Gesundheit

Gericht weist Klage Borkums gegen Erdgasförderung ab

Die Stadt scheitert mit Beschwerde gegen Gasbohrungen in der Nordsee – Erdbebenbefürchtungen bleiben unberücksichtigt.

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
Gericht weist Klage Borkums gegen Erdgasförderung ab

Das Oberverwaltungsgericht Bremen hat die Klage der Stadt Borkum gegen die Erdgasförderung in der Nordsee abgewiesen. Mit dieser Entscheidung scheitert die Inselstadt vorerst mit ihren Einwänden gegen die geplanten Gasbohrungen vor der niedersächsischen Küste. Besonders aus gesundheitlicher Perspektive wirft das Urteil Fragen auf: Die möglichen gesundheitlichen Folgen induzierter Erdbeben wurden in der Urteilsbegründung nur am Rande thematisiert, obwohl Geophysiker und Seismologen auf dokumentierte Risiken hinweisen.

Gerichtsurteil als Rückschlag für Borkum

Modernes Krankenhaus
Modernes Krankenhaus

Die Stadt Borkum, eine ostfriesische Insel mit rund 5.000 ständigen Einwohnern und jährlich mehreren Hunderttausend Kurgästen, hatte gehofft, die geplante Erdgasförderung des Unternehmens ONE-Dyas durch ein Gerichtsverfahren zu stoppen. Das Oberverwaltungsgericht Bremen wies die Klage jedoch als unzulässig beziehungsweise unbegründet ab. Die Richter sahen keine hinreichenden rechtlichen Grundlagen, um die erteilten Genehmigungen für die Bohrungen im Gasfeld N05-A, rund 20 Kilometer nördlich von Borkum, aufzuheben. Das Gericht folgte damit im Wesentlichen der Argumentation der zuständigen niederländischen Behörden, da das Förderfeld auf niederländischer Seite der Nordsee liegt und nach niederländischem Recht genehmigt wurde.

Die Entscheidung markiert einen bedeutsamen Wendepunkt in einem jahrelangen Konflikt, der wirtschaftliche, ökologische und gesundheitliche Dimensionen umfasst. Borkum als anerkanntes Nordseeheilbad steht nun vor der Realität, dass die Gasförderung in relativer Nähe zur Insel voranschreiten wird – trotz der eingereichten kommunalen Einwände und des Widerstands eines Teils der Inselbevölkerung.

Die Rolle der Justiz und ihre rechtlichen Grenzen

Der Fall verdeutlicht die strukturellen Grenzen gerichtlicher Kontrolle bei grenzüberschreitenden Infrastrukturprojekten. Ein deutsches Verwaltungsgericht kann eine nach niederländischem Recht rechtmäßig erteilte Genehmigung nur unter sehr engen Voraussetzungen anfechten – etwa wenn zwingende europarechtliche Vorgaben, beispielsweise aus der Umweltverträglichkeitsprüfungs-Richtlinie (UVP-Richtlinie 2011/92/EU) oder der Habitatrichtlinie (FFH-Richtlinie 92/43/EWG), verletzt wurden. Die Frage, ob gesundheitliche Risiken durch induzierte Seismizität im Genehmigungsverfahren ausreichend gewürdigt wurden, bleibt damit faktisch offen – und ist nicht nur juristisch, sondern vor allem wissenschaftlich zu beurteilen.

Erdbebenbefürchtungen als Gesundheitsrisiko

Arztbesuch
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Wissenschaftliche Erkenntnisse zu induzierter Seismizität

Ein zentrales Argument Borkums bezog sich auf das Risiko von Erdbeben, die durch die Gasförderung ausgelöst werden können. Dieses Phänomen wird als induzierte Seismizität bezeichnet und ist in der Geophysik und Seismologie gut dokumentiert. Die Extraktion von Fluiden aus dem Untergrund – sei es Erdgas, Öl oder Wasser – kann zu Spannungsveränderungen im umgebenden Gestein führen, die sich in messbaren Erschütterungen entladen. Besonders bekannt ist dieses Phänomen aus der Provinz Groningen in den Niederlanden, wo jahrzehntelange Erdgasförderung zu Hunderten von Erdbeben führte und erhebliche Gebäudeschäden sowie gesundheitliche Belastungen bei der Bevölkerung verursachte.

Studienlage: Das Deutsche GeoForschungsZentrum (GFZ Potsdam) dokumentierte in einer Analyse aus dem Jahr 2018 mehr als 200 induzierte Erdbeben in Norddeutschland im Zeitraum 2006 bis 2017, darunter zahlreiche Ereignisse mit Magnituden zwischen 2,0 und 4,0, die in Zusammenhang mit Kohlenwasserstoffförderung gebracht wurden. Die U.S. Geological Survey (USGS) stellte in einem vielzitierten Bericht von 2017 fest, dass die Häufigkeit von Erdbeben ab Magnitude 3,0 in den USA zwischen 2008 und 2016 um das Sechsfache zunahm – mit einem klaren räumlichen und zeitlichen Zusammenhang zur intensivierten Fluidinjektion und -extraktion. Eine Studie im Fachjournal Nature Communications (Zang et al., 2019) zeigte, dass Gasförderung im südlichen Nordseeraum nachweislich seismische Ereignisse auslösen kann, die von Bewohnern benachbarter Küstenregionen wahrgenommen wurden. Für das Groningen-Gasfeld belegen Untersuchungen des niederländischen Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM, 2022), dass wiederholte Erschütterungen ab Magnitude 1,5 bei betroffenen Anwohnern messbare psychische Belastungen auslösten, darunter erhöhte Stresswerte, Schlafstörungen und Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Gesundheitliche Folgen wiederkehrender Erschütterungen

