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Smartwatch misst Blutzucker: Samsung, Apple und die

Nicht-invasive Glukosemessung am Handgelenk — Stand der Technik

Von Markus Bauer 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Smartwatch misst Blutzucker: Samsung, Apple und die
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Blutzuckermessung gehört für Millionen von Diabetikern weltweit zur täglichen Routine.

Rund 537 Millionen Menschen weltweit leben mit Diabetes — und fast alle müssen sich täglich in den Finger stechen, um ihren Blutzucker zu messen. Die Smartwatch-Industrie verspricht seit Jahren, diesen schmerzhaften Schritt überflüssig zu machen. Doch zwischen Marketing-Versprechen und funktionierender Technologie klafft noch immer eine erhebliche Lücke.

Kerndaten: Weltweit leben laut International Diabetes Federation (IDF) über 537 Millionen Erwachsene mit Diabetes; bis zum Ende des Jahrzehnts soll die Zahl auf über 780 Millionen steigen. Der globale Markt für Blutzucker-Monitoring-Geräte wird von Statista auf über 20 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Apple, Samsung und mehrere Startups haben nicht-invasive Glukosemessung als strategisches Entwicklungsziel definiert — ein marktreifes Produkt mit klinisch validierten Werten existiert bislang jedoch bei keinem der großen Anbieter. Regulatorische Hürden, insbesondere die FDA-Zulassung in den USA sowie CE-Kennzeichnung im europäischen Raum, gelten als entscheidende Gatekeeper für jede kommerzielle Markteinführung.

Warum nicht-invasive Messung so schwierig ist

Um zu verstehen, warum die Smartwatch-Branche trotz milliardenschwerer Forschungsbudgets noch kein marktreifes Produkt vorweisen kann, lohnt ein Blick auf die Physik. Konventionelle Blutzuckermessgeräte analysieren eine echte Blutprobe — der Glukosegehalt wird elektrochemisch direkt bestimmt. Nicht-invasive Ansätze müssen dagegen durch Haut, Fettgewebe und Blutgefäße hindurch messen, ohne auch nur einen Tropfen Blut zu entnehmen.

Die gängigste Methode, die in aktuellen Forschungsprojekten verfolgt wird, ist die sogenannte Nahinfrarot-Spektroskopie (NIR). Dabei sendet ein Sensor Lichtwellen im nahen Infrarotbereich in das Gewebe unter der Haut. Glukosemoleküle absorbieren bestimmte Wellenlängen, und aus dem zurückgestreuten Lichtmuster lässt sich — theoretisch — auf die Konzentration schließen. Das klingt elegant, ist aber in der Praxis außerordentlich fehleranfällig: Hautfarbe, Körpertemperatur, Hydrationszustand, Schweiß und sogar die genaue Position der Uhr am Handgelenk können die Messung verfälschen. Hinzu kommt, dass Glukose im Gewebe nicht identisch mit dem Blutglukosespiegel ist — es gibt eine zeitliche Verzögerung, die in klinisch relevanten Situationen wie einer akuten Unterzuckerung gefährlich werden kann.

Weitere untersuchte Ansätze umfassen Raman-Spektroskopie, die Messung elektrischer Impedanz sowie die Auswertung von Schweißproben. Keiner dieser Wege hat bislang die entscheidende Hürde genommen: klinisch akzeptable Präzision unter realen Alltagsbedingungen.

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Apple: Jahrelanges Geheimprojekt mit ungewissem Ausgang

Kueche Frau Ernaehrung Blutzucker Gesundheit Mahlzeit Tabelle Zennews24
Kueche Frau Ernaehrung Blutzucker Gesundheit Mahlzeit Tabelle Zennews24

Innerhalb der Technologiebranche gilt Apples Glukose-Projekt als eines der ehrgeizigsten und teuersten Hardware-Vorhaben des Unternehmens überhaupt. Seit über einem Jahrzehnt arbeitet ein Team — zeitweise soll es mehrere hundert Ingenieure und Wissenschaftler umfasst haben — unter dem Projektnamen „E5" an der nicht-invasiven Messung. Erste Berichte über das Vorhaben tauchten bereits kurz nach der Übernahme des Startups RareLight durch Apple auf.

Nach übereinstimmenden Berichten von Bloomberg und anderen Branchenmedien hat Apple zuletzt Fortschritte beim Prototypenstadium gemeldet: Ein auf Licht basierendes Sensorsystem soll in ersten internen Tests plausible Glukosewerte geliefert haben. Allerdings ist der Abstand zwischen einem funktionierenden Labor-Prototyp und einem regulatorisch zugelassenen, massentauglichen Konsumentenprodukt enorm. Apple selbst hat sich zu dem Projekt nie offiziell geäußert.

