Wirtschaft

Ökonom Lars Feld: Unternehmen stehen vor "toxischem Gemisch"

ntv-Interview mit dem ehemaligen Wirtschaftsweisen zeigt wie ernst die Lage ist — und was fehlt

Von Julia Schneider 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Ökonom Lars Feld: Unternehmen stehen vor "toxischem Gemisch"
Das Wichtigste in Kürze
  • Wir haben uns den Beitrag von ntv (YouTube) genau angesehen
  • Kernthese: Was der Kanal sagt Der renommierte Ökonom Lars Feld warnt in seinem aktuellen…

Zwei Jahre Rezession, explodierende Energiekosten, erdrückende Bürokratie und globaler Wettbewerbsdruck aus Asien: Lars Feld, ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, spricht im ntv-Interview von einem „toxischen Gemisch", das deutschen Unternehmen die Luft abschnüre. Die Diagnose des Freiburger Ökonomen trifft einen wunden Punkt — und die Bundesregierung hat bislang keine überzeugende Antwort darauf.

Wenn Standortfaktoren zur Systemfrage werden

Es sind keine abstrakten Zahlen, die Lars Feld aufruft. Es sind Entscheidungen, die täglich in Vorstandsetagen und Familienunternehmen getroffen werden: Verlagerung ins Ausland, Stellenabbau, Investitionsstopp. Der Begriff „toxisches Gemisch" ist dabei programmatisch gewählt — er beschreibt das Zusammentreffen mehrerer Belastungen, von denen jede für sich allein schon schwerwiegend wäre, in ihrer Kombination aber eine besondere Sprengkraft entfaltet.

Das ifo Institut bestätigt diesen Befund mit nüchternen Daten: Das Geschäftsklima unter deutschen Unternehmen bewegt sich seit Monaten auf niedrigem Niveau, Investitionsbereitschaft und Exporterwartungen sinken. Das DIW Berlin warnt unterdessen vor einer strukturellen Wachstumsschwäche, die über einen konjunkturellen Abschwung hinausgeht. Und die Bundesbank verweist in ihren aktuellen Berichten darauf, dass die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Industriestandorts unter Druck geraten ist — nicht zuletzt durch die im internationalen Vergleich nach wie vor überdurchschnittlich hohen Energiepreise.

Feld benennt die zentralen Problemfelder klar: zu hohe Steuern und Abgaben, zu langsame Genehmigungsverfahren, zu hohe Lohnnebenkosten, fehlende Investitionsanreize und eine Bürokratie, die Unternehmen zunehmend lähmt. Diese Faktoren seien nicht neu — aber sie hätten sich in ihrer Wirkung potenziert. Hinzu komme das globale Umfeld: geopolitische Unsicherheiten, neue Handelshemmnisse und ein aggressiverer Wettbewerb aus China drückten auf die Margen deutscher Exporteure.

Das Tableau der Belastungen: Zahlen, die für sich sprechen

Indikator Deutschland EU-Durchschnitt USA
Körperschaftsteuer (nominaler Spitzensatz) ~30 % ~21 % ~21 %
Industriestrompreis (Cent/kWh, ca.) ~18–22 ~12–15 ~7–9
BIP-Wachstum aktuelles Jahr (Prognose) 0,1–0,3 % ~1,0 % ~2,0 %
Bürokratiekosten für Unternehmen (Mrd. €/Jahr) ~65 Mrd. k. A. k. A.
Unternehmensinsolvenzen (Veränderung gg. Vorjahr) +22 % +14 % +8 %

Quellen: ifo Institut, Bundesbank, Eurostat, DIW Berlin, Statista

📩
Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.
Newsletter holen

Konjunkturindikator: Das ifo Geschäftsklimaindex für Deutschland liegt derzeit bei rund 87 Punkten — deutlich unter dem langjährigen Mittelwert von 100. Experten werten Werte unterhalb von 90 als klares Signal für eine wirtschaftliche Kontraktion. Das entspricht dem niedrigsten Niveau seit der Finanzkrise, wenn man Sondersituationen wie die Pandemiemonate ausblendet. (Quelle: ifo Institut)

Wer verliert — und wer möglicherweise profitiert

Die Verlierer: Mittelstand und energieintensive Industrie

Am härtesten trifft das toxische Gemisch die energieintensive Industrie — Chemie, Stahl, Glas, Papier — sowie den exportorientierten Maschinenbau. Diese Sektoren können hohe Energiepreise kaum an die Kundschaft weitergeben, ohne Marktanteile zu verlieren. Gleichzeitig fehlen die Skaleneffekte großer Konzerne, um Kostensteigerungen intern abzufedern.

