Wirtschaft

China-Abhängigkeit: Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft

Vorleistungen, Absatzmaerkte, Rohstoffe - wo Deutschland am verwundbarsten ist

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit
China-Abhängigkeit: Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft

Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer zunehmend kritischen Abhängigkeit von China – einem Land, das nicht nur Handelspartner, sondern auch geopolitischer Rivale ist. Während die Debatte über die Entkopplung von chinesischen Lieferketten lange Zeit als ideologische Diskussion abgetan wurde, zeigt sich derzeit in Unternehmen vom Maschinenbau bis zur Halbleiterindustrie: Die Risiken dieser Abhängigkeit sind real, messbar und wachsen. Eine differenzierte Analyse offenbart dabei ein komplexes Bild – nicht überall ist Deutschland gleich verwundbar, aber in einigen Bereichen sind die Abhängigkeiten existenziell.

Die unterschätzte Verwundbarkeit deutscher Lieferketten

Aktuell importiert Deutschland Waren im Wert von über 140 Milliarden Euro pro Jahr aus China. Das entspricht etwa 10 Prozent der gesamten deutschen Einfuhren und macht China zum mit Abstand wichtigsten Importland. Doch die bloße Summe erzählt nur die halbe Geschichte. Entscheidend ist, wo sich China in den deutschen Lieferketten eingenistet hat – und dort zeigen sich erhebliche Konzentrationsrisiken.

China-Abhängigkeit Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft
China-Abhängigkeit Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft

Derzeit lassen sich drei kritische Abhängigkeitszonen identifizieren: erstens Vorleistungen und Komponenten für die Industrie, zweitens die Absatzmärkte für deutsche Produkte in China selbst, und drittens der Zugang zu Rohstoffen, die über chinesische Verarbeitungsketten laufen. In jedem dieser Bereiche entstehen Verwundbarkeiten, die nicht einfach durch Umlagerung von Produktion gelöst werden können.

Das ifo-Institut warnt vor einer Kombination aus Angebots- und Nachfragerisiken. Während viele deutsche Unternehmen befürchten, ihre Versorgung mit kritischen Komponenten zu verlieren, fürchten gleichzeitig andere, ihre wichtigsten Absatzmärkte zu gefährden. Diese doppelte Exposition gegenüber China ist historisch ungewöhnlich und unterscheidet Deutschland von vielen anderen westlichen Industrieländern.

Konjunkturindikator: Deutsche Exporte nach China sind im laufenden Jahr um durchschnittlich 8,5 Prozent zurückgegangen, während die Importe aus China stabil blieben. Dies deutet auf ein strukturelles Nachfrageproblem in China hin, das deutsche Exporteure spürbar trifft. (Quelle: Deutsche Bundesbank)

Vorleistungen und Komponenten: Die unsichtbare Abhängigkeit

Elektronik, Seltene Erden und strategische Materialien

Der deutsche Maschinenbau, eines der Flaggschiffe der Exportwirtschaft, ist in kritischer Weise abhängig von chinesischen Vorleistungen. Halbleiter, Leiterplatten, Speichermodule und elektronische Komponenten fließen zu einem erheblichen Anteil aus China oder über chinesische Liefernetzwerke in deutsche Fabriken. Besonders kritisch ist die Situation bei Seltenen Erden und deren Verarbeitung: China kontrolliert schätzungsweise 85 bis 90 Prozent der globalen Verarbeitungskapazitäten für Neodym, Dysprosium und andere Elemente, die für Elektromotoren, Windkraftanlagen und Elektrofahrzeuge unerlässlich sind.

China-Abhängigkeit Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft
China-Abhängigkeit Risikoanalyse für die deutsche Wirtschaft

Für die deutsche Automobilindustrie, die ihre Transformation zur Elektromobilität vorantreibt, bedeutet dies ein strukturelles Risiko. BASF und andere Chemiekonzerne haben bereits ihre Produktionsstrukturen angepasst, doch die Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffverarbeitern bleibt bestehen. Laut EU-Kommission sind von den 34 kritischen Rohstoffen, die Brüssel in seiner aktuellen Liste führt, mehr als ein Dutzend zu über 80 Prozent von chinesischen Verarbeitungskapazitäten abhängig.

