Infineon erwartet stärkeres Wachstum als prognostiziert
Der Halbleiterhersteller hebt seine Prognose an und sieht auch in der Automobilindustrie wieder Licht.
Der Münchner Halbleiterhersteller Infineon Technologies hat seine Wachstumsprognosen für das laufende Geschäftsjahr deutlich nach oben korrigiert. Das Unternehmen rechnet nun mit einem Umsatzwachstum von sieben bis neun Prozent – gegenüber der bisherigen Erwartung von viereinhalb bis sechseinhalb Prozent. Die Revision kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die globale Halbleiterindustrie nach einer ausgeprägten Abschwächungsphase erste nachhaltige Erholungszeichen zeigt. Für die deutsche Industrie, die Infineon als einen ihrer wichtigsten Technologielieferanten betrachtet, ist dies ein beachtenswertes Signal.
Infineon hebt Ausblick an – Wendepunkt oder Momentaufnahme?
Die revidierte Prognose stützt sich nach Unternehmensangaben auf eine spürbar gestiegene Nachfrage in den Bereichen Automobilelektronik, industrielle Automatisierung und Energiemanagement. Infineon hatte in den vorangegangenen Quartalen mit einem schwierigen Marktumfeld zu kämpfen: Lieferkettenstörungen, ein merklicher Nachfragerückgang bei Industriekunden sowie geopolitische Spannungen – insbesondere im Verhältnis zu China – hatten die Geschäftsentwicklung belastet. Nun signalisieren aktuelle Auftragseingänge und Kundenabfragen eine Normalisierung.
Analysten bewerten die Prognoseanhebung grundsätzlich positiv, mahnen jedoch zur Vorsicht. Die Erholung vollzieht sich in einem Umfeld, das weiterhin von strukturellen Unsicherheiten geprägt ist: Die Zinsentwicklung in der Eurozone, eine gedämpfte Investitionsbereitschaft im Industriesektor sowie die anhaltende Schwäche der chinesischen Binnennachfrage könnten die Dynamik bremsen. Das ifo Institut hat in seinen jüngsten Konjunkturberichten darauf hingewiesen, dass Auftragsrevisionen einzelner Unternehmen noch kein belastbares Indiz für eine breite Erholung darstellen – wenngleich sie als Frühindikator für die Gesamtkonjunktur durchaus relevant sind.
Laut Managementangaben profitiert Infineon insbesondere von der steigenden Nachfrage nach energieeffizienten Leistungshalbleitern für Elektrofahrzeuge, nach Steuerungskomponenten für Industrie-4.0-Anwendungen sowie nach Chips für Rechenzentren und KI-Infrastruktur. Diese drei Segmente gelten intern als zentrale Wachstumstreiber der kommenden Jahre. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass das Unternehmen den Anteil von Rechenzentrum- und KI-Chips am Gesamtumsatz bislang nicht detailliert ausgewiesen hat – eine Transparenzlücke, die Investoren zunehmend bemängeln.
| Kennzahl | Bisherige Prognose | Neue Prognose | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Umsatzwachstum (in %) | +4,5 bis +6,5 | +7,0 bis +9,0 | +200–300 Basispunkte |
| Segmentmarge Automotive (in %) | 15,2 | 16,8 | +160 Basispunkte |
| Segmentmarge Industrial Power Control (in %) | 18,5 | 19,2 | +70 Basispunkte |
| Mitarbeiterzahl (weltweit) | ca. 72.000 | ca. 74.500 | +2.500 Positionen |
| F&E-Investitionen (in % des Umsatzes) | 19,3 | 20,1 | +80 Basispunkte |
Auffällig ist der geplante Stellenaufbau um rund 2.500 Positionen weltweit. Dieser steht in einem gewissen Kontrast zur aktuellen Zurückhaltung vieler Technologieunternehmen beim Personalwachstum. Ob dieser Aufbau tatsächlich realisiert wird, hängt maßgeblich davon ab, ob die Nachfrageerholung im zweiten Halbjahr Bestand hat.
Konjunkturindikator: Das ifo Institut stuft Prognoseanhebungen großer Halbleiterhersteller als relevante Frühindikatoren für die Gesamtkonjunktur ein. Steigende Auftragsvolumina bei Infineon wirken sich erfahrungsgemäß mit einem Vorlauf von zwei bis vier Quartalen auf die Investitionsgüternachfrage in der Automobil- und Maschinenbaubranche aus. Die Bundesbank verweist in ihrem aktuellen Monatsbericht darauf, dass die deutsche Industrie weiterhin in einer Konsolidierungsphase steckt – positive Ausreißer einzelner Unternehmen sollten daher nicht als Trendwende der Gesamtwirtschaft überinterpretiert werden. Laut Statista entfallen auf den deutschen Halbleitermarkt rund 14 Milliarden Euro Jahresumsatz; Infineon ist dabei mit Abstand der größte heimische Anbieter.
