Wirtschaft

Braunschweig-Prozess: Volkswagen und die Milliardenklage von Investoren

Ein bereits verurteilter Zeuge könnte entscheidend für den laufenden Investor-Prozess gegen VW werden.

Von Julia Schneider 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 24.06.2026
Braunschweig-Prozess: Volkswagen und die Milliardenklage von Investoren
Das Wichtigste in Kürze
  • Der Abgasskandal beschäftigt Gerichte und VW noch immer Jahre später
  • In Braunschweig läuft ein Prozess, in dem Investoren Milliarden von Volkswagen fordern
  • Eine Zeugenaussage könnte die Verhandlungen entscheidend beeinflussen

Rund 9,2 Milliarden Euro Schadenersatz fordern institutionelle Investoren aus aller Welt vor dem Landgericht Braunschweig von Volkswagen — und ein bereits rechtskräftig verurteilter Ex-Manager könnte zum Schlüsselzeugen werden, der den Konzern in eine der teuersten Niederlagen seiner Geschichte stürzt. Der Prozess, der seit Jahren die juristische Aufarbeitung des Dieselskandals prägt, tritt in eine entscheidende Phase ein.

Der Stand des Verfahrens: Eine Klage mit historischer Dimension

Das Landgericht Braunschweig verhandelt derzeit eine der größten Kapitalmarkthaftungsklagen, die je vor einem deutschen Gericht geführt wurden. Mehr als 1.600 institutionelle Anleger — darunter Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften und Investmentfonds aus Europa, den USA und Asien — machen geltend, dass Volkswagen sie über den wahren Zustand seiner Abgastechnologie systematisch im Dunkeln gelassen hat. Der Vorwurf: Der Konzern habe die Öffentlichkeit und die Kapitalmärkte vorsätzlich über die Verwendung illegaler Abschaltsoftware in Dieselfahrzeugen getäuscht und damit eine Informationspflicht nach dem Wertpapierhandelsgesetz verletzt.

▶ Auf einen Blick
  • Der Prozess könnte Volkswagen zu einer historischen Niederlage führen.
  • Institutionelle Investoren fordern 9,2 Mrd. Euro Schadenersatz.
  • Ein ehemaliger Manager könnte als Schlüsselzeuge auftreten.

Die Kläger argumentieren, sie hätten VW-Aktien zu einem künstlich aufgeblähten Kurs gekauft, der erst mit der Enthüllung des Skandals im September 2015 eingebrochen sei. Allein am damaligen Handelstag verlor die VW-Vorzugsaktie zeitweise mehr als 35 Prozent ihres Wertes — ein Kursverlust, der laut Klägerseite direkte Folge der verspäteten Ad-hoc-Meldung durch den Konzern war. (Quelle: Bundesanzeiger, Landgericht Braunschweig)

Die Chronologie der Informationspflicht

Kern der juristischen Auseinandersetzung ist die Frage, ab wann der VW-Vorstand von der Manipulation gewusst hat — und damit verpflichtet gewesen wäre, den Markt umgehend zu informieren. Die Kläger behaupten, der Konzern habe spätestens im Frühjahr 2015 konkrete Kenntnis gehabt, die Information aber zurückgehalten, um den Aktienkurs zu stützen. VW bestreitet dies und betont, der Vorstand sei erst kurz vor der offiziellen Bekanntmachung vollständig informiert worden.

Deutsches Kapitalmarktrecht verlangt eine unverzügliche Veröffentlichung kursrelevanter Insiderinformationen. Sollte das Gericht feststellen, dass VW diese Pflicht wissentlich verletzt hat, drohen dem Konzern Zahlungen in einer Größenordnung, die selbst im international vergleichenden Kontext außergewöhnlich wäre. (Quelle: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, BaFin)

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Der Schlüsselzeuge: Ein verurteilter Manager im Zeugenstand

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Die entscheidende Weichenstellung in diesem Verfahren könnte von einem Mann ausgehen, der selbst bereits rechtskräftig verurteilt wurde: Ein früherer leitender Ingenieur aus dem Bereich Motorenentwicklung, der in einem separaten Strafverfahren eine mehrjährige Bewährungsstrafe erhalten hat, soll im weiteren Verlauf des Braunschweiger Zivilprozesses als Zeuge aussagen. Seine Aussagen zur internen Informationskette könnten belegen, wann genau welche Führungsebene über die Manipulationssoftware informiert war.

