Merz nach einem Jahr: Kanzlerschaft zwischen Unbeliebtheit und
Friedrich Merz verliert in Umfragen, doch internationale Anleger zeigen wieder Interesse an Deutschland.
Friedrich Merz sitzt im Kanzleramt – doch die Bilanz nach einem Jahr ist gespalten. Der CDU-Politiker regiert eine Bundesrepublik im wirtschaftlichen Aufwind, verliert dabei jedoch rapide an politischem Rückhalt. Dieses Paradoxon prägt seine Kanzlerschaft: Während internationale Investoren wieder auf Deutschland setzen, sinken die Zustimmungswerte im Inland auf ein kritisches Tief. Die Frage, die Ökonomen und Politologen gleichermaßen beschäftigt, lautet: Kann eine Regierung wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn die Mehrheit der Bevölkerung diesen Erfolg nicht spürt?
Die Antwort ist komplex – und sie offenbart eine strukturelle Schwäche moderner Wirtschaftspolitik: Makroökonomische Indikatoren und das subjektive Wohlbefinden der Bevölkerung klaffen zunehmend auseinander. Das ifo Institut hat dieses Phänomen in seinem aktuellen Konjunkturbericht als „Wahrnehmungsschere" beschrieben – ein Zustand, in dem Wachstumszahlen und Alltagsrealität in entgegengesetzte Richtungen zeigen.
Die Umfragelage: Merz verliert an Rückhalt
Die Demoskopie zeichnet ein klares Bild. Zu Beginn seiner Amtszeit verzeichnete Friedrich Merz Zustimmungswerte von rund 45 Prozent – eine solide Ausgangsbasis für einen neu gewählten Kanzler. Ein Jahr später sind diese Werte deutlich gesunken. Aktuelle Erhebungen des Instituts für Demoskopie Allensbach weisen Zustimmungswerte von rund 30 Prozent aus, während die Ablehnung auf 52 Prozent gestiegen ist.
Bemerkenswert ist, dass dieser Rückgang nicht primär durch eine wirtschaftliche Rezession getrieben wird, sondern durch die politische Wahrnehmung des Reformkurses. Deregulierung, gezielte Steuerentlastungen für Unternehmen und höhere Einkommensgruppen sowie eine restriktive Migrationspolitik haben gesellschaftliche Spannungen erzeugt, die in den Umfragen sichtbar werden. Besonders ausgeprägt sind die Verluste bei mittleren Einkommensschichten und Rentnern – zwei Gruppen, die traditionell als Stabilitätsanker der Union gelten.
Diese Gruppen berichten von gestiegenen Lebenshaltungskosten, stagnierenden Reallöhnen und einem Gefühl der politischen Vernachlässigung. Laut Statista lag die gefühlte Inflation in Deutschland im ersten Amtsjahr von Merz konsistent über der offiziell gemessenen Rate – ein Indikator dafür, dass alltägliche Ausgaben wie Energie, Lebensmittel und Miete überproportional gestiegen sind.
Umfrageergebnis (Institut für Demoskopie Allensbach):
Zustimmung zu Merz als Kanzler: 30 % | Ablehnung: 52 % | Unentschieden: 18 %
Veränderung gegenüber Amtsantritt: −15 Prozentpunkte
Stärkste Verluste: Rentner (−19 Pp.), mittlere Einkommensschichten (−17 Pp.), Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe (−14 Pp.)
Das Phänomen erinnert an das, was Ökonomen als „jobless recovery" bezeichnen – einen Aufschwung, der statistisch messbar ist, aber an den unteren und mittleren Einkommensgruppen weitgehend vorbeiläuft. Obwohl die Arbeitslosenquote leicht gesunken ist, fühlt sich der wirtschaftliche Aufschwung für Millionen Haushalte nicht greifbar an.
Wirtschaftlicher Aufwind: Investoren kehren zurück
Auf den internationalen Kapitalmärkten hingegen herrscht eine andere Stimmung. Der DAX hat in den vergangenen Monaten rund zwölf Prozent zugelegt und bewegt sich nahe historischer Höchststände. Ausländische Direktinvestitionen in Deutschland sind laut Bundesbank-Angaben um etwa 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen – nachdem sie in den Jahren des Ampel-Koalitionsstreits und der Energiekrise deutlich eingebrochen waren.
Die Botschaft institutioneller Anleger ist eindeutig: Sie sehen in der Merz-Regierung einen verlässlichen wirtschaftspolitischen Kurs. Deregulierung, Bürokratieabbau und die geplante Reform der Unternehmensbesteuerung entsprechen den Erwartungen internationaler Investoren. Deutschland kehrt in deren Wahrnehmung von einem schwierigen Investitionsstandort zu einer berechenbaren Volkswirtschaft zurück.
Die Bundesbank hat in ihrer jüngsten Konjunkturprognose die Wachstumserwartungen für das laufende Jahr nach oben korrigiert. Statt der zuvor erwarteten Stagnation rechnet die Bundesbank nun mit einem moderaten Wachstum von rund 1,2 Prozent. Das ist kein Wirtschaftswunder – aber es markiert den Ausstieg aus zwei Jahren Rezession und Nullwachstum. Das ifo Institut bewertet den Anstieg des Geschäftsklimaindex als „erstes belastbares Signal einer Trendwende", warnt jedoch vor einer verfrühten Euphorie angesichts globaler Unsicherheitsfaktoren.