Automobilindustrie: Entspannung bei der Chipversorgung
Deutsche Hersteller können Produktionsquoten erhöhen
Die Prognoseanhebung von Infineon ist unmittelbar mit der Lage in der deutschen Automobilindustrie verknüpft. Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz hatten in den Jahren 2021 bis 2023 wiederholt Produktionsdrosselungen hinnehmen müssen, weil Halbleiter fehlten. Die Folge waren Lieferverzögerungen bei Neuwagen, Umsatzausfälle in Milliardenhöhe und ein struktureller Vertrauensverlust bei Händlern und Endkunden.
Die verbesserte Chipverfügbarkeit erlaubt es den Herstellern nun, Fertigungslinien wieder stärker auszulasten und Auftragsrückstände abzuarbeiten. Besonders relevant ist dabei die Verfügbarkeit von Leistungshalbleitern für Elektrofahrzeuge, da diese pro Fahrzeug einen deutlich höheren Chipgehalt aufweisen als konventionelle Verbrenner. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (VDA) benötigt ein modernes Elektrofahrzeug durchschnittlich zwei- bis dreimal so viele Halbleiter wie ein vergleichbares Fahrzeug mit Verbrennungsmotor – ein struktureller Nachfragetreiber, von dem Infineon direkt profitiert.
Dennoch wäre es verfrüht, von einer vollständigen Erholung der Automobilbranche zu sprechen. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in Deutschland ist nach dem Wegfall der staatlichen Kaufprämie Ende 2023 spürbar zurückgegangen. Diese Schwäche belastet das Automotive-Segment von Infineon mittelfristig, auch wenn die aktuellen Auftragszahlen noch stabil wirken. Das DIW Berlin hat in seiner jüngsten Prognose darauf hingewiesen, dass die strukturelle Transformation der deutschen Automobilindustrie weiterhin erhebliche Investitionsrisiken birgt.
Wer profitiert – und wer nicht?
Profiteure der Erholung
Am deutlichsten dürften neben Infineon selbst die unmittelbaren Zulieferer in der Halbleiterfertigung profitieren: Hersteller von Siliziumkarbid-Wafern, Spezialgasen und Fertigungsanlagen für die Chipproduktion können mit steigenden Bestellvolumina rechnen. Auch deutsche Maschinenbauunternehmen, die Produktionsanlagen für die Halbleiterindustrie liefern, dürften von einer anziehenden Investitionsbereitschaft profitieren.
Für institutionelle Investoren ist die Prognoseanhebung ein positives Signal für den gesamten europäischen Halbleitersektor. ASML, STMicroelectronics und Onsemi hatten zuletzt ähnliche Tendenzen angedeutet, ohne konkrete Revisionen vorzunehmen. Eine bestätigte Nachfrageerholung durch Infineon könnte hier katalytisch wirken.
Verlierer und Risiken
Unter Druck bleiben dagegen Unternehmen, die im Bereich Consumer Electronics tätig sind – einem Segment, das Infineon bewusst untergewichtet hat, das aber für andere Halbleiteranbieter wie Infineons Wettbewerber aus Taiwan und Südkorea zentral ist. Der dort herrschende Preisdruck ist unverändert hoch. Zudem könnten günstigere Chips aus chinesischer Fertigung den europäischen Anbietern im Industriesegment mittelfristig Marktanteile abnehmen – ein Risiko, das in der aktuellen Prognose von Infineon nach Einschätzung von Branchenanalysten möglicherweise zu gering gewichtet wird.
Auch für Arbeitnehmer in der deutschen Halbleiterindustrie ist das Bild gemischt. Zwar plant Infineon einen Stellenaufbau, doch dieser dürfte schwerpunktmäßig in Wachstumsregionen außerhalb Deutschlands stattfinden – etwa in Malaysia, Singapur und den USA, wo das Unternehmen erhebliche Kapazitätserweiterungen vorantreibt. Die Beschäftigungswirkung für den deutschen Standort fällt damit überschaubarer aus als die Gesamtzahl suggeriert.
Einordnung: Signal mit Vorbehalt
Die Prognoseanhebung von Infineon ist ein ermutigender, aber kein euphorisierender Befund. Sie bestätigt, dass sich die deutsche Halbleiterindustrie aus ihrem Tief herausarbeitet – langsam, selektiv und abhängig von externen Faktoren, die sich rasch ändern können. Geopolitische Risiken rund um Taiwan, eine mögliche Konjunkturabkühlung in den USA sowie die ungelöste Nachfrageschwäche im chinesischen Markt bleiben latente Störfaktoren.
Für die Bewertung des Unternehmens an der Börse ist entscheidend, ob die revidierten Ziele im zweiten Halbjahr auch tatsächlich erreicht werden. Die DAX-notierten Industriewerte haben auf die Ankündigung bereits positiv reagiert – ein Zeichen dafür, dass der Markt die Botschaft als glaubwürdig einstuft. Ob diese Einschätzung Bestand hat, wird sich spätestens mit den nächsten Quartalszahlen zeigen.