Prozessbeobachter bewerten seine potenzielle Aussage als hochbrisant. Im Strafverfahren hatte der Zeuge detaillierte Angaben über konzerninterne Kommunikationswege gemacht — Angaben, die, würden sie im Zivilverfahren bestätigt, die VW-Verteidigungslinie erheblich unter Druck setzen könnten. Für die Klägerseite wäre es ein Trumpf: Ein Insider, der aus eigener Kenntnis beschreibt, dass Wissen über die Abschaltvorrichtungen weit früher und weit höher in der Konzernhierarchie vorhanden war, als VW bislang einräumt.

Strafrecht als Hebel im Zivilprozess

Dass rechtskräftige Urteile aus Strafverfahren in zivilrechtlichen Verfahren eine erhebliche Rolle spielen können, ist im deutschen Recht zwar nicht als formale Bindungswirkung kodifiziert — wohl aber als faktische Argumentationslinie. Gerichte neigen dazu, festgestellten Sachverhalten aus Strafurteilen erhebliches Gewicht beizumessen, sofern sie zu den streitigen Punkten im Zivilprozess passen. (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW, Rechtsgutachten zur Kapitalmarktrechtsprechung)

Für VW bedeutet dies: Jede belastende Aussage des Zeugen, die mit den Feststellungen des Strafgerichts konsistent ist, wird das Gericht in Braunschweig nicht einfach ignorieren können. Die Anwälte des Konzerns werden versuchen, den Zeugen zu erschüttern, Widersprüche aufzudecken oder seine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen — eine klassische Strategie, die bei vorbestraften Zeugen naturgemäß einfacher ist, aber nicht immer verfängt.

Was steht für Volkswagen auf dem Spiel?

Die finanziellen Dimensionen sind auch für einen Konzern der Größe von Volkswagen erheblich. Mit einem Jahresumsatz von rund 322 Milliarden Euro und etwa 684.000 Beschäftigten weltweit ist VW einer der größten Industriekonzerne der Erde — doch die vergangenen Jahre haben die wirtschaftliche Substanz des Unternehmens spürbar belastet.

Kennzahl Wert (aktuell/letztes Geschäftsjahr) Vergleichswert Vorjahr
Konzernumsatz VW-Gruppe ca. 322 Mrd. Euro ca. 293 Mrd. Euro
Mitarbeiter weltweit ca. 684.000 ca. 702.000
Klageforderung Investoren Braunschweig ca. 9,2 Mrd. Euro
Bisherige Diesel-Rückstellungen (kumuliert) über 32 Mrd. Euro ca. 30 Mrd. Euro
VW-Vorzugsaktie (aktueller Kurs, Mai 2026) ca. 88 Euro ca. 102 Euro (Mai 2025)
Marktkapitalisierung VW-Gruppe ca. 43 Mrd. Euro ca. 51 Mrd. Euro

Über 32 Milliarden Euro hat Volkswagen laut eigenen Angaben seit dem Bekanntwerden des Dieselskandals in Rückstellungen, Bußgelder, Vergleiche und Entschädigungszahlungen investiert — ein Betrag, der die Ertragskraft des Konzerns über viele Jahre hinweg belastet hat. Eine zusätzliche Zahlung von 9,2 Milliarden Euro würde diese ohnehin bereits historische Bilanz weiter strapazieren. Hinzu kommt: Das Unternehmen steckt auch operativ in einer schwierigen Phase, mit schrumpfenden Absatzzahlen in China und einem kostspieligen Umbau Richtung Elektromobilität, der milliardenschwere Investitionen verschlingt. (Quelle: VW-Geschäftsbericht, ifo Institut München)

Die Porsche-SE-Verflechtung und ihre Folgen

Besonders exponiert ist in diesem Zusammenhang die Porsche Automobil Holding SE, die als Hauptaktionärin der Volkswagen AG selbst erheblichen Druck verspürt. Die Holding ist unmittelbar von der wirtschaftlichen Entwicklung des VW-Konzerns abhängig, und wie zuletzt berichtet wurde, schreibt die Porsche SE wegen Volkswagen erneut hohen Verlust — ein Befund, der die Verschränkung von Klagerisiken und operativen Schwächen im gesamten Wolfsburger Firmengefüge illustriert.

