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Quantencomputer geht kommerziell: Wer kauft, wer profitiert?

IBM, Google, IonQ — das Rennen um die erste nützliche Quanten-Anwendung

Von Markus Bauer 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Quantencomputer geht kommerziell: Wer kauft, wer profitiert?
Das Wichtigste in Kürze
  • Ein klassischer Computer arbeitet mit Bits – binären Zuständen, die entweder 0 oder 1 sind.

Rund 450 Milliarden US-Dollar Marktvolumen bis zum Ende des Jahrzehnts — so lautet die Prognose des Marktforschungsunternehmens IDC für den globalen Quantencomputing-Markt. Was lange als Forschungsprojekt für Universitätslabore galt, ist längst in die Strategiepläne von Konzernen, Banken und Regierungen gewandert. Doch wer profitiert wirklich — und wer kauft eine Technologie, die noch keiner vollständig versteht?

Kerndaten: Der globale Quantencomputing-Markt wird laut IDC bis zum Ende des Jahrzehnts auf rund 450 Milliarden US-Dollar anwachsen. Laut Gartner befinden sich Quantencomputer derzeit noch im sogenannten „Trough of Disillusionment" des Hype-Zyklus — das bedeutet: Erwartungen werden korrigiert, echte Anwendungsfälle rücken in den Vordergrund. IBM betreibt derzeit über 100 Quantensysteme im Cloud-Zugang. IonQ ist das erste börsennotierte Quantencomputing-Unternehmen der Welt. Google beanspruchte mit seinem Willow-Chip zuletzt einen rechnerischen Vorsprung gegenüber klassischen Supercomputern. Statista schätzt, dass bis zur Mitte dieses Jahrzehnts mehr als 5.000 Unternehmen weltweit aktiv Quantencomputing-Dienste nutzen werden.

Was ein Quantencomputer eigentlich kann — und was nicht

Bevor man über Märkte und Margen spricht, lohnt ein kurzer Ausflug in die Physik — ohne Doktortitel. Ein klassischer Computer rechnet mit Bits, die entweder null oder eins sind. Ein Quantencomputer nutzt sogenannte Qubits. Diese können — dank eines quantenphysikalischen Prinzips namens Superposition — gleichzeitig null und eins sein. Dazu kommt die sogenannte Verschränkung: Zwei Qubits können so miteinander verbunden sein, dass der Zustand des einen sofort den Zustand des anderen beeinflusst, egal wie weit sie voneinander entfernt sind.

Das Ergebnis: Quantencomputer können bestimmte Rechenprobleme exponentiell schneller lösen als klassische Maschinen. Klingt nach Science-Fiction, ist aber Realität — mit einer entscheidenden Einschränkung: Diese Überlegenheit gilt nur für ganz bestimmte Problemtypen. Kryptografie, Molekülsimulation für die Pharmaindustrie, Optimierungsaufgaben in der Logistik, maschinelles Lernen mit riesigen Datensätzen — das sind die Bereiche, in denen Quantencomputer klassische Systeme überflügeln können. Eine E-Mail abrufen oder eine Tabellenkalkulation öffnen? Dafür braucht niemand einen Quantencomputer.

Genau hier liegt das zentrale Missverständnis, das die Branche begleitet: Quantencomputer ersetzen klassische Computer nicht — sie ergänzen sie für spezifische, hochkomplexe Aufgaben. Wer das nicht versteht, kauft falsch ein.

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IBM, Google, IonQ: Drei Strategien im Vergleich

Die drei bekanntesten Namen im Quantencomputing-Markt verfolgen grundlegend unterschiedliche Ansätze — technologisch wie geschäftlich.

IBM setzt auf eine Cloud-First-Strategie. Wer IBMs Quantensysteme nutzen will, bucht sie über die Plattform IBM Quantum. Mehr als 100 Systeme sind derzeit zugänglich, von Forschern bis zu Unternehmenskunden. Zuletzt sorgte das Unternehmen aus Armonk für Aufsehen: IBMs angekündigtes 100.000-Qubit-System markiert eine Größenordnung, die bislang als unerreichbar galt. Der Vorteil des IBM-Ansatzes: niedrige Einstiegshürde für Unternehmen, die keine eigene Hardware kaufen wollen oder können.

Google verfolgt einen anderen Weg. Der Konzern forscht intensiv an eigener Hardware — der Willow-Chip ist das jüngste Ergebnis — und kommuniziert Durchbrüche öffentlichkeitswirksam. IBM und Google haben zuletzt gemeinsam historische Meilensteine gemeldet, was den Wettbewerbscharakter der Branche verdeutlicht: Man beobachtet sich gegenseitig, publiziert strategisch und kämpft um dasselbe Terrain — nämlich den Beweis, dass Quantencomputer nützlich sind. Google verkauft keinen direkten kommerziellen Zugang wie IBM, positioniert sich aber als zukünftiger Cloud-Anbieter für Quantendienste über Google Cloud.

