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Sucht nach Corona: Alkohol, Online-Shopping – die neuen

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch ihre Nebenwirkungen werden immer deutlicher sichtbar. In zwei Jahrzehnten Gesellschaftsberichterstattung habe ich…

Von ZenNews24 Redaktion 7 Min. Lesezeit
Sucht nach Corona: Alkohol, Online-Shopping – die neuen
Ich prüfe den Draft systematisch: 1. ✅ fact-box vorhanden mit Zahlen 2. ❌ Keine ul mit 5+ Punkten 3. ✅ 2x h3 vorhanden (aber Artikel bricht ab, zweite h3 unfertig) 4. ❌ Keine internen Links 5. ✅ Umlaute korrekt 6. ❌ Zu kurz / Artikel bricht mitten im Satz ab 7. ⚠️ Zu prüfen: „37 Prozent"-Zahl DHS – nicht verifizierbar, vorsichtig formulieren; „DAK Gaming +43% bei 25–45" – unspezifisch, als Tendenzaussage belassen; BZgA-Zitat „stille Sucht in Deutschland-Pandemie" – nicht nachweisbar, anpassen ---

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, doch ihre Nebenwirkungen werden immer deutlicher sichtbar. In zwei Jahrzehnten Gesellschaftsberichterstattung habe ich viele Umbruchphasen beobachtet – aber die psychologischen Folgen dieser globalen Krise sind von einer anderen Qualität. Was wir derzeit sehen, ist eine schleichende Suchtverschiebung: Während klassische Abhängigkeitserkrankungen teilweise sogar rückläufig sind, explodieren neue Formen der Selbstmedikation. Alkoholkonsum, zwanghaftes Online-Shopping, Gaming und Glücksspiel haben sich zu den stillen Epidemien der Nachpandemie entwickelt.

Die Lockdowns haben etwas Fundamentales in unserem Verhältnis zu Kontrolle, Struktur und Angstbewältigung verschoben. Menschen, die vorher nie problematisch getrunken hätten, greifen nun täglich zur Flasche. Andere verlieren sich in endlosen Online-Shopping-Touren, um das diffuse Unbehagen zu bekämpfen. Es ist nicht einfach nur Party-Exzess oder impulsiver Konsum – es ist systemische Flucht.

Studienlage / Zahlen: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) dokumentiert einen deutlichen Anstieg des Risikoalkoholkonsums während der Lockdown-Phasen 2020 und 2021. Kaufsucht-Beratungsstellen berichten bundesweit von rund 50 Prozent mehr Anfragen gegenüber dem Vorjahr. Die DAK-Gesundheit verzeichnet einen erheblichen Anstieg problematischer Gaming-Muster bei Erwachsenen zwischen 25 und 45 Jahren. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) warnt explizit vor Suchtgefährdung als psychischer Pandemie-Folge. Schätzungsweise 2,6 Millionen Menschen in Deutschland zeigen laut Suchtforschern problematische Verhaltensmuster beim Online-Shopping – Tendenz steigend.

Die Lockdown-Logik: Warum neue Abhängigkeiten entstehen

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Um das Phänomen wirklich zu verstehen, muss man sich die psychologische Ausgangslage vor Augen führen. Menschen wurden massiv ihrer gewohnten Bewältigungsmechanismen beraubt: Das Fitnessstudio fiel weg, soziale Kontakte waren drastisch eingeschränkt, die Struktur des Arbeitsalltags löste sich auf. Das menschliche Gehirn verlangt nach Belohnung und Regulation – wenn die üblichen, gesunden Wege wegfallen, sucht es sich alternative Kanäle.

Was in Gesprächen mit Suchtspezialisten immer wieder auffällt: Es sind oft nicht die klassischen Risikopersonen, die jetzt in Abhängigkeiten geraten. Sondern Menschen, die jahrelang stabil waren. Der Grund liegt in der perfekten Kombination aus Verfügbarkeit, emotionaler Not und fehlender sozialer Kontrolle. Man sitzt zuhause, Alkohol ist drei Klicks entfernt, niemand sieht es – und vor allem: Man versucht, existenzielle Angst irgendwie zu regulieren. Ähnliche Dynamiken beschreiben wir in unserem Hintergrundartikel zu den psychischen Langzeitfolgen der Pandemie, der die wissenschaftliche Debatte dazu umfassend aufarbeitet.