Für Aktionäre der Porsche SE bedeutet ein negatives Urteil im Braunschweiger Verfahren eine doppelte Belastung: Einerseits würde die Holding mittelbar für die Verluste aus einer möglichen Schadensersatzzahlung haften, andererseits dürfte der Kursdruck auf VW-Aktien nochmals zunehmen. (Quelle: Statista, Bundesbank-Finanzstabilitätsbericht)

Konjunkturindikator: Das ifo Institut München meldet für das zweite Quartal 2026 eine leichte Aufhellung des Geschäftsklimaindex in der Automobilbranche — der Index stieg von 89,4 auf 91,2 Punkte. Allerdings bleibt die Stimmung unter dem langjährigen Durchschnitt von 98,6 Punkten. Insbesondere die Exporterwartungen gelten als gedämpft, da verschärfte Handelszölle auf dem nordamerikanischen Markt und strukturelle Verschiebungen im chinesischen Automobilmarkt die Planungssicherheit einschränken. Die Kapitalmarktklage gegen VW gilt als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für den gesamten deutschen Automobilsektor. (Quelle: ifo Institut München, Mai 2026)

Wer profitiert, wer verliert?

Eine nüchterne Analyse der Interessenlagen zeigt ein komplexes Bild: Auf Klägerseite stehen vor allem institutionelle Investoren — darunter zahlreiche europäische Pensionsfonds, die im Auftrag von Millionen von Rentenbeziehern handeln. Ein Erfolg vor Gericht würde diesen Fonds ermöglichen, erlittene Kursverluste zumindest teilweise zu kompensieren. Gleichzeitig senden erfolgreiche Kapitalmarktklagen ein wichtiges Signal an börsennotierte Unternehmen: Informationspflichten sind keine Formalie, sondern durchsetzbare Rechtsansprüche.

Die Verlierer wären zunächst die VW-Aktionäre der Gegenwart — denn eine Milliardenzahlung würde zu Lasten der Bilanz gehen und Dividenden sowie Investitionsspielräume schmälern. Ironischerweise könnten dies teilweise dieselben institutionellen Investoren sein, die im Rahmen anderer Portfoliopositionen an VW beteiligt sind. Dieses Dilemma ist im Investmentgeschäft nicht unbekannt: Wer mit einem Fuß als Kläger auftritt, steht mit dem anderen möglicherweise als Aktionär im Unternehmen.

Auswirkungen auf den deutschen Kapitalmarkt

Die Bedeutung des Braunschweiger Verfahrens geht über den Einzelfall VW hinaus. Ein wegweisendes Urteil zugunsten der Kläger würde das Haftungsrisiko für alle DAX-Konzerne schärfen, die börsenrelevante Informationen verzögert oder unvollständig veröffentlichen. Juristen sprechen von einem möglichen Paradigmenwechsel in der deutschen Kapitalmarkthaftung — hin zu einem System, das dem angelsächsischen Modell mit seinen strengeren Veröffentlichungspflichten nähert. (Quelle: DIW Berlin, Forschungsbericht Kapitalmarktrecht)

Gerade ausländische Investoren beobachten das Verfahren mit besonderem Interesse: Wer an deutschen Aktien partizipiert, will wissen, wie verlässlich der Rechtsrahmen ist. Ausländische Investoren halten an deutschem Aktienmarkt fest — doch die Attraktivität des Standorts hängt auch davon ab, ob Schadenersatz bei nachgewiesener Informationspflichtverletzung tatsächlich durchsetzbar ist. Ein starkes Urteil in Braunschweig könnte paradoxerweise das Vertrauen in den deutschen Rechtsrahmen stärken, auch wenn es kurzfristig Volkswagen belastet.

