiden – nicht körperlich, sondern seelisch.

Besonders dramatisch ist die Situation bei jungen Menschen. Psychosomatische Probleme wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Schlafstörungen sind bei Kindern und Jugendlichen messbar angestiegen. Die Barmer Krankenkasse dokumentiert, dass Essstörungen bei Mädchen zwischen 15 und 20 Jahren um 37 Prozent zunahmen – ein Anstieg, der sich bis heute nicht vollständig normalisiert hat. Die Schulpsycholog:innen, mit denen ich gesprochen habe, berichten von anhaltend erhöhten Anfragequoten. Sie sprechen von einer „stillen Krise", die weniger medienträchtig ist als Corona selbst, aber ähnlich persistent. Mehr zu den Hintergründen lesen Sie in unserem Bericht Jugendliche nach Corona: Wenn die Seele nicht vergisst.

Studienlage und Zahlen im Überblick:

  • Depressionen und Angststörungen stiegen laut Techniker Krankenkasse um rund 32 Prozent und blieben seitdem auf erhöhtem Niveau.
  • Essstörungen bei Mädchen zwischen 15 und 20 Jahren nahmen laut Barmer Krankenkasse um 37 Prozent zu – ein Wert, der sich bis heute nicht vollständig normalisiert hat.
  • Psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Bauchschmerzen bei Kindern sind messbar angestiegen (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).
  • Schulpsycholog:innen bundesweit berichten von konstant erhöhten Anfragequoten seit 2021.
  • Das Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund belegt messbare Defizite in Mathematik und Deutsch bei Schüler:innen nach längeren Distanzunterrichtsphasen.
  • Ein Forschungsprojekt der Universität Ulm identifiziert „soziale Entwöhnung" als eigenständiges Phänomen mit messbaren Auswirkungen auf alltägliche Interaktionsfähigkeiten.

Einsamkeit als unterschätzte Folgewirkung

Was in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird: Corona hat eine Einsamkeitsepidemie hinterlassen, die nicht einfach mit Rückkehr zur Normalität verschwindet. Die Isolation führte zu Verhaltensmustern, die sich verfestigt haben. Menschen, die lange allein waren, berichten von anhaltenden Schwierigkeiten, wieder soziale Kontakte aufzubauen. Das Problem betrifft alle Altersgruppen, ist aber besonders dramatisch bei älteren Menschen und bei denjenigen, die ohnehin zu Isolation neigten.

Ein Forschungsprojekt der Universität Ulm zeigt, dass die Fähigkeit zu unmittelbarer sozialer Interaktion bei vielen Menschen beeinträchtigt ist – ein Phänomen, das Psycholog:innen als „soziale Entwöhnung" bezeichnen. Wer lange zu Hause saß, verlor nicht nur Kontakte, sondern auch routinierte Fähigkeiten zum Small Talk, zur Bewältigung sozialer Angstsituationen. Das trifft Rentner:innen ebenso wie junge Erwachsene, die gerade in der Phase sozialer Reifung aus dem Alltag gerissen wurden. Lesen Sie mehr zum Thema Einsamkeit in Deutschland: Ein unsichtbares Problem.

Besonders besorgniserregend ist, dass gesellschaftliche Gegenmechanismen nur langsam greifen. Vereine, ehrenamtliche Strukturen und Nachbarschaftsnetzwerke, die während der Pandemie einbrachen, haben sich vielerorts nicht vollständig regeneriert. Die sozialen Klebstoffe unserer Gesellschaft – Vereinsleben, Gemeindefeste, informelle Begegnungsräume – sind fragiler geworden. Wer sich für lokale Gegenmaßnahmen interessiert, findet in unserem Dossier Ehrenamt nach Corona: Wie Gemeinschaften sich neu erfinden inspirierende Beispiele aus der Praxis.

Digitalisierung und ihre Schattenseiten

Ein großer Gewinner der Pandemie war zweifellos die Digitalisierung. Home Office, digitale Schulen, Videokonferenzen – was früher Jahre gebraucht hätte, wurde in Wochen etabliert. Doch fünf Jahre später erkennen wir auch die Schattenseiten: digitale Dauererreichbarkeit, Bildschirmüberfluss und eine Generation von Schüler:innen, deren Lernfähigkeiten durch zwei Jahre Distanzunterricht beeinträchtigt wurden.

