Grippeimpfung: Wer profitiert — und wer nicht
Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Hochrisiko-Gruppen
Die Grippeimpfung ist seit Jahrzehnten ein etabliertes Präventionsverfahren gegen Influenzainfektionen. Doch während manche Menschen von der jährlichen Impfung deutlich profitieren, ist der Nutzen für andere Bevölkerungsgruppen wissenschaftlich weniger eindeutig. Ein differenzierter Blick auf Wirksamkeit, Nebenwirkungen und individuelle Risikofaktoren hilft bei der persönlichen Entscheidungsfindung — fernab von Pauschalurteilen.
Wie funktioniert die Grippeimpfung?

Die Influenzaimpfung basiert auf einem seit Jahrzehnten bewährten Prinzip: Der Körper wird mit abgeschwächten oder inaktivierten Grippevirusstämmen konfrontiert. Dadurch lernt das Immunsystem, die charakteristischen Oberflächenstrukturen (Antigene) dieser Viren zu erkennen. Im Falle einer echten Infektion kann der Körper dann schneller und effektiver reagieren.
In Deutschland werden derzeit überwiegend vier Impfstofftypen eingesetzt: inaktivierte Ganzvirus-Impfstoffe, Spaltimpfstoffe, Subunit-Impfstoffe und rekombinante Impfstoffe. Alle enthalten Viruskomponenten von drei oder vier aktuellen Influenzastämmen — eine Auswahl, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Basis globaler Überwachungsdaten jedes Jahr neu trifft.
Wichtig für das Grundverständnis: Der Grippeimpfstoff bietet keinen Schutz vor dem Coronavirus SARS-CoV-2. Influenza und COVID-19 sind unterschiedliche Erkrankungen mit unterschiedlichen Erregern und erfordern jeweils eigene Impfstoffe. Wer beide Erkrankungen im Herbst und Winter vermeiden möchte, sollte sich gegebenenfalls separat gegen beide Erreger impfen lassen.
Studienlage: Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration auf Basis von 70 randomisierten kontrollierten Studien zeigt eine durchschnittliche Wirksamkeit der inaktivierten Influenzaimpfung gegen Influenza A und B von etwa 59 Prozent (95-%-Konfidenzintervall: 51–67 Prozent). In Jahren mit guter Übereinstimmung zwischen Impfstoffzusammensetzung und zirkulierenden Stämmen kann die Wirksamkeit bis zu 80 Prozent erreichen; in schlecht angepassten Saisons fällt sie auf 40 Prozent oder darunter. Die Wirksamkeit variiert zudem nach Altersgruppe: Bei Erwachsenen über 65 Jahren liegt sie zwischen 40 und 60 Prozent, bei jüngeren Erwachsenen zwischen 60 und 75 Prozent (Jefferson et al., Cochrane Database of Systematic Reviews, 2023). Für Kinder zeigen Lebendimpfstoffe (LAIV) laut einer separaten Cochrane-Analyse eine höhere relative Wirksamkeit als inaktivierte Impfstoffe.
Wer sollte sich impfen lassen?

Hochrisikogruppen mit klarem Nutzen
Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt die jährliche Grippeimpfung insbesondere für folgende Gruppen:
- Menschen ab 60 Jahren: Mit zunehmendem Alter lässt die Immunantwort nach. Gleichzeitig steigt das Risiko für schwere Komplikationen wie Pneumonie oder Sepsis deutlich an. Das RKI dokumentiert, dass über 90 Prozent der grippeassoziierten Todesfälle bei Menschen über 60 Jahren auftreten. Für diese Altersgruppe empfiehlt die STIKO seit 2021 bevorzugt den adjuvantierten oder Hochdosis-Impfstoff, da dieser eine stärkere Immunantwort auslöst.