Besonders betroffen ist der deutsche Mittelstand. Laut Statista beschäftigen kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland rund 55 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten und erwirtschaften mehr als die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Gleichzeitig fehlen diesen Betrieben oft die Ressourcen für umfangreiche Digitalisierungsinvestitionen, internationale Verlagerungsstrategien oder aufwendige Compliance-Strukturen — Themen, die etwa das Lieferkettengesetz in der Praxis für Unternehmen mit sich bringt. Was Großkonzerne mit eigenen Rechtsabteilungen stemmen können, bindet im Mittelstand wertvolle Managementkapazität.

Dazu kommt: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen steigt. Das DIW Berlin hat festgestellt, dass viele Betriebe, die während der Pandemie durch staatliche Hilfen am Leben gehalten wurden, nun strukturell nicht mehr überlebensfähig sind. Die bereinigenden Kräfte des Marktes wirken — mit sozialen Konsequenzen, die erst mit Verzögerung sichtbar werden.

Für kleinere Betriebe, die nach Wegen aus der Krise suchen, bleibt die Frage der Förderung drängend. Dabei lohnt ein Blick auf das, was staatliche Stellen bereitstellen: Die Möglichkeiten bei KMU-Förderung durch Bund und Länder sind vielfältiger, als vielen Betrieben bekannt ist — aber kein Ersatz für strukturelle Reformen.

Die relativen Gewinner: Technologie, Plattformen, KI-Infrastruktur

Nicht alle Sektoren stecken gleichermaßen in der Krise. Unternehmen aus dem Technologiebereich, insbesondere solche mit starker Software- und KI-Kompetenz, zeigen eine deutlich höhere Resilienz. Sie profitieren von gesunkenen Hardwarekosten, global skalierbaren Geschäftsmodellen und einer Nachfrage, die von wirtschaftlichen Schwankungen weniger abhängig ist.

SAP etwa — als Deutschlands wertvollstes Unternehmen mit einer konsequent vorangetriebenen Cloud-Strategie — wächst in einem Umfeld, in dem viele Dax-Konzerne stagnieren. Die Bewertung des Walldorfer Softwarekonzerns an den Kapitalmärkten spiegelt das Vertrauen in wiederkehrende Erlöse aus dem Cloud-Geschäft wider — ein Geschäftsmodell, das vom industriellen Abschwung weitgehend entkoppelt ist.

Auch der globale KI-Boom eröffnet deutschen Unternehmen Chancen — sofern sie die Transformation rechtzeitig angehen. Wie deutsche Unternehmen vom globalen KI-Boom profitieren könnten, ist eine Frage, die derzeit in vielen Strategieabteilungen intensiv diskutiert wird. Doch der Weg vom Diskurs zur Implementierung ist lang, und Feld warnt ausdrücklich davor, technologischen Optimismus mit wirtschaftspolitischer Tatenlosigkeit zu verwechseln.

Die politische Dimension: Was fehlt, laut Feld

Lars Feld ist kein Pessimist aus Prinzip. Seine Kritik zielt auf konkrete Unterlassungen. Was er einfordert, ist ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel in mehreren Dimensionen gleichzeitig: Steuerentlastungen für Unternehmen, ein nationaler Industriestrompreis als Überbrückungslösung, massiver Bürokratieabbau durch Digitalisierung der Verwaltung sowie gezielte öffentliche Investitionen in Infrastruktur — Schiene, Breitband, Energienetz.

