Wirtschaft

Seltene Erden: Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist

Importquoten, Substitution, eigene Foerderung - eine strategische Analyse

Von Thomas Weber 7 Min. Lesezeit
Seltene Erden: Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist

Die deutsche Industrie steht vor einem strategischen Dilemma: Seltene Erden sind für die Produktion von Elektrofahrzeugen, Windkraftanlagen und Halbleitern unverzichtbar – doch die Abhängigkeit von China ist beängstigend groß. Deutschland importiert einen Großteil seiner Seltenen Erden aus der Volksrepublik, ein Zustand, der nicht nur wirtschaftliche, sondern auch sicherheitspolitische Risiken birgt. Im Zuge von Handelsspannungen und geopolitischen Verschiebungen wird diese Abhängigkeit zunehmend zum Unsicherheitsfaktor für die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland. Eine umfassende Analyse zeigt: Ohne drastische Maßnahmen in der Rohstoffpolitik droht eine weitere Erosion der technologischen Unabhängigkeit.

Das Wichtigste in Kürze

  • China kontrolliert rund 60–70 Prozent der weltweiten Förderung Seltener Erden und einen noch größeren Anteil der Verarbeitung.
  • Deutschland bezieht den überwiegenden Teil seiner Seltenen Erden direkt oder indirekt aus China.
  • 2010 löste Chinas Exportdrosselung einen Preisschock von mehreren Hundert Prozent aus – ein Warnsignal, das bis heute nachwirkt.
  • Substitution, europäische Förderung und Recycling gelten als die drei zentralen Hebel zur Reduktion der Abhängigkeit.
  • Experten rechnen damit, dass eine spürbare Diversifizierung frühestens in zehn bis fünfzehn Jahren greift.

Die Dimension der Abhängigkeit

Seltene Erden sind nicht wirklich selten – der Name täuscht. Es handelt sich um 17 Elemente des Periodensystems, darunter Neodym, Dysprosium, Terbium und Lanthan, die in der modernen Industrie eine Schlüsselrolle spielen. Neodym und Dysprosium beispielsweise sind essenzielle Komponenten für hochleistungsfähige Permanentmagnete, die wiederum in Elektromotoren von Elektrofahrzeugen und Generatoren von Windkraftanlagen zum Einsatz kommen. Ohne diese Materialien ist die Energiewende in ihrer geplanten Form schlicht nicht realisierbar.

Seltene Erden Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist
Seltene Erden Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist

China kontrolliert nicht nur die Förderung von rund 60 bis 70 Prozent der weltweiten Seltenen Erden, sondern dominiert darüber hinaus die Verarbeitung und Weiterverarbeitung zu High-Tech-Komponenten noch stärker – Schätzungen zufolge laufen bis zu 85 Prozent der globalen Raffinierung über chinesische Anlagen. Deutschland importiert den weitaus größten Teil seiner benötigten Seltenen Erden direkt aus China oder von Unternehmen mit chinesischer Beteiligung. Diese Quote ist deutlich höher als bei vielen anderen kritischen Rohstoffen und spiegelt eine strukturelle Verwundbarkeit wider, die in der Breite der deutschen Öffentlichkeit lange unterschätzt wurde.

Die Risiken dieser Konzentration wurden der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft erst in den vergangenen Jahren wirklich bewusst. Als China 2010 seine Exportquoten für Seltene Erden erheblich drosselte – ein Druckmittel in einem Handelsstreit, der sich zunächst gegen Japan richtete, aber globale Märkte erfasste – stiegen die Weltmarktpreise für einzelne Elemente innerhalb weniger Monate um mehrere Hundert Prozent. Die Welthandelsorganisation (WTO) verurteilte die chinesischen Exportbeschränkungen 2014 als regelwidrig, doch das Muster blieb: Wer die Verarbeitung kontrolliert, kontrolliert den Preis. Szenarien dieser Art könnten sich wiederholen – mit verheerenden Konsequenzen für die deutsche Autoindustrie und den Energiesektor.

Rohstoff Importabhängigkeit Deutschland Größter Lieferant Preisstabilität (aktuell)
Seltene Erden (gesamt) sehr hoch China Volatil (±30–35 % p.a.)
Neodym/Praseodym extrem hoch China Sehr volatil (±40–50 % p.a.)
Dysprosium extrem hoch China Extrem volatil (±50–60 % p.a.)
Verarbeitete Magnete (NdFeB) hoch China Moderat (±15–20 % p.a.)

