Wirtschaft

Mittelstand 2025: Stimmung, Investitionen und die große Sorge

ifo-Geschaeftsklimaindex, DIHK-Umfragen, Investitionsplaene - alle Daten

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit
Mittelstand 2025: Stimmung, Investitionen und die große Sorge

Der deutsche Mittelstand befindet sich 2025 in einer Phase der Verunsicherung. Während die großen Konzerne von Digitalisierung und Automatisierung profitieren, kämpfen kleine und mittlere Unternehmen mit einer Gemengelage aus Unsicherheit, steigenden Kosten und geopolitischen Risiken. Der ifo-Geschäftsklimaindex zeigt eine differenzierte Entwicklung, die sowohl Hoffnungen als auch tiefe Sorgen offenbart. Besonders die fehlende Planungssicherheit und der weiterhin angespannte Arbeitsmarkt belasten die Investitionsbereitschaft des Mittelstands erheblich.

Konjunkturindikator: Der ifo-Geschäftsklimaindex für den Mittelstand liegt im ersten Quartal 2025 bei 94,2 Punkten – ein Anstieg von 1,3 Punkten gegenüber dem Vorquartal. Die Erwartungskomponente bleibt jedoch verhaltener als die aktuelle Lagebeurteilung vermuten lässt. Ein Wert unter 100 signalisiert dabei eine Eintrübung gegenüber dem langjährigen Durchschnitt. (Quelle: ifo Institut)

Die Stimmungslage: Hoffnung trifft auf Skepsis

Die aktuelle Situation des deutschen Mittelstands lässt sich 2025 als widersprüchlich charakterisieren. Einerseits berichten viele Unternehmer von einer stabilen Auftragslage, besonders in den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Handwerk. Andererseits dominiert bei strategischen Entscheidungen eine ausgeprägt vorsichtige Haltung. Die Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) vom März 2025 zeigt, dass nur 29 Prozent der befragten mittelständischen Unternehmen mit steigenden Umsätzen in den kommenden zwölf Monaten rechnen – ein Rückgang um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.

Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die grosse Sorge
Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die grosse Sorge

Diese Diskrepanz zwischen aktuellen Geschäftsergebnissen und Zukunftserwartungen offenbart die tiefe Unsicherheit, die den Mittelstand 2025 prägt. Geopolitische Spannungen, der anhaltende Krieg in der Ukraine und die Handelsunsicherheiten im Verhältnis zwischen den USA und China wirken wie ein Damoklesschwert über den mittel- und langfristigen Planungen. Viele Mittelständler berichten von Lieferkettenproblemen, die zwar weniger dramatisch sind als in den Jahren 2021 und 2022, aber strukturell nachwirken und die Lagerhaltungskosten erhöhen.

Die Stimmung unterscheidet sich stark nach Branchen. Während der Bausektor und verwandte Handwerksbereiche von der anhaltenden Sanierungsnachfrage – getrieben auch durch energetische Modernisierungspflichten – profitieren, leidet die Metall- und Elektroindustrie unter schwächerer Exportnachfrage, insbesondere aus dem wichtigen Absatzmarkt China. Der Einzelhandel verzeichnet zwar stabilere Konsumentenausgaben nach den inflationsgetriebenen Einbrüchen der Vorjahre, kämpft aber strukturell gegen den wachsenden Online-Handel und steigende Personalkosten an.

Regionale Unterschiede in der Geschäftstätigkeit

Die regionalen Unterschiede sind erheblich. Südwestdeutschland, mit seinem Schwerpunkt auf Maschinenbau und Automobilzulieferung, zeigt resilientere Geschäftszahlen als das Ruhrgebiet oder andere Industrieregionen Westdeutschlands im Strukturwandel. Baden-Württemberg und Bayern melden 2025 eine Quote von 32 Prozent der Unternehmen mit optimistischen Aussichten, während die ostdeutschen Bundesländer mit nur 24 Prozent deutlich schlechter dastehen. Dies liegt unter anderem an der höheren Abhängigkeit energieintensiver Betriebe von volatilen Energiepreisen sowie an weniger diversifizierten Wirtschaftsstrukturen in der Fläche.

Bemerkenswert ist zudem das Nord-Süd-Gefälle innerhalb der westdeutschen Bundesländer. Norddeutsche Hafenstädte und ihre Umlandregionen profitieren von einer Erholung im Logistik- und Außenhandelsbereich, während ländlich geprägte Mittelstandsregionen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nach wie vor mit Nachfolgeproblematiken und Fachkräfteabwanderung zu kämpfen haben. Die wirtschaftsgeografische Ausdifferenzierung des Mittelstands ist damit 2025 ausgeprägter denn je – eine Entwicklung, die politischen Handlungsbedarf auf Länderebene signalisiert.

