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Frankfurts Brexit-Boom: Neue Finanzmetropole

Neue Banken, höhere Mieten, wachsende Skyline: Was sich in Frankfurt wirklich verändert hat

Von Sarah Müller 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Frankfurts Brexit-Boom: Neue Finanzmetropole
Das Wichtigste in Kürze
  • ZDF-Dokumentationen und Handelsblatt-Analysen zeigen, wie Frankfurt nach dem Brexit Banken anzieht und zur führenden Finanzmetropole Europas aufsteigt.

Mehr als 60 internationale Banken und Finanzinstitute haben seit dem britischen EU-Austritt ihren europäischen Hauptsitz oder zumindest bedeutende Zweigstellen nach Frankfurt am Main verlegt — und die Stadt ist seither nicht mehr dieselbe. Was als politisches Erdbeben in London begann, hat am Main eine Wachstumsdynamik ausgelöst, die Stadtplaner, Anwohner und Wirtschaftsförderer gleichermaßen beschäftigt.

Von der Bankenstadt zur europäischen Finanzhauptstadt

Frankfurt war schon vor dem Brexit keine unbekannte Größe im globalen Finanzgeschäft — die Europäische Zentralbank, die Deutsche Bundesbank und die Deutsche Börse hatten der Stadt längst ein internationales Profil gegeben. Doch der Austritt Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt hat die Bedeutung Frankfurts in einer Geschwindigkeit verändert, die selbst optimistische Wirtschaftsprognosen übertroffen hat. Seither wetteifern Frankfurt, Paris, Amsterdam und Dublin um die Gunst von Finanzkonzernen, die ihren Zugang zum europäischen Markt sichern müssen. Frankfurt hat dabei die Nase vorn — zumindest was die schiere Zahl der angesiedelten Institute betrifft.

„Frankfurt hat in den letzten Jahren eine strukturelle Verschiebung erlebt, die weit über einzelne Unternehmensansiedlungen hinausgeht", erklärt die Frankfurt Main Finance e.V., die Interessenvertretung des Frankfurter Finanzplatzes. Die Organisation dokumentiert regelmäßig die Zuwächse an Beschäftigten im Finanzsektor und verzeichnet derzeit einen historischen Höchststand bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Bereich (Quelle: Frankfurt Main Finance e.V.).

Lokale Zahlen: Mehr als 60 Banken und Finanzinstitute haben seit dem Brexit-Votum ihren europäischen Standort nach Frankfurt verlagert oder neu gegründet. Der Finanzsektor beschäftigt in der Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main aktuell rund 75.000 Menschen direkt. Die Büromieten im Bankenviertel haben sich im gleichen Zeitraum um bis zu 35 Prozent verteuert. Die Einwohnerzahl Frankfurts übersteigt derzeit die Marke von 770.000 — ein Wachstum, das zu erheblichem Druck auf dem Wohnungsmarkt führt. Der durchschnittliche Angebotsmietpreis liegt laut aktuellem Marktbericht bei über 18 Euro pro Quadratmeter kalt, Tendenz weiter steigend (Quellen: IHK Frankfurt, Frankfurter Wirtschaftsförderung, Stadtplanungsamt Frankfurt).

Die Veränderungen sind in der Frankfurter Innenstadt und im Frankfurts Bankenviertel im Wandel mit bloßem Auge sichtbar: Neue Hochhausprojekte schießen in die Höhe, Büroflächen werden knapper, und in den ehemals ruhigen Seitenstraßen des Westends tauchen zunehmend internationale Restaurants, Sprachschulen und Kindergärten mit englischem Betreuungsangebot auf — Institutionen, die auf die Bedürfnisse neu zugezogener Finanzexperten zugeschnitten sind.

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Was sich für Frankfurter Bürgerinnen und Bürger konkret verändert hat

Brandenburger Tor Nacht Beleuchtet Berlin Panorama Touristen Zennews24
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Der Zuzug gut verdienender Banker und Finanzfachleute aus London, New York und anderen Finanzmetropolen hat das Stadtbild und den Alltag in Frankfurt nachhaltig geprägt. Nicht immer zum Vorteil aller Einwohner. Während die Wirtschaftsförderung Frankfurt die Entwicklung als Standorterfolg feiert, spricht ein Teil der Stadtgesellschaft von steigendem Verdrängungsdruck, veränderten Kiezen und einer Infrastruktur, die dem Wachstum kaum nachkommt.

  • Steigende Mieten und Verdrängung: Besonders die Stadtteile Westend, Nordend und Sachsenhausen verzeichnen drastische Mietanstiege. Langjährige Mieter berichten von Eigenbedarfskündigungen und deutlich erhöhten Neuvermietungspreisen nach Modernisierungen.
  • Überlastete Verkehrsinfrastruktur: U-Bahn-Linien und S-Bahnen sind zu Stoßzeiten chronisch überfüllt. Das Stadtplanungsamt hat zwar Erweiterungen im ÖPNV angekündigt, die Umsetzung hinkt jedoch dem Bevölkerungswachstum hinterher.
  • Knappe Kitaplätze und Schulen: Die wachsende Zahl internationaler Familien erhöht die Nachfrage nach mehrsprachigen Betreuungsangeboten. Internationale Schulen stoßen an Kapazitätsgrenzen, und auch das städtische Kitanetz ist unter Druck geraten.
  • Neue gastronomische und kulturelle Vielfalt: Der internationale Zuzug hat die Gastro- und Kulturszene der Stadt bereichert. Neue Konzepte, Restaurants und kulturelle Angebote sind entstanden — ein Aspekt, den viele Frankfurter positiv bewerten.
  • Steigende Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt: Frankfurt profitiert erheblich von den Steuereinnahmen der neu angesiedelten Institute. Das ermöglicht der Stadt Investitionen in Infrastruktur, Grünflächen und soziale Einrichtungen — auch wenn die Verteilung dieser Mittel politisch umstritten bleibt.

Stimmen aus den Stadtteilen: Zwischen Aufbruch und Verdrängungsangst

Im Nordend, einem der begehrtesten Wohnviertel der Stadt, berichtet Renate K., seit über zwanzig Jahren Mieterin in einer Altbauwohnung nahe dem Merianplatz, von einem schleichenden Wandel: „Das Viertel ist schöner geworden, keine Frage. Aber ich frage mich, wie lange ich mir das noch leisten kann. Meine Nachbarn sind einer nach dem anderen weggezogen." Solche Stimmen sind kein Einzelfall — sie spiegeln eine gesellschaftliche Spannung wider, die der Stadtrat inzwischen offen anspricht.

Frankfurts Stadtrat und der zuständige Planungsdezernent haben in den vergangenen Monaten mehrfach betont, dass die Stadt das Wachstum aktiv steuern müsse. „Wir begrüßen die wirtschaftliche Dynamik, die Frankfurt durch die Brexit-Ansiedlungen gewonnen hat. Aber Wachstum darf nicht auf Kosten der Menschen gehen, die diese Stadt schon lange ihr Zuhause nennen", heißt es aus dem Planungsdezernat (Quelle: Stadtplanungsamt Frankfurt am Main). Als Reaktion wurden Milieuschutzgebiete ausgeweitet und kommunale Wohnbauprojekte angekündigt — ob diese Maßnahmen ausreichen, bleibt unter Stadtpolitikern und Mieterverbänden umstritten.

Bürgermeister und Magistrat verweisen demgegenüber auf die Leistungsfähigkeit der Stadt: Investitionen in den sozialen Wohnungsbau seien deutlich erhöht worden, und das Programm „Frankfurt baut" solle in den nächsten Jahren zehntausende neue Wohneinheiten schaffen (Quelle: Stadtplanungsamt Frankfurt, Jahresbericht). Kritiker des Bürgermeisterbüros entgegnen jedoch, dass die Genehmigungsverfahren zu langsam seien und die Fertigstellung neuer Wohnungen dem tatsächlichen Bedarf weit hinterherhinke.

Die neue Skyline: Bauprojekte und ihre Folgen

Wer Frankfurt von der Sachsenhäuser Brücke aus betrachtet, sieht eine Skyline, die sich in den vergangenen Jahren sichtbar verändert hat. Mehrere Hochhausprojekte im Bankenviertel und in der Innenstadt befinden sich im Bau oder sind gerade fertiggestellt worden. Die Nachfrage nach modernen, repräsentativen Büroflächen, die internationale Finanzinstitute als Standortvoraussetzung formulieren, hat Investoren und Projektentwickler angelockt. Mehr dazu, wie sich das Bankenviertel dabei wandelt, zeigt ein Blick auf Frankfurt: Bankenviertel im Brexit-Wandel.

Architekturkritiker und Stadtsoziologinnen beobachten die Verdichtung mit gemischten Gefühlen. Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen hat Frankfurt als eine der am schnellsten wachsenden Bürostandorte Deutschlands eingestuft — und gleichzeitig auf die Notwendigkeit hingewiesen, Freiflächen und Grünkorridore zu erhalten (Quelle: Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, Jahresbericht). Stadtplanungspolitisch steht Frankfurt damit vor einer Herausforderung, die andere deutsche Großstädte in ähnlicher Form noch nicht kennen.

Internationale Unternehmen und lokale Wirtschaft: Ein komplexes Verhältnis

Die Ansiedlung internationaler Finanzinstitute hat nicht nur den Büromarkt belebt. Auch der lokale Einzelhandel, die Hotellerie und Dienstleistungsunternehmen profitieren — zumindest in Teilen. Gleichzeitig beklagen kleinere inhabergeführte Geschäfte, dass die Mietpreise auch für Gewerberäume in die Höhe geschossen sind. Einige Traditionsgeschäfte und Gastronomiebetriebe haben ihre Standorte aufgegeben, weil die Gewerbemieten nicht mehr tragbar waren.

Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main (IHK) sieht die Entwicklung insgesamt positiv, mahnt aber zur Vorsicht: „Frankfurt profitiert enorm vom Brexit-Effekt. Aber wir müssen aufpassen, dass die Stadt auch für mittelständische Unternehmen und Gründer attraktiv bleibt. Wenn die Kosten für Flächen und Personal weiter steigen, könnte das den Standort für andere Branchen schwächen", heißt es in einer aktuellen Stellungnahme (Quelle: IHK Frankfurt am Main).

Die Frankfurter Wirtschaftsförderung wiederum betont, dass Frankfurt derzeit aktiv darum werbe, über den Finanzsektor hinaus auch Technologieunternehmen und Start-ups anzuziehen. Der geplante Ausbau des Technologieparks im Ostend soll dafür ein Signal setzen (Quelle: Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH). Ob diese Diversifizierungsstrategie aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Frankfurt im nationalen und europäischen Kontext

Die Transformation Frankfurts zur führenden kontinentaleuropäischen Finanzmetropole hat auch politische Dimensionen. Während die Debatte in Deutschland häufig innerstädtisch geführt wird — Mieten hier, Skyline dort — ist die strategische Bedeutung des Standorts im europäischen Gefüge erheblich. Mit der Europäischen Zentralbank im Ostend und der Europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA am Theodor-Stern-Kai hat Frankfurt eine regulatorische Zentralfunktion für den gesamten europäischen Finanzmarkt übernommen, die durch die Brexit-Verlagerungen noch gestärkt wurde.

Paris hat zwar einige spektakuläre Einzelansiedlungen erringen können, Amsterdam gilt als attraktiv für Handelsplattformen, und Dublin profitiert von Sprachvorteilen gegenüber britischen Häusern. Doch die kritische Masse an Finanzexpertise, Regulierungsnähe und Infrastruktur, die Frankfurt bietet, lässt sich kurzfristig nicht replizieren — ein Standortvorteil, den die Frankfurter Wirtschaftsförderung selbstbewusst kommuniziert.

Kulturell hat die Internationalisierung der Stadt ebenfalls Spuren hinterlassen. Was in der Frankfurts kulturelle Renaissance: 5 Highlights beschrieben wird, zeigt: Die zunehmend kosmopolitische Bevölkerung verändert auch Nachfrage und Angebot im Bereich Kunst, Musik und Theater. Gleichzeitig wächst der Druck auf die öffentliche Kulturförderung, mit dieser Diversität Schritt zu halten.

Auch abseits von Banken und Bürotürmen erlebt Frankfurt Wandel — etwa in der Frankfurts Sportlandschaft im Umbruch: Neue Maßstäbe, wo internationale Fanzuläufe und neue Investorenstrukturen das sportliche Leben der Stadt verändern.

Offene Fragen: Wer trägt die Lasten des Booms?

Die Bilanz des Frankfurter Brexit-Booms ist komplex. Wirtschaftlich hat die Stadt fraglos gewonnen: Steuereinnahmen steigen, Arbeitslosigkeit ist niedrig, internationale Sichtbarkeit ist gewachsen. Doch die sozialen Kosten dieser Transformation sind ungleich verteilt. Wer bereits vor dem Boom in Frankfurt lebte und wohnte, sieht sich mit einem Wohnungsmarkt konfrontiert, der seine Möglichkeiten schrittweise einengt. Wer heute nach Frankfurt zieht, ohne zu den gut bezahlten Finanzfachleuten zu gehören — Pflegekräfte, Erzieherinnen, Handwerker, die die Stadt ebenso braucht wie Investmentbanker — findet kaum noch bezahlbaren Wohnraum.

Der Stadtrat hat diese Spannung erkannt, ohne sie bislang vollständig aufzulösen. Milieuschutz, Mietpreisbremse und geförderter Wohnungsbau sind Instrumente, die in Frankfurt eingesetzt werden — aber Instrumente, deren Wirkung begrenzt ist, wenn der Marktdruck so stark bleibt wie derzeit. Die politische Debatte um Bodenpreise, Grundsteuerreform und kommunalen Wohnungsbau wird die Frankfurter Stadtpolitik noch lange beschäftigen.

Wie andere deutsche Bundesländer mit ähnlichen Wachstumsspannungen umgehen — ob durch neue Regulierungen oder politische Weichenstellungen — zeigt etwa der Blick auf aktuelle Entwicklungen wie die Berlin-Wahl: CDU gewinnt, SPD muss in Opposition, wo Wohnungspolitik ebenfalls zu den zentralen Wahlkampfthemen gehörte. Frankfurt steht mit seinen Herausforderungen also nicht allein — aber die Stadt steht unter besonderem Druck, weil der Boom hier schneller und konzentrierter eingesetzt hat als anderswo.

Der Frankfurt-Boom ist real. Seine Früchte aber sind nicht für alle gleich erreichbar — und das ist die eigentliche stadtpolitische Aufgabe der nächsten Jahre.

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Sarah Müller
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Sarah Müller berichtet über Bundesliga, Leichtathletik und regionale Sportthemen. Sie verfolgt die Entwicklungen im deutschen Profisport und beleuchtet Hintergründe abseits der Tabelle.

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