Was Apple in der Zwischenzeit tut: Die Apple Watch integriert kontinuierlich neue Gesundheitssensoren — EKG, Blutoximetrie, Hauttemperatur, Sturzerkennungsfunktionen. Die Plattform wird also schrittweise aufgebaut. Wie das Unternehmen seine Software-Strategie weiterentwickelt, zeigt sich auch in der parallelen KI-Offensive: Apple Intelligence mit KI-Features für das iPhone deutet an, dass das Ökosystem zunehmend auf kontextbezogene Gesundheitsdaten ausgerichtet wird. Und mit der Öffnung von iOS 27 für mehrere KI-Modelle von Drittanbietern könnte die Auswertung biometrischer Sensordaten künftig auch externe Algorithmen einbeziehen.

Regulatorische Realität bremst Apple

Selbst wenn Apple morgen einen technisch funktionierenden Sensor vorstellen würde, dauert der Weg zur Marktreife Jahre. Die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) klassifiziert Blutzuckermessgeräte als Medizinprodukte der Klasse II oder III — je nach Anwendungsfall. Das bedeutet: klinische Studien, Zulassungsverfahren, und eine Nachweispflicht, dass das Gerät mindestens so präzise misst wie zugelassene Referenzgeräte. Ein falscher Messwert kann bei einem Diabetiker lebensbedrohliche Folgen haben, wenn er auf Basis falscher Daten Insulin dosiert. Diese Verantwortung ist regulatorisch und haftungsrechtlich nicht trivial.

Samsung: Offensiver, aber ebenfalls ohne marktreifes Produkt

Samsung geht das Thema kommunikativ direkter an als Apple. Das Unternehmen hat auf dem Mobile World Congress und anderen Branchenmessen wiederholt Glukosemessung als Entwicklungsziel für die Galaxy-Watch-Linie benannt. Interne Forschungspapiere und Patentanmeldungen zeigen, dass Samsung intensiv an Raman-Spektroskopie und NIR-Kombinationsansätzen arbeitet. Dennoch gilt dasselbe wie für Apple: In aktuellen Geräten — inklusive der Galaxy Watch Ultra — ist keine nicht-invasive Glukosemessung enthalten.

Was Samsung tatsächlich anbietet, ist die Integration mit kontinuierlichen Glukosesensoren (Continuous Glucose Monitors, CGM) von Drittanbietern. Geräte wie der Abbott FreeStyle Libre oder der Dexcom G7 kleben als kleines Pflaster auf dem Oberarm und messen Glukose im Gewebewasser über eine minimale Nadel — invasiv, aber erheblich komfortabler als klassische Fingerstiche. Diese Werte lassen sich auf der Galaxy Watch anzeigen. Das ist echter Mehrwert, aber keine technologische Eigenleistung Samsungs im Bereich der Sensorik.

Im breiteren Wettbewerbskontext — der Smartphone-Markt zeigt aktuell, wer zwischen Apple, Samsung und Huawei die Oberhand gewinnt — hat Samsung das Interesse daran, sich im Gesundheitsbereich zu differenzieren. Doch auch hier gilt: Differenzierung durch Marketing ist nicht dasselbe wie technologischer Vorsprung.

Kleinere Anbieter und Startups im Vergleich

Neben den beiden Platzhirschen gibt es eine Reihe von Startups, die behaupten, das Problem bereits gelöst zu haben. Das israelische Unternehmen Hagar hat einen CGM-Ansatz entwickelt, der ohne Nadel auskommt. Das US-amerikanische Startup Movano Health arbeitet an einem Ring-Formfaktor. Und das Unternehmen Know Labs proklamiert einen auf Radiofrequenz basierenden Sensor. Gemeinsam ist diesen Ankündigungen, dass unabhängige klinische Validierungsstudien mit ausreichend großen Probandenzahlen entweder noch ausstehen oder die veröffentlichten Ergebnisse unter Experten kontrovers diskutiert werden. Gartner listet nicht-invasive Glukosemessung in seinen Hype-Cycle-Analysen als Technologie, die sich noch im Stadium überzogener Erwartungen befindet — der sogenannte „Peak of Inflated Expectations" — und vor einer realistischen Marktdurchdringung noch mehrere Jahre vergehen dürften.

Anbieter / Produkt Technologieansatz Aktueller Status CGM-Integration Regulatorische Zulassung
Apple Watch (Series 10 / Ultra 2) NIR-Spektroskopie (intern, Projekt E5) Prototyp-Phase, kein Marktprodukt Nein (nativ) Keine
Samsung Galaxy Watch Ultra / Watch 7 Raman / NIR (Forschung) Forschungsphase, kein Marktprodukt Ja (Dexcom, Abbott via App) Keine (eigener Sensor)
Dexcom G7 (CGM-Pflaster) Elektrochemisch, minimal-invasiv Marktreif, weit verbreitet Drittgerät FDA-zugelassen, CE-zertifiziert
Abbott FreeStyle Libre 3 Elektrochemisch, minimal-invasiv Marktreif, weit verbreitet Drittgerät FDA-zugelassen, CE-zertifiziert
Know Labs (Startup) Radiofrequenz-Spektroskopie Klinische Testphase Nein Keine
Movano Health (Ring) NIR, Ring-Formfaktor Frühe Entwicklungsphase Nein Keine

