Impfquoten in Deutschland: Wo wir zurückliegen
RKI-Daten zeigen regionale Unterschiede
Die Impfquoten in Deutschland stehen seit einigen Jahren unter Druck. Während manche Bundesländer nach wie vor solide Durchimpfungsraten vorweisen können, zeigen sich in anderen Regionen besorgniserregende Lücken. Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlicht regelmäßig Surveillance-Daten, die ein differenziertes Bild der Impfsituation zeichnen – und klaren Handlungsbedarf offenbaren.
Aktuelle Impfquoten: Ein uneinheitliches Bild

Die Impfquoten gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) gelten als einer der wichtigsten Indikatoren für den Immunisierungsschutz einer Bevölkerung. Laut RKI-Impfsurveillance bei Schulanfängern (2022–2023) lag die Masern-Impfquote für mindestens eine Dosis bundesweit bei 97,1 Prozent, die Quote für die empfohlenen zwei Dosen bei 96,5 Prozent. Diese Zahlen klingen auf den ersten Blick beruhigend – doch der Blick auf Bundeslandebene zeigt erhebliche Schwankungen zwischen 92 und 97 Prozent, die in ihrer Konsequenz nicht unterschätzt werden sollten.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betonen übereinstimmend, dass eine Durchimpfungsquote von mindestens 95 Prozent erforderlich ist, um Masern wirksam einzudämmen und einen stabilen Gemeinschaftsschutz zu gewährleisten. Bundesländer, die regelmäßig unter dieser Marke bleiben, gefährden damit nicht nur einzelne Individuen, sondern auch vulnerable Gruppen, die selbst nicht geimpft werden können – etwa Säuglinge unter zwölf Monaten oder immungeschwächte Personen.
Diese regionalen Unterschiede sind kein Zufall. Sie spiegeln unterschiedliche strukturelle Rahmenbedingungen wider: variierende Impfberatungsangebote, unterschiedlich organisierte Schuleingangsuntersuchungen sowie divergierende Einstellungen zur Impfprävention in der Bevölkerung. Das RKI weist in seinen Berichten regelmäßig darauf hin, dass sozioökonomische Faktoren und die regionale Versorgungsstruktur entscheidend für Impflücken sind.
Besonders auffällig ist die Situation bei der Pneumokokken-Impfung. Obwohl diese seit Jahren Bestandteil des nationalen Impfkalenders ist, variieren die Quoten stark. Bei Erwachsenen ab 60 Jahren liegt die Impfquote bundesweit bei etwa 45 bis 50 Prozent – deutlich unter dem STIKO-Ziel von mindestens 75 Prozent für diese Altersgruppe. Pneumokokken können bei älteren Menschen schwere Lungenentzündungen, Sepsis und Meningitis verursachen. Studien deuten darauf hin, dass die bestehenden Impflücken zu mehreren Hundert vermeidbaren Erkrankungsfällen pro Jahr führen.
Studienlage: Laut RKI-Impfsurveillance bei Schulanfängern (2022–2023) betrug die Masern-Impfquote (mindestens eine Dosis) bundesweit 97,1 Prozent; die Quote für zwei Dosen lag bei 96,5 Prozent. Bei der Pneumokokken-Impfung für Erwachsene ab 60 Jahren zeigen aktuelle epidemiologische Erhebungen eine Impfquote von etwa 45–50 Prozent – die STIKO empfiehlt mindestens 75 Prozent. Eine Analyse im Rahmen des Projekts „BURDEN 2020" (gefördert durch das European Centre for Disease Prevention and Control, ECDC) schätzt, dass impfpräventable Pneumokokken-Erkrankungen in Deutschland jährlich mehrere Tausend Hospitalisierungen verursachen. Die Influenza-Impfquote bei über 60-Jährigen lag laut RKI-Grippe-Surveillance in der Saison 2022/2023 bundesweit bei etwa 48 Prozent – weit entfernt vom WHO-Ziel von 75 Prozent für Risikogruppen. Für COVID-19-Auffrischungsimpfungen verzeichnete das RKI im Herbst/Winter 2023/2024 bei Personen ab 60 Jahren eine Quote von unter 25 Prozent.
Regionale Hotspots der Impflücken

Ostdeutsche Bundesländer: Strukturelle Herausforderungen
Einige ostdeutsche Bundesländer, darunter Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, weisen bei einzelnen Impfungen unterdurchschnittliche Quoten auf. Die Ursachen sind vielschichtig: Ländliche Regionen sind medizinisch häufig unterversorgt, nicht alle Arztpraxen bieten vollständige Impfprogramme im ländlichen Raum an. Gleichzeitig spielen soziale Netzwerkeffekte eine Rolle – in Gemeinschaften mit stärker verbreiteter Impfskepsis kann sich eine ablehnende Haltung schneller festigen.
Das RKI weist darauf hin, dass Schulanfänger aus sozial schwächer gestellten Familien häufiger unvollständig geimpft sind. Als Erklärungsfaktoren gelten häufige Wohnortwechsel, fehlende kontinuierliche Arztbeziehungen und Sprachbarrieren. Dieser Zusammenhang ist seit den Studien der 2010er-Jahre gut dokumentiert und hat sich seitdem nicht grundlegend verändert. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) fordert daher gezielt niedrigschwellige Impfangebote in sozial benachteiligten Stadtvierteln und ländlichen Versorgungslücken.
