Drägerwerk-Chef warnt vor EU-Regulierung und staatlichem
Stefan Dräger äußert sich zu Innovationshemmnissen, Medizintechnik und neuen Geschäftsfeldern.
Der Lübecker Medizintechnik-Konzern Drägerwerk hat sich einmal mehr als kritische Stimme in der wirtschaftspolitischen Debatte positioniert. Vorstandsvorsitzender Stefan Dräger warnt vor einer übermäßigen EU-Regulierung, die Innovation hemme, und prangert den sogenannten „Wohlfahrtsmythos" des Staates an – die Vorstellung, dass staatliche Eingriffe per se Sicherheit und Wohlstand garantierten. Die Aussagen treffen einen Nerv in der deutschen Wirtschaft, die sich zwischen Wachstumsambitionen und wachsendem regulatorischem Druck zunehmend eingeengt fühlt.
Dräger, dessen Familienunternehmen seit 139 Jahren Beatmungsgeräte, Gasdetektoren und Sicherheitssysteme für Medizin, Industrie und Bergbau herstellt, positioniert sich damit in einem breiteren Diskurs über die Balance zwischen staatlichen Schutzaufgaben und marktwirtschaftlicher Dynamik. Seine Warnung vor EU-weiter Überregulierung deckt sich mit Analysen des ifo-Instituts, das einen kontinuierlichen Anstieg von Compliance-Anforderungen als messbare Belastung für Mittelständler und größere Hidden Champions dokumentiert hat.
Drägerwerk als Global Player unter Regulierungsdruck
Drägerwerk zählt zu den international bedeutendsten Unternehmen in der Medizintechnik und Sicherheitsindustrie. Mit einem diversifizierten Geschäftsmodell und Präsenz in über 190 Ländern unterliegt der Konzern einem komplexen Regulierungsgeflecht, das von nationalen Zulassungsbehörden bis zur europäischen Gesetzgebung reicht. Stefan Dräger betont, dass insbesondere die europäische Regulierung – von der Medizinprodukte-Verordnung (MDR) bis zu wachsenden ESG- und Compliance-Anforderungen – einen administrativen Mehraufwand schaffe, der Unternehmen jeder Größenordnung unverhältnismäßig stark belaste.
Die jüngsten Geschäftszahlen zeigen ein Unternehmen, das trotz dieser Hürden operativ stabil ist, jedoch unter zunehmendem Margendruck steht. Laut Geschäftsbericht beschäftigt Drägerwerk rund 14.600 Mitarbeiter weltweit und erzielte im jüngsten abgeschlossenen Geschäftsjahr einen Gesamtumsatz von rund 3,8 Milliarden Euro. Das operative Wachstum bleibt moderat, die Profitabilität ist unter Druck geraten – ein Bild, das sich durch weite Teile der deutschen Medizintechnikbranche zieht.
| Kennzahl | Drägerwerk (aktuell) | Branchendurchschnitt Medizintechnik | Veränderung (YoY) |
|---|---|---|---|
| Gesamtumsatz (Mrd. Euro) | 3,8 | 3,2 – 4,5 | +2,1 % |
| Mitarbeiterzahl | 14.600 | 12.000 – 18.000 (Vergleichbare) | +1,2 % |
| EBITDA-Marge (%) | 8,5 | 10,0 – 15,0 | -0,7 PP |
| FuE-Quote (%) | 6,8 | 5,0 – 8,0 | +0,3 PP |
| Exportquote (%) | 78 | 70 – 85 | Stabil |
Auffällig ist die im Branchenvergleich unterdurchschnittliche EBITDA-Marge von 8,5 Prozent, während Wettbewerber wie Siemens Healthineers oder international agierende Medizintechnik-Konzerne teils Margen jenseits der zwölf Prozent ausweisen. Gleichzeitig investiert Drägerwerk mit einer FuE-Quote von 6,8 Prozent überdurchschnittlich in Forschung und Entwicklung – ein Zeichen dafür, dass das Unternehmen langfristig auf Innovation setzt, kurzfristig aber Profitabilität opfert.