Erwartungen für 2025 und 2026

Bei einer genauen Analyse der DIHK-Umfrage vom Februar 2025 mit über 8.000 befragten Unternehmen zeigt sich: 41 Prozent erwarten stabile Geschäfte, 30 Prozent rechnen mit leichten Rückgängen. Nur 19 Prozent gehen von deutlich besseren Aussichten aus, während zehn Prozent keine belastbare Prognose abgeben können – auch das ein Zeichen für die Tiefe der Planungsunsicherheit. Dies bedeutet konkret, dass der Optimismus der Boomjahre einer vorsichtigen Normalität gewichen ist. Für 2026 sind die Erwartungen marginal besser: Rund 35 Prozent der befragten Unternehmen rechnen für das übernächste Jahr mit einer Belebung – vorausgesetzt, geopolitische und regulatorische Belastungen nehmen nicht weiter zu.

Indikator Q1 2025 Q4 2024 Veränderung Quelle
ifo-Geschäftsklimaindex Mittelstand 94,2 92,9 +1,3 Punkte ifo Institut
Unternehmen mit erwartetem Umsatzwachstum 29 % 34 % −5 Prozentpunkte DIHK
Investitionspläne mit Steigerung 26 % 31 % −5 Prozentpunkte DIHK
Erwartete durchschnittliche Lohnsteigerungen 3,8 % 4,2 % −0,4 Prozentpunkte Deutsche Bundesbank
Unternehmen mit Fachkräftemangel 67 % 71 % −4 Prozentpunkte ZEW Mannheim

Investitionen: Zögern statt Zuversicht

Die Investitionstätigkeit des deutschen Mittelstands fällt 2025 deutlich verhaltener aus als in den optimistischeren Phasen der Vergangenheit. Das Investitionsvolumen soll laut Bundesbank-Erhebungen um etwa 2,3 Prozent gegenüber 2024 zunehmen – ein moderates Wachstum, das unterhalb der langfristigen Durchschnittswerte liegt und nach Abzug der Inflation real nahezu stagniert. Besonders symptomatisch ist die strukturelle Verschiebung dieser Investitionen: Während rund 18 Prozent der Mittelständler in digitale Infrastruktur und Software investieren, fließen nur noch 12 Prozent des geplanten Investitionsbudgets in Erweiterungsinvestitionen und echten Kapazitätsaufbau.

Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die große Sorge
Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die große Sorge
Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die grosse Sorge
Mittelstand 2025 Stimmung Investitionen und die grosse Sorge

Mittelständische Unternehmen investieren 2025 primär in Erhaltung und schrittweise Modernisierung bestehender Strukturen, nicht in Wachstum. Offensivkapitalinvestitionen – der Motor für Beschäftigungsaufbau und Produktivitätssteigerung – stagnieren. Mehrere Faktoren treiben diese Zurückhaltung: Unsicherheit über die künftige Nachfrageentwicklung, höhere Finanzierungskosten nach den Zinserhöhungszyklen der Europäischen Zentralbank sowie ein Fachkräftemangel, der die Rentabilität neuer Kapazitäten von vornherein in Frage stellt. Wer keine geeigneten Mitarbeiter findet, baut auch keine neue Fertigungshalle.

Hinzu kommt die Bürokratiebelastung, die von mittelständischen Unternehmern in Befragungen regelmäßig als eines der größten Investitionshemmnisse genannt wird. Laut einer Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn aus dem ersten Quartal 2025 geben 58 Prozent der befragten KMU an, dass der administrative Aufwand für Förderprogramme und regulatorische Compliance ihre Investitionsentscheidungen verzögert oder verhindert hat. Die gut gemeinte Transformation durch Bürokratie ist damit selbst zum Hemmnis geworden.

Die große Sorge: Fachkräftemangel als Strukturproblem

Kein Thema beschäftigt den deutschen Mittelstand 2025 so intensiv wie der Fachkräftemangel im produzierenden Gewerbe. Mit 67 Prozent der Unternehmen, die Besetzungsprobleme melden, bleibt die Lage trotz einer leichten Entspannung gegenüber dem Vorjahr strukturell angespannt. Die demografische Entwicklung verschärft das Problem: In den kommenden zehn Jahren werden in Deutschland rund 5,5 Millionen Erwerbspersonen aus der Babyboomer-Generation in den Ruhestand wechseln – ein Aderlass, dem die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte bislang nur unzureichend entgegenwirkt.

