Klima

Insektensterben: Alarmierende Zahlen aus Deutschland

Was Bauern und Politik tun

Von Julia Schneider 7 Min. Lesezeit
Insektensterben: Alarmierende Zahlen aus Deutschland

Das Summen und Surren der Insekten ist in vielen Teilen Deutschlands leiser geworden. Alarmierende Daten zeigen: Die Bestände sind dramatisch geschrumpft. Was Wissenschaftler bereits seit Jahren befürchteten, wird durch neue Studien zur traurigen Realität. Für Landwirtschaft, Ökosysteme und die Ernährungssicherheit hat das weitreichende Konsequenzen. Doch es gibt auch Hoffnungszeichen aus Forschung und Politik.

CO2/Klimazahl: Insekten tragen etwa 15 % zur globalen Bestäubung von Wildpflanzen und Kulturpflanzen bei. Ein massives Insektensterben kostet die deutsche Landwirtschaft schätzungsweise 3,5 Milliarden Euro jährlich durch Bestäubungsverluste. Der Rückgang der Insektenmasse in einzelnen Regionen Deutschlands betrug zwischen 2008 und 2023 teilweise über 75 %.

Die Fakten: Wie drastisch ist das Insektensterben wirklich?

Die Zahlen sind beunruhigend. Deutsche Langzeitstudien, darunter das Krefelder Insekten-Monitoring, dokumentieren seit Jahrzehnten, was Naturbeobachter längst spüren: Die Insektenpopulationen nehmen ab. Nicht überall im gleichen Tempo, aber flächendeckend.

Die Ursachen sind vielfältig und ineinandergreifend. Intensivlandwirtschaft mit großflächigen Monokultur-Anbauflächen vernichtet Lebensräume. Pflanzenschutzmittel – insbesondere Neonicotinoide – beeinträchtigen das Nervensystem von Insekten, auch in subletalen Dosen. Der Einsatz von Herbiziden reduziert das Nahrungsangebot für Larven und erwachsene Tiere. Dazu kommt die Versiegelung von Böden durch Bebauung, der Verlust von Feuchtgebieten und die zunehmenden Temperaturschwankungen durch den Klimawandel.

Ein besonders betroffenes Taxon sind Wildbienen. Von etwa 560 Wildbienenarten in Deutschland gelten inzwischen über die Hälfte als gefährdet. Schmetterlinge zeigen ähnliche Trends. Der Bestand von Feldvögeln, die auf Insekten angewiesen sind, ist parallel ebenfalls massiv eingebrochen.

Regional unterschiedliche, aber überall messbare Rückgänge

Die Daten sind nicht gleichmäßig über Deutschland verteilt. In intensiv genutzten Agrarlandschaften – etwa in Teilen Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Baden-Württembergs – sind die Rückgänge am stärksten dokumentiert. Hier, wo Monokulturen dominieren und Pestizideinsatz hoch ist, zeigen sich teilweise Biomasse-Verluste von über 70 % innerhalb von 15 Jahren.

In Naturschutzgebieten und extensiv genutzten Regionen sind die Rückgänge geringer, aber nicht zu verleugnen. Selbst in städtischen Grünflächen, die oft als Rückzugsraum galten, zeigen sich in den letzten fünf Jahren Stagnation oder sogar Rückgänge – ein Zeichen dafür, dass auch diese Areale nicht isoliert von den großflächigen ökologischen Trends sind.

Region/Landnutzung Insektenmasse-Rückgang (15 Jahre) Hauptursachen Betroffene Arten
Intensive Agrarlandschaften (NRW, Schleswig-Holstein) 70–75 % Monokultur, Pestizide, Düngung Wildbienen, Schmetterlinge, Feldvögel
Extensives Grünland mit Extensivierung 40–50 % Verbrachung, Nutzungsaufgabe Feldschrecken, Heuschrecken, Libellen
Waldränder und Hecken 30–40 % Fragmentierung, Herbizide Käfer, Schmetterlinge, Parasitoide
Städtische Grünflächen 25–35 % Intensive Pflege, Neophyten, Lichtverschmutzung Generalisten, zunehmend auch spezialisierte Arten

Warum ist das Insektensterben ein Klimaproblem?