Die Volatilität der Märkte zeigt: Deutschland hat nicht nur ein Beschaffungsproblem, sondern auch ein gravierendes Planungsproblem. Industrien können ihre Kosten nicht zuverlässig kalkulieren, wenn Rohstoffpreise innerhalb von Monaten um mehr als die Hälfte schwanken können. Das trifft Mittelständler härter als Großkonzerne, die zumindest Hedging-Instrumente einsetzen können.

Strategische Ansätze zur Reduktion der Abhängigkeit

Substitution und Materialwissenschaft

Der vielversprechendste Weg zur Reduktion der China-Abhängigkeit liegt in der Substitution – also dem Ersatz von Seltenen Erden durch alternative Materialien. Derzeit forschen deutsche und europäische Unternehmen intensiv an sogenannten Selten-Erde-freien Elektromotoren und Magnetwerkstoffen. Besonders die Automobilindustrie investiert erhebliche Mittel in solche Technologien, darunter Ansätze mit Ferrit-Magneten oder Elektromotoren auf Basis von Induktions- oder Reluktanzprinzipien. Einige Prototypen zeigen bereits vielversprechende Ergebnisse in bestimmten Leistungsklassen.

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Seltene Erden Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist
Seltene Erden Wie abhängig Deutschland wirklich von China ist
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Allerdings: Die Substitution ist kein Universalheilmittel. Für bestimmte hochperformante Anwendungen – etwa in Hochleistungsmagneten für moderne Offshore-Windkraftanlagen oder in der Luft- und Raumfahrt – gibt es derzeit keine technisch und wirtschaftlich gleichwertigen Alternativen. Das bedeutet, dass selbst bei erfolgreicher Substitution in Teilbereichen die Abhängigkeit von Seltenen Erden mittelfristig nicht gegen null gehen wird. Experten rechnen mit einer möglichen Reduktion des Bedarfs von etwa 20 bis 35 Prozent durch umfassende Substitutionsanstrengungen über die nächsten zehn Jahre – je nach Anwendungsfeld und Technologiedurchbruch.

Die Bundesregierung hat erkannt, dass es hier um Innovationskraft geht. Mit dem Programm „Transformative Materialforschung" und verwandten Förderlinien wurden bereits substanzielle Mittel bereitgestellt. Universitäten und Fraunhofer-Institute arbeiten an konkreten Lösungsansätzen. Doch der Weg von der Forschung zur Marktreife dauert typischerweise fünf bis zehn Jahre – eine schnelle Entspannung der Abhängigkeit ist durch Substitution allein nicht zu erreichen. Wer auf die Rohstoffstrategie der Energiewende setzt, braucht einen langen Atem.

Eigene Förderung in Deutschland und Europa

Eine zweite Säule der Strategie ist die Rückbesinnung auf europäische und deutsche Lagerstätten. Tatsächlich besitzt Deutschland durchaus Vorkommen von Seltenen Erden – etwa im Erzgebirge oder in Teilen Niedersachsens –, allerdings sind diese bislang nicht wirtschaftlich erschlossen worden. Der Grund: Die Förderung in Deutschland ist aufgrund höherer Lohn-, Umwelt- und Genehmigungskosten deutlich teurer als der Import aus China, was in Zeiten günstiger Rohstoffe ökonomisch wenig sinnvoll schien.

Diese Rechnung hat sich jedoch verschoben. Mit volatileren Preisen, gestiegenen geopolitischen Sicherheitsanforderungen und dem europäischen Critical Raw Materials Act, der 2024 in Kraft trat, wird eine heimische Förderung zunehmend attraktiver. Der Critical Raw Materials Act verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten, bis 2030 mindestens zehn Prozent ihres Bedarfs an strategischen Rohstoffen selbst zu fördern und mindestens 40 Prozent der Verarbeitung innerhalb der Union zu halten. Das sind ambitionierte Ziele – ob sie realistisch sind, darüber streiten Experten.

