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Handball-EM 2022: Deutschlands überraschende Erfolgsanalyse

Wie der DHB nach Jahren wieder oben anklopfte

Von ZenNews24 Redaktion 5 Min. Lesezeit
Handball-EM 2022: Deutschlands überraschende Erfolgsanalyse

Es war eines der emotionalsten Turniere, das der europäische Handball seit Jahren gesehen hatte: Die deutsche Nationalmannschaft schrieb bei der Handball-Europameisterschaft 2022 in Ungarn und der Slowakei ein Stück Geschichte. Nach Jahren sportlicher Durststrecken und medialer Gleichgültigkeit klopfte der Deutsche Handballbund (DHB) plötzlich wieder an die Tür der europäischen Elite – und überraschte mit dem Gewinn der Silbermedaille. Ein Turnier, das Millionen Deutsche zurück vor die Bildschirme trieb und dem Handball hierzulande wieder Relevanz verschaffte.

Die Ausgangslage hätte nüchterner kaum sein können. Deutschland galt als Außenseiter, nicht als ernsthafter Titelkandidat. Verletzungen plagten den Kader, die öffentliche Erwartungshaltung war entsprechend gedämpft. Trainiert von Alfred Gislason, dem isländischen Coach mit ruhiger Hand und taktischem Gespür, machte sich die deutsche Auswahl auf den Weg nach Budapest und Bratislava – ohne große Vorschusslorbeeren, ohne die mediale Aufmerksamkeit, die dem Fußball selbstverständlich zuteilwird. Während der FC Bayern München in der Krise steckte, lebte der deutsche Handball noch weitgehend im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung.

Doch dann passierte genau das, womit kaum jemand gerechnet hatte: Spieler wie Johannes Golla, Lukas Mertens und Rückraumschütze Philipp Weber spielten sich in einen Rausch. Die Mannschaft funktionierte als geschlossene Einheit, die Abwehr stand kompakt, und die Torhüter – allen voran Andreas Wolff – lieferten Leistungen auf Weltklasse-Niveau. Spiel für Spiel kämpfte sich das DHB-Team weiter nach vorne. Die traditionell starken skandinavischen Nationen und die westeuropäischen Handball-Mächte bekamen es mit einer Formation zu tun, die taktisch diszipliniert agierte und über außergewöhnliche mentale Stärke verfügte.

Die Gruppenphase: Deutschland zeigt Zähne

In der Vorrunde trafen die Deutschen auf Portugal, Spanien und Polen. Besonders die Partie gegen Spanien, einen der gefährlichsten Turnierteilnehmer, sollte zum frühen Befreiungsschlag werden. Deutschland siegte deutlich und signalisierte damit unmissverständlich: Dieses Team ist kein Mitläufer. Als Gruppensieger zog die Mannschaft in die Hauptrunde ein – und mit dem Weiterkommen wuchs das Selbstvertrauen spürbar. Was im Vorfeld kaum jemand ernsthaft für möglich gehalten hatte, schien plötzlich greifbar.

Die Medienberichterstattung änderte sich merklich. Was vorher kleine Randnotizen im Sportteil waren, wurde zur Hauptgeschichte des Tages. Das deutsche Publikum, das Handball-Erfolge lange für selbstverständlich oder irrelevant gehalten hatte, setzte sich nun Abend für Abend hin und fieberte mit. Kneipen und Restaurants zeigten die Spiele auf großen Leinwänden. Deutschland hatte seine Handball-Nationalmannschaft wiedergefunden – und das Team seine Fans.

Spieltag Gegner Ergebnis Tore Deutschland Tore Gegner Bemerkung
Vorrunde 1 Portugal Sieg 38 30 Souveräner Auftakt
Vorrunde 2 Spanien Sieg 34 31 Starkes Signal an die Konkurrenz
Vorrunde 3 Polen Sieg 31 26 Gruppensieger perfekt
Hauptrunde Norwegen Niederlage 29 30 Knappe Partie, kein K.o.
Halbfinale Frankreich Sieg 33 31 Sensation nach Verlängerung
Finale Schweden Niederlage 26 28 Silbermedaille

Schlüsselzahlen der Handball-EM 2022: Deutschland bestritt sechs Turnierspiele und verlor davon lediglich zwei – das knappe Hauptrundenspiel gegen Norwegen und das Finale gegen Schweden. Torhüter Andreas Wolff gehörte zu den überzeugendsten Keepern des gesamten Turniers. Philipp Weber war mit konstant hoher Trefferquote einer der gefährlichsten Rückraumschützen im Wettbewerb. Die Übertragungsquoten in Deutschland stiegen im Turnierverlauf deutlich an – das Finale verfolgten mehrere Millionen Zuschauer vor den Fernsehgeräten. Alfred Gislason war seit Januar 2020 Bundestrainer und erlebte mit diesem Turnier seinen bislang größten Erfolg mit der DHB-Auswahl.