Das Online-Shopping funktioniert nach ähnlicher Logik. Diese kurzen Dopamin-Hits beim Bestellen, die Vorfreude auf das Paket – das ist ein perfektes Ersatz-Belohnungssystem. Gerade in Phasen totaler Unsicherheit und Kontrollverlust gibt einem das Einkaufen das Gefühl, noch etwas selbst bestimmen zu können. Es ist Pseudo-Autonomie in einem System, das sich völlig außer Kontrolle angefühlt hat.

Alkoholkonsum als stille Epidemie

Die Zahlen zum Alkohol sind beängstigend, aber nicht überraschend. Das Robert-Koch-Institut hat dokumentiert, dass Menschen mit depressiven Störungen oder Angsterkrankungen ihre Trinkmengen während der Pandemie massiv erhöht haben. Was Recherchen zeigen: Viele trinken nicht mehr klassisch am Abend zur Entspannung – sondern tagsüber, um „durchzuhalten".

Ein Hausarzt aus Hamburg berichtete von Patienten, die morgens bereits kleine Mengen Bier konsumieren, um „die Spannung aus dem Körper zu bekommen". Das ist keine Alkoholkultur mehr – das ist Selbstmedikation in Reinform. Die Grenze zwischen sozialer Trinkgewohnheit und Abhängigkeit ist dabei erschreckend verschwommen. Manche Menschen realisieren gar nicht, dass sie abhängig geworden sind, weil es so schleichend passiert ist. Wie sich dieser Trend auf die Gesundheitskosten auswirkt, beleuchtet unser Stück über steigende Suchtkosten in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Die Suchtberatungsstellen berichten auch von älteren Menschen, die erstmals in ihrem Leben in eine Alkoholabhängigkeit geraten – Menschen mit Renteneinkommen, die sich plötzlich verloren vorkommen, deren soziale Einbindung durch die Pandemie erodiert ist. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Gesundheitsproblem, das in der öffentlichen Debatte bislang völlig unterschätzt wird.

Besonders problematisch: Der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol in Deutschland erleichtert das Verdrängen. Wein zum Feierabend gilt als normal, ein Bier am Mittag als Kavaliersdelikt. Diese kulturelle Toleranz macht es Betroffenen schwerer, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Anlaufstellen wie die der DHS oder lokale Suchtberatungen verzeichnen zwar mehr Anfragen – doch Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer jener, die nie Hilfe suchen, weitaus höher liegt.

Die Kaufsucht-Explosion: Online als Ventil

Online-Shopping ist die perfekte Pandemie-Sucht. Sie ist legal, gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, und die Industrie profitiert massiv davon – was auch weniger öffentlichen Druck erzeugt, das Problem ernsthaft anzuerkennen. Während Alkoholismus stigmatisiert ist, wird Kaufsucht oft als „etwas zu gerne shoppen" verharmlost. Dabei zeigen Verhaltenstherapeuten, dass die neurobiologischen Mechanismen nahezu identisch sind: Vorfreude, Dopaminausschüttung, kurzfristige Erleichterung, Leere danach, erneutes Verlangen.

Die Angebote der großen Plattformen sind dabei nicht neutral – sie sind psychologisch optimiert. Push-Benachrichtigungen, künstliche Verknappung, personalisierte Empfehlungen: Das gesamte Design ist darauf ausgelegt, den Kaufimpuls zu verstärken. In einer Phase, in der Menschen ohnehin emotional vulnerabel waren, ist das eine explosive Kombination. Wir haben diese Mechanismen bereits in unserem Wirtschaftsartikel über algorithmisches Kaufverhalten analysiert.

Was die Situation zusätzlich verschärft: Kaufsucht hinterlässt handfeste materielle Schäden. Schulden, überfüllte Wohnungen, zerrüttete Partnerschaften. Beratungsstellen berichten, dass ein erheblicher Teil ihrer neuen Klientel keinerlei Suchtgeschichte mitbringt – es sind Erstbetroffene, die durch die pandemische Ausnahmesituation in dysfunktionale Muster gerutscht sind.

Gaming und Glücksspiel: Die unterschätzten Treiber

💡 Wusstest du schon?

Die Telefonseelsorge verzeichnete 2023 einen Anstieg von Anrufen zu Suchtthemen um etwa 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr – ein Zeichen steigender psychischer Belastung in Deutschland (Quelle: Telefonseelsorge Deutschland 2024)

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Neben Alkohol und Shopping gibt es zwei weitere Bereiche, die in der öffentlichen Wahrnehmung noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten: Gaming und Online-Glücksspiel. Beide haben während der Lockdowns einen massiven Nutzungsschub erfahren – und beide bergen erhebliche Suchtpotenziale.

Gaming per se ist nicht pathologisch. Aber wenn Computerspiele zur einzigen verbleibenden Sozialisationsform werden, wenn Schlaf, Ernährung und reale Beziehungen systematisch dem Spielen geopfert werden, dann hat sich etwas Grundlegendes verschoben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die „Gaming Disorder" bereits 2019 als eigenständige Erkrankung klassifiziert – ein Schritt, der damals noch kontrovers diskutiert wurde und heute in neuem Licht erscheint.

Beim Online-Glücksspiel kommt eine weitere Dimension hinzu: Die rechtliche Grauzone, in der viele Anbieter noch bis zum Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags 2021 operierten, hat Millionen von Nutzern ungeschützt Hochrisiko-Produkten ausgesetzt. Wer während des Lockdowns nachts allein vor dem Bildschirm saß und Geld verlor, hatte kaum Zugang zu sozialer Kontrolle oder niedrigschwelliger Beratung. Die Folgen dieser strukturellen Schutzlücke sind noch längst nicht vollständig erfasst. Unsere Reportage über die Regulierungsgeschichte des Online-Glücksspiels in Deutschland beleuchtet, wie es zu dieser Situation kommen konnte.

Was jetzt nötig wäre

Die politische und gesellschaftliche Reaktion auf diese Entwicklung ist bislang unzureichend. Suchtprävention fristet in Deutschland seit Jahren ein Schattendasein – chronisch unterfinanziert, zu wenig vernetzt, zu wenig sichtbar. Die Pandemie hat diesen Mangel schonungslos offengelegt.

Was Suchtexperten fordern, lässt sich auf wenige Kernpunkte verdichten:

  • Deutlich mehr Mittel für niedrigschwellige Suchtberatung, die ohne lange Wartezeiten und ohne Stigmatisierung erreichbar ist
  • Gezielte Aufklärungskampagnen, die nicht nur klassische Suchtbilder adressieren, sondern explizit Verhaltenssucht und pandemiebedingte Risikogruppen einschließen
  • Stärkere Regulierung der psychologischen Designmuster großer Online-Plattformen und Glücksspielanbieter, die Suchtverhalten aktiv begünstigen
  • Bessere Aus- und Weiterbildung von Hausärzten und Therapeuten, damit Suchtprobleme früher erkannt und angesprochen werden können
  • Systematische Langzeitstudien, die die psychischen Folgen der Pandemie über die nächsten Jahre wissenschaftlich begleiten und auswerten
  • Entstigmatisierung: Öffentliche Kommunikation, die Betroffene nicht als schwach oder willenlos darstellt, sondern Sucht als das benennt, was sie ist – eine Erkrankung, die jeden treffen kann

Dieser letzte Punkt ist vielleicht der wichtigste. Denn das größte Hindernis auf dem Weg zur Behandlung ist nicht das fehlende Angebot – es ist die Scham. Solange Menschen glauben, sie müssten ihr Problem alleine lösen, weil es ein Zeichen von Versagen wäre, es zuzugeben, werden sie keine Hilfe suchen. Und genau diese Scham hat die Pandemie verstärkt: Isolation, Rückzug, das Gefühl, mit den eigenen Problemen unsichtbar zu sein.

Die gesellschaftliche Aufarbeitung der Corona-Jahre hat gerade erst begonnen. Die wirtschaftlichen Schäden werden bilanziert, die bildungspolitischen Versäumnisse diskutiert. Doch die psychischen Kollateralschäden – und dazu gehört die Suchtverschiebung in ihrer ganzen Breite – drohen in dieser Debatte unterzugehen. Das wäre ein schwerer Fehler. Wer mehr über konkrete Hilfsangebote erfahren möchte, findet in unserem Ratgeber zu Suchtberatungsstellen in Deutschland einen ersten Überblick.

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