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Carsharing-Boom in deutschen Städten

Wer liegt vorn?

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Carsharing-Boom in deutschen Städten

Der Markt für Carsharing in deutschen Städten wächst – doch von einem „beispiellosen Boom" kann man nur bedingt sprechen. Die Branche hat nach einer euphorischen Expansionsphase eine deutliche Konsolidierung erlebt, mehrere Anbieter haben ihren Betrieb eingestellt oder massiv reduziert. Was bleibt, ist ein reiferer, selektiverer Markt mit echten Chancen – aber auch klaren Grenzen. Wir beleuchten, wer die großen Anbieter sind, welche Fahrzeuge zum Einsatz kommen und für wen sich Carsharing tatsächlich lohnt.

Faktencheck: Die im Draft genannte Zahl von „über 4 Millionen registrierten Carsharing-Nutzern" stammt nicht vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), das Carsharing-Nutzer nicht erfasst. Diese Zahl wird vom Bundesverband CarSharing (bcs) veröffentlicht und bezieht sich auf registrierte – nicht aktive – Nutzerkonten. Das KBA erfasst hingegen zugelassene Fahrzeuge und Halter. WeShare ist zudem kein Joint Venture mit Sixt, sondern ein eigenständiges Volkswagen-Projekt. DriveNow wurde nicht in „BMW Connected Drive" umbenannt, sondern fusionierte 2019 mit dem Daimler-Dienst car2go zur Marke Share Now, die in Deutschland mittlerweile ebenfalls eingestellt wurde. Diese Ungenauigkeiten wurden im überarbeiteten Text korrigiert.

Der Carsharing-Markt in Deutschland: Zahlen und Realität

Carsharing-Boom in deutschen Städten

Carsharing ist in deutschen Städten längst kein Nischenprodukt mehr – aber auch kein unaufhaltsamer Triumphzug. Nach Angaben des Bundesverbands CarSharing (bcs) waren Anfang 2024 rund 4,6 Millionen Personen bei mindestens einem Carsharing-Anbieter registriert. Wichtig: Registriert bedeutet nicht automatisch aktiv genutzt. Die tatsächliche Zahl regelmäßiger Nutzer liegt nach Branchenschätzungen deutlich niedriger.

Die Schwerpunkte liegen erwartungsgemäß in den Großstädten. Berlin, München, Hamburg und Köln verzeichnen die höchste Fahrzeugdichte und das breiteste Angebot. In mittelgroßen Städten wie Nürnberg, Hannover oder Freiburg existieren oft nur einzelne Anbieter oder stationsgebundene Systeme. Auf dem Land ist Carsharing bislang kaum präsent – was strukturell auch kaum zu ändern ist, solange die Auslastung nicht stimmt.

Der ADAC hat in mehreren Analysen festgestellt, dass Carsharing wirtschaftlich vor allem dann sinnvoll ist, wenn man ein Fahrzeug weniger als 10.000 Kilometer pro Jahr bewegt und in einer gut versorgten Stadt lebt. Für Vielfahrer mit regelmäßigen Pendelstrecken rechnet sich das eigene Fahrzeug in der Regel weiterhin. Entscheidend ist die individuelle Nutzungssituation – pauschale Empfehlungen greifen hier zu kurz.

Wer sich intensiver mit den Alternativen zur Elektromobilität im Alltag beschäftigt oder überlegt, ob ein Neuwagen oder Gebrauchtwagen die bessere Wahl ist, findet bei uns weiterführende Ratgeber.

Die großen Carsharing-Anbieter im Vergleich

Der deutsche Carsharing-Markt hat eine deutliche Bereinigung hinter sich. Mehrere Anbieter, die noch vor wenigen Jahren aggressiv expandierten, haben ihre Dienste reduziert oder vollständig eingestellt. Was geblieben ist, sind Anbieter mit tragfähigen Geschäftsmodellen – und unterschiedlichen Ansätzen.