- Chronisch kranke Menschen: Patienten mit Erkrankungen der Atemwege (Asthma, COPD), des Herzens, der Nieren oder des Stoffwechsels (Diabetes mellitus) entwickeln bei einer Grippeerkrankung häufiger schwerwiegende Komplikationen. Für diese Gruppen ist die Impfung präventiv besonders wertvoll.
- Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen: In diesen Einrichtungen ist das Risiko für Ausbrüche und eine rasche Ausbreitung erhöht. Impfungen reduzieren nachweislich die Zahl der Infektionsfälle und die damit verbundene Sterblichkeit.
- Schwangere Frauen: Schwangerschaft verändert die Immunfunktion erheblich. Studiendaten belegen, dass eine mütterliche Grippeimpfung nicht nur die Mutter schützt, sondern dem Neugeborenen über maternale Antikörper auch in den ersten Lebensmonaten passive Immunität vermittelt.
- Medizinisches und pflegerisches Personal: Diese Berufsgruppen sind beruflich einem erhöhten Expositionsrisiko ausgesetzt und können als Infektionsvektoren vulnerable Patientinnen und Patienten gefährden. Eine hohe Impfquote in diesem Bereich schützt daher nicht nur die Beschäftigten selbst, sondern auch die ihnen anvertrauten Menschen.
- Personen mit engem Kontakt zu Risikogruppen: Auch Angehörige, die im Haushalt mit immungeschwächten oder chronisch kranken Menschen leben, profitieren von der Impfung — primär als indirekter Schutz für das vulnerale Umfeld.
Gesunde Erwachsene und Kinder: differenziertes Bild
Für gesunde Erwachsene im mittleren Lebensalter ohne chronische Vorerkrankungen ist der individuelle Nutzen der Grippeimpfung geringer, aber nicht irrelevant. Schwere Grippeverläufe sind in dieser Gruppe seltener, doch Arbeitsausfälle, Komplikationen und die Weiterverbreitung im sozialen Umfeld spielen eine Rolle. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) betont, dass die Impfentscheidung in dieser Gruppe individuell und nach ärztlicher Beratung getroffen werden sollte.
Bei Kindern zeigen Studien, dass sie zu den Hauptüberträgern des Influenzavirus in der Bevölkerung gehören. Eine Impfung von Schulkindern kann daher zur sogenannten Herdenimmunität beitragen und vulnerable Kontaktpersonen schützen. In Großbritannien wird die Grippeimpfung für alle Kinder zwischen 2 und 17 Jahren empfohlen; in Deutschland gilt sie bislang nur für Kinder mit Grunderkrankungen als STIKO-Empfehlung.
Nebenwirkungen: Was ist zu erwarten?
Die meisten Nebenwirkungen der Grippeimpfung sind lokal begrenzt und vorübergehend. Rötung, Schwellung oder Schmerzen an der Einstichstelle treten bei etwa 10 bis 40 Prozent der Geimpften auf. Allgemeine Reaktionen wie leichtes Fieber, Müdigkeit oder Muskelschmerzen sind möglich, klingen jedoch in der Regel innerhalb von ein bis zwei Tagen ab.
Schwere allergische Reaktionen (Anaphylaxie) sind sehr selten und treten in einer Häufigkeit von etwa einer bis zwei Fällen pro Million Impfungen auf. Bekannte Überempfindlichkeit gegen Hühnereiweiß ist bei modernen eifreien Impfstoffen (rekombinante Impfstoffe) kein Ausschlusskriterium mehr; bei klassischen Impfstoffen sollte die Impfung unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Wichtig: Eine Grippeimpfung kann keine Grippe auslösen. Inaktivierte Impfstoffe enthalten keine vermehrungsfähigen Viren. Grippeähnliche Symptome nach der Impfung sind eine normale Immunreaktion des Körpers auf die Impfstoffantigene — keine Erkrankung. Dies bestätigt auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als zuständige Bundesoberbehörde für die Sicherheitsbewertung von Impfstoffen in Deutschland.
Wann und wie oft impfen?