Was Verbraucher und Patienten heute tatsächlich nutzen können

Die ernüchternde Realität für die mehr als vier Millionen Diabetiker in Deutschland: Eine nicht-invasive Glukosemessung per Smartwatch ist derzeit nicht verfügbar — und das gilt trotz aller Ankündigungen. Wer seinen Blutzucker kontinuierlich überwachen möchte, ist auf CGM-Systeme angewiesen. Diese haben in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht: Die aktuellen Pflastersensoren von Dexcom und Abbott sind kleiner, präziser und länger haltbar als frühere Generationen. Die Integration mit Smartphones und Smartwatches funktioniert reibungslos.

Für Menschen ohne Diabetes, die Glukoseschwankungen als Lifestyle-Metrik tracken wollen — ein wachsendes Marktsegment, das von Statista als Teil des globalen Wellness-Wearable-Markts mit jährlichen Wachstumsraten im zweistelligen Bereich beschrieben wird — sind CGM-Pflaster ebenfalls verfügbar, allerdings in Deutschland verschreibungspflichtig und ohne Kassenerstattung außerhalb der Indikation.

IDC-Analysten betonen in ihrer jüngsten Wearables-Marktanalyse, dass der eigentliche Differenzierungsfaktor im Smartwatch-Segment künftig im Bereich medizinisch validierbarer Sensoren liegen wird — nicht im Design oder der Akkulaufzeit. Unternehmen, die als erste klinisch belastbare, nicht-invasive Glukosemessung liefern, würden damit einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil erzielen, der schwer zu kopieren ist. Bitkom hat in seinen Studien zur Digitalisierung des Gesundheitswesens wiederholt auf die steigende Bereitschaft der Bevölkerung hingewiesen, Gesundheitsdaten digital zu erfassen — vorausgesetzt, Datenschutz und Messgenauigkeit werden gewährleistet.

Das Software-Ökosystem als unterschätzte Dimension

Ein technisch funktionierender Sensor ist nur die halbe Miete. Die zweite, oft unterschätzte Herausforderung ist die Software-seitige Auswertung. Rohsignale aus Spektroskopiesensoren sind kein Blutzuckerwert — sie müssen durch komplexe Algorithmen, häufig auf Basis maschinellen Lernens, in einen klinisch interpretierbaren Messwert übersetzt werden. Diese Algorithmen müssen für unterschiedliche Hauttypen, Körperzusammensetzungen und Umgebungsbedingungen kalibriert und validiert sein.

Apple hat mit seiner KI-Strategie — zuletzt durch das iOS-26.5-Update weiter ausgebaut — die Infrastruktur für datenintensive Auswertungen am Gerät geschaffen. Ob und wie diese Kapazitäten im Gesundheitsbereich genutzt werden, bleibt abzuwarten. Dass das Unternehmen dabei nicht immer reibungslos vorankommt, zeigen Berichte über Millionenzahlungen wegen verspäteter KI-Features bei Siri — ein Hinweis darauf, dass selbst für Apple ambitionierte Technologieversprechen und Markteinführungsrealität erheblich auseinanderfallen können.

Samsung setzt im Software-Bereich auf seine eigene Health-Plattform und hat Partnerschaften mit medizinischen Forschungseinrichtungen angekündigt. Auch hier: Ankündigungen sind keine Produkte.

Einordnung: Hoffnung ja, Hype nein

Die nicht-invasive Glukosemessung am Handgelenk ist kein unmögliches Ziel — sie ist ein schwieriges, das gut finanzierte Teams seit Jahrzehnten verfolgen. Die physikalischen und regulatorischen Hürden sind real, aber nicht prinzipiell unüberwindbar. Was die Branche und vor allem Verbraucher vermeiden sollten, ist die Verwechslung von Investitionsankündigungen und Patentmeldungen mit marktfähigen, klinisch validierten Produkten.

Für Diabetiker bedeutet das konkret: Die heute verfügbaren CGM-Pflastersysteme sind zuverlässig, regulatorisch geprüft und haben das Leben von Millionen Menschen nachweislich verbessert. Sie sind keine Übergangslösung, auf die man wartend herabschaut — sie sind der aktuelle Stand der Technik. Die Smartwatch-Ankündigungen von Apple und Samsung verdienen Aufmerksamkeit, aber noch keine Kaufentscheidungen.

Wann ein marktreifes, nicht-invasives Gerät tatsächlich verfügbar sein wird, lässt sich seriös nicht vorhersagen. Die Branche hat diese Frage in der Vergangenheit zu optimistisch beantwortet — das sollte als Maßstab für künftige Einschätzungen dienen.

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Markus Bauer
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Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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