Erwachsenenimpfungen: Das unterschätzte Problem
Während die Kinderimpfungen trotz regionaler Schwankungen insgesamt auf relativ stabilem Niveau liegen, offenbart sich bei Erwachsenen ein strukturell größeres Problem. Die Influenza-Impfquote bei Senioren ab 60 Jahren lag in der Saison 2022/2023 bundesweit bei etwa 48 Prozent – in einzelnen Bundesländern sogar darunter. Das WHO-Ziel von 75 Prozent für Risikogruppen ist damit in weiter Ferne.
Noch deutlicher ist der Rückgang bei COVID-19-Auffrischungsimpfungen. Nach dem Abklingen der akuten Pandemielage sind die Auffrischungsquoten stark gesunken. Das RKI verzeichnete für den Herbst/Winter 2023/2024 bei Personen ab 60 Jahren eine Quote von unter 25 Prozent – obwohl diese Gruppe nach wie vor das höchste Risiko für schwere Verläufe trägt. Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) und die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) haben wiederholt auf diese Schutzlücke hingewiesen.
Ursachen der Impflücken: Mehr als Impfskepsis
Es wäre zu kurz gegriffen, Impflücken allein auf Skepsis oder Ablehnung zurückzuführen. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil ungeimpfter Erwachsener nicht grundsätzlich impffeindlich eingestellt ist, sondern aus organisatorischen Gründen keine Impfberatung beim Hausarzt wahrgenommen hat: fehlende Erinnerungssysteme, mangelnde Zeit, unklare Zuständigkeiten zwischen Haus- und Fachärzten. Gerade bei Erwachsenen fehlt oft ein strukturierter Anlass – anders als bei Kindern, wo Vorsorgeuntersuchungen und Schuleingangsuntersuchungen automatische Kontaktpunkte schaffen.
Hinzu kommt ein Informationsproblem: Ein Teil der Bevölkerung ist sich nicht bewusst, welche Impfungen für Erwachsene empfohlen werden. Laut einer Befragung im Rahmen des RKI-Gesundheitsmonitorings wussten weniger als 40 Prozent der Befragten über 50 Jahren, dass für sie eine Pneumokokken-Impfung empfohlen wird. Die WHO empfiehlt in diesem Zusammenhang proaktive Kommunikationsstrategien und aufsuchende Impfangebote.
Was jetzt getan werden muss: Handlungsempfehlungen
Aus den vorliegenden Daten und den Empfehlungen von RKI, STIKO, WHO sowie den einschlägigen Fachgesellschaften lassen sich konkrete Maßnahmen ableiten – sowohl auf politischer und struktureller Ebene als auch für Einzelpersonen:
- Impfstatus überprüfen lassen: Erwachsene sollten ihren Impfpass beim nächsten Arztbesuch überprüfen lassen – besonders auf Masern, Pneumokokken, Influenza, Tetanus und Pertussis.
- Auffrischungsimpfungen nicht vergessen: Für Personen ab 60 Jahren empfiehlt die STIKO jährliche Influenza- sowie regelmäßige Pneumokokken- und COVID-19-Auffrischungsimpfungen.
- Niedrigschwellige Angebote ausbauen: Kommunen und Kassenärztliche Vereinigungen sollten Impfangebote außerhalb der regulären Praxiszeiten, in Apotheken und mobilen Einheiten stärken.
- Erinnerungssysteme einführen: Digitale oder postalische Impferinnerungen, wie sie in anderen europäischen Ländern etabliert sind, könnten die Impfquoten bei Erwachsenen messbar verbessern.
- Impfberatung in Kitas und Schulen intensivieren: Elterngespräche bei Schuleingangsuntersuchungen sind ein bewährter Ansatz, um Impflücken frühzeitig zu schließen.
- Sozial benachteiligte Gruppen gezielt ansprechen: Mehrsprachige Informationsmaterialien und aufsuchende Impfangebote in sozialen Brennpunkten sind laut DGKJ essenziell, um strukturelle Ungleichheiten zu reduzieren.
- Transparenz durch öffentliches Monitoring: Das RKI sollte Impfquoten auf Kreisebene noch systematischer und zeitnäher veröffentlichen, um lokale Handlungsbedarfe sichtbar zu machen.
Fazit: Impfschutz ist Gemeinschaftsaufgabe
Deutschland verfügt über ein gut ausgebautes Gesundheitssystem und ein klares wissenschaftliches Fundament für Impfempfehlungen – und dennoch bleiben die Impfquoten in mehreren Bereichen hinter den Zielvorgaben zurück. Das ist kein Anlass zur Panik, aber ein deutliches Signal für strukturellen Reformbedarf. Impfschutz ist keine rein individuelle Entscheidung: Wer sich impfen lässt, schützt auch jene, die es aus medizinischen Gründen nicht können. Genau das macht Gemeinschaftsschutz durch Herdenimmunität zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen.
Die vorliegenden Daten von RKI, STIKO und WHO zeigen: Die größten Lücken liegen nicht bei Kindern, sondern bei Erwachsenen – und hier besonders bei vulnerablen älteren Menschen. Wer seinen Impfstatus kennt und auf dem aktuellen Stand hält, leistet einen konkreten Beitrag zur öffentlichen Gesundheit. Der erste Schritt ist einfach: den Impfpass heraussuchen und beim nächsten Arztbesuch ansprechen.