Die Leistungsrückstände sind dokumentiert. Das Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund belegt, dass Schüler:innen, die längere Zeit im Distanzunterricht waren, messbare Defizite in Mathematik und Deutsch aufweisen – ein Rückstand, der sich bis heute nur teilweise aufgeholt hat. Interessanterweise hat sich parallel eine neue Sorge manifestiert: die übermäßige Nutzung digitaler Technologien. Eltern berichten von erhöhtem Medienkonsum ihrer Kinder, der sich während Corona verfestigte und nun schwer zu regulieren ist.

Was mich als erfahrener Redakteur fasziniert: Die Schulen experimentieren nun mit neuen Ansätzen. KI-gestützte Lernplattformen sollen individuelle Defizite ausgleichen, doch das bringt neue Fragen mit sich. Wer trägt die Kosten? Welche Schulen profitieren, welche werden abgehängt? Die digitale Spaltung, die während der Pandemie so schmerzhaft sichtbar wurde, droht sich auf neuem Niveau zu wiederholen. Eine vertiefte Analyse dazu bietet unser Beitrag Bildungsgerechtigkeit im digitalen Zeitalter: Wer bleibt zurück?.

Das erodierte Vertrauen in Institutionen

💡 Wusstest du schon?

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) von 2024 berichten 58 % der Deutschen von anhaltenden psychischen Belastungen, die sie auf die Pandemie zurückführen – drei Jahre nach Aufhebung der Maßnahmen. (Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2024)

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Eines der am schwersten messbaren, aber folgenreichsten Vermächtnisse der Pandemie ist der Vertrauensverlust. Gegenüber staatlichen Institutionen, gegenüber der Wissenschaft, gegenüber den Medien – und gegenüber dem Nachbarn. Die Pandemie hat soziale Gräben vertieft, die sich nicht mit dem Ende der Maßnahmen schlossen.

Die Spaltung zwischen Geimpften und Ungeimpften, zwischen Maßnahmenbefürwortern und -kritikern, hat in vielen Familien und Freundeskreisen Risse hinterlassen, die bis heute nicht verheilt sind. Gespräche, die ich mit Soziologen geführt habe, zeichnen ein ernüchterndes Bild: Deutschland ist politisch und gesellschaftlich fragmentierter als vor der Pandemie. Das Misstrauen gegenüber offiziellen Narrative hat zugenommen – eine Entwicklung, die Populisten und Desinformationsnetzwerken nutzt.

Dabei wäre es zu einfach, diesen Vertrauensverlust allein der Pandemie zuzuschreiben. Corona hat bestehende Risse vergrößert, nicht neu geschaffen. Die Kommunikationsfehler der Politik – wechselnde Aussagen zur Maskenpflicht, unklare Öffnungsperspektiven, das zögerliche Impfmanagement – haben Skepsis genährt, die sich nun auf andere Themen überträgt. Wie wir als Gesellschaft damit umgehen, beleuchtet unser Hintergrundstück Vertrauen in der Krise: Was hält unsere Gesellschaft noch zusammen?.

Was bleibt – und was wir daraus lernen müssen

Fünf Jahre nach Beginn der Pandemie wäre es bequem zu behaupten, das Schlimmste sei überstanden. Die Wahrheit ist komplexer. Die wirtschaftlichen Narben verblassen schneller als die sozialen. Eine Gesellschaft, die seelisch erschöpft, digital überreizt und institutionell misstrauisch ist, hat strukturelle Arbeit vor sich – nicht trotz Krisenresilienz, sondern gerade wegen ihr.

Was mich nach all diesen Beobachtungsjahren zuversichtlich stimmt: Die Bereitschaft zur Reflexion ist größer geworden. Schulen, Kommunen und zivilgesellschaftliche Organisationen ziehen Lehren. Das Bewusstsein für psychische Gesundheit ist gestiegen – auch wenn die Versorgungsstrukturen noch immer hinterherhinken. Und die Einsamkeitsdebatte, lange ein Tabuthema, hat endlich politische Aufmerksamkeit erhalten.

Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich langsam und oft unsichtbar. Die Pandemie hat uns gelehrt, wie zerbrechlich soziale Gefüge sein können – und wie viel Pflege sie brauchen. Das ist keine dramatische Erkenntnis. Aber es ist eine wichtige. Und sie verdient mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als sie derzeit bekommt.

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