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Frauen in Führungspositionen: Die gläserne Decke bleibt

Die gläserne Decke in deutschen Führungsetagen ist dünner geworden, aber keineswegs durchbrochen. Während die öffentliche Debatte über Geschlechterparität…

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Frauen in Führungspositionen: Die gläserne Decke bleibt

Die gläserne Decke in deutschen Führungsetagen ist dünner geworden, aber keineswegs durchbrochen. Während die öffentliche Debatte über Geschlechterparität in Vorständen und Geschäftsleitungen lauter wird, zeigt sich in der Praxis ein hartnäckiges Phänomen: Frauen erreichen zwar mittlerweile häufiger höhere Positionen, stoßen dann aber regelmäßig auf unsichtbare Barrieren, die ihren weiteren Aufstieg blockieren. Aktuelle Studien und Unternehmensberichte aus dem Jahr 2025 zeichnen ein differenziertes, aber letztlich frustrierendes Bild – und bestätigen, was Beobachterinnen und Beobachter des Arbeitsmarkts seit Jahren beschreiben.

Zahlen, die nicht lügen: Der Status quo in Deutschland

Studienlage / Zahlen (2024/2025): Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lag der Anteil von Frauen in Vorständen börsennotierter Unternehmen im Jahr 2024 bei etwa 17 Prozent. In Geschäftsleitungen unterhalb der Vorstandsebene betrug dieser Anteil knapp 22 Prozent. Die Quote für Aufsichtsräte ist durch gesetzliche Regelungen auf 40 Prozent angestiegen – eine der wenigen echten Erfolgsmeldungen. Im öffentlichen Dienst zeigt sich ein ähnliches Bild: Frauen stellen zwar etwa 46 Prozent der Beschäftigten, aber nur rund 32 Prozent der Führungspositionen (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2024). Laut dem aktuellen Gender Overall Earnings Gap-Bericht des Bundesministeriums für Familie verdienen Frauen in Führungspositionen zudem im Schnitt noch immer rund 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen auf vergleichbarer Ebene.

Diese Zahlen erzählen jedoch nur die halbe Wahrheit. Sie verschleiern, dass Frauen überproportional häufig in mittleren Managementebenen steckenbleiben. Der Aufstieg von der Abteilungsleiterin zur Geschäftsführerin scheitert nicht an fehlender Kompetenz – diese ist längst nachgewiesen – sondern an strukturellen Faktoren, die in ihrer Subtilität oft schwer zu fassen sind. Das Thema Gender Pay Gap ist dabei nur eine Dimension eines deutlich komplexeren Problems, das weit in die Unternehmenskultur hineinreicht.

Die Schwierigkeiten beginnen häufig schon früh in der Karriere. Während Männer von Mentoring-Netzwerken profitieren, die oft informell in Golfclubs oder bei Geschäftsessen entstehen, bleiben Frauen häufig davon ausgeschlossen. Nicht aus bösem Willen, sondern weil diese Netzwerke über Generationen hinweg entstanden sind und sich selbst reproduzieren. Einem Geschäftsführer, der in einem ähnlich strukturierten Netzwerk aufgewachsen ist, fällt es leichter, einen ähnlich sozialisierten Mann zu fördern als eine Frau, die eine andere Karrierelaufbahn hatte. Wie eng Netzwerke und Aufstiegschancen zusammenhängen, beleuchtet auch unser Bericht über informelle Machtnetzwerke in deutschen Konzernen.

Die unbewussten Vorurteile und ihre verheerenden Folgen

Ein Phänomen, das in der psychologischen Forschung als „Implicit Bias" bekannt ist, spielt eine zentrale Rolle. Selbst Menschen, die sich selbst als progressiv und egalitär verstehen, treffen Entscheidungen, die unbewusst Männer bevorzugen. Dies zeigte sich etwa in einer viel beachteten Studie der Universität Konstanz, bei der identische Bewerbungsunterlagen mit männlichen und weiblichen Namen unterschiedlich bewertet wurden – die männlichen Kandidaten erhielten durchschnittlich bessere Bewertungen für die gleiche Leistung. Ähnliche Ergebnisse lieferte 2025 eine Folgestudie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die speziell den Technologiesektor untersuchte.

In Gesprächen mit Personalerinnen und Personalern zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Männer werden oft auf ihr Potenzial hin eingestellt und befördert, Frauen hingegen auf ihre bisherige Leistung. Ein Mann, der sich selbstbewusst bewirbt, wird als ambitioniert wahrgenommen; eine Frau, die das Gleiche tut, als zu ehrgeizig oder sogar schwierig. Diese doppelten Standards sind nicht bewusst gesetzt, was sie so tückisch macht. Wie Unternehmen mit gezielten Schulungsmaßnahmen gegensteuern, zeigt unser Artikel über die Wirksamkeit von Unconscious-Bias-Trainings.

Das Problem verschärft sich bei der Frage der Kompatibilität mit der Führungsrolle selbst. Führungsqualitäten werden oft mit Merkmalen beschrieben, die kulturell als männlich codiert gelten: Durchsetzungskraft, emotionale Distanz, Risikobereitschaft. Wenn Frauen diese Qualitäten zeigen, werden sie häufig als unsympathisch oder kalt wahrgenommen; wenn sie sich hingegen normativ weiblicher verhalten – kollegial, unterstützend, emotional intelligent – gelten sie als nicht führungsgeeignet. Dieses Dilemma nennt sich „Double Bind" und ist ein zentraler Grund für die Persistenz der gläsernen Decke. Es betrifft übrigens nicht nur Frauen: Auch nicht-binäre Personen in Führungspositionen berichten von ähnlichen Zuschreibungsproblemen, wie unser Hintergrundartikel über nicht-binäre Führungskräfte in Deutschland zeigt.

Familie und Karriere: Ein ungelöstes Strukturproblem

Die Elternzeit ist – trotz aller Fortschritte beim Elterngeldgesetz – noch immer ein Karriererisiko, das Frauen ungleich stärker trifft als Männer. Väter, die in Elternzeit gehen, werden häufig als engagierte, moderne Väter bewundert; Mütter hingegen werden implizit als möglicherweise weniger fokussiert auf ihre Karriere eingestuft. Diese Vermutung ist statistisch nicht haltbar: Studien zeigen, dass Frauen nach der Elternzeit im Schnitt sogar produktiver arbeiten, weil sie ihre Zeit effizienter einteilen. Dennoch hält sich das Vorurteil hartnäckig in Personalentscheidungen.

Hinzu kommt die Frage der Teilzeitarbeit. Deutschland hat im europäischen Vergleich einen der höchsten Anteile an Frauen in Teilzeit – ein Modell, das strukturell kaum mit Führungskarrieren vereinbar ist, solange Präsenzkultur und Erreichbarkeitserwartungen in vielen Unternehmen de facto Vollzeit-Plus verlangen. Trotz der beschleunigten Verbreitung von Homeoffice-Modellen seit 2020 hat sich an diesem Grundproblem wenig geändert. Die Bundesregierung diskutiert 2025 im Rahmen des neuen Gleichstellungsfördergesetzes Maßnahmen, die Führung in Teilzeit und geteilte Führungsmodelle stärker fördern sollen – ob diese Ansätze greifen, bleibt abzuwarten. Mehr dazu in unserem Überblick zum Gleichstellungsfördergesetz 2025.

  • Netzwerkausschluss: Informelle Karrierenetzwerke reproduzieren sich entlang bestehender sozialer Strukturen und schließen Frauen systematisch aus, ohne dass dies den Beteiligten bewusst sein muss.
  • Implicit Bias in Beförderungsprozessen: Personalentscheidungen werden nachweislich durch unbewusste Vorurteile verzerrt, die Männer bei gleicher Qualifikation bevorzugen.
  • Double Bind bei Führungsverhalten: Frauen stehen vor einem unlösbaren Dilemma: Zeigen sie als männlich codierte Führungsstärke, gelten sie als unsympathisch; zeigen sie als weiblich codierte Eigenschaften, gelten sie als nicht führungsgeeignet.
  • Elternzeit als Karriereknick: Mütter werden nach der Elternzeit strukturell schlechter bewertet, obwohl empirische Daten keine geringere Leistungsfähigkeit belegen.
  • Teilzeitfalle: Die hohe Teilzeitquote bei Frauen ist oft kein freier Wahl, sondern Ergebnis fehlender Kinderbetreuungsinfrastruktur und ungleicher Verteilung von Care-Arbeit im Haushalt.
  • Fehlende Vorbilder und Sponsoring: Wo Frauen in Spitzenpositionen fehlen, mangelt es an Vorbildern und aktiven Fürsprecherinnen, die gezielt Nachfolgerinnen aufbauen und fördern.

Was wirklich hilft – und was nicht

💡 Wusstest du schon?

In DAX-Vorständen lag der Frauenanteil 2023 bei nur 16,9%, während der Anteil in Geschäftsleitungen mit 23,1% etwas höher ausfiel. Damit ist Deutschland deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 29% (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung 2024)

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Mentoring-Programme sind inzwischen in vielen Unternehmen Standard. Ihre Wirksamkeit ist jedoch begrenzt, solange sie nicht von strukturellen Veränderungen begleitet werden. Studien belegen, dass Mentoring vor allem dann wirkt, wenn es mit aktivem Sponsoring kombiniert wird – also mit der konkreten Bereitschaft von Führungskräften, sich für die Beförderung ihrer Mentees einzusetzen, nicht nur beratend tätig zu sein. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied: Ein Mentor gibt Ratschläge, ein Sponsor nutzt seinen Einfluss.

Verbindliche Quoten sind politisch umstritten, zeigen in ihrer Wirkung aber messbare Ergebnisse. Die gesetzliche Geschlechterquote für Aufsichtsräte hat den Frauenanteil dort nachweislich erhöht – und Studien des DIW zeigen, dass Unternehmen mit höherem Frauenanteil in Führungsgremien langfristig profitabler wirtschaften. Das Argument, Quoten senkten die Qualität, ist empirisch nicht belegt; im Gegenteil vergrößern sie den Talentpool, aus dem Unternehmen schöpfen können.

Was hingegen häufig wenig bringt: Einzelne Awareness-Workshops ohne strukturelle Konsequenzen, freiwillige Selbstverpflichtungen ohne Monitoring sowie das alleinige Fokussieren auf individuelle Weiterentwicklung von Frauen, als sei das Problem bei den Frauen selbst zu suchen. Die gläserne Decke ist kein Problem der Frauen – sie ist ein Problem der Strukturen, die Unternehmen und Gesellschaft gemeinsam geschaffen haben und die nur gemeinsam verändert werden können.

Ob die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Jahres 2025 tatsächlich den nötigen Wandel anstoßen, bleibt offen. Der Druck von außen – durch Investorinnen und Investoren, durch regulatorische Anforderungen der EU und durch eine jüngere Generation, die andere Maßstäbe anlegt – wächst. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell deutsche Unternehmen darauf reagieren werden. Und ob die Antworten strukturell tief genug greifen, um die gläserne Decke endlich zu durchbrechen.

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