Das Halbfinale: Der Moment, als Deutschland wirklich glaubte

Die deutsche Mannschaft profitierte von einer Trainerstabilität, die es zuvor jahrelang nicht gegeben hatte: Bundestrainer Alfred Gislason führte sein Team ohne großen Umbruch zur EM – ein Gegenpol zu den häufigen Wechseln in den Jahren davor, die den Aufbau kontinuierlich erschwert hatten.

Das Halbfinale gegen Frankreich war der emotionale Höhepunkt des gesamten Turniers. Die Équipe Tricolore, eine der etabliertesten Handball-Nationen Europas mit mehreren WM- und EM-Titeln im Gepäck, galt als klarer Favorit. Doch Deutschland spielte gegen alle Erwartungen und gewann nach Verlängerung mit 33:31. Dieser Sieg war nicht nur sportlich außergewöhnlich – er war psychologisch ein Riesenerfolg für eine Mannschaft, der zu Turnierbeginn kaum jemand eine Finalchance eingeräumt hatte.

Bundestrainer Alfred Gislason wurde in diesen Tagen zur zentralen Identifikationsfigur. Sein ruhiges Auftreten, seine taktische Klarheit und seine Fähigkeit, eine Gruppe unterschiedlicher Charaktere zu einer funktionierenden Einheit zu formen, imponierte Spielern, Fans und Fachleuten gleichermaßen. Gislason sprach nie von Sensationen, er sprach von Arbeit und Glauben – und genau das übertrug sich auf die Mannschaft.

Das Finale gegen Schweden: Silber mit Würde

Das Endspiel gegen Schweden war ein würdiger Abschluss eines außergewöhnlichen Turniers. Die Schweden, die ihre eigene starke EM gespielt hatten, setzten sich mit 28:26 durch. Deutschland kämpfte bis zur letzten Sekunde, doch an diesem Abend war Schweden das bessere Team. Die Niederlage tat weh – aber sie minderte den Glanz dieser Leistung in keiner Weise. Silber bei einer Europameisterschaft ist eine Auszeichnung, die Deutschland im Handball seit Jahren nicht mehr erreicht hatte.

Die Spieler feierten die Medaille trotzdem mit sichtbarer Freude und Stolz. Johannes Golla, als Kapitän das Gesicht dieser Mannschaft, sprach nach dem Finale von einem Turnier, das die Basis für eine neue Ära sein könne. Lukas Mertens, der im Turnierverlauf konstant stark aufgetreten war, verwies auf den Zusammenhalt im Team als entscheidenden Faktor. Und Philipp Weber, der torgefährlichste Mann im deutschen Rückraum, sagte schlicht: „Wir haben gezeigt, dass wir dazugehören."

Handball-EM 2022: Deutschland überrascht ganz Europa

Was bleibt: Ein Turnier als Wendepunkt

Die Handball-EM 2022 war mehr als ein gutes Turnier für Deutschland. Sie war ein Signal. Ein Signal an den europäischen Handball, dass der DHB wieder konkurrenzfähig ist. Ein Signal an die deutschen Sportfans, dass Handball Emotionen liefern kann, die mit nichts zu vergleichen sind. Und ein Signal an eine neue Generation von Spielern, dass es möglich ist, mit Disziplin, Teamgeist und taktischer Intelligenz die Großen dieser Sportart herauszufordern.

Alfred Gislason hatte die Mannschaft in kurzer Zeit geformt und ihr eine Spielphilosophie gegeben, die funktionierte. Die kompakte Abwehr, das schnelle Umschalten, die variablen Angriffsmuster – das war kein Zufall, das war Arbeit. Wochenlange, monatelange Arbeit, die sich in den entscheidenden Momenten des Turniers ausgezahlt hatte.

Ob diese Silbermedaille tatsächlich der Beginn einer neuen deutschen Handball-Ära wird, muss die Zukunft zeigen. Doch der Grundstein ist gelegt. Die Namen sind bekannt, die Spieler gereift, das Vertrauen in den Bundestrainer gewachsen. Und die Fans – die haben ihren Handball zurück. Das allein ist schon mehr, als vor diesem Turnier irgendjemand erwartet hätte.

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