Was viele Betriebsräte und Geschäftsführer unterschätzen: Diese Abhängigkeit lässt sich nicht kurzfristig auflösen. Der Aufbau alternativer Verarbeitungskapazitäten für Seltene Erden im Westen würde mindestens fünf bis sieben Jahre dauern und Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe erfordern. Bis dahin bleibt die deutsche Industrie anfällig für chinesische Exportrestriktionen – ein Druckmittel, das Peking bereits im Herbst 2023 mit Exportkontrollen für Gallium und Germanium konkret eingesetzt hat.

Chemische Grundstoffe und Pharmazeutika

Ein weiterer kritischer Punkt liegt in der Pharmaindustrie und der Chemie. Deutschland importiert einen großen Teil seiner Wirkstoffe für Generika aus China und Indien, wobei China in der vorgelagerten Grundstoffproduktion dominant ist. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass diese Abhängigkeit zu Lieferengpässen führt – und dass politische Entscheidungen in Peking deutsche Krankenhäuser und Apotheken in ernsthafte Schwierigkeiten bringen können.

Die Bundesbank warnt vor einer neuen Welle von Lieferkettenrisiken, sollte es zu geopolitischen Spannungen oder neuen Handelskonflikten zwischen China und dem Westen kommen. Das besonders kritische Element: Diese Abhängigkeiten sind oft verborgen und lassen sich statistisch schwer abbilden, weil sie sich über mehrere Ebenen von Zulieferern erstrecken und in offiziellen Handelsstatistiken häufig nicht direkt als China-Bezug erscheinen.

Produkt/Sektor Anteil Importe aus China Kritikalität Alternativquellen verfügbar?
Seltene Erden (Verarbeitung) ~85–90 % Extrem hoch Nein, Aufbau dauert 5–7 Jahre
Halbleiter & Elektronik 45–60 % Sehr hoch Begrenzt; Taiwan/Südkorea teilweise abhängig
Pharmazeutische Wirkstoffe (Generika) ~60–70 % Hoch Ja, aber kostspielig (Indien, Europa)
Gallium & Germanium > 80 % Sehr hoch Nein, kaum Alternativen kurzfristig
Lithium-Ionen-Zellen ~70 % Hoch Begrenzt; Europa im Aufbau (CATL-Werke)
Maschinenbau-Vorleistungen 20–35 % Mittel Ja, Diversifizierung möglich

Der chinesische Absatzmarkt: Fluch und Segen zugleich

Die Abhängigkeit ist keine Einbahnstraße. China ist für zahlreiche deutsche Konzerne nicht nur Lieferant, sondern auch der wichtigste Wachstumsmarkt der vergangenen zwei Jahrzehnte. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz erwirtschafteten zeitweise bis zu 40 Prozent ihres globalen Absatzes in China. BASF investiert trotz aller geopolitischen Risiken weiter in einen milliardenschweren Verbundstandort in Zhanjiang. Diese Investitionsentscheidungen sind rational – sie spiegeln wider, dass sich chinesische Marktpräsenz über lange Zeit als hochprofitabel erwiesen hat.

Doch das Bild hat sich verändert. Chinesische Eigenmarken wie BYD, NIO und SAIC drängen inzwischen in Segmente vor, die traditionell von deutschen Premiumherstellern dominiert wurden. Der Marktanteil europäischer Automobilhersteller in China ist von über 25 Prozent im Jahr 2020 auf unter 20 Prozent gefallen – Tendenz weiter sinkend. Was als Partnerschaft begann, entwickelt sich zunehmend zu einem direkten Wettbewerb, bei dem die deutschen Hersteller ihre einstige Technologieführerschaft im Verbrenner-Segment nicht eins zu eins ins Elektrozeitalter übertragen konnten.

Marktanteil unter Druck: Europäische Automobilhersteller verloren zwischen 2020 und 2023 etwa fünf bis sieben Prozentpunkte Marktanteil in China. Gleichzeitig exportieren chinesische Hersteller wie BYD erstmals in nennenswertem Umfang nach Europa. Der Wettbewerb verlagert sich vom chinesischen Binnenmarkt auf den europäischen Heimatmarkt. (Quellen: ACEA, VDA)

De-Risking statt Decoupling: Was Unternehmen konkret tun

Die politische Diskussion in Berlin und Brüssel hat sich inzwischen vom Begriff der „Entkopplung" (Decoupling) zum pragmatischeren „De-Risking" verschoben. Dieser Schwenk ist nicht nur semantisch: Er anerkennt, dass eine vollständige Abkopplung von China weder realistisch noch wirtschaftlich sinnvoll wäre, dass aber eine gezielte Reduktion der gefährlichsten Abhängigkeiten notwendig ist.

