Wirtschaft

Drägerwerk-Chef warnt vor EU-Regulierung und staatlichem

Stefan Dräger äußert sich zu Innovationshemmnissen, Medizintechnik und neuen Geschäftsfeldern.

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Drägerwerk-Chef warnt vor EU-Regulierung und staatlichem
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Lübecker Medizintechnik-Konzern Drägerwerk hat sich einmal mehr als kritische Stimme in der wirtschaftspolitischen Debatte positioniert.

Rund 16.000 Mitarbeiter, ein Jahresumsatz von knapp 3,8 Milliarden Euro und ein Familienunternehmen, das seit mehr als 130 Jahren an der Lübecker Förde verwurzelt ist: Drägerwerk steht für industrielle Kontinuität in einer Zeit, in der europäische Mittelständler unter wachsendem regulatorischem Druck stehen. Stefan Dräger, Vorstandsvorsitzender und Vertreter der fünften Familiengeneration, schlägt nun Alarm — und richtet seine Kritik direkt an Brüssel.

Regulierungsflut aus Brüssel: Dräger sieht Innovationsbremse

Stefan Dräger hat in einem öffentlichen Statement deutliche Kritik an der europäischen Regulierungspolitik geäußert. Die zunehmende Normenflut aus der EU — insbesondere im Bereich Medizintechnik — gefährde die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Hersteller gegenüber Anbietern aus den USA und Asien. Konkret nimmt Dräger die reformierte europäische Medizinprodukteverordnung (MDR) ins Visier, die seit ihrer vollständigen Anwendung erhebliche Mehrbelastungen für Zulassungsverfahren geschaffen hat.

Die MDR verpflichtet Hersteller zu einer umfassenderen klinischen Bewertung ihrer Produkte, längeren Zertifizierungsprozessen und einer engeren Anbindung an sogenannte Benannte Stellen — akkreditierte Prüfinstitutionen, von denen es in Europa nach wie vor zu wenige gibt. Das Ergebnis: Wartezeiten von mehreren Jahren für neue Produktzulassungen sind in der Branche keine Seltenheit mehr. Laut Angaben des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed) haben seit Inkrafttreten der MDR bereits mehrere hundert Produkte den europäischen Markt verlassen, weil die Zulassungskosten für Hersteller nicht mehr wirtschaftlich tragbar waren.

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Dräger stellt diese Entwicklung in einen größeren wirtschaftspolitischen Rahmen: Während Europa reguliere, investierten die USA massiv in Gesundheitstechnologie und KI-gestützte Diagnostik. Ähnliche Bedenken zur staatlichen Überregulierung von Technologiemärkten finden sich auch in der Debatte um Trumps Überdenken der KI-Politik und staatliche Regulierung im Gespräch, wo der Kontrast zwischen US-amerikanischem Pragmatismus und europäischem Regulierungsehrgeiz besonders deutlich wird.

Staatlicher Einfluss: Zwischen Partnerschaft und Bevormundung

Eu Flaggen Parlamentsgebaeude Bruessel Blauer Himmel Eingang Feierlich Fahnenmasten Zennews24
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Neben der Regulierungskritik warnt Stefan Dräger ausdrücklich vor einer wachsenden Tendenz zum staatlichen Dirigismus im Gesundheitswesen. Öffentliche Beschaffung, Preisdeckelungen für Medizinprodukte und eine zunehmende politische Einflussnahme auf Einkaufsentscheidungen in Krankenhäusern und Behörden sieht er als strukturelles Problem. Gerade Unternehmen wie Drägerwerk, die hochspezialisierte Sicherheitstechnik für Feuerwehren, Bergbauunternehmen und Krankenhäuser herstellen, seien auf verlässliche und marktgerechte Vergabeverfahren angewiesen.

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Die Diskussion um staatliche Markteingriffe ist dabei kein rein deutsches Phänomen. Das ifo Institut hat in seiner aktuellen Studie zur Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Mittelstands festgestellt, dass staatliche Preiseingriffe in regulierten Märkten mittelfristig Innovationsanreize senken, weil Unternehmen die Rentabilität von Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen nicht mehr kalkulieren können (Quelle: ifo Institut). Für kapitalintensive Sektoren wie die Medizintechnik ist das besonders gravierend: Entwicklungszyklen von fünf bis zehn Jahren sind üblich, und wer nicht sicher sein kann, zu welchem Preis er sein Produkt am Ende verkauft, wird weniger investieren.

Die Bundesbank warnte in ihrem jüngsten Monatsbericht ebenfalls vor strukturellen Belastungen für exportorientierte Industrieunternehmen, die durch regulatorische Unsicherheit und gedämpfte Auslandsnachfrage unter Druck geraten (Quelle: Deutsche Bundesbank). Drägerwerk, das rund drei Viertel seines Umsatzes im Ausland erzielt, ist von dieser Gemengelage unmittelbar betroffen.

Preispolitik im Gesundheitswesen: Ein strukturelles Dilemma

Die Debatte über Staatseinfluss berührt einen der sensibelsten Punkte im deutschen Gesundheitsmarkt: die Frage, wer die Preise für lebensnotwendige Medizintechnik bestimmt. Einerseits haben Krankenkassen und öffentliche Träger ein legitimes Interesse daran, Kosten zu kontrollieren. Andererseits führt ein zu starker Preisdruck dazu, dass Innovationen nicht mehr finanzierbar sind und europäische Hersteller gegenüber asiatischen Billiganbietern strukturell benachteiligt werden.

Stefan Dräger plädiert für ein differenzierteres Modell: Leistungsgerechte Vergütung für nachgewiesene Innovation statt pauschaler Kostendämpfung. Das klingt nach einem klassischen Unternehmensinteresse — ist aber auch sachlich nicht unbegründet. Wenn günstigere Beatmungsgeräte aus Fernost die heimische Produktion verdrängen, entstehen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch sicherheitspolitische Abhängigkeiten, wie die Pandemie eindrücklich gezeigt hat.

Neue Geschäftsfelder: Dräger setzt auf digitale Sicherheitstechnik

Trotz der öffentlich geäußerten Kritik steht Drägerwerk nicht still. Das Unternehmen treibt den Ausbau digitaler Lösungen in der Sicherheitstechnik aktiv voran — ein Bereich, der bislang als eher analog und hardware-lastig galt. Vernetzte Gaswarnsysteme, datengestützte Personensicherung im Industriebereich und KI-unterstützte Diagnosesysteme für Intensivstationen gehören zu den Wachstumsfeldern, die Dräger intern priorisiert.

Diese strategische Ausrichtung ist marktlogisch konsequent. Laut Statista wird der globale Markt für digitale Medizintechnik bis Ende des Jahrzehnts auf über 600 Milliarden US-Dollar anwachsen, mit besonders dynamischem Wachstum im Bereich KI-gestützter klinischer Entscheidungssysteme (Quelle: Statista). Wer hier nicht investiert, verliert mittelfristig Marktanteile an Technologiekonzerne, die von der Softwareseite in den Gesundheitsmarkt vordringen.

Gleichzeitig positioniert sich Dräger im industriellen Sicherheitssegment. Der Schutz von Arbeitnehmern in gefährlichen Umgebungen — Chemiewerke, Offshore-Plattformen, Tunnel- und Bergbaubetriebe — bleibt ein stabiles und wenig zyklisches Geschäftsfeld. Angesichts geopolitischer Spannungen und der damit verbundenen Diversifizierung von Lieferketten erwarten Analysten steigende Investitionen in industrielle Sicherheitsinfrastruktur. Die Risiken an kritischen Rohstoffrouten, wie sie der Geostratege beim neuen Normalzustand nach der Hormus-Öffnung beschreibt, erhöhen den Druck auf Unternehmen, ihre Anlagen und Belegschaften besser abzusichern.

KI als Querschnittstechnologie: Chance und regulatorische Herausforderung

Künstliche Intelligenz ist auch für Drägerwerk keine abstrakte Zukunftstechnologie mehr, sondern ein konkreter Entwicklungsschwerpunkt. In der Beatmungsmedizin können KI-Algorithmen dabei helfen, Beatmungsparameter in Echtzeit an den Zustand des Patienten anzupassen — eine Anwendung, die klinisch nachweislich Komplikationen reduzieren kann. In der Gasdetektion erlauben vernetzte Sensorsysteme mit lernenden Algorithmen eine vorausschauende Gefahrenanalyse statt reaktiver Alarmierung.

Doch hier schließt sich der regulatorische Kreis: KI-Systeme in Medizinprodukten unterliegen nicht nur der MDR, sondern künftig auch dem europäischen KI-Act, der für Hochrisiko-KI — und dazu zählen klinische Entscheidungssysteme ausdrücklich — umfangreiche Transparenz- und Dokumentationspflichten vorschreibt. Für Unternehmen wie Dräger bedeutet das: doppelte Regulierungslast, doppelter Aufwand, doppeltes Kostenrisiko.

Wie tiefgreifend KI bestehende Marktstrukturen verändern kann, zeigt auch die Perspektive aus dem Finanzsektor: KI-Agenten werden den Finanzmarkt transformieren, warnt der eToro-CEO — und was im Finanzbereich bereits greifbar wird, zeichnet sich in der Industrie- und Medizintechnik mit zeitlichem Versatz ab. Regulierung, die nicht mit der technologischen Entwicklung Schritt hält, droht in beiden Sektoren Innovation zu bremsen, statt sie zu steuern.

Wer profitiert, wer verliert?

Die von Stefan Dräger beschriebenen Dynamiken haben klare Gewinner und Verlierer. Auf der Verliererseite stehen zunächst mittelständische europäische Medizintechnikunternehmen, die weder die Ressourcen großer Konzerne haben, um Regulierungskosten abzufedern, noch die Skaleneffekte globaler Plattformanbieter nutzen können. Gerade kleine und mittelgroße Hersteller von Nischenprodukten — Beatmungsmasken, spezialisierte Analysegeräte, Schutzausrüstung für Extremumgebungen — laufen Gefahr, den europäischen Markt zugunsten günstigerer Anbieter aus Asien zu verlieren.

Das DIW Berlin hat in einer Studie zur Industriepolitik herausgearbeitet, dass die europäische Medizintechnikindustrie ihren globalen Marktanteil in den vergangenen Jahren kontinuierlich verloren hat — trotz hoher Qualitätsstandards und starker Patentbasis (Quelle: DIW Berlin). Als Ursache werden neben dem Lohnkostennachteil explizit regulatorische Mehrbelastungen genannt.

Profiteure der aktuellen Situation sind paradoxerweise große US-amerikanische Medizintechnikkonzerne wie Medtronic, GE HealthCare oder Philips Healthcare, die aufgrund ihrer Größe die Zulassungskosten leichter stemmen können und zugleich auf einem heimischen Markt agieren, der regulatorisch weniger komplex ist. Auch chinesische Anbieter wie Mindray oder Shenzhen Mindray Bio-Medical drängen mit zunehmend zertifizierungskonformen Produkten in europäische Krankenhäuser — oft mit deutlichen Preisvorteilen.

Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene betrifft das nicht nur die Bilanzen einzelner Unternehmen. Hochtechnologie-Arbeitsplätze in der deutschen Medizintechnik — laut BVMed bundesweit rund 250.000 direkte Beschäftigte — stehen mittel- bis langfristig unter Druck, wenn der Produktionsstandort Europa strukturell an Attraktivität verliert. Die sozialpolitischen Folgekosten solcher Entwicklungen sind schwer quantifizierbar, aber erheblich — ein Muster, das sich analog in anderen industriellen Transformationsprozessen zeigt, wie etwa bei den Debatten über Wohngeld-Kürzungen, vor denen der Mieterbund warnt, wo staatliche Sparentscheidungen komplexe gesellschaftliche Folgewirkungen entfalten.

Drägerwerk in Zahlen: Stabiles Fundament, wachsende Herausforderungen

Kennzahl Aktueller Wert Vorjahreswert Veränderung
Jahresumsatz ca. 3,8 Mrd. Euro ca. 3,6 Mrd. Euro +ca. 5,5 %
Mitarbeiter weltweit ca. 16.000 ca. 15.700 +ca. 1,9 %
Auslandsanteil Umsatz ca. 75 % ca. 73 % +2 Prozentpunkte
F&E-Quote (Umsatzanteil) ca. 8 % ca. 7,8 % +0,2 Prozentpunkte
Segment Medizintechnik (Umsatzanteil) ca. 55 % ca. 56 % –1 Prozentpunkt
Segment Sicherheitstechnik (Umsatzanteil) ca. 45 % ca. 44 % +1 Prozentpunkt

Konjunkturindikator: Der ifo-Geschäftsklimaindex für die deutsche Medizintechnikbranche liegt aktuell im neutralen Bereich — Unternehmen berichten zwar von stabiler Nachfrage aus dem Ausland, sehen aber wachsende regulatorische und bürokratische Belastungen als zentrales Hemmnis für Investitionsentscheidungen im Inland. Die Erwartungskomponente tendiert leicht negativ, was auf eine verhaltene Investitionsstimmung für die kommenden sechs Monate hindeutet (Quelle: ifo Institut).

Einordnung: Berechtigte Kritik mit interessenpolitischem Hintergrund

Stefan Drägers Warnungen verdienen ernsthafte Aufmerksamkeit — sind aber nicht ohne interessenpolitischen Kontext zu lesen. Ein Familienunternehmen, das seit Generationen von staatlichen Aufträgen, öffentlicher Infrastruktur und regulierten Märkten profitiert, hat ein nachvollziehbares Interesse daran, Regulierung dort zu kritisieren, wo sie die eigene Kostenstruktur belastet. Das mindert die sachliche Substanz der Argumente nicht grundsätzlich, sollte aber bei der Bewertung berücksichtigt werden.

Richtig ist, dass die europäische Medizintechnikregulierung reformbedürftig ist — das zeigen die Engpässe bei Benannten Stellen, die Produktrückzüge und die Innovationsbremse für kleinere Hersteller. Richtig ist auch, dass staatlicher Preisdruck im Gesundheitswesen tatsächlich Fehlanreize schafft. Die Forderung nach weniger Regulierung darf aber nicht pauschal mit der Forderung nach weniger Sicherheitsstandards gleichgesetzt werden — ein Unterschied, den die politische Debatte manchmal verwischt.

Vergleichbare Fragen stellen sich in anderen Hochtechnologiemärkten: Wie der FSB vor Schwachstellen im Private-Credit-Markt warnt, zeigt sich ein übergreifendes Muster — Regulierung, die zu spät kommt oder schlecht kalibriert ist, schafft neue Risiken, statt alte zu beseitigen. Und auch die Debatte um die Trump-Regierung, die auf KI-Regulierung statt Deregulierung setzt, illustriert, dass selbst dezidiert marktliberale Regierungen erkennen, dass technologische Märkte ohne Ordnungsrahmen nicht funktionieren — die Frage ist immer nur, welchen Rahmen man wählt.

Für Drägerwerk selbst gilt: Das Unternehmen ist solide aufgestellt, diversifiziert zwischen Medizin- und Sicher

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: Handelsblatt
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