Das Ende der Insekten? Auf Spurensuche | ARD

Der Zusammenhang: Ökosystemstabilität und Treibhausgase

Auf den ersten Blick scheint Insektensterben nicht direkt ein CO2-Problem zu sein. Doch die Zusammenhänge sind eng. Insekten sind das Fundament von Ökosystemen. Sie bestäuben Pflanzen, sind Nahrung für Vögel, Amphibien und andere Tiere, und regeln Schädlingspopulationen. Wenn diese komplexen Beziehungen zusammenbrechen, destabilisieren sich Ökosysteme – und destabilisierte Ökosysteme sind schlechter in der Lage, Kohlenstoff zu speichern und zu regulieren.

Moorlandschaften, die für natürliche Insektenpopulationen essentiell sind, müssen erhalten bleiben. Sie speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder zusammen. Ein Moor ohne Insekten ist ein zerstörtes Ökosystem und ein Problem für die Kohlenstoffspeicherung.

Zudem: Landwirtschaft mit hohem Pestizideinsatz ist energie- und ressourcenintensiv. Neonicotinoide werden synthetisch hergestellt und erfordern fossile Energieeingaben. Ein Übergang zu ökologischer, insektenfreundlicherer Landwirtschaft würde nicht nur die Biodiversität schützen, sondern auch Emissionen senken. Das Umweltbundesamt schätzt, dass eine intensivere Nutzung von Agroforstsystemen und extensivem Grünland Deutschlands Emissionen im Agrarsektor um 10–15 % senken könnte – parallel zur Wiederherstellung von Insektenpopulationen.

Was sagt die Wissenschaft? Der IPCC-Kontext

Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinen aktuellen Assessments deutlich gemacht, dass der Verlust von Biodiversität und der Klimawandel eng miteinander verflochten sind. Sie sind nicht zwei separate Krisen, sondern Symptome einer einzigen ökologischen Krise.

Der IPCC betont in seinem Bericht von 2023, dass Naturschutz kein Luxus ist, sondern eine Klimamaßnahme. Intakte Ökosysteme – Moore, Wälder, Feuchtgebiete – speichern Kohlenstoff und puffern Klimavariabilität ab. Der Erhalt dieser Systeme und die Rückkehr zu einer Biodiversität, die von funktionierenden Insektenpopulationen abhängt, ist nicht optional im Kampf gegen die Erderwärmung. Der IPCC nennt dies „naturbasierte Lösungen" und bewertet sie als essentiell für ein 1,5-Grad-Szenario.

Für Deutschland bedeutet das: Das Insektensterben ist nicht nur ein Naturschutzproblem – es ist ein Klimaproblem. Und es ist umgekehrt: Der Klimawandel verschärft das Insektensterben zusätzlich, etwa durch veränderte Niederschlagsmuster, extreme Wetterereignisse und Phasenverschiebungen zwischen Insektenschlüpfen und Blütenzeit.

Deutschland's politische und praktische Reaktionen

Das Insektenschutzpaket und seine Schwächen

Die Bundesregierung hat mehrmals reagiert. Ein zentrales Instrument ist das sogenannte Insektenschutzgesetz, das 2024 novelliert wurde. Es begrenzt teilweise den Einsatz von Insektiziden, besonders in Schutzgebieten, und fördert die Anlage von Blühstreifen.

Allerdings zeigt sich in der Praxis: Die Maßnahmen reichen bisher nicht. Blühstreifen sind wichtig, aber eine 5 Meter breite Blühfläche an einer 100 Hektar großen Monokultur-Farm ist mehr Symbolik als Systemwechsel. Bauernverbände beklagen zu Recht, dass Verbote ohne ökonomische Alternativen nicht funktionieren.

Deshalb wurde parallel ein Förderungsprogramm aufgelegt: Das „Bundesprogramm für Insektenschutz und Landschaftsqualität" bietet Bauern finanzielle Anreize für ökologischere Praktiken. Payments für Blühstreifen, reduzierte Pestizideinsätze, Extensivierung und Agroforstsysteme sollen die Transformation tragen. Allerdings sind die Budgets derzeit begrenzt – ein Bruchteil dessen, was die intensive Landwirtschaft an Subventionen erhält.

Bauern im Spannungsfeld: Wirtschaft vs. Umwelt

Deutschlands Bauern sitzen in einer schwierigen Position. Produktionszwang trifft auf ökologische Anforderungen. Ein konventioneller Getreidebauer, der auf Herbizide verzichtet, hat kurzfristig höhere Kosten und niedrigere Erträge – es sei denn, er erhält Ausgleichszahlungen. Und diese müssen nicht nur existiert haben, sondern auch konkurrenzfähig mit konventionellen Erträgen sein.

Allerdings regt sich auch hier Bewegung. Eine wachsende Zahl von Bauernhöfen experimentiert mit Blühstreifen, Feldhecken und biologischem Anbau – teilweise, weil die Förderung attraktiv ist, teilweise, weil sie selbst von der ökologischen Krise überzeugt sind. Landwirtschaftskammern und Verbände wie der Bioland e.V. bieten Beratung zu insektenfreundlichen Praktiken.

Ein Hoffnungszeichen: In Bundesländern wie Baden-Württemberg und Brandenburg gibt es Pilotprojekte, bei denen Kommunen, Naturschutzorganisationen und Bauern gemeinsam arbeiten. Ein Bauer erhält garantierte Abnahme von Produkten aus extensiverer Nutzung, während lokale Schulen und Restaurants diese kaufen – eine Win-win-Situation für Ökologie und Wirtschaft.

Internationale Perspektiven: Was machen andere Länder?

Deutschland ist nicht allein mit diesem Problem. Aber bei der Lösungsfindung sind einige Länder weiter vorangekommen.

Die Niederlande haben ein besonders aggressives Insektenschutzprogramm. Ein Verbot besonders schädlicher Neonicotinoide kam dort früher als in Deutschland. Parallel wurde Biodiversity Offsetting eingeführt: Wer Habitate zerstört, muss andernorts Habitate wiederherstellen oder finanzieren. Das schafft ökonomische Anreize.

Dänemark setzt auf „organic farming certification" mit höheren Prämien. Etwa 10 % der dänischen Agrarflächen sind bio-zertifiziert – doppelt so hoch wie der deutsche Durchschnitt – und Insektenpopulationen in diesen Gebieten sind stabiler.

Die Schweiz hat ein besonders striktes Pestizidgesetz und massiv in Blühstreifen investiert. Dort zeigen sich erste positive Trends: Insektendichten in extensiven Regionen stagnieren nicht mehr, sondern stabilisieren sich.

Für Deutschland bedeutet das: Die Maßnahmen sind nicht unverhältnismäßig, aber sie müssen ambitionierter und finanzierter werden. Mindestens 2–3 % der Agrarflächenförderung sollten in Insektenschutz fließen – derzeit sind es deutlich weniger.

Die Rolle von Städten und Gärten

Ein oft unterschätzter Faktor: Städte können Insekten retten. Städtische Grünflächen, Parks und Privatgärten bieten derzeit vielen Insekten bessere Bedingungen als intensive Agrarlandschaften. Manche Arten wie die Steinhummel profitieren von Stadtblüte und milderem Mikroklima.

Kommunen wie München und Berlin haben daher Strategien entwickelt: Extensive Begrünung von Dächern und Fassaden, Anlage von Wildnis-Ecken in Parks, Verbot von Neonicotinoiden in städtischen Grünanlagen, Aufklärung von Bürgern über insektenfreundliche Gärten. Diese Maßnahmen kosten oft weniger als Agrar-Transformation und zeigen schnelle Erfolge.

Eine Bewegung von unten unterstützt das: Millionen Deutsche haben private Gärten. Wenn jeder zehnte Hobbygärtner seine Rasenfläche teilweise in eine Blühwiese umwandelt – das wären 100.000 Hektar neue Insektenhabitate. Das ist nicht nichts.

Forschungsperspektiven: Was kommt als nächstes?

Wissenschaftler arbeiten an mehreren Fronten. Eine ist die Entwicklung von „Insektenschutz-optimierten" Getreidesorten, die weniger Pestizide brauchen. Eine andere ist Precision Farming: GPS-gesteuerte Spritzgeräte, die Herbizide nur da ausbringen, wo nötig, statt pauschal über die

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.