Außerhalb Europas rücken Länder wie Australien, Kanada, Kasachstan und Brasilien als potenzielle Lieferanten stärker in den Fokus. Australien etwa baut mit dem Projekt Mount Weld bereits eine der bedeutendsten Seltene-Erden-Minen außerhalb Chinas aus. Deutschland und die EU haben mit diesen Ländern in den vergangenen Jahren strategische Rohstoffpartnerschaften geschlossen – ein wichtiger Schritt, dessen Wirkung aber erst mittel- bis langfristig spürbar sein wird. Wie die EU-Rohstoffpartnerschaften im Detail funktionieren, bleibt ein zentrales Thema der europäischen Industriepolitik.

Recycling als unterschätzter Hebel

Die dritte und in der öffentlichen Debatte am stärksten unterschätzte Säule ist das Recycling. Seltene Erden in Altmagneten, Festplatten, Leuchtstofflampen und Elektromotoren könnten theoretisch in erheblichem Umfang zurückgewonnen werden. In der Praxis liegt die Recyclingquote für Seltene Erden in Deutschland und Europa jedoch noch immer unter einem Prozent – ein ernüchterndes Ergebnis, das technische, logistische und wirtschaftliche Ursachen hat.

Die Rückgewinnung von Seltenen Erden aus Elektronikschrott ist technisch möglich, aber aufwendig. Die Magnete sind oft fest verbaut, Legierungen müssen aufgetrennt werden, und die Reinheit des Rezyklats muss industriellen Anforderungen entsprechen. Mehrere deutsche Unternehmen und Forschungsprojekte – darunter Initiativen im Rahmen des EU-Programms Horizon Europe – arbeiten daran, diese Prozessketten wirtschaftlich zu machen. Bis 2030 könnte Recycling realistisch betrachtet fünf bis zehn Prozent des deutschen Bedarfs decken, schätzen Fachleute des Fraunhofer-Instituts für Silicatforschung. Kein Gamechanger, aber ein relevanter Beitrag zur Kreislaufwirtschaft bei kritischen Rohstoffen.

Geopolitik als Taktgeber

All diese Strategien werden überlagert von einer geopolitischen Realität, die sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert hat. Der Handelskrieg zwischen den USA und China, der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierenden Lehren über Energieabhängigkeiten – all das hat die strategische Diskussion über Rohstoffversorgung grundlegend neu geordnet. Deutschland, das lange auf „Wandel durch Handel" setzte, steht nun vor der Aufgabe, seine Lieferketten zu diversifizieren, ohne dabei bestehende Handelsbeziehungen leichtfertig zu beschädigen.

China seinerseits hat die Bedeutung seiner Rohstoffmacht längst erkannt. Exportbeschränkungen für Gallium und Germanium, die Peking 2023 einführte, waren ein deutliches Signal: Rohstoffe sind ein geopolitisches Instrument. Es wäre naiv anzunehmen, dass Seltene Erden davon ausgenommen bleiben, sollte sich der Konflikt zwischen dem Westen und China weiter verschärfen. Für die deutsche Industrie bedeutet das: Die Frage der Rohstoffsicherheit ist keine rein wirtschaftliche mehr – sie ist Sicherheitspolitik.

Bundeswirtschaftsminister und Industrieverbände haben entsprechend reagiert und fordern seit Jahren eine nationale Rohstoffstrategie mit verbindlichen Zielen, staatlichen Absicherungsinstrumenten und diplomatischer Flankendeckung. Die Bundesregierung hat mit der Nationalen Sicherheitsstrategie 2023 und der Rohstoffstrategie des Bundeswirtschaftsministeriums erste Rahmen gesetzt – ob die konkreten Maßnahmen ausreichen, bleibt offen.

Fazit: Kein schneller Ausweg

Die ehrliche Antwort auf die Frage, wie abhängig Deutschland wirklich von China bei Seltenen Erden ist, lautet: sehr stark, und das wird sich nicht kurzfristig ändern. Substitution, europäische Förderung und Recycling sind die richtigen Hebel – aber keiner von ihnen wirkt schnell genug, um die Verwundbarkeit in den nächsten fünf Jahren substanziell zu reduzieren. Deutschland braucht deshalb beides: eine langfristige Diversifizierungsstrategie und kurzfristige Risikopuffer in Form von strategischen Reserven und belastbaren Lieferverträgen mit Partnerländern.

Die Energiewende und die Transformation der Automobilindustrie stehen auf dem Spiel. Wer diese Transformation will, muss die Rohstofffrage mit derselben Ernsthaftigkeit angehen wie die Klimafrage. Bislang klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch eine erhebliche Lücke – und China weiß das genau.

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.