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Niklas Kaul: Comeback zur WM nach Verletzungen

Leistungen, Disziplinen, internationale Konkurrenz

Von ZenNews24 Redaktion 5 Min. Lesezeit
Niklas Kaul: Comeback zur WM nach Verletzungen

Niklas Kaul steht vor dem größten Moment seiner Karriere. Der Mainzer Zehnkämpfer hat sich durch Verletzungen, Rückschläge und unzählige Trainingsstunden zurückgekämpft – und präsentiert sich in der Saison 2025 in einer Form, die internationale Konkurrenten aufhorchen lässt. Wer den 27-Jährigen in diesem Jahr erlebt hat, weiß: Dieser Mann ist bereit für Gold.

Der Zehnkampf ist die härteste Probe, die die Leichtathletik zu bieten hat. Zwei Tage, zehn Disziplinen, kein Pardon. Die Athleten müssen 100 Meter Sprint, Weitsprung, Kugelstoß, Hochsprung und 400 Meter am ersten Tag absolvieren – gefolgt von 110 Meter Hürden, Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und dem brutalen 1500-Meter-Abschluss am zweiten Tag. Es braucht Sprinter-Beine, Werfer-Schultern, Springer-Koordination und die Ausdauer eines Mittelstrecklers – alles in einer Person vereint. Niklas Kaul besitzt diese seltene Kombination und zählt aktuell zur absoluten Weltspitze im Zehnkampf.

Kauls Saisonbilanz: Zahlen, die überzeugen

Niklas Kaul: Deutschlands Zehnkämpfer vor der WM

Die Saison 2025 läuft für Kaul nach Plan – mit Momenten echter Klasse. Seine aktuelle Saisonbestleistung von 8.529 Punkten, erzielt beim Mehrkampf-Meeting in Götzis im Mai 2025, unterstreicht seine Formkurve eindrucksvoll. Zum Vergleich: Sein persönlicher Rekord und gleichzeitig der Deutsche Rekord stammt aus dem WM-Finale 2019 in Doha, wo Kaul mit 8.691 Punkten Weltmeister wurde – einer der emotionalsten Momente der deutschen Leichtathletik-Geschichte.

Was Kaul in dieser Saison besonders auszeichnet, ist seine Konstanz. Kein spektakulärer Ausreißer nach oben, aber auch kein Einbruch in den schwierigen Disziplinen. Im Sprint läuft er stabil unter 10,5 Sekunden, im Weitsprung überspringt er regelmäßig die Sieben-Meter-Marke, und beim Speerwurf – traditionell seine Paradedisziplin – wirft er konstant über 70 Meter. Diese Verlässlichkeit über alle zehn Disziplinen ist das Markenzeichen eines echten Champions.

Disziplin Kauls Leistung (Saison 2025) Persönliche Bestleistung Punkte (Saison 2025)
100m Sprint 10,44 Sek. 10,35 Sek. 835
Weitsprung 7,18 m 7,48 m 780
Kugelstoß 14,77 m 15,22 m 688
Hochsprung 2,11 m 2,16 m 820
400m 47,91 Sek. 47,40 Sek. 806
110m Hürden 13,95 Sek. 13,73 Sek. 811
Diskuswurf 47,80 m 50,47 m 714
Stabhochsprung 5,20 m 5,30 m 825
Speerwurf 72,40 m 76,14 m 758
1500m 4:18,21 Min. 4:14,15 Min. 712

Die Tabelle zeigt das Profil eines vollständigen Zehnkämpfers. Kaul sammelt in keiner Disziplin wirklich Punkte liegen, auch wenn Kugelstoß und Diskuswurf im Vergleich zu den technischen Disziplinen etwas abfallen. Besonders ins Auge sticht der Stabhochsprung mit 825 Punkten – eine Disziplin, die viele seiner Rivalen Nerven kostet. Die 1500 Meter bleiben wie bei nahezu allen Zehnkämpfern der Eliteebene die psychologische Abschlussaufgabe: Man kämpft mit leerem Tank, und trotzdem muss jede Sekunde stimmen.

Schlüsselzahlen: Saisonbestleistung 2025: 8.529 Punkte (Götzis, Mai 2025). Persönlicher Rekord und Deutscher Rekord: 8.691 Punkte (WM Doha 2019). Aktuelle Weltrangliste: Platz 5. Alter: 27 Jahre. Größe: 1,96 m. Gewicht: ca. 92 kg. Weltmeistertitel: 1 (Doha 2019). Stärkste Disziplin aktuell: Speerwurf (72,40 m). Größtes Steigerungspotenzial: Kugelstoß und Diskuswurf. Nächstes Großereignis: Leichtathletik-WM Tokio 2025.

Die internationale Konkurrenz: Wer kann Kaul stoppen?

Der Zehnkampf gilt als die „Königsdisziplin" der Leichtathletik – nicht ohne Grund: Nur wer über zwei Tage hinweg in Sprint, Sprung und Wurf gleichermaßen brilliert, kann am höchsten Podest stehen. Kauls Rückkehr zur Weltklasse ist deshalb umso beeindruckender.

