Gesellschaft

Inflation und Ernährungsarmut: Wer sich Lebensmittel nicht mehr

Die Regale in den Supermärkten sind voll, doch für immer mehr Menschen in Deutschland ist das Angebot unerreichbar geworden. Während die Inflationsrate im…

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Inflation und Ernährungsarmut: Wer sich Lebensmittel nicht mehr

Die Regale in den Supermärkten sind voll, doch für immer mehr Menschen in Deutschland ist das Angebot unerreichbar geworden. Während die Inflationsrate im September die Acht-Prozent-Marke durchbrochen hat, berichten Sozialarbeiter von einer stillen Krise: Ernährungsarmut. Nicht die fehlende Verfügbarkeit von Lebensmitteln ist das Problem, sondern deren Preis. Menschen, die noch vor wenigen Monaten über die Runden kamen, sitzen jetzt vor einer unmöglichen Wahl: Heizkosten oder Essen? Miete oder Grundversorgung?

In zwei Jahrzehnten als Gesellschaftsredakteur habe ich viele Krisen beobachtet, doch diese entwickelt sich anders. Sie ist weniger sichtbar als frühere Notlagen, aber nicht weniger real. Sie betrifft nicht nur Arbeitslose oder Obdachlose – sie erfasst längst die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Fachkräfte berichten von schlaflosen Nächten, von Schuldgefühlen, von der Demütigung, im Supermarkt einen bereits gekauften Artikel zurück ins Regal legen zu müssen.

Wenn der Einkaufszettel zur Zitterpartie wird

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Die Zahlen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sind alarmierend: Schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen in Deutschland leben derzeit in Ernährungsarmut. Das sind nicht nur Statistiken – das sind Menschen, die morgens aufstehen und wissen, dass heute weniger auf den Teller kommt als gestern. Wer verstehen möchte, wie sich diese Entwicklung in den vergangenen Monaten zugespitzt hat, findet in unserem Bericht über die Energiekrise und ihre Folgen für private Haushalte wichtige Hintergründe.

Studienlage und aktuelle Zahlen (Stand: September 2022): Nach Daten der Universität Bielefeld greifen 30 Prozent der Haushalte mit einem Nettoeinkommen unter 1.200 Euro monatlich regelmäßig zu abgelaufenem oder stark rabattiertem Essen. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind im Jahresvergleich um 15 bis 25 Prozent gestiegen – Butter verteuerte sich um über 40 Prozent, Eier um 35 Prozent. Die Gesamtinflationsrate lag im August 2022 bei 7,9 Prozent, die Lebensmittelinflation übertraf diesen Wert jedoch deutlich. (Quellen: Statistisches Bundesamt, Universität Bielefeld, AWO-Armutsatlas 2022)

Was hier besonders verstört: Es geht nicht mehr um exotische Lebensmittel oder Luxus. Es geht um Milch, Brot, Eier. Die absoluten Grundlagen einer ausreichenden Ernährung werden für Millionen zum Luxus. Die Caritas meldet, dass die Nachfrage in ihren Lebensmitteltafeln um 40 Prozent gestiegen ist – bei gleichzeitig schrumpfenden Spendenmengen, weil auch die Spender selbst unter Druck geraten. Dass sich dieser Druck unmittelbar auf die psychische Gesundheit auswirkt, haben wir bereits in unserem Artikel über Armut und mentale Belastung im Krisenjahr 2022 beleuchtet.

Besonders tragisch: Haushalte, die bereits unter schwierigen Bedingungen leben, sind am härtesten betroffen. Alleinerziehende, Rentner mit kleinen Renten, Menschen mit chronischen Erkrankungen. Längst sind auch junge Familien betroffen, in denen beide Elternteile arbeiten, aber nicht genug verdienen – ein Phänomen, das in diesem Ausmaß relativ neu ist und das Bild der klassischen Armut grundlegend verschiebt.

Welche konkreten Lebensmittel am stärksten von Preiserhöhungen betroffen sind und welche Alternativen Verbraucherschützer empfehlen, haben wir in unserem Überblick zu den größten Preistreibern im Supermarkt zusammengestellt.

Die versteckte Seite der Wohlstandsgesellschaft

Ein Gespräch mit einer Sozialberaterin aus Berlin bleibt unvergessen. Sie erzählte von einer Klientin – Krankenschwester, 52 Jahre, Vollzeitjob – die anfing zu weinen, weil sie entscheiden musste, ob sie Inkontinenzprodukte für ihre pflegebedürftige Mutter kauft oder ausreichend Lebensmittel für die Woche. Solche Szenen spielen sich derzeit täglich ab. Was viele nicht verstehen: Das ist nicht automatisch Versagen im persönlichen Finanzmanagement. Das ist strukturelles Scheitern eines Systems, in dem die Lebenshaltungskosten schneller steigen als die Einkommen.

Hinzu kommt eine psychologische Komponente, die in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird. Ernährungsarmut ist beschämend. Menschen verstecken sie. Sie geben nicht zu, wenn sie hungrig sind. Sie nehmen Angebote wie Lebensmitteltafeln nicht wahr, weil der soziale Makel noch größer erscheint als der materielle Mangel. Väter und Mütter berichten, wie sie abends selbst weniger essen, damit die Kinder satt werden – eine stumme Form der Selbstaufopferung, die in Talkshows und Leitartikeln kaum vorkommt.

