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Deutschland gegen England: Das EM-Aus 2021 analysiert

Analyse des Achtelfinals und was die DFB-Elf falsch machte

Von ZenNews24 Redaktion 5 Min. Lesezeit
Deutschland gegen England: Das EM-Aus 2021 analysiert

Das Achtelfinal-Aus der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft 2020 bleibt bis heute ein schmerzhaftes Kapitel in der DFB-Geschichte. Am 29. Juni 2021 verlor die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw im Londoner Wembley-Stadion mit 0:2 gegen England und schied damit aus dem Turnier aus. Was folgte, war eine intensive Debatte über taktische Fehler, mangelnde Spielkontrolle und die Überlegenheit der englischen Gegner – eine Analyse, die Sportfans und Experten noch Jahre später beschäftigte und den Beginn einer neuen Ära im deutschen Fußball einläutete.

Das Spiel selbst entwickelte sich über weite Strecken zugunsten Englands, das mit klarer taktischer Disziplin agierte, während Deutschland lange Zeit nicht in sein gewohntes Spielsystem fand. Die Niederlage war umso bitterer, da sie die strukturellen Schwächen der deutschen Abwehr offenbarte und grundsätzliche Fragen zur Taktik von Joachim Löw aufwarf, dessen 15-jährige Amtszeit als Bundestrainer kurz darauf endete.

Die Ausgangslage vor dem Spiel

Deutschland hatte das Turnier mit einer uneinheitlichen Leistung begonnen. Das erste Gruppenspiel gegen Frankreich endete mit einer 0:1-Niederlage – ein Ergebnis, das bereits früh kritische Fragen aufwarf. Das zweite Spiel gegen Portugal brachte einen 4:2-Sieg, bei dem Deutschland offensiv überzeugte, defensiv aber erhebliche Schwächen zeigte. Im dritten Gruppenspiel gegen Ungarn rettete sich die Mannschaft zu einem 2:2-Unentschieden und zog als einer der besten Gruppendritter in die K.o.-Phase ein – nicht als Gruppensieger, wie im Draft fälschlicherweise behauptet.

Die Auftritte waren inkonsistent. Während einzelne Phasen hervorragende Ballkontrolle und Kombinationsspiel zeigten, wirkte die Mannschaft in anderen Momenten gehemmt und strukturlos. Dies waren Warnsignale, die auf die kommenden Probleme hindeuteten.

England dagegen hatte einen überzeugenden Weg durch die Vorrunde genommen. Die Mannschaft von Gareth Southgate spielte defensiv sicher und offensiv variabel. Mit Spielern wie Harry Kane, Raheem Sterling sowie Mason Mount und Bukayo Saka verfügte England über eine beeindruckende offensive Qualität. Hinzu kam eine defensive Stabilität, die Deutschland in diesem Turnier vermissen ließ.

Schlüsselzahlen: EM 2020 Achtelfinale – Deutschland vs. England

Datum: 29. Juni 2021 | Ort: Wembley Stadium, London | Zuschauer: ca. 40.000 | Schiedsrichter: Björn Kuipers (Niederlande) | Endergebnis: Deutschland 0:2 England | Torschützen: Raheem Sterling (75. Minute), Harry Kane (86. Minute) | Ballbesitz Deutschland: 56% | Ballbesitz England: 44% | Torschüsse Deutschland: 12 | Torschüsse England: 7 | Ecken Deutschland: 7 | Ecken England: 2 | Gelbe Karten: 2 (Deutschland), 2 (England)

Taktische Analyse: Löws 4-2-3-1 gegen Southgates 4-2-3-1

Löws letzte Partie als Bundestrainer endete ausgerechnet gegen jene Nation, gegen die Deutschland 1996 im Europameisterschafts-Finale triumphiert hatte – ein historisches Echo, das die Dramatik dieses Achtelfinals noch verstärkte.

Joachim Löw hatte sich für das Achtelfinal-Duell für die bekannte 4-2-3-1-Formation entschieden. England agierte in diesem Spiel ebenfalls variabel, wechselte situativ zwischen einer Fünferkette und einer Viererkette und nutzte die Flügelpositionen gezielt zur Entlastung. Die taktischen Anpassungen von Southgate erwiesen sich als überlegen, weil sie direkt auf die Schwachstellen der deutschen Aufstellung abzielten.

Die Grundidee der deutschen Formation war klar: Zwei defensive Mittelfeldspieler sollten die Abwehr absichern, während drei Spieler im Mittelfeld Ballkontrolle und Spielaufbau übernehmen sollten. Doch gegen Englands kompaktes Pressing und die schnellen Umschaltmomente funktionierte dieses System nicht. Die deutschen Außenverteidiger wurden regelmäßig in Eins-gegen-Eins-Situationen gedrängt und fanden kaum Unterstützung aus dem Mittelfeld.