Der optimale Zeitpunkt für die Grippeimpfung in Deutschland liegt laut RKI zwischen Oktober und Mitte November — also vor dem typischen Beginn der Grippewelle, die meist zwischen Dezember und März ihren Höhepunkt erreicht. Eine spätere Impfung ist jedoch weiterhin sinnvoll, solange die Grippesaison andauert.
Da sich Influenzaviren rasch verändern und die WHO die Impfstoffzusammensetzung jährlich aktualisiert, ist eine erneute Impfung jede Saison notwendig. Ein im Vorjahr erhaltener Impfschutz reicht nicht aus — sowohl wegen der veränderten Virusstämme als auch wegen des nachlassenden Antikörperspiegels im Zeitverlauf.
Grippe oder grippaler Infekt? So unterscheiden Sie es
Ein häufiges Missverständnis: Viele Menschen verwechseln eine echte Influenza mit einem harmlosen Erkältungsvirus. Die folgende Übersicht hilft bei der Einschätzung — ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnose:
- Plötzlicher Beginn: Echte Grippe setzt oft binnen weniger Stunden mit hohem Fieber (über 38,5 °C) ein — ein grippaler Infekt entwickelt sich in der Regel schleichend.
- Starkes Krankheitsgefühl: Ausgeprägte Abgeschlagenheit, Muskel- und Gliederschmerzen sowie starke Kopfschmerzen sprechen eher für Influenza.
- Trockener Reizhusten: Häufiges Symptom bei echter Grippe, während bei Erkältungen Schnupfen im Vordergrund steht.
- Fieberdauer: Influenzafieber hält typischerweise drei bis fünf Tage an.
- Wann zum Arzt: Bei hohem Fieber über mehrere Tage, Atemnot, anhaltendem Brustschmerz oder starker Verschlechterung des Allgemeinzustands sollte umgehend ärztliche Hilfe aufgesucht werden.
Handlungsempfehlungen im Überblick
- Risikogruppen (ab 60 Jahre, chronisch Kranke, Schwangere): Jährliche Grippeimpfung, idealerweise im Oktober oder November, nach Rücksprache mit der Hausarztpraxis.
- Medizinisches Personal: Jährliche Impfung zum Schutz der eigenen Gesundheit und der Patientensicherheit.
- Gesunde Erwachsene: Individuelle Abwägung nach ärztlicher Beratung; Impfung empfehlenswert, wenn enger Kontakt zu Risikogruppen besteht.
- Ergänzend zu Hygienemaßnahmen: Regelmäßiges Händewaschen, Niesetikette und das Meiden enger Kontakte bei Symptomen reduzieren das Übertragungsrisiko zusätzlich — unabhängig vom Impfstatus.
- Kassenleistung prüfen: Für STIKO-empfohlene Gruppen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Grippeimpfung vollständig.
- Kombination mit Pneumokokken-Impfung: Für Menschen über 60 Jahre empfiehlt die STIKO zusätzlich die Pneumokokken-Impfung gegen bakterielle Lungenentzündung, da beide Erkrankungen häufig zusammen auftreten.
Fazit: Impfen — aber differenziert
Die Grippeimpfung ist kein Allheilmittel, aber für bestimmte Bevölkerungsgruppen eines der wirksamsten verfügbaren Präventionsinstrumente gegen eine potenziell lebensbedrohliche Infektionskrankheit. Der Nutzen ist bei Hochrisikogruppen klar und wissenschaftlich gut belegt. Für gesunde jüngere Erwachsene ist die individuelle Entscheidung weniger eindeutig, aber selten falsch.
Wer sich unsicher ist, sollte das Gespräch mit der Hausarztpraxis suchen. Weiterführende, evidenzbasierte Informationen bieten das RKI-Informationsportal zu Impfempfehlungen, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie die Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Wer zusätzlich mehr über verwandte Atemwegserkrankungen erfahren möchte, findet weiterführende Informationen in unserem Beitrag zur COPD: Symptome, Behandlung und Prävention.