Konjunkturindikator: Das ifo-Institut weist für das verarbeitende Gewerbe aktuell einen Geschäftsklima-Index von rund 83,5 Punkten aus – deutlich unterhalb des langjährigen Durchschnitts von etwa 100 Punkten. Der Medizintechnik-Sektor schneidet dabei besser ab als die Gesamtindustrie, wird aber durch regulatorische Hürden und steigende Zertifizierungskosten zunehmend gebremst. Die Deutsche Bundesbank warnt in ihrem jüngsten Monatsbericht vor einer Verlangsamung des Investitionswachstums, sollten nicht-zyklische Verwaltungslasten weiter zunehmen. Das DIW Berlin schätzt, dass regulatorischer Mehraufwand die effektive Wachstumsrate im verarbeitenden Gewerbe um bis zu 0,4 Prozentpunkte jährlich drücken kann. Statista-Daten zufolge sind die Compliance-Kosten im deutschen Mittelstand zwischen 2019 und 2023 um durchschnittlich 22 Prozent gestiegen.
Der Kern der Kritik: Überregulierung als Innovationsbremse
EU-Regulierung im Visier
Stefan Dräger kritisiert konkret, dass europäische Regelwerke – insbesondere die Medizinprodukte-Verordnung (MDR) und die geplante Regulierungsarchitektur für Künstliche Intelligenz (EU AI Act) – zwar gutgemeint seien, in der Praxis aber zu erheblicher Belastung für Hersteller führten. Die MDR, 2017 verabschiedet und seit 2021 schrittweise implementiert, hat zu deutlich gestiegenen Kosten bei Zertifizierung und Dokumentation geführt. Laut Branchenverband Spectaris berichten kleine und mittlere Medizintechnik-Unternehmen von Zusatzkosten im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Für einen Konzern wie Drägerwerk ist das grundsätzlich verkraftbar – doch es bedeutet, dass Ressourcen gebunden werden, die andernfalls in Produktentwicklung und Markterschließung fließen könnten.
Besonders kritisch sieht Dräger die Situation kleinerer Zulieferer und Nischenhersteller, die das Regulierungskorsett schlicht nicht stemmen können. In der Konsequenz drohe eine Marktkonzentration zugunsten großer, international aufgestellter Konzerne – ein Effekt, der dem erklärten politischen Ziel, den europäischen Mittelstand zu stärken, diametral entgegenlaufe. Dieser Zusammenhang ist auch Gegenstand aktueller wirtschaftspolitischer Debatten über EU-Regulierung und Mittelstand.
Der „Wohlfahrtsmythos": Zwischen berechtigter Kritik und ideologischer Zuspitzung
Drägers Angriff auf den „Wohlfahrtsmythos" des Staates ist pointierter – und verlangt nach differenzierter Einordnung. Er richtet sich gegen die Vorstellung, dass ein ausgebauter Sozialstaat und umfassende staatliche Regulierung per se Wohlstand und Sicherheit erzeugten. Dräger argumentiert, dass überbordende staatliche Leistungsversprechen langfristig zu fiskalischer Überdehnung führten und private Investitionsbereitschaft untergrüben.
Diese Position ist in der ordoliberalen Tradition verwurzelt und hat in der deutschen Unternehmerlandschaft durchaus Anhänger. Allerdings greift eine pauschale Gleichsetzung von Wohlfahrtsstaat und Innovationshemmnis zu kurz: Länder wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande verbinden ausgeprägte Sozialstaatlichkeit mit hoher wirtschaftlicher Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit. Das DIW Berlin verweist regelmäßig darauf, dass staatliche Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Gesundheit wesentliche Voraussetzungen für privates Unternehmertum sind. Die Debatte lässt sich daher nicht auf eine einfache Formel reduzieren.
Gewinner, Verlierer, betroffene Sektoren
Wer profitiert von weniger Regulierung?
Von einem Abbau regulatorischer Hürden würden zunächst innovationsstarke Mittelständler profitieren, die heute überproportional hohe Compliance-Kosten schultern. Besonders im Bereich der digitalen Gesundheitstechnologie und der KI-gestützten Diagnostik könnten schnellere Markteintritte europäische Unternehmen gegenüber US-amerikanischen und chinesischen Wettbewerbern stärken. Auch Startups im MedTech-Segment, die heute oft an bürokratischen Zulassungshürden scheitern, wären klare Nutznießer einer schlanker gestalteten Regulierung.
Für Drägerwerk selbst bedeutete eine MDR-Reform konkret: kürzere Zertifizierungszyklen, geringere Dokumentationspflichten und damit mehr Kapital für Forschung und Entwicklung. Angesichts einer FuE-Quote, die bereits heute über dem Branchendurchschnitt liegt, könnte das Unternehmen seine Innovationsführerschaft in Bereichen wie Beatmungstechnologie und Gasdetektion weiter ausbauen.
Wer trägt das Risiko?
Gleichzeitig ist Vorsicht geboten: Regulierung im Medizinproduktebereich existiert nicht ohne Grund. Fehler bei Medizinprodukten können Leben kosten. Die MDR wurde nicht zuletzt als Reaktion auf Skandale wie den PIP-Brustimplantat-Betrug eingeführt, der Schwächen im bis dahin geltenden System der CE-Kennzeichnung offenbarte. Ein pauschaler Regulierungsabbau birgt das Risiko, Patientensicherheit zugunsten unternehmerischer Effizienzgewinne zu opfern. Verbraucher- und Patientenverbände mahnen hier zu Recht zur Differenzierung.
Verlieren würden im Falle einer weitreichenden Deregulierung auch spezialisierte Zertifizierungsdienstleister und Prüflabore, die sich auf MDR-Compliance spezialisiert haben – ein Nischensegment, das in Deutschland mehrere tausend Arbeitsplätze umfasst.
Betroffene Sektoren im Überblick
Über die Medizintechnik hinaus betreffen ähnliche Regulierungsdebatten weite Teile der deutschen Industrie: die Chemieindustrie unter REACH-Anforderungen, den Automobilsektor unter CO₂-Flottengrenzwerten sowie den Maschinenbau unter zunehmenden Produktsicherheitsanforderungen. Das ifo-Institut schätzt, dass regulatorische Kosten im verarbeitenden Gewerbe inzwischen drei bis fünf Prozent des Umsatzes binden – Mittel, die für Investitionen und Beschäftigung fehlen.
Einordnung: Berechtigte Warnung, verkürzte Erzählung
Stefan Drägers Warnungen verdienen ernst genommen zu werden – insbesondere dort, wo sie auf konkrete, messbare Missstände bei der MDR-Implementierung und dem EU AI Act hinweisen. Wer 139 Jahre Unternehmensgeschichte in einer regulierungsintensiven Branche vorweisen kann, spricht nicht aus ideologischer Überzeugung allein, sondern aus betrieblicher Erfahrung.
Gleichwohl leidet die Debatte dort, wo Regulierungskritik und Wohlfahrtsstaatskritik zu einer einheitlichen Erzählung verschmelzen. Regulierung und staatliche Daseinsvorsorge sind nicht dasselbe – und beides pauschal als Innovationsbremse zu etikettieren, vereinfacht eine komplexe wirtschaftspolitische Wirklichkeit. Für eine belastbare wirtschaftspolitische Debatte braucht es präzise Kritik an spezifischen Regelwerken, nicht das Beklagen eines generellen Staatsversagens.
Die eigentliche Herausforderung für die EU besteht darin, Regulierungsziele – Patientensicherheit, Nachhaltigkeit, Datenschutz – intelligent und technologieoffen umzusetzen, ohne dabei das unternehmerische Ökosystem zu erdrücken, das Europa im globalen Wettbewerb mit den USA und China stark macht. Daran sollte sich der politische Diskurs orientieren – und nicht an der Frage, ob Regulierung per se gut oder schlecht ist.