Wirtschaft

Vestas-Chef warnt vor neuer Energiekrise größeren Ausmaßes

Windkrafthersteller sieht Europa unzureichend auf künftige Herausforderungen vorbereitet.

Von ZenNews24 Redaktion 5 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
Vestas-Chef warnt vor neuer Energiekrise größeren Ausmaßes

Der dänische Windkrafthersteller Vestas hat die europäische Politik und Wirtschaft eindringlich vor einer neuen Energiekrise gewarnt, die in ihrem Ausmaß die Gasknappheit der Jahre 2021 bis 2023 übertreffen könnte. Der Konzern, einer der weltweit führenden Produzenten von Windkraftanlagen mit einem Marktanteil von rund 16 Prozent im europäischen Onshore-Segment, sieht den Kontinent strukturell unzureichend gerüstet für künftige Versorgungsengpässe. Die Warnung fällt in eine Phase, in der die europäischen Energiemärkte weiterhin unter erheblicher Spannung stehen und geopolitische Risiken – von der Lage im Nahen Osten bis zu anhaltenden Spannungen mit Russland – die Versorgungssicherheit komplex halten.

Die Einschätzung des Vestas-Managements stützt sich auf eine Analyse der europäischen Energieinfrastruktur, verfügbarer Kapazitäten im Bereich erneuerbarer Energien sowie bestehender Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern. Der Windkrafthersteller argumentiert, dass die bisherigen Maßnahmen zur Energiewende zu langsam umgesetzt werden und strukturelle Schwächen in der Netzinfrastruktur mittelfristig zu erheblichen Versorgungsengpässen führen könnten. Besonders ins Gewicht fällt dabei die wachsende Diskrepanz zwischen politisch formulierten Ausbauzielen für erneuerbare Energien und der tatsächlich realisierten Kapazitätserweiterung.

Konjunkturindikator: Der ifo-Geschäftsklimaindex für die deutsche Energiewirtschaft verharrt laut ifo Institut (Stand: Frühjahr 2024) auf einem unterdurchschnittlichen Niveau. Unternehmen melden weiterhin hohe Energiekosten als zentrales Investitionshemmnis. Die Bundesbank warnt in ihrem aktuellen Monatsbericht vor einem erneuten Inflationsschub, sollten Energiepreise infolge geopolitischer Eskalationen wieder deutlich steigen. Das DIW Berlin schätzt, dass eine erneute Energiekrise das deutsche BIP-Wachstum um bis zu 1,5 Prozentpunkte dämpfen könnte.

Europas Energieversorgung: Zwischen Ambition und Umsetzungsrealität

Vestas hat in seiner Analyse konkrete Lücken in der europäischen Energieplanung identifiziert. Während die politischen Ziele der EU – darunter 42,5 Prozent erneuerbare Energien am Gesamtverbrauch bis 2030 gemäß der überarbeiteten Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) – ambitioniert klingen, zeigt die praktische Umsetzung ein erhebliches Tempo- und Kapazitätsproblem. Nach Daten des Branchenverbands WindEurope wurden 2023 in Europa rund 17 Gigawatt neue Windkraftkapazität installiert – ein Rekordwert, der jedoch deutlich unter dem erforderlichen Jahrestempo von mindestens 30 Gigawatt liegt, um die 2030-Ziele zu erreichen.

Die Produktionskapazitäten der Windkraftbranche stehen dabei unter doppeltem Druck: Lieferketten für Schlüsselkomponenten wie Spezialgussteile, Lager und seltene Erden sind angespannt, während internationale Spannungen – insbesondere die geopolitische Rivalität mit China als dominantem Lieferanten von Seltenen Erden – die Rohstoffverfügbarkeit gefährden. Vestas selbst musste 2022 Verluste in Milliardenhöhe infolge von Lieferkettenkosten und Rohstoffpreissteigerungen hinnehmen und hat seitdem seine Lieferkettenstrategie grundlegend überarbeitet.

Besonders exponiert ist die Situation in Deutschland und anderen Ländern Kontinentaleuropas, die bis 2022 stark von russischem Pipelinegas abhängig waren. Die Umstellung auf Flüssigerdgas (LNG) aus den USA, Katar und Norwegen hat die akuteste Versorgungslücke geschlossen, jedoch zu erheblich höheren Kosten und mit dem Risiko neuer Abhängigkeiten. Laut Bundesnetzagentur lagen die Industriegaspreise in Deutschland 2023 noch immer rund 60 Prozent über dem Vor-Krisen-Niveau von 2020. Das ifo Institut hat in seinen jüngsten Analysen darauf hingewiesen, dass die deutsche Industrie – insbesondere chemische Industrie, Stahl und Papier – weiterhin mit strukturell erhöhten Energiekostenbelastungen rechnen muss, solange nicht ausreichend inländische erneuerbare Kapazitäten aufgebaut sind.

Die Warnung von Vestas richtet sich dabei nicht allein an die Politik, sondern auch an Industrieunternehmen, die ihre Investitionsplanung auf eine schnell voranschreitende Energiewende ausgerichtet haben. Sollte eine neue Energiekrise entstehen, wären Industriebetriebe und Haushalte erneut mit massiven Preissprüngen konfrontiert. Die Bundesbank hat in diesem Zusammenhang explizit vor makroökonomischen Rückwirkungen gewarnt: Ein erneuter Energiepreisschock würde die Inflationsdynamik wieder befeuern und den geldpolitischen Handlungsspielraum der EZB erheblich einengen.

Kennzahl Wert Zeitraum / Quelle
Vestas Jahresumsatz ca. 14,6 Mrd. Euro Geschäftsjahr 2023
Vestas Mitarbeiter weltweit ca. 29.000 2023
Vestas Marktanteil Onshore Europa ca. 16 % WindEurope 2023
Neu installierte Windkapazität Europa 17 GW 2023, WindEurope
Erforderliches Jahrestempo (EU-Ziel 2030) mind. 30 GW/Jahr WindEurope / RED III
Industriegaspreise Deutschland ggü. 2020 +60 % 2023, Bundesnetzagentur
BIP-Dämpfungspotenzial bei Energiekrise bis –1,5 Prozentpunkte DIW Berlin, 2024
EU-Ziel erneuerbare Energien 2030 42,5 % am Gesamtverbrauch RED III

Strukturelle Defizite in der Netzinfrastruktur

Ein zentrales Problem, das Vestas und andere Branchenexperten übereinstimmend identifizieren, liegt in der mangelhaften Modernisierung der Stromnetze. Die europäischen Verteilnetze wurden in einer Ära konzipiert, in der Energie ausschließlich von zentralisierten Großkraftwerken floss – eine Architektur, die für dezentrale Einspeisung durch Wind- und Solaranlagen grundlegend ungeeignet ist. Der notwendige Umbau erfordert laut Schätzungen des Europäischen Netzverbunds ENTSO-E bis 2030 Investitionen von über 400 Milliarden Euro in der gesamten EU – Mittel, die derzeit weder vollständig mobilisiert noch verlässlich geplant sind.

Verschärft wird das Problem durch langwierige Genehmigungsverfahren. In Deutschland dauert die Planfeststellung für neue Höchstspannungstrassen im Schnitt sieben bis zehn Jahre, in anderen EU-Ländern teils noch länger. Die EU-Kommission hat zwar mit dem „Net-Zero Industry Act" Beschleunigungsvorgaben gemacht, deren praktische Wirksamkeit in den Mitgliedstaaten jedoch noch aussteht. Ohne einen massiven Ausbau der Übertragungskapazitäten droht selbst bei zügigem Zubau von Windkraft ein Paradox: Anlagen produzieren Strom, der mangels Transportkapazität nicht dorthin gelangt, wo er gebraucht wird – mit der Folge von Abregelungen und wirtschaftlichen Verlusten für Betreiber.

Wer profitiert – wer verliert?

Die von Vestas skizzierte Risikolage verteilt Chancen und Risiken ungleich. Erneuerbare-Energien-Unternehmen und Netzbetreiber stehen vor einem massiven Investitionszyklus und können von politischem Rückenwind profitieren, sofern Genehmigungsverfahren tatsächlich beschleunigt werden. Gleiches gilt für Hersteller von Energiespeicherlösungen und Anbieter von Smart-Grid-Technologie.

Auf der Verliererseite stehen vor allem energieintensive Industrien wie Chemie, Aluminium, Stahl und Papier, die im internationalen Wettbewerb bereits unter hohen Energiekosten leiden und bei einer neuerlichen Krise existenziellen Druck erfahren könnten. Auch private Haushalte mit geringen Einkommen wären von erneuten Preissprüngen überproportional betroffen, wie Statista-Daten zur Energiekostenbelastung nach Einkommensgruppen zeigen: Haushalte im untersten Einkommensquintil wenden bereits heute bis zu neun Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Energie auf.

Für Finanzinvestoren eröffnen sich unterdessen neue Risikoprofile: Infrastruktur-Investments in Netzausbau und Speicher gelten zunehmend als defensive Anlageklasse, während Unternehmen mit hohem fossilen Energieeinsatz unter wachsendem Bewertungsdruck stehen. Das DIW Berlin hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass Unternehmen ohne glaubwürdige Dekarbonisierungsstrategie mittelfristig mit höheren Kapitalkosten rechnen müssen.

Politischer Handlungsdruck wächst

Die Vestas-Warnung reiht sich in einen wachsenden Chor kritischer Stimmen ein, die Europa zu einer realistischeren Einschätzung seines energiepolitischen Handlungsbedarfs auffordern. Der EU-Energiebinnenmarkt steht vor einer Bewährungsprobe: Gelingt es nicht, Genehmigungsverfahren zu verkürzen, Netzinvestitionen zu beschleunigen und Lieferketten für erneuerbare Technologien zu diversifizieren, bleibt Europa strukturell anfällig für externe Schocks – ob geopolitischer, klimatischer oder marktbedingter Natur.

Dass diese Warnung ausgerechnet von einem der größten Profiteure der Energiewende kommt, ist dabei kein Widerspruch, sondern ein Signal: Selbst jene Unternehmen, die vom Ausbau erneuerbarer Energien direkt abhängen, sehen das derzeitige Tempo als unzureichend an. Für die europäische Wirtschafts- und Energiepolitik bedeutet das: Der Handlungskorridor wird enger – und die Kosten des Zögerns steigen mit jedem Jahr.

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Quelle: Handelsblatt