Die medizinischen Konsequenzen häufiger, wenn auch schwacher Erdbeben sind vielschichtig. Während einzelne leichte Beben unterhalb von Magnitude 3,0 in der Regel keine direkten körperlichen Verletzungen verursachen, können wiederholte Erschütterungen über Monate und Jahre erhebliche psychische und physische Belastungen hervorrufen. Dies ist für ein Nordseeheilbad wie Borkum von besonderer Relevanz, da die Insel sowohl Kurpatienten mit vorbestehenden Erkrankungen als auch ältere Menschen und Familien mit Kindern beherbergt.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont in ihrem Rahmenwerk zu umweltbedingten Gesundheitsrisiken, dass chronischer Umgebungsstress – zu dem auch wiederkehrende seismische Ereignisse zählen können – Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen, Angststörungen und Schlafstörungen darstellt. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist in seinen Publikationen zur Umweltmedizin darauf hin, dass vulnerable Bevölkerungsgruppen, darunter Menschen mit psychischen Vorerkrankungen, ältere Personen und Kinder, gegenüber stressbedingten Umwelteinflüssen besonders empfindlich reagieren. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) empfiehlt in vergleichbaren Belastungssituationen eine frühzeitige psychosoziale Versorgung betroffener Bevölkerungsgruppen.

Hinzu kommen potenzielle Risiken durch Gebäudeschäden: Selbst moderate Erdbeben können in älteren oder nicht erdbebensicher gebauten Strukturen zu Rissen in Mauerwerk und Fundamenten führen, was mittelbar Sicherheitsrisiken und gesundheitliche Belastungen durch Baustaub, Schimmelbildung oder Verletzungsgefahren erzeugt. Auf einer Insel mit historischem Baubestand ist dieses Risiko nicht trivial.

Was Betroffene wissen sollten

Für Bewohnerinnen und Bewohner Borkums sowie für Kurgäste mit gesundheitlichen Vorerkrankungen ist es sinnvoll, die eigene Situation einzuschätzen und gegebenenfalls ärztlichen Rat einzuholen. Die folgenden Punkte können dabei als erste Orientierung dienen:

  • Psychische Stressreaktionen beobachten: Anhaltende Unruhe, Schlafstörungen, Reizbarkeit oder Konzentrationsprobleme, die im Zusammenhang mit Berichterstattung oder erlebten Erschütterungen auftreten, sollten ernst genommen und bei Bedarf mit einer Hausärztin oder einem Hausarzt besprochen werden.
  • Vorbestehende Herzerkrankungen: Menschen mit kardiovaskulären Erkrankungen sollten bei anhaltendem Stresserleben ihre behandelnden Ärztinnen und Ärzte informieren, da chronischer Stress nachweislich Risikofaktoren wie Blutdruck und Herzfrequenz beeinflussen kann.
  • Kinder und Jugendliche im Blick behalten: Kinder können auf Umweltunsicherheiten mit Angst, Verhaltensänderungen oder Schlafproblemen reagieren. Offene Gespräche und eine altersgerechte Einordnung der Situation sind empfehlenswert.
  • Gebäudeschäden dokumentieren: Neu aufgetretene Risse in Wänden, Decken oder Fundamenten nach spürbaren Erschütterungen sollten fotografisch dokumentiert und an die zuständigen Behörden sowie die Hausverwaltung gemeldet werden.
  • Informationsquellen nutzen: Zuverlässige Informationen zu seismischen Ereignissen in der Nordseeregion liefert der Seismologische Dienst des GFZ Potsdam sowie das Leibniz-Institut für Angewandte Geophysik (LIAG) in Hannover.
  • Psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen: Bei anhaltenden psychischen Belastungen stehen neben Hausärztinnen und Hausärzten auch psychotherapeutische Beratungsangebote zur Verfügung. Die Telefonseelsorge ist unter den Nummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Ausblick: Was folgt dem Urteil?

Die Stadt Borkum hat nach Berichten regionaler Medien angekündigt, weitere rechtliche Schritte zu prüfen, darunter eine mögliche Revision sowie Eingaben auf europäischer Ebene. Parallel dazu laufen wissenschaftliche Begleituntersuchungen, die vom Betreiber ONE-Dyas und von unabhängigen Stellen durchgeführt werden sollen, um seismische Aktivitäten während der Förderphase zu überwachen.

Aus gesundheitspolitischer Sicht bleibt zu fordern, dass ein unabhängiges, kontinuierliches Gesundheitsmonitoring für die Inselbevölkerung eingerichtet wird – analog zu den Maßnahmen, die nach den Erfahrungen in Groningen von niederländischen Behörden implementiert wurden. Die Deutsche Gesellschaft für Umweltmedizin (DGU) betont generell, dass bei Infrastrukturprojekten mit potenziell seismischer Wirkung eine bevölkerungsmedizinische Begleitforschung integraler Bestandteil des Genehmigungsverfahrens sein sollte – nicht dessen nachgelagertes Anhängsel.

Das Urteil des Oberverwaltungsgerichts Bremen ist ein rechtlicher Abschluss, aber kein inhaltlicher. Die gesundheitlichen Fragen, die der Fall Borkum aufwirft, werden die betroffene Bevölkerung und die Fachwelt noch weit über den Beginn der Förderung hinaus beschäftigen.

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Quelle: Zeit Wissen