Das Feld für die WM ist so stark besetzt wie seit Jahren nicht mehr. Kaul wird es nicht leicht haben – und das ist gut so. Großen Sport braucht große Gegner.

An erster Stelle ist Kevin Mayer zu nennen. Der Franzose hält mit 9.126 Punkten den Weltrekord im Zehnkampf und ist nach einer verletzungsbedingten Auszeit zurück auf der großen Bühne. Mayer ist technisch nahezu makellos, besonders in den Sprung- und Wurfdisziplinen. Wenn der 31-Jährige gesund bleibt, ist er der Mann, dem es zu schlagen gilt. Die Frage ist, ob sein Körper die volle Belastung eines WM-Wettkampfs wieder tragen kann – diese Unsicherheit bleibt bis zum Start.

Aus Kanada kommt Pierce LePage, der bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris stark aufgetreten ist und Mayer das Leben schwer gemacht hat. LePage ist ein explosiver Athlet, der vor allem im Sprint und Weitsprung Punkte macht und mental äußerst stabil wirkt. Auch der Brite Ashley Moloney – nein, Moloney kommt aus Australien – und der Brite Tim Duckworth sind Kandidaten für Medaillen, sollten sie ihre Bestform abrufen können.

Aus US-amerikanischer Sicht darf Zachery Ziemek nicht unterschätzt werden, auch wenn er zuletzt inkonstant auftrat. Das US-Team bringt traditionell Tiefe ins Feld – selbst wenn der nominelle Topfavorit schwächelt, ist immer jemand da, der überraschend nach vorne stürmt.

Kauls größter Vorteil gegenüber vielen dieser Rivalen ist seine Wettkampferfahrung auf dem Allerhöchsten Niveau. Er hat bereits einen WM-Titel geholt, er kennt den Druck, er weiß, wie man sich über zwei Tage mental im Griff behält. Das ist nicht selbstverständlich – und das unterscheidet ihn von jüngeren Athleten, die technisch mithalten können, aber im entscheidenden Moment noch lernen müssen.

Der Weg zurück: Verletzungen, Zweifel und der neue Kaul

Es wäre unvollständig, über Kauls aktuelle Stärke zu schreiben, ohne den schwierigen Weg dorthin zu erwähnen. Nach seinem Weltmeistertitel 2019 in Doha folgten Jahre, in denen er nicht an diese Leistung anknüpfen konnte. Verletzungen am Fuß und an der Achillessehne warfen ihn immer wieder zurück, Olympia 2020 in Tokio verlief enttäuschend, und auch bei der WM 2022 in Eugene blieb er weit unter seinem Potenzial.

Der Wendepunkt kam durch eine konsequente Umstrukturierung seines Trainings. Kaul und sein Trainerstab entschieden sich, die Wurfleistungen gezielt zu verbessern – lange eine relative Schwäche – und gleichzeitig die Sprungdisziplinen auf Topniveau zu halten. Kein leichter Balanceakt bei einem Programm, das ohnehin schon die Grenzen des menschlichen Körpers auslotet. Das Ergebnis ist ein reiferer, schlauerer und körperlich stabilerer Athlet, der seine Ressourcen über zwei Wettkampftage besser einteilen kann als noch 2019.

„Ich bin nicht mehr der Typ, der auf Biegen und Brechen alles gibt und dann am zweiten Tag nichts mehr hat", sagte Kaul nach Götzis. „Ich weiß jetzt, wann ich auf Sicherheit gehe und wann ich angreifen kann." Diese Reife ist schwer zu messen – aber auf dem Platz ist sie klar zu sehen.

Niklas Kaul: Deutschlands Zehnkämpfer vor der WM

Was die WM bringen muss

Für den WM-Titel wird Kaul aller Voraussicht nach über 8.600 Punkte benötigen – möglicherweise sogar mehr, wenn Mayer in Topform antritt. Das bedeutet: Kaul muss seinen Deutschen Rekord von 8.691 Punkten aus Doha zumindest in Schlagdistanz bringen. Möglich ist das – die Saison-Bestleistung von 8.529 Punkten zeigt, dass noch Luft nach oben ist.

Entscheidend wird der zweite Wettkampftag sein. Wer nach dem Stabhochsprung noch Körner hat und beim Speerwurf explodiert, hat die psychologische Deutungshoheit – und Kaul ist beim Speer einer der Besten im Feld. Wenn er den 1500-Meter-Abschluss mit genug Puffer angeht, ist er kaum zu schlagen.

Deutschland wartet seit Doha 2019 auf den nächsten großen Leichtathletik-Moment. Niklas Kaul könnte ihn liefern – und diesmal wäre es nicht die Geschichte des jugendlichen Überraschungssiegers, sondern die eines Mannes, der gegangen ist, zurückgekommen ist und es besser gemacht hat als je zuvor. Das wäre die bessere Geschichte. Und auf dem Platz sieht es gerade sehr danach aus.

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