Gerade der letzte Punkt ist politisch heikel, weil er im Spannungsfeld der Schuldenbremse liegt. Feld hat sich in der Vergangenheit für eine Reform der Schuldenbremse im Sinne einer goldenen Regel ausgesprochen — also der Möglichkeit, kreditfinanzierte Investitionen in wachstumssteigernde Infrastruktur zu tätigen, ohne das Prinzip der Haushaltsdisziplin grundsätzlich aufzugeben. Diese Position ist unter Ökonomen nicht unumstritten, findet aber zunehmend Unterstützung — auch aus Kreisen, die der fiskalischen Orthodoxie nahestehen.

Unterdessen beobachten die Kapitalmärkte die Lage mit wachsender Skepsis. Investoren, die auf positive Signale warten, verfolgen genau, ob die Berichtssaison der Unternehmen bessere Nachrichten bringt als zuletzt. Dabei zeigt sich: Börsen, die auf starke Unternehmensbilanzen hoffen, könnten erneut enttäuscht werden — wenn die strukturellen Belastungen nicht adressiert werden.

Digitalisierung als Ausweg — aber kein Selbstläufer

Eines der wenigen positiven Narrative in der aktuellen Debatte ist das Potenzial der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz als Produktivitätshebel. Das ifo Institut schätzt, dass eine konsequente Nutzung von KI-Technologien die Arbeitsproduktivität in bestimmten Sektoren um bis zu 20 Prozent steigern könnte. Das DIW ist in seinen Schätzungen zurückhaltender, bestätigt aber das grundsätzliche Potenzial — insbesondere in wissensintensiven Dienstleistungsbereichen.

Doch Potenzial ist keine Garantie. Die entscheidende Frage ist, ob deutsche Unternehmen die notwendigen Investitionen tätigen können und wollen — und ob der regulatorische Rahmen das zulässt, ohne durch Überregulierung Innovationsanreize zu dämpfen. Wie Betriebe ihren Datenschatz heben und KI richtig nutzen können, ist dabei nicht nur eine technische, sondern auch eine strategische und rechtliche Frage.

Feld betont: Technologie ersetzt keine Wirtschaftspolitik. Wenn die Rahmenbedingungen unattraktiv bleiben, werden Investitionen in KI und Digitalisierung bevorzugt dort getätigt, wo sie steuerlich und regulatorisch besser behandelt werden — also in den USA, in Irland, in den Niederlanden oder in Asien.

Strukturwandel ohne politischen Kompass

Was das ntv-Interview mit Lars Feld besonders eindringlich macht, ist nicht die einzelne Zahl oder die einzelne Forderung. Es ist das Bild, das sich aus der Summe ergibt: ein Hochlohnland mit veralteter Infrastruktur, hohen Energiekosten, überbordender Bürokratie und fehlender wirtschaftspolitischer Richtungsentscheidung — in einer Welt, die sich rasant verändert.

Die Bundesbank hat in ihren jüngsten Berichten explizit auf den Rückstand bei öffentlichen Investitionen hingewiesen. Das DIW beziffert den Investitionsrückstand in der öffentlichen Infrastruktur auf mehrere hundert Milliarden Euro. Und das ifo Institut mahnt, dass ohne strukturelle Reformen eine dauerhafte Wachstumsschwäche droht — nicht als Prognose, sondern als wahrscheinliches Basisszenario.

Lars Felds Diagnose ist unbequem, weil sie kein einzelnes Versagen benennt, das sich leicht beheben ließe. Das toxische Gemisch ist das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse — in der Energiepolitik, in der Steuerpolitik, in der Investitionspolitik, in der Bildungspolitik. Die Therapie wäre in Ansätzen bekannt. Was fehlt, ist der politische Wille zur konsequenten Umsetzung. Solange der ausbleibt, bleibt die Warnung des Ökonomen mehr als berechtigt.

Wie findest du das?
J
Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: ntv (YouTube)
Themen: Künstliche Intelligenz Künstliche Intelligenz Parteien Fußball ChatGPT Innenpolitik Bundesliga USA CDU Bilanz Bayern Unternehmen Kosten Bundesregierung Ukraine Koalition SPD Druck Milliarden Rekord Boom Russland & Ukraine Prozent Russland