Konjunkturindikator (Bundesbank / ifo Institut, aktuell):
BIP-Wachstum Prognose laufendes Jahr: +1,2 % | DAX-Entwicklung (12 Monate): +12 % | Ausländische Direktinvestitionen: +28 % ggü. Vorjahr | ifo Geschäftsklimaindex: 86,1 Punkte (Vorjahr: 80,4) | Arbeitslosenquote: 5,4 % (Vorjahr: 5,8 %)
Wer profitiert – und wer verliert?
Eine differenzierte Analyse zeigt, dass der wirtschaftliche Aufwind keineswegs alle Sektoren und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen erreicht. Die Gewinner sind klar identifizierbar: exportorientierte Industrien, der Finanzsektor sowie kapitalmarktnahe Branchen wie Technologie und Pharma. Unternehmen wie DAX-Konzerne im Technologie- und Pharmasektor berichten von steigenden Auftragseingängen und wachsenden Margen.
Auf der Verliererseite stehen hingegen Branchen, die stark von inländischer Nachfrage abhängen: der Einzelhandel, das Handwerk und die Gastronomie. Das DIW Berlin hat in einer Sonderstudie festgestellt, dass kleine und mittlere Unternehmen (KMU) vom aktuellen Aufschwung bislang kaum profitieren. Die Kreditvergabe an KMU ist trotz gesunkener Leitzinsen verhalten, da Banken ihre Risikomodelle restriktiv halten. Laut DIW sind es vor allem Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die von der verbesserten Investitionslaune profitieren.
| Sektor | Wachstum (ggü. Vorjahr) | Investitionszufluss | Beschäftigungstrend | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Automobilindustrie | +3,4 % | stark steigend | stabil | Profiteur |
| Pharma & Chemie | +5,1 % | stark steigend | leicht steigend | Profiteur |
| Technologie / IT | +7,8 % | sehr stark steigend | steigend | Profiteur |
| Finanzsektor | +4,2 % | steigend | stabil | Profiteur |
| Einzelhandel | −1,2 % | rückläufig | leicht sinkend | Verlierer |
| Gastronomie & Tourismus | −0,8 % | stagnierend | sinkend | Verlierer |
| Handwerk & KMU | +0,3 % | kaum verändert | stagnierend | neutral / Verlierer |
| Bauwirtschaft | −2,1 % | stark rückläufig | sinkend | Verlierer |
Besonders besorgniserregend ist die Lage im Bausektor. Trotz gesunkener Zinsen bleibt die Nachfrage nach Wohn- und Gewerbeimmobilien verhalten. Hohe Material- und Lohnkosten sowie fehlende staatliche Förderprogramme halten Bauunternehmen in einer anhaltenden Krise. Das DIW warnt, dass ohne gezielte Impulse für den sozialen Wohnungsbau eine dauerhafte Schwächung des Sektors droht – mit negativen Folgen für die Beschäftigung in strukturschwachen Regionen.
Das Kommunikationsproblem: Wenn Zahlen nicht überzeugen
Das eigentliche strategische Problem der Merz-Regierung ist kein wirtschaftliches – es ist ein kommunikatives. Selbst wenn die makroökonomischen Daten positiv sind, müssen sie in persönlich erfahrbare Verbesserungen übersetzt werden. Steigende Direktinvestitionen und ein wachsender DAX erreichen die Lebenswirklichkeit einer Rentnerin in Sachsen oder eines Handwerkers im Ruhrgebiet nicht unmittelbar.
Regierungskommunikation, die ausschließlich auf Kennzahlen setzt, verliert zwangsläufig an Resonanz, wenn diese Zahlen für breite Bevölkerungsschichten abstrakt bleiben. Laut einer Erhebung von Statista gaben 61 Prozent der Befragten an, ihre persönliche Wirtschaftslage als „unverändert schlecht" oder „verschlechtert" wahrzunehmen – unabhängig von den offiziellen Wachstumsdaten. Diese Wahrnehmungslücke ist politisch gefährlicher als eine tatsächliche Rezession, weil sie strukturell schwer zu schließen ist.
Hinzu kommt, dass die sozialpolitischen Begleitmaßnahmen des Reformkurses – etwa Anpassungen beim Bürgergeld und veränderte Rentenanpassungsformeln – als Belastung empfunden werden, auch wenn sie fiskalisch begründbar sind. Das ifo Institut empfiehlt in diesem Kontext eine stärkere Verzahnung von Wachstums- und Verteilungspolitik, um die gesellschaftliche Akzeptanz des Reformkurses zu steigern.
Ausblick: Strukturreform als Schicksalsfrage
Die entscheidende Frage für das zweite Amtsjahr lautet: Gelingt es der Merz-Regierung, den wirtschaftlichen Aufschwung breiter zu verankern? Die Bundesbank hat in ihrem Monatsbericht darauf hingewiesen, dass das Wachstum derzeit zu einseitig von Exporten und Kapitalzuflüssen getragen wird. Eine nachhaltige Erholung erfordere eine Stärkung der Binnennachfrage – und damit der Kaufkraft breiter Bevölkerungsschichten.
Ob Merz diesen Kurs korrigiert oder an seiner angebotsorientierten Wirtschaftspolitik festhält, wird über seine politische Zukunft entscheiden. Wirtschaftliche Daten allein retten keine Kanzlerschaft. Das wusste schon Helmut Schmidt – und er verlor trotz solider Wirtschaftszahlen das Kanzleramt, weil die gesellschaftliche Stimmung kippte.
Die Parallelen sind nicht zu übersehen. Mehr zu den geplanten Strukturreformen der Bundesregierung, zur Rückkehr internationaler Investoren an den deutschen Kapitalmarkt sowie zur aktuellen Entwicklung des ifo Geschäftsklimaindex lesen Sie in unseren vertiefenden Analysen.