Das Besondere an der aktuellen Situation ist deren Geschwindigkeit. Während sich andere wirtschaftliche Krisen über Jahre aufgebaut haben, kam diese Inflation wie ein Schock. Menschen, die im Juli noch planen konnten, müssen im September bereits rationieren. Diese Ungeplantheit macht es besonders schwer, wirksame Gegenmaßnahmen zu finden. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen – darunter die Energiepauschale von 300 Euro, die im September ausgezahlt wird – hinken hinterher. Das ist nicht zwingend böse Absicht, sondern oft schlicht die Trägheit bürokratischer Strukturen, die auf plötzliche Schocks nicht ausgelegt sind.

Wer sich einen Überblick darüber verschaffen möchte, welche staatlichen Entlastungspakete bislang beschlossen wurden und wer von ihnen profitiert, findet in unserer Analyse der Entlastungspakete der Bundesregierung eine strukturierte Zusammenfassung. Und wie Kommunen vor Ort auf die wachsende Nachfrage nach sozialen Hilfsangeboten reagieren, zeigt unser Reportage-Stück über Lebensmitteltafeln unter Ausnahmebedingungen.

Zwischen Systemversagen und privaten Notlösungen

Interessanterweise zeigt sich in dieser Krise auch ein gesellschaftliches Phänomen, das man sonst seltener beobachtet: gegenseitige Hilfe. Nachbarschaften organisieren Tausch-Netzwerke für Lebensmittel. Menschen teilen Rezepte für günstige, nahrhafte Mahlzeiten in sozialen Medien. Lokale Initiativen entstehen, die kostenlose oder stark vergünstigte Essensausgaben organisieren. Das ist einerseits bewegend – andererseits auch ein Zeichen dafür, dass der Staat dort nicht mehr ausreichend auffängt, wo er es sollte.

Die Frage, die sich politisch stellt, ist keine ideologische, sondern eine pragmatische: Wie schützt eine Gesellschaft ihre vulnerabelsten Mitglieder, wenn Preissteigerungen schneller eskalieren als Transferleistungen angepasst werden können? Sozialverbände fordern seit Wochen eine automatische Dynamisierung von Hartz-IV-Sätzen und Wohngeld – bislang ohne greifbares Ergebnis. Die Erhöhung des Bürgergelds, die für Januar 2023 geplant ist, kommt für viele Betroffene schlicht zu spät.

Was bleibt, ist ein unbequemes Bild: Deutschland im Herbst 2022 ist ein Land, in dem volle Supermarktregale und leere Teller gleichzeitig existieren. In dem Arbeit nicht vor Hunger schützt. In dem Würde und Grundversorgung gegeneinander abgewogen werden müssen. Das ist kein Randphänomen. Das ist eine strukturelle Herausforderung, die eine strukturelle Antwort braucht – keine Almosen, keine Einmalzahlungen, keine PR-Pakete. Sondern eine ehrliche Auseinandersetzung damit, was Grundsicherung im Jahr 2022 tatsächlich bedeuten muss.

Was jetzt konkret zu tun wäre

💡 Wusstest du schon?

Etwa 8,4 Millionen Menschen in Deutschland gelten als armutsgefährdet und müssen über 30 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben – doppelt so viel wie der Durchschnitt. (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung 2024)

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Sozialverbände, Ökonomen und Kommunalpolitiker sind sich in einem Punkt einig: Die bestehenden Instrumente reichen nicht aus. Folgende Maßnahmen werden derzeit am häufigsten diskutiert:

  • Sofortige Erhöhung der Regelbedarfe: Die aktuellen Hartz-IV-Sätze decken die realen Lebenshaltungskosten bei einer Lebensmittelinflation von über 15 Prozent nicht mehr ab. Sozialverbände fordern eine außerordentliche Anpassung noch vor der geplanten Bürgergeld-Reform im Januar 2023.
  • Temporäre Mehrwertsteuerbefreiung für Grundnahrungsmittel: Mehrere EU-Länder haben diesen Schritt bereits vollzogen. In Deutschland wird er diskutiert, aber von der Bundesregierung bislang als zu komplex abgelehnt – obwohl die technischen Voraussetzungen vorhanden wären.
  • Stärkung und Finanzierung der Tafeln: Die Lebensmitteltafeln sind de facto zu einem tragenden Bestandteil der Grundversorgung geworden – ohne entsprechende staatliche Förderung. Eine strukturelle Finanzierung statt Abhängigkeit von privaten Spenden ist überfällig.
  • Ausbau von Schulspeisungsprogrammen: Kinder in einkommensschwachen Haushalten sind besonders gefährdet. Kostenlose oder stark bezuschusste Schulmahlzeiten würden zumindest die Versorgung während des Schultages sicherstellen und gleichzeitig Eltern entlasten.
  • Niedrigschwellige Beratungsangebote für Betroffene: Viele Menschen wissen nicht, welche Hilfsleistungen ihnen zustehen. Kommunale Anlaufstellen, die ohne bürokratische Hürden erreichbar sind, könnten die Inanspruchnahme bestehender Leistungen deutlich steigern.
  • Digitale Lebensmittelrettungsplattformen fördern: Apps und Initiativen, die überschüssige Lebensmittel kostenlos oder günstig vermitteln, existieren bereits – sie brauchen jedoch Infrastruktur, Reichweite und kommunale Einbindung, um ihr volles Potenzial zu entfalten.

Keine dieser Maßnahmen ist ein Allheilmittel. Aber jede einzelne würde dazu beitragen, die schlimmsten Auswirkungen einer Krise abzufedern, die nicht selbstverschuldet ist – und die sich, wenn nicht gehandelt wird, tief in das soziale Gefüge dieses Landes eingraben wird. Die Frage ist nicht, ob Deutschland sich das leisten kann. Die Frage ist, ob es sich leisten kann, es nicht zu tun.

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