IonQ ist ein anderer Typ Spieler. Das Unternehmen nutzt eine andere Technologie — sogenannte Ionenfallen statt supraleitender Qubits wie IBM und Google. Ionenfallen gelten als fehlertoleranter und stabiler, sind aber schwieriger zu skalieren. IonQ ist börsennotiért und richtet sich explizit an Unternehmenskunden in den Bereichen Pharma, Finanzen und Verteidigung. Das Unternehmen hat Partnerschaften mit der US Air Force und mehreren Finanzinstitutionen geschlossen.

Anbieter Technologie Zugangsmodell Zielgruppe Stärken Schwächen
IBM Quantum Supraleitende Qubits Cloud (IBM Quantum Platform) Forschung, Großunternehmen, Banken Größtes öffentliches Netzwerk, starke Entwickler-Community Fehlerrate bei höheren Qubit-Zahlen noch hoch
Google Quantum AI Supraleitende Qubits (Willow-Chip) Forschungspartnerschaften, Google Cloud (in Entwicklung) Wissenschaft, Tech-Konzerne Hohe Rechengeschwindigkeit, starke Forschungskapazität Kein breiter kommerzieller Zugang derzeit
IonQ Ionenfallen Cloud über AWS, Azure, Google Cloud Pharma, Finanzen, Verteidigung Hohe Fehlertoleranz, plattformunabhängig buchbar Skalierung technisch aufwendiger
Quantinuum (Honeywell) Ionenfallen Cloud und direkte Unternehmensverträge Chemie, Materialwissenschaft, Logistik Hohe Qubit-Qualität, industrielle Partnerschaften Weniger öffentlich bekannt, geringere Community
Rigetti Computing Supraleitende Qubits Cloud (Quantum Cloud Services) Start-ups, Forschungsinstitute Flexibles Preismodell, offene Entwicklertools Kleinere Systemgröße, wirtschaftlich unter Druck

Wer kauft — und warum

Die Frage, wer Quantencomputing-Dienste derzeit aktiv kauft, lässt sich überraschend konkret beantworten. Laut Bitkom haben rund 15 Prozent der deutschen Großunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden bereits erste Pilotprojekte im Quantencomputing gestartet oder planen dies konkret. Die Branchen mit dem größten Interesse: Finanzdienstleistungen, Pharmaindustrie und Logistik.

Im Finanzbereich sind es vor allem Optimierungsprobleme, die den Antrieb liefern. Portfoliooptimierung, Risikomodellierung, Betrugserkennung — klassische Algorithmen stoßen hier an Grenzen, die Quantenalgorithmen potenziell überwinden können. Die Deutsche Bank, JPMorgan und Goldman Sachs gehören zu den Institutionen, die öffentlich über Quantenprojekte berichten.

In der Pharmaindustrie steht die Molekülsimulation im Mittelpunkt. Neue Medikamente zu entwickeln bedeutet, das Verhalten von Molekülen auf atomarer Ebene zu verstehen — eine Aufgabe, die selbst modernste Supercomputer an ihre Grenzen bringt. Quantencomputer könnten Simulationszeit von Jahren auf Wochen reduzieren. Unternehmen wie Roche, Bayer und Pfizer haben entsprechende Kooperationen begonnen.

Besonders bemerkenswert ist das Engagement aus dem Handel: Die Schwarz-Gruppe, Mutterkonzern von Lidl und Kaufland, hat in das deutsche Quantencomputing-Startup Eleqtron investiert — ein Signal, dass Quantentechnologie längst keine reine Tech-Branche-Angelegenheit mehr ist. Lieferketten, Lagerverwaltung, Preisoptimierung: Für Handelskonzerne mit globalen Logistiknetzwerken könnten Quantenalgorithmen konkrete wirtschaftliche Vorteile bringen.

Regierungen als größte Einzelkäufer

Die größten Einzelinvestitionen kommen nicht aus der Privatwirtschaft, sondern von Regierungen. Die USA haben im Rahmen des National Quantum Initiative Act mehrere Milliarden Dollar in Forschung und Infrastruktur gesteckt. China verfolgt nach eigenen Angaben ein ähnlich dimensioniertes staatliches Programm. Die Europäische Union investiert im Rahmen des Quantum Flagship-Programms rund eine Milliarde Euro in die heimische Quantenforschung.

Deutschland hat das Deutsche Zentrum für Quantencomputing ins Leben gerufen, und das Bundesministerium für Wirtschaft fördert mehrere Industrieprojekte. Hintergrund ist nicht nur technologischer Ehrgeiz, sondern auch Sicherheitspolitik: Quantencomputer könnten theoretisch bestehende Verschlüsselungsstandards brechen. Wer zuerst fehlertolerante Quantensysteme beherrscht, hält einen strategischen Schlüssel in der Hand — das wissen Regierungen in Washington, Peking und Berlin gleichermaßen.

Das Fehler-Problem: Warum „mehr Qubits" nicht gleich „besser" bedeutet

Eine der wichtigsten Unterscheidungen, die in der Berichterstattung oft untergeht: Die Anzahl der Qubits allein sagt wenig über die Leistungsfähigkeit eines Quantencomputers aus. Entscheidend ist die Fehlerrate. Qubits sind extrem empfindlich gegenüber Umgebungseinflüssen — Temperatur, Vibration, elektromagnetische Strahlung können Berechnungen verfälschen. Dieses Phänomen heißt Dekohärenz.