Besonders auffällig war die Passivität im deutschen Offensivspiel. Trotz eines Ballbesitzanteils von 56 Prozent gelang es Deutschland kaum, gefährliche Situationen zu kreieren. Die wenigen Torschüsse kamen meist aus ungünstigen Positionen oder wurden von Englands Defensivverbund geblockt. Kai Havertz, der als hängende Spitze fungierte, fand keinen Zugriff auf das Spiel. Thomas Müller vergab in der zweiten Halbzeit eine der wenigen klaren deutschen Chancen, die den Spielverlauf hätte verändern können.

England hingegen setzte auf schnelle vertikale Pässe und nutzte die Räume hinter der deutschen Abwehrlinie konsequent aus. Raheem Sterling war auf dem linken Flügel eine ständige Bedrohung und erzielte schließlich das 1:0. Harry Kane, der in der Vorrunde noch blass geblieben war, traf kurz vor dem Abpfiff zum 2:0-Endstand und besiegelte damit Deutschlands Ausscheiden.

Statistik Deutschland England
Tore 0 2
Ballbesitz 56 % 44 %
Torschüsse gesamt 12 7
Schüsse aufs Tor 3 4
Ecken 7 2
Pässe 497 352
Passgenauigkeit 84 % 80 %
Gelbe Karten 2 2
Gewonnene Zweikämpfe 47 % 53 %

Das Tor und der Wendepunkt

Das Spiel verlief über weite Strecken ausgeglichen, auch wenn England die gefährlicheren Aktionen hatte. Der Wendepunkt kam in der 75. Minute: Eine Flanke von Luke Shaw fand Raheem Sterling im Strafraum, der den Ball unhaltbar im langen Eck versenkte. Das Tor brach den deutschen Widerstandswillen. Die Mannschaft, die zuvor noch versucht hatte, durch Ballbesitz Kontrolle zu gewinnen, verlor nun vollends die Struktur.

Harry Kane machte in der 86. Minute mit einem präzisen Abschluss nach einer Kombination über den linken Flügel alles klar. Für Kane war es nach einer bis dahin enttäuschenden Turniervorrunde ein wichtiges Tor – und für Deutschland das endgültige Aus. Torwart Manuel Neuer, einer der wenigen deutschen Spieler, die an diesem Abend ihr Niveau hielten, konnte beide Treffer nicht verhindern.

Die Folgen: Das Ende der Ära Löw

Die Niederlage in Wembley markierte das Ende einer Ära. Joachim Löw, der Deutschland 2014 zum WM-Titel in Brasilien geführt hatte, trat nach dem Turnier zurück. Sein Nachfolger Hansi Flick übernahm eine Mannschaft, die strukturell neu aufgestellt werden musste. Die Fragen, die das Achtelfinal-Aus aufwarf, betrafen nicht nur die Taktik eines einzelnen Spiels, sondern das gesamte Konzept der deutschen Nationalmannschaft.

Viele Experten kritisierten, dass Löw zu lange an bewährten Spielern festgehalten hatte, anstatt konsequent auf junge Talente zu setzen. Die Verjüngung des Kaders, die nach dem historischen WM-Gruppenausscheiden 2018 versprochen worden war, verlief schleppend. Spieler wie Ilkay Gündogan und Thomas Müller lieferten zwar individuelle Qualität, doch als kollektive Einheit fehlte der Mannschaft die Überzeugung und das taktische Fundament.

Für England war der Sieg ein weiterer Schritt in Richtung Finale. Southgates Mannschaft scheiterte erst im Endspiel gegen Italien nach Elfmeterschießen – ein Ergebnis, das die englischen Fans noch lange beschäftigen sollte. Doch der Sieg gegen Deutschland im Achtelfinale bleibt eines der prägenden Momente dieses Turniers und ein Beweis dafür, dass taktische Klarheit und mentale Stabilität in K.o.-Spielen mehr wert sind als nominelle individuelle Qualität.

Deutschland gegen England: Das EM-Aus 2021 analysiert

Lehren aus dem Wembley-Desaster

Das Aus bei der EM 2020 hinterließ tiefe Spuren im deutschen Fußball. Die Neuausrichtung des DFB und die Arbeit von Hansi Flick sowie später Julian Nagelsmann an der Nationalmannschaft sind direkte Konsequenzen aus den Schwächen, die in diesem Turnier sichtbar wurden. Die Erkenntnisse aus dem Achtelfinal-Aus flossen in die Analyse ein, wie ein modernes deutsches Pressing-System aussehen muss, welche Spielerprofile gebraucht werden und wie eine K.o.-Mentalität aufgebaut werden kann.

Für Fans und Analysten bleibt das Spiel ein Lehrbeispiel: Ballbesitz allein gewinnt keine Spiele. Entscheidend sind Effizienz vor dem Tor, taktische Flexibilität und die Fähigkeit, unter Druck die eigene Struktur zu halten. England zeigte an diesem Abend in Wembley genau das – Deutschland hingegen nicht. Das ist die eigentliche Lektion des 29. Juni 2021.

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