Private-Equity-Investoren und das Reputationsrisiko

Auch für Finanzinvestoren, die derzeit über Beteiligungen an deutschen Automobilzulieferern nachdenken, ist der Ausgang des Verfahrens relevant. Private Equity in Deutschland setzt zunehmend auf ESG-konforme Due-Diligence-Prozesse — und ein Unternehmen, das in einen milliardenschweren Kapitalmarktrechtsstreit verwickelt ist, stellt ein erhebliches Klumpenrisiko im Portfolio dar. Mehrere Fonds haben nach Informationen von ZenNews24 ihre Exponierung gegenüber VW-assoziierten Zulieferern in den vergangenen Monaten bewusst reduziert.

Der internationale Kontext: Kapitalmarktrecht im Wandel

Das Verfahren in Braunschweig findet nicht im Vakuum statt. Weltweit haben Regulatoren und Gerichte in den vergangenen Jahren die Haftungsstandards für Unternehmen an den Kapitalmärkten deutlich verschärft. In den USA haben class-action-Klagen gegen Automobilhersteller, Pharmaunternehmen und Technologiekonzerne Milliarden in Entschädigungen bewegt. Europa folgt diesem Modell mit einer gewissen Verzögerung — aber zunehmend entschlossen.

Die EU-Richtlinie zur kollektiven Rechtsdurchsetzung, die in Deutschland inzwischen umgesetzt ist, erleichtert die Bündelung von Investorenklagen erheblich. Das Braunschweiger Verfahren ist damit auch ein Testlauf für die Leistungsfähigkeit des neuen Rechtsinstruments. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, dürften ähnliche Sammelklagen gegen andere Großkonzerne an Fahrt gewinnen. (Quelle: Bundesministerium der Justiz, ifo Institut)

Interessant ist auch die Frage, welche Rolle technologische Hilfsmittel bei der Aufbereitung komplexer Finanzsachverhalte in Prozessen künftig spielen werden. KI-Finanzagenten könnten in Zukunft nicht nur bei der Analyse von Schadensersatzansprüchen helfen, sondern auch bei der Auswertung von Tausenden von Dokumenten, die in Kapitalmarktprozessen dieser Größenordnung typischerweise anfallen. Einige der klagenden Investmentfonds setzen bereits auf KI-gestützte Dokumentenanalyse in der Prozessvorbereitung.

Politische Dimension: Volkswagen zwischen Markt und Staat

Der Prozess ist auch politisch nicht bedeutungslos. Das Land Niedersachsen hält über zwanzig Prozent der Stimmrechte an Volkswagen und ist damit einer der mächtigsten Einzelaktionäre des Konzerns. Eine Verurteilung zu Milliardenzahlungen würde auch die öffentliche Hand treffen — indirekt über sinkende Dividenden und eine geschwächte Bilanz des größten Arbeitgebers in der Region.

Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz hat sich bislang aus dem laufenden Verfahren herausgehalten — das Prinzip der Gewaltenteilung verbietet eine politische Einflussnahme auf laufende Gerichtsverfahren. Dennoch beobachten Berliner Politikkreise das Verfahren genau, zumal Volkswagen als Schlüsselunternehmen für den Industriestandort Deutschland gilt. Die Regierung Merz steht vor dem Dilemma, einerseits die Rechtstaatlichkeit zu betonen und andererseits wirtschaftspolitische Interessen zu wahren, die ein geschwächtes Volkswagen empfindlich tangieren würden. (Quelle: Bundesregierung, Statista Wirtschaftsdaten Deutschland 2026)

Tarifkonflikte als Hintergrundrauschen

EinordnungDer Prozess im Braunschweig-Verfahren ist ein entscheidender Schritt zur juristischen Aufarbeitung des Dieselskandals. Er betrifft die Verantwortung des Volkswagen-Konