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E-Auto-Wandel: Transformationsdruck bei Mercedes & Porsche

E-Auto oder Ende? Was der Wandel für Zulieferer und Arbeitsplätze bedeutet

Von Sarah Müller 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
E-Auto-Wandel: Transformationsdruck bei Mercedes & Porsche
Das Wichtigste in Kürze
  • In einer SWR-Wirtschaftsreportage über Mercedes-Benz, Porsche und den E-Auto-Wandel in Stuttgart wird derzeit ein drängender Transformationsdruck diskutiert.

Rund 300.000 Arbeitsplätze in der deutschen Automobilindustrie könnten laut einer Studie des Ifo-Instituts durch die Elektrifizierung des Antriebsstrangs wegfallen — und zwei Namen stehen dabei besonders im Fokus: Mercedes-Benz und Porsche. Der Transformationsdruck trifft nicht nur die Konzerne selbst, sondern erschüttert ganze Regionen, in denen das automobile Leben über Generationen hinweg die wirtschaftliche DNA geprägt hat.

Stuttgart unter Strom: Die Heimat der Automobilpioniere kämpft um ihre Zukunft

Stuttgart ist keine gewöhnliche Stadt. Sie ist die Wiege des Automobils, Sitz von Mercedes-Benz und Porsche, Herz einer Industrieregion, die mit dem Verbrennungsmotor groß geworden ist. Doch genau dieser Motor läuft zunehmend heiß — im übertragenen Sinne. Während Berlin und München sich längst als Technologie-Hubs neu erfunden haben, steht die Schwabenmetropole vor einer Neuerfindung, die schmerzhafter ist als anderswo.

Beim Mercedes-Benz-Konzern sind allein am Standort Stuttgart-Untertürkheim nach Unternehmensangaben derzeit rund 20.000 Menschen beschäftigt. Viele von ihnen arbeiten an Komponenten, die im Elektrozeitalter schlicht nicht mehr benötigt werden: Getriebe, Auspuffanlagen, Motorenteile. Die Betriebsräte schlagen seit Monaten Alarm. „Wir sehen, dass ganze Fertigungslinien zur Disposition stehen, ohne dass ein konkretes Nachfolgeprogramm benannt wird", sagte ein Betriebsratsmitglied dem Stuttgarter Gewerkschaftsausschuss der IG Metall im vergangenen Quartal.

Lokale Zahlen: In der Region Stuttgart sind laut Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH rund 130.000 Menschen direkt in der Automobilindustrie und bei Zulieferern beschäftigt. Jeder dritte Industriearbeitsplatz im Großraum Stuttgart hängt direkt oder indirekt am Automobil. Mercedes-Benz beschäftigt konzernweit in Deutschland über 75.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Porsche am Stammwerk Zuffenhausen rund 16.000. Der Anteil der Elektrofahrzeuge am Neuwagenabsatz lag in Baden-Württemberg zuletzt bei etwa 14 Prozent — bundesweit einer der niedrigeren Werte (Quelle: Kraftfahrtbundesamt).

Was bedeutet das für die Bürgerinnen und Bürger in Zuffenhausen, Untertürkheim oder Sindelfingen? Diese Stadtteile und Nachbargemeinden sind wirtschaftlich in einem Maß mit den Werken verknüpft, das von außen schwer vorstellbar ist. Lokale Gastronomie, Einzelhandel, Dienstleister — all das lebt zu erheblichen Teilen von den Einkommen der Werksangehörigen. Wenn Schichten wegfallen oder Werke umgebaut werden, spürt die ganze Nachbarschaft das.

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Stuttgarts Wirtschaftswandel: Chancen und Risiken zeigt, dass die Landeshauptstadt nicht erst seit heute mit strukturellen Verschiebungen ringt — doch die aktuelle Intensität des E-Auto-Wandels ist historisch neu.

Porsche in Zuffenhausen: Premiummarke mit Hochspannungsproblem

Brandenburger Tor Nacht Beleuchtet Berlin Panorama Touristen Zennews24
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Porsche gilt als Gewinner des Elektrozeitalters — zumindest so lange man auf Renditekennzahlen schaut. Der Taycan, das erste vollelektrische Serienmodell des Stuttgarter Sportwagenherstellers, wurde als Erfolgsgeschichte inszeniert. Doch hinter dem Hochglanzimage rumort es. Die Nachfrage nach dem Taycan blieb in mehreren Quartalen hinter den Erwartungen zurück, Porsche musste Produktionsziele nach unten korrigieren und Kurzarbeit anmelden.

Für die rund 16.000 Beschäftigten am Stammwerk Zuffenhausen bedeutete das konkret: Wochen der Ungewissheit, gedrosselte Schichtpläne, Gespräche über Stellenabbau. Porsche-Chef Oliver Blume, der gleichzeitig VW-Konzernchef ist, hält öffentlich an der Elektrostrategie fest, betont aber auch, dass „Flexibilität bei den Antriebstechnologien" nötig sei. Ein Rückzug vom Verbrenner ohne Datum ist das Signal — und es verunsichert.

Zulieferer im Würgegriff: Wenn die Wertschöpfungskette bricht

Der eigentliche Schock trifft nicht die Konzerne selbst, sondern die Zulieferindustrie. Baden-Württemberg ist das dichteste Zulieferernetz Deutschlands. Hunderte mittelständischer Betriebe zwischen Heilbronn, Reutlingen, Böblingen und dem Stuttgarter Stadtgebiet produzieren Teile, die im Elektroauto entweder stark vereinfacht oder überhaupt nicht mehr gebraucht werden. Ein Elektroantrieb hat rund 200 bewegliche Teile, ein Verbrennungsmotor über 1.400 — diese Differenz ist das wirtschaftliche Todesurteil für ganze Teilsegmente der Zuliefererstruktur.

Firmen wie Mahle, Bosch oder ZF Friedrichshafen — alle mit erheblichen Anteilen ihrer Belegschaft in der Region — haben in den vergangenen Jahren Tausende Stellen gestrichen oder angekündigt abzubauen. Bosch allein hat konzernweit Stellenstreichungen in vierstelliger Größenordnung bekanntgegeben, ein erheblicher Teil davon in Baden-Württemberg. „Wir befinden uns in einer Gleichzeitigkeit von Transformationsdruck und Nachfrageschwäche, die in dieser Form historisch einmalig ist", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg (Südwestmetall) öffentlich.

Stadtrat und Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart reagieren mit Umschulungsprogrammen und Förderangeboten für Betriebe, die in neue Technologien investieren wollen. „Wir müssen das Handwerk der Transformation beherrschen lernen", sagte Stuttgarts Wirtschaftsbürgermeisterin in einer öffentlichen Stellungnahme des Stadtrats. Doch die Mittel der kommunalen Ebene stoßen schnell an Grenzen — die eigentlichen Entscheidungen fallen in Wolfsburg, München, Stuttgart-Möhringen und Brüssel.

Was Bürgerinnen und Bürger konkret spüren werden

  • Jobverlust in der Fertigung: Insbesondere Facharbeiterinnen und Facharbeiter ohne IT- oder Softwarekompetenz sind gefährdet. Umschulungsangebote existieren, werden aber von Betroffenen als zu wenig zielgenau kritisiert.
  • Kaufkraftrückgang in Werksstadtteilen: Wo Kurzarbeit oder Stellenabbau greifen, sinkt die lokale Kaufkraft — mit Folgen für Einzelhandel und Gastronomie in betroffenen Quartieren wie Untertürkheim oder Zuffenhausen.
  • Steuereinnahmen der Kommunen unter Druck: Gewerbesteuereinnahmen aus der Automobilindustrie sind eine tragende Säule vieler Kommunalhaushalte in der Region. Sinken Gewinne und Löhne, sinkt auch dieser Puffer.
  • Steigende Sozialausgaben: Jobcenter und Arbeitsagenturen in Stuttgart und Umgebung rechnen mit erhöhtem Beratungsbedarf, auch wenn ein abrupter Anstieg der Arbeitslosenzahlen bisher ausgeblieben ist.
  • Chancen für Umstrukturierung: Neue Stellen entstehen im Bereich Software, Batterietechnik und Ladeinfrastruktur — allerdings mit anderem Qualifikationsprofil und vielfach nicht am Stammort der gestrichenen Arbeitsplätze.
  • Wohnungsmarkt und Pendlerströme könnten sich verschieben: Wenn Werke verkleinert oder verlagert werden, ändert sich auch die räumliche Verteilung von Arbeit und Wohnen in der Region.

Mercedes-Benz: Strategie ohne klares Profil

Mercedes-Benz hatte noch vor wenigen Jahren angekündigt, bis spätestens Ende dieses Jahrzehnts bei Neuverkäufen vollständig auf Elektroantrieb umzustellen — wo die Marktbedingungen es erlauben. Diese Formulierung ist inzwischen zur Standardausrede geworden. Das Unternehmen rudert zurück, spricht von einem „technologieoffenen Ansatz" und hält sich Hybridoptionen offen. Für die Belegschaft und für Zulieferer bedeutet das vor allem: Unsicherheit.

Am Standort Sindelfingen, wenige Kilometer südwestlich von Stuttgart, werden die S-Klasse und der EQS gefertigt. Beide Fahrzeuge auf einer Plattform, zwei Antriebswelten, eine Fabrik — das klingt nach einem gelungenen Übergang. Doch der EQS verkauft sich deutlich schlechter als erhofft, während die S-Klasse mit Verbrenner nach wie vor die stabilere Nachfrage erzielt. Das Ergebnis ist eine Planung, die niemanden wirklich befriedigt: Weder die E-Auto-Verfechter noch die Traditionalisten.

E-Auto-Wandel: Transformationsdruck bei Mercedes & Porsche
Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek

Der Betriebsrat in Sindelfingen hat mehrfach öffentlich gefordert, dass das Management eine verbindliche Beschäftigungsgarantie über das Ende des Jahrzehnts hinaus ausstellt. Diese Forderung ist bisher nicht erfüllt worden. „Wir brauchen Planungssicherheit, keine Hochglanzstrategien, die sich quartalsweise verschieben", zitierte die Stuttgarter Zeitung einen Betriebsratssprecher.

Bundesebene und EU: Rahmenbedingungen als Zünglein an der Waage

Was auf kommunaler und Landesebene geschieht, wird maßgeblich von Entscheidungen in Berlin und Brüssel geformt. Das EU-weite Verbrennerverbot ab dem Jahr, das derzeit als Zielmarke gilt — also der faktische Neuzulassungsstopp für Fahrzeuge ohne Null-Emissions-Antrieb — wurde zuletzt durch politischen Druck aus Deutschland, Italien und anderen Automobilnationen aufgeweicht. Die Öffnungsklausel für E-Fuels war ein klares Signal: Der Zeitplan ist verhandelbar.

Für die Industrie in der Region Stuttgart ist das zunächst eine Atempause. Für die strategische Planung ist es jedoch Gift. Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, um Milliarden in neue Fertigungsanlagen zu investieren. Wenn die Politik schwankt, zögern Investoren und Konzerne — und das kostet am Ende Arbeitsplätze und Innovationsvorsprung gleichermaßen.

Ähnliche Dynamiken sind aus anderen Wirtschaftsregionen bekannt. Das Ruhrgebiet, das den Strukturwandel von der Kohle zur Kreativwirtschaft durchlaufen hat, gilt als mahnendes und zugleich ermutigendes Beispiel dafür, was ein industrieller Wandel mit einer Region macht — und wie lang er wirklich dauert: nicht Jahre, sondern Jahrzehnte. Auch eine WDR-Dokumentation über den Strukturwandel im Ruhrgebiet aus der Vogelperspektive hat zuletzt gezeigt, wie tiefgreifend und nachhaltig solche Umbrüche das Gesicht ganzer Landstriche verändern.

Zwischen Angst und Aufbruch: Stimmen aus den Stadtteilen

In Zuffenhausen, dem Heimatquartier von Porsche, ist die Stimmung gespalten. Auf der einen Seite der ältere Facharbeiter, der seit 30 Jahren Motorenteile fertigt und sich fragt, ob seine Qualifikation noch gebraucht wird. Auf der anderen Seite die junge Ingenieurin aus dem Batterie-Entwicklungsteam, die ihrem Arbeitgeber Zukunft attestiert. Beide wohnen womöglich in derselben Straße — und erleben dieselbe wirtschaftliche Realität völlig unterschiedlich.

„Ich mache mir keine Illusionen. Wenn meine Abteilung wegfällt, dann hat das Unternehmen für mich nichts mehr", sagt ein Facharbeiter, der seit fast zwei Jahrzehnten am Porsche-Stammwerk tätig ist und anonym bleiben möchte. Solche Aussagen sind kein Einzelfall. Sie spiegeln eine verbreitete Verunsicherung wider, die auch die kommunale Politik beschäftigt.

Die Stadt Stuttgart hat im Rahmen ihrer Wirtschaftsförderungsstrategie Pilotprojekte zur Qualifizierung angestoßen, finanziert teils aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg. Bürgermeisteramt und Gemeinderat betonen gemeinsam, dass man die soziale Abfederung des Wandels als kommunale Aufgabe ernst nehme. Doch auch der Oberbürgermeister hat öffentlich eingeräumt, dass die Transformation eine „gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung" erfordere, die die Möglichkeiten einer einzelnen Stadt übersteigt.

Vergleichbare Debatten über wirtschaftlichen Wandel, politische Verantwortung und bürgerliche Teilhabe werden auch in anderen deutschen Städten geführt. Frankfurts Bankenviertel im Wandel steht exemplarisch für eine andere Art von Transformation — und zeigt, dass Strukturbrüche immer auch Chancen für Neugestaltung bieten. Ähnlich ambivalent ist die Lage in Düsseldorfs Altstadt, wo Tradition und moderner Wandel aufeinandertreffen.

Ausblick: Wandel als Daueraufgabe

Die Transformation der Automobilindustrie ist kein Ereignis, sie ist ein Prozess — und dieser Prozess ist in vollem Gange. Für Stuttgart, für Zuffenhausen, für Sindelfingen und die Hunderten von Zuliefererbetrieben in der Region bedeutet das: Es gibt kein Zurück zum Verbrennungsmotor als alleiniger wirtschaftlicher Grundlage. Die Frage ist nicht ob, sondern wie schnell und unter welchen sozialen Bedingungen dieser Wandel vollzogen wird.

Die Antwort darauf wird nicht allein in Vorstandsetagen gegeben. Sie entsteht in Betriebsratssitzungen, in kommunalen Haushaltsgesprächen, in Qualifizierungszentren und in den Köpfen derjenigen, die entscheiden, ob sie im Strukturwandel aktiv mitgehen oder abwarten. Die Stadtpolitik, die Wirtschaftsförderung und nicht zuletzt die Bürgerinnen und Bürger selbst sind Teil dieser Antwort.

Was Stuttgart jetzt braucht, ist keine romantisierte Rückkehr zu einer Industrieidentität der Vergangenheit — und auch keine blinde Euphorie über eine elektrische Zukunft, die noch viele offene Fragen trägt. Was gebraucht wird, ist nüchterne Planung, soziale Absicherung des Übergangs und eine Politik, die verlässlich genug ist, damit Unternehmen und Beschäftigte wissen, woran sie sind. Das klingt pragmatisch — und ist in der Praxis das Schwierigste von allem.

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Sarah Müller
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Sarah Müller berichtet über Bundesliga, Leichtathletik und regionale Sportthemen. Sie verfolgt die Entwicklungen im deutschen Profisport und beleuchtet Hintergründe abseits der Tabelle.

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