Free-Floating vs. Stationscarsharing: Zwei Welten

Free-Floating-Systeme erlauben es Nutzern, ein Fahrzeug innerhalb eines definierten Geschäftsgebiets flexibel abzustellen – also ohne feste Rückgabestation. Das ist praktisch für spontane Einzelfahrten in der Stadt, kann aber zu Frustrationen führen, wenn kein Fahrzeug in der Nähe verfügbar ist. Stationscarsharing hingegen funktioniert wie eine klassische Autovermietung im Kleinen: Fahrzeug reservieren, an der Station abholen, dorthin zurückbringen. Das erfordert mehr Planung, bietet dafür günstigere Stundenpreise und mehr Verlässlichkeit – besonders für längere Ausflüge oder Wochenendtrips.

Miles – der größte Free-Floater

Miles hat sich nach dem Rückzug mehrerer Konkurrenten als führender Free-Floating-Anbieter in Deutschland etabliert und ist nach eigenen Angaben in mehr als 40 Städten aktiv. Das Unternehmen setzt auf eine gemischte Flotte und hat seinen Elektroanteil schrittweise ausgebaut. Die Abrechnung erfolgt bei Miles ungewöhnlich: Es wird nicht nach Zeit, sondern nach gefahrenen Kilometern berechnet – was bei kurzen Stadtfahrten im Stau teuer werden kann, bei zügigen Verbindungen aber günstiger ist als zeitbasierte Modelle.

WeShare – Volkswagens städtisches Elektroprojekt

WeShare ist ein eigenständiges Projekt der Volkswagen-Gruppe und setzt konsequent auf Elektrofahrzeuge – primär den VW ID.3 und ID.4. Nach einer ambitionierten Startphase hat der Anbieter sein Angebot auf wenige deutsche Großstädte konzentriert, darunter Berlin und Hamburg. Wer Carsharing nutzen möchte, um erstmals praktische Erfahrungen mit einem Elektroauto zu sammeln, findet bei WeShare einen guten Einstiegspunkt. Mehr zur Frage, wie sich Elektroautos im Alltagsbetrieb schlagen, lesen Sie in unserem Praxisbericht.

Flinkster – das stationsgebundene Netz der Deutschen Bahn

Flinkster, das Carsharing-Angebot der Deutschen Bahn, verfolgt ein anderes Konzept: feste Stationen, oft an Bahnhöfen und Haltepunkten. Das macht Flinkster besonders attraktiv für multimodale Reiseketten – also die Kombination aus Bahn und Fahrzeug. Die Preise sind bei längeren Mietzeiten oft günstiger als beim Free-Floating, der Fuhrpark variiert stark nach Standort. Für Menschen, die Carsharing vor allem für Ausflüge und nicht für tägliche Kurzstrecken nutzen, ist Flinkster häufig die wirtschaftlichere Wahl.

Fahrzeugmodelle im Carsharing: Was rollt auf deutschen Straßen?

Die Flotten der Carsharing-Anbieter sind in Bewegung. Während vor einigen Jahren überwiegend kompakte Verbrenner dominierten, liegt der Elektroanteil bei neueren Flotten inzwischen je nach Anbieter zwischen 30 und 60 Prozent. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über typische Fahrzeuge, Antriebsarten und grobe Kostenstrukturen der wichtigsten Anbieter:

Anbieter Modell-Beispiele Antrieb Preismodell Ø Kosten (Stadt) Verfügbarkeit
Miles Renault Clio, Peugeot 208, BMW 1er, Smart #1 Benzin & Elektro Pro Kilometer ca. 0,26–0,36 €/km 40+ Städte
WeShare VW ID.3, VW ID.4 Elektro Pro Minute ca. 0,19–0,29 €/min Berlin, Hamburg
Flinkster VW Golf, Skoda Octavia, diverse Benzin, Diesel, Elektro Pro Stunde + km ab ca. 3,00 €/h + km 150+ Stationen bundesweit
Stadtmobil VW Polo, Renault Zoe, Opel Corsa Benzin & Elektro Pro Stunde + km ab ca. 2,50 €/h + km Regional (v. a. Süddeutschland)
Cambio VW Up, Ford Fiesta, diverse Benzin & Elektro Pro Stunde + km ab ca. 2,80 €/h + km Bremen, Köln, Aachen u. a.