Konkret bedeutet das für viele Unternehmen: China-plus-eins-Strategien, bei denen parallel zu chinesischen Lieferanten alternative Quellen in Vietnam, Indien, Malaysia oder Mexiko aufgebaut werden. Der Aufbau dieser alternativen Lieferketten ist jedoch nicht kostenlos – Schätzungen des McKinsey Global Institute zufolge könnten die Kosten für eine substantielle Diversifizierung globaler Lieferketten über das nächste Jahrzehnt mehrere Prozentpunkte des globalen BIP verschlingen.

Mittelständische Unternehmen stehen dabei vor besonderen Herausforderungen. Ihnen fehlt oft die Kapitalkraft, um parallel mehrere Lieferketten zu unterhalten. Für einen Maschinenbauer mit 500 Mitarbeitern in Bayern ist es kaum möglich, einen bewährten chinesischen Komponentenlieferanten einfach durch einen europäischen zu ersetzen – schon weil dieser oft gar nicht existiert. Hier entsteht eine strukturelle Schutzlücke, die staatliche Unterstützung – etwa über KfW-Programme oder EU-Förderinstrumente – erfordern würde.

Geopolitische Eskalationsszenarien: Was wäre der Worst Case?

Die nüchternste Frage, die sich Ökonomen und Unternehmensstrategen stellen, lautet: Was passiert, wenn es zu einer ernsthaften geopolitischen Eskalation kommt – etwa durch eine Verschärfung der Taiwan-Krise? Eine Studie des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) hat 2023 modelliert, dass ein abrupter Abbruch des Handels mit China die deutsche Wirtschaftsleistung kurzfristig um bis zu drei Prozent des BIP reduzieren könnte. Das wäre ein Schock von der Größenordnung der Finanzkrise 2008 – konzentriert auf wenige Quartale.

Besonders verwundbar wären dabei Branchen, die keine kurzfristigen Substitutionsmöglichkeiten haben: die Automobilindustrie wegen Seltener Erden und Batteriezellen, die Pharmaindustrie wegen Wirkstoffen, die Elektronikindustrie wegen spezifischer Komponenten. Ein solches Szenario ist nicht wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen – und genau das ist die Herausforderung einer rationalen Risikopolitik: Sie muss niedrigwahrscheinliche, aber hochschadhafte Ereignisse einpreisen, auch wenn das kurzfristig teuer ist.

Was jetzt politisch gefordert ist

Die Bundesregierung hat mit der im Sommer 2023 verabschiedeten China-Strategie einen ersten konzeptionellen Rahmen geschaffen. Doch Strategie und Umsetzung klaffen noch auseinander. Konkret fehlt es an verbindlichen Risikoberichtspflichten für Unternehmen mit signifikanter China-Exposition, an staatlich ko-finanzierten Programmen zum Aufbau alternativer Lieferketten und an einer europäisch koordinierten Rohstoffstrategie, die über die Ankündigungen des Critical Raw Materials Act hinausgeht.

Die Wirtschaftsverbände – von BDI bis DIHK – stehen dabei in einem Dilemma: Sie wissen um die Risiken, scheuen aber regulatorische Eingriffe, die kurzfristig die Wettbewerbsfähigkeit belasten. Dieser Interessenkonflikt ist verständlich, löst das Problem aber nicht. Ohne einen klaren politischen Rahmen werden einzelne Unternehmen die gesellschaftlichen Kosten einer zu späten Diversifizierung externalisieren – mit dem Ergebnis, dass am Ende der Steuerzahler einspringt.

Deutschland steht an einem Scheideweg. Die China-Abhängigkeit ist nicht das Ergebnis von Fehlern, sondern von jahrzehntelang rationalen Entscheidungen unter anderen geopolitischen Vorzeichen. Die Welt hat sich verändert – und die deutsche Wirtschaftspolitik muss diese Veränderung nun mit derselben strategischen Nüchternheit verarbeiten, mit der sie einst die Exportoffensive Richtung Osten betrieben hat. Wer jetzt zögert, riskiert, in fünf Jahren nicht mehr die Wahl zu haben.