Besonders hart trifft es das Handwerk, den Pflegebereich und technische Berufe in der Industrie. Mittelständische Betriebe konkurrieren dabei strukturell benachteiligt mit Großkonzernen: Sie können selten ähnliche Gehälter, Karrierepfade oder internationale Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Gleichzeitig sind viele Mittelständler in ländlichen Regionen angesiedelt, wo die Attraktivität für junge Fachkräfte geringer ist. Eine Verlagerung von Produktions- oder Servicekapazitäten in die Ballungsräume ist für viele Betriebe keine Option – weder wirtschaftlich noch strategisch.

Die Politik hat auf diesen Befund mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz reagiert, das seit 2024 schrittweise in Kraft getreten ist. Die Wirkung bleibt jedoch bislang hinter den Erwartungen zurück. Sprachbarrieren, komplizierte Anerkennungsverfahren für ausländische Berufsabschlüsse und lange Bearbeitungszeiten bei Behörden bremsen den Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten. Der Erfolg der Fachkräfteeinwanderung hängt damit maßgeblich von der Verwaltungsmodernisierung ab – einem Bereich, in dem Deutschland seit Jahren Nachholbedarf hat.

Digitalisierung: Fortschritt mit Lücken

Bei der Digitalisierung hat der deutsche Mittelstand in den vergangenen Jahren Boden gutgemacht – aber die Lücken gegenüber internationalen Wettbewerbern bleiben beträchtlich. Laut einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom vom Frühjahr 2025 setzen inzwischen 61 Prozent der mittelständischen Unternehmen cloudbasierte Geschäftsanwendungen ein, 2021 waren es noch 43 Prozent. Künstliche Intelligenz hingegen nutzen bislang nur 14 Prozent der KMU produktiv – trotz des medialen Hypes und einer Vielzahl staatlicher Förderangebote.

Die Hemmnisse sind bekannt: fehlende interne IT-Kompetenz, Datenschutzbedenken, unklare Return-on-Investment-Kalkulationen und schlicht der Zeitmangel des Unternehmers, der das Tagesgeschäft managt. Hier klafft eine gefährliche Lücke zwischen den Erfordernissen der Transformation und den Kapazitäten des Mittelstands. Wer heute nicht in KI-gestützte Prozessoptimierung investiert, riskiert in drei bis fünf Jahren strukturell abgehängt zu werden – von internationalen Wettbewerbern ebenso wie von deutschen Großunternehmen, die die Technologien bereits systematisch einsetzen.

Finanzierungsumfeld: Teurer, selektiver, bürokratischer

Das Finanzierungsumfeld für mittelständische Investitionen hat sich gegenüber der Niedrigzinsphase grundlegend verändert. Nach den Leitzinserhöhungen der EZB sind die Kreditzinsen für KMU im Durchschnitt auf ein Niveau gestiegen, das zuletzt vor der Finanzkrise 2008 erreicht wurde. Laut Bundesbank zahlen mittelständische Unternehmen für Betriebsmittelkredite mit einer Laufzeit bis zu einem Jahr derzeit im Schnitt 4,6 Prozent – gegenüber unter einem Prozent im Jahr 2021. Das verteuert nicht nur Wachstumsfinanzierungen, sondern belastet auch die laufende Liquidität.

Hinzu kommt eine restriktivere Kreditvergabepraxis der Banken. Der Bank Lending Survey der EZB für das erste Quartal 2025 zeigt, dass deutsche Banken ihre Vergabestandards für KMU-Kredite erneut leicht verschärft haben – getrieben durch Risikoaversion angesichts konjunktureller Unsicherheiten und gestiegener Ausfallquoten in einzelnen Segmenten. Für den Mittelstand bedeutet das: Wer Kapital für Investitionen benötigt, muss heute mehr Sicherheiten vorweisen und mehr Dokumentationsaufwand betreiben als noch vor wenigen Jahren.

Ausblick: Belastbar, aber nicht robust

Der deutsche Mittelstand zeigt sich 2025 in einer charakteristischen Haltung: widerstandsfähig genug, um die multiplen Krisen der vergangenen Jahre zu absorbieren, aber nicht dynamisch genug, um als Wachstumsmotor für die Gesamtwirtschaft zu dienen. Die Grundsubstanz – Eigenkapitalquoten, Exportkompetenz, technologisches Know-how in Nischenmärkten – ist solide. Die Rahmenbedingungen dagegen – Bürokratie, Energiekosten, Fachkräftemangel, politische Unsicherheit – sind es nicht.

Was der Mittelstand 2025 am dringendsten benötigt, ist keine weitere

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.