Die Lösung: fehlerkorrigierende Quantensysteme, die viele physische Qubits zu einem einzigen, stabileren „logischen Qubit" zusammenfassen. Das erfordert enorme Ressourcen — einige Schätzungen gehen davon aus, dass ein wirklich fehlertolerantes System tausende physische Qubits pro logischem Qubit benötigt. Das erklärt, warum selbst Systeme mit tausenden Qubits für komplexe Anwendungen noch nicht ausreichen. Gartner beschreibt diesen Zustand präzise: Quantencomputing befindet sich derzeit in der Phase, in der erste Erwartungen korrigiert werden und realistische Nutzungsszenarien erst entstehen.

Das bedeutet nicht, dass die Technologie nicht funktioniert — es bedeutet, dass der Weg zur breiten Anwendung länger ist als manche Pressemitteilung suggeriert.

Wie verändert Quantencomputing die digitale Infrastruktur?

Quantencomputing ist kein isoliertes Phänomen. Es verändert die gesamte digitale Infrastruktur, die darunter liegt. Verschlüsselungsstandards, auf denen das heutige Internet basiert, müssen angepasst werden — das US-amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST) hat bereits erste quantensichere Kryptografie-Standards verabschiedet. Telekommunikationsnetze, die Daten transportieren, müssen mittelfristig nachgerüstet werden.

Das berührt Infrastrukturentscheidungen weit jenseits des Quantencomputing-Sektors selbst. Wenn Mobilfunknetze auf neue Generationen umgestellt werden — wie etwa die laufende Abkehr von älteren Standards, wie sie sich etwa bei A1 Telekom Austria mit der Abschaltung des 2G-Mobilfunkstandards zeigt — dann fließen in diese Entscheidungen auch Überlegungen zur langfristigen Sicherheitsarchitektur ein. Auch Netzbetreiber, die durch Übernahmen und Fusionen wachsen — wie im Fall von Vodafone und der milliardenschweren Übernahme von Three — stehen vor der Frage, wie sie ihre Infrastruktur quantensicher gestalten.

Quantencomputing ist insofern kein reines Rechenthema. Es ist ein Infrastrukturthema, ein Sicherheitsthema, ein wirtschaftspolitisches Thema.

Was Unternehmen jetzt tun können — und was sie nicht tun sollten

Statista prognostiziert, dass bis zur Mitte dieses Jahrzehnts mehr als 5.000 Unternehmen weltweit aktiv Quantencomputing-Dienste nutzen werden. Doch was bedeutet das für Entscheidungsträger, die heute Budgets planen?

Erstens: Qualifikation aufbauen. Der Fachkräftemangel im Quantenbereich ist real. Bitkom weist darauf hin, dass Deutschland derzeit nicht genug Quantenspezialisten ausbildet, um den prognostizierten Bedarf zu decken. Unternehmen, die jetzt in Weiterbildung investieren, sichern sich Vorteile.

Zweitens: Anwendungsfälle identifizieren, bevor Hardware eingekauft wird. Wer Quantencomputing kauft, ohne konkrete Problemstellungen definiert zu haben, verbrennt Budget. Die relevante Frage lautet nicht „Sollen wir Quantencomputing nutzen?", sondern „Welche unserer Rechenprobleme würden von Quantenalgorithmen profitieren?"

Drittens: Cloud-Zugänge für Pilotprojekte nutzen. IBM, IonQ und andere bieten Einstiegsangebote, die ohne Millionenbudgets auskommen. Der Einstieg über die Cloud erlaubt es, Erfahrungen zu sammeln, ohne auf proprietäre Hardware festgelegt zu sein.

Was Unternehmen vermeiden sollten: Quantencomputing als Marketing-Instrument einzusetzen, ohne substanzielle Projekte dahinter zu stellen. Der Begriff „quantenbereit" taucht in immer mehr Unternehmenskommunikationen auf — oft ohne Substanz. Gartner warnt ausdrücklich vor überhöhten Erwartungen und empfiehlt, Quantencomputing-Investitionen an konkrete Geschäftsziele zu koppeln.

Das Rennen ist offen — aber nicht unentschieden

Wer derzeit führt im globalen Quantencomputing-Rennen? Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an, welchen Maßstab man anlegt. Nach Anzahl der Systeme im kommerziellen Einsatz führt IBM. Nach Rechengeschwindigkeit bei bestimmten Benchmarks beansprucht Google die Spitze. Nach Fehlertoleranz und technischer Reife des Qubit-Designs argumentieren Anhänger der Ionenfallen-Technologie für IonQ und Quantinuum.

Was alle Akteure eint: Die erste wirklich nützliche, skalierbare Quantenanwendung — jene Killer-Applikation, die Quantencomputing für die breite Wirtschaft unentbehrlich macht — steht noch aus. Sie ist nicht unmöglich, nicht einmal unwahrscheinlich. Aber sie ist noch nicht da. Wer das versteht, kann fundierte Entscheidungen treffen. Wer es ignoriert, folgt dem Hype — und zahlt dafür einen

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