Hinweis: Preise sind Richtwerte und können je nach Tarif, Tageszeit und Buchungsdauer abweichen. Stand: Frühjahr 2024.

Für wen lohnt sich Carsharing wirklich? Ein ehrlicher Ratgeber

Bevor man sich bei einem oder mehreren Anbietern registriert, lohnt ein ehrlicher Blick auf die eigenen Mobilitätsgewohnheiten. Die folgenden Fragen helfen bei der Einschätzung:

Wie oft nutzen Sie ein Auto? Wer täglich pendelt und dabei mehr als 15.000 Kilometer pro Jahr zurücklegt, fährt mit einem eigenen Fahrzeug – Verbrenner oder Elektro – in aller Regel günstiger. Der ADAC empfiehlt Carsharing vor allem für Personen, die ein Auto nur gelegentlich brauchen und gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind.

Wo wohnen Sie? Carsharing funktioniert nur da gut, wo ausreichend Fahrzeuge verfügbar sind. In Innenstadtlagen mit dichtem Netz ist die Erfahrung eine andere als in Randlagen, wo man mitunter 20 Minuten zu Fuß zum nächsten Fahrzeug läuft.

Welche Fahrten planen Sie? Für spontane Stadtfahrten, den gelegentlichen Großeinkauf oder den Ausflug am Wochenende ist Carsharing ideal. Für tägliche Pendelstrecken oder regelmäßige Fahrten außerhalb der Städte stößt es an seine Grenzen.

Können Sie mehrere Anbieter kombinieren? Wer flexibel bleibt und je nach Bedarf zwischen Free-Floating und Stationscarsharing wechselt, holt das Beste aus beiden Welten heraus. Viele Nutzer kombinieren Carsharing außerdem mit dem Deutschlandticket im öffentlichen Nahverkehr – eine Kombination, die besonders in der Stadt hohe Fixkosten vermeidet.

Elektroauto ausprobieren? Wer erwägt, sein nächstes Fahrzeug elektrisch zu kaufen, kann Carsharing als kostengünstigen Testlauf nutzen. Anbieter wie WeShare bieten ausschließlich Elektrofahrzeuge an – ideal, um Reichweitenverhalten, Ladeprozess und Alltagstauglichkeit ohne Kaufrisiko zu erleben. Unser Ratgeber zu Elektroauto-Kaufberatung und Förderungen liefert ergänzende Informationen.

Kosten ehrlich durchgerechnet: Ein Beispiel

Angenommen, Sie leben in Berlin und nutzen ein Auto etwa dreimal pro Woche für je 45 Minuten Stadtfahrt. Bei Miles ergeben sich bei durchschnittlich 8 Kilometern pro Fahrt und 0,30 Euro pro Kilometer Kosten von rund 2,40 Euro pro Fahrt – also etwa 7,20 Euro pro Woche oder knapp 375 Euro pro Jahr. Hinzu kommen keine Versicherungs-, Wartungs- oder Parkkosten. Ein eigenes Kleinfahrzeug kostet inklusive aller Fixkosten selbst bei sparsamer Nutzung selten unter 300 bis 400 Euro monatlich. Der Vorteil des Carsharings ist hier rechnerisch eindeutig.

Anders sieht es aus, wenn Sie täglich 30 Kilometer zur Arbeit fahren: Bei Miles würden allein die Fahrkosten bei 0,30 Euro/km und 22 Arbeitstagen im Monat rund 396 Euro betragen – und damit die Fixkosten eines eigenen Fahrzeugs deutlich überschreiten.

Ausblick: Wohin entwickelt sich der Markt?

Die Konsolidierung des Marktes ist noch nicht abgeschlossen. Es ist davon auszugehen, dass mittelfristig nur

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