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Schwergewichtsboxen 2024: Wer trägt die vier Gürtel?

Fury, Joshua, Usyk — das aktuelle Titelkonzert

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Schwergewichtsboxen 2024: Wer trägt die vier Gürtel?

Das Schwergewichtsboxen erlebt derzeit eine der spannendsten Phasen seiner Geschichte. Während in anderen Sportarten wie der Bundesliga etablierte Stars dominieren, kämpfen im Boxring mehrere Titanen um die Suprematie. Fury, Joshua, Usyk und Dubois prägen das aktuelle Titelkonzert und sorgen für Diskussionen, die weit über die Ringseile hinausgehen. Doch wer hält eigentlich welchen Gürtel – und was bedeutet das für die Hierarchie im Schwergewicht?

Die aktuelle Gürtelverteilung im Schwergewicht

Im modernen Schwergewichtsboxen gibt es vier anerkannte Weltverbände (WBC, WBA, IBF, WBO), was bedeutet: Es können theoretisch vier verschiedene Weltmeister gleichzeitig existieren – ein Phänomen, das die Suche nach dem „echten" Champion bis heute verkompliziert.
Schwergewichtsboxen: Wer hält welchen Gürtel?

Oleksandr Usyk dominiert das Schwergewichtsboxen wie kein anderer seiner Generation. Der ukrainische Champion hält mit dem WBA-Gürtel, dem WBO-Gürtel und dem WBC-Titel gleich drei der vier großen Verbandsgürtel – und damit den Status des lineal Champions. Diese Kombination macht Usyk zum unumstrittenen Favoriten in praktisch jeder Diskussion über die Hierarchie im Schwergewicht. Seine technische Brillanz, die überragende Ringgenauigkeit und die intellektuelle Herangehensweise an jeden Kampf haben ihn in den letzten Jahren kontinuierlich an die Spitze katapultiert. Wer Usyk heute schlagen will, braucht mehr als Kraft – er braucht einen Plan.

Tyson Fury, der britische Hüne aus Manchester, war lange Zeit eine der dominantesten Kräfte des Sports. Seine Geschichte liest sich wie ein Drehbuch: mentale Tiefs, Comeback, WBC-Krone, Weltstar. Doch nach seinen beiden Niederlagen gegen Usyk – darunter der dramatische Kampf in Riad – ist der „Gypsy King" nicht länger aktiver Titelhalter. Der WBC-Gürtel, den Fury so lange prägte, ist nach dem zweiten Usyk-Triumph ebenfalls an den Ukrainer übergegangen. Fury befindet sich derzeit in einer Phase der Neuausrichtung, und die Frage, ob er noch einmal für einen WM-Kampf zurückkommt, beschäftigt die gesamte Boxing-Community.

Anthony Joshua, einst Superstar und Aushängeschild des britischen Boxsports, befindet sich in einer Wiederaufbauphase. Der ehemalige IBO-, WBA- und IBF-Champion arbeitet daran, sich erneut in Schlagdistanz zu einem Titelkampf zu bringen. Nach seinen Niederlagen gegen Usyk und dem durchwachsenen Kampf gegen Daniel Dubois – den er durch TKO verlor – ist der Weg zurück an die Spitze steiniger denn je. Joshua hat die physischen Voraussetzungen, um an der Spitze mitzuhalten. Was ihm fehlt, ist Konstanz unter Druck.

Boxer Aktuelle Titel Bilanz (W-L-D) Letzte Aktion Ranking
Oleksandr Usyk WBA, WBO, WBC 22-0-0 Sieg gegen Fury (Rückkampf, Riad 2024) 1
Tyson Fury Keiner (ehem. WBC) 34-2-1 Niederlage gegen Usyk II 2
Daniel Dubois IBF 21-1-0 Titelverteidigung gegen Wilder (geplant) 3
Anthony Joshua Keiner 28-4-0 Niederlage gegen Dubois (IBF-Kampf 2024) 4
Joe Joyce Keiner 15-2-0 Niederlage gegen Zhang Zhilei 6

Schlüsselzahlen: 4 große Verbände im Profiboxen (WBA, WBC, WBO, IBF) – Usyk hält davon aktuell drei. Nur der IBF-Gürtel fehlt ihm zum „undisputed Champion". Daniel Dubois ist seit September 2024 IBF-Schwergewichtsweltmeister. Usyks Profirekord: 22 Siege, 0 Niederlagen. Fury bestritt insgesamt 37 Profikämpfe (34 Siege, 2 Niederlagen, 1 Unentschieden). Joshua hat in seiner Karriere vier WM-Gürtel gehalten. Das Schwergewicht ist seit 2020 in keine einzige Hand vereint gewesen – Usyk kommt dem Ziel der Vereinigung näher als jeder andere Boxer seiner Ära.

Usyk: Zwischen Legende und Vollständigkeit

Oleksandr Usyk hat sich als der mit Abstand beste Schwergewichtler unserer Zeit etabliert – und das Argument lässt sich kaum entkräften. Seine Karriere ist bemerkenswert: Als ehemaliger Cruisergewicht-Champion, der alle vier großen Gürtel in seiner Division hielt, stieg er nahtlos ins Schwergewicht auf und machte dort sofort Furore. Usyk kombiniert Geschwindigkeit, Präzision und Ring-IQ auf eine Weise, die nur wenige Boxer überhaupt erreichen – geschweige denn gegen härtere, schwerere Gegner aufrechterhalten können.

Die Siege gegen Joshua – zunächst 2021 in London, dann 2022 in Dschidda – sowie die beiden Erfolge gegen Fury haben Usyk in eine Liga katapultiert, die ihn unweigerlich in historische Diskussionen bringt. Darf man ihn mit Ali, Klitschko oder Lewis vergleichen? Noch ist es zu früh für endgültige Urteile. Aber die Richtung ist klar.

Was Usyk noch fehlt, ist der IBF-Gürtel, der derzeit bei Daniel Dubois liegt. Erst mit diesem letzten Puzzleteil würde Usyk den Status des „undisputed Champion" – des unbestrittenen Weltmeisters in allen vier großen Verbänden – erlangen. Ein solcher Moment wäre historisch. Die Verhandlungen laufen, der Kampf ist möglich. Die Frage ist: Wann?

Dubois: Der stille Titelhalter

Daniel Dubois wird in der öffentlichen Debatte oft vergessen – zu Unrecht. Der Brite hält mit dem IBF-Gürtel einen der vier großen Schwergewichtstitel und hat zuletzt eindrucksvoll bewiesen, dass er kein Übergangs-Champion ist. Sein Knockout-Sieg gegen Anthony Joshua im September 2024 war einer der spektakulärsten Momente des Jahres im Schwergewichtsboxen. Dubois trifft hart, bewegt sich kompakt und hat die Geduld eines reifen Kämpfers – obwohl er erst Mitte zwanzig ist.

Sollte Usyk tatsächlich gegen Dubois antreten, wäre es kein einfacher Spaziergang. Dubois verfügt über die Schlagkraft, jeden Kampf mit einem einzigen Treffer zu beenden. Genau das macht ihn so gefährlich – und genau das macht einen potenziellen Vereinigungskampf so attraktiv für die gesamte Boxwelt.

Fury und Joshua: Zwei Wege zurück

Tyson Fury bleibt trotz seiner aktuellen Situation einer der größten Namen des Sports. Der 36-Jährige hat in seiner Karriere bewiesen, dass er Rückschläge wegstecken und stärker zurückkommen kann – sein Comeback nach den schweren persönlichen Krisen Mitte der 2010er-Jahre ist legendär. Ob ihm das ein weiteres Mal gelingt, ist offen. Die Box-Community diskutiert lebhaft, ob ein drittes Aufeinandertreffen mit Usyk überhaupt noch Sinn ergibt oder ob Fury sich von der aktiven Karriere verabschieden sollte. Fury selbst hat sich noch nicht klar positioniert. Der „Gypsy King" bleibt unberechenbar – im Ring wie außerhalb.

Anthony Joshua hingegen steht vor einer anderen Art von Herausforderung. Nach der Niederlage gegen Dubois ist der Weg zurück an die Spitze lang. Joshua war nie ein Boxer, der über taktische Finesse glänzte – seine Stärken lagen stets in der Athletik, der Reichweite und der Schlagkraft. Doch mit 34 Jahren hat er noch Zeit, die richtigen Siege einzufahren und sich erneut für einen WM-Kampf zu qualifizieren. Ob er die mentale Stärke aufbringt, diesen Weg konsequent zu gehen, wird sich zeigen.

Was die Fragmentierung für den Sport bedeutet

Die aktuelle Situation im Schwergewichtsboxen ist ein Spiegelbild des modernen Profiboxsports insgesamt: Vier große Verbände, jeder mit seinem eigenen Champion, jeder mit seinen eigenen Interessen. Das macht es für Fans schwer, den Überblick zu behalten – und für Promoter lukrativ, die Kämpfe nach kommerziellen Gesichtspunkten zu verhandeln. Usyk kommt dem Ideal des einzigen, unbestrittenen Weltmeisters näher als jeder andere Boxer seit langer Zeit. Ob er es tatsächlich erreicht, hängt von Verhandlungen ab, die weit außerhalb des Rings stattfinden.

Eines ist sicher: Das Schwergewichtsboxen war selten so lebendig wie heute. Usyk als dominante Kraft, Dubois als hungriger Herausforderer, Fury als potenzieller Comeback-König und Joshua als ewiger Hoffnungsträger der britischen Fans – diese Konstellation verspricht in den kommenden Monaten noch einige große Abende. Wer am Ende mit allen Gürteln in der Hand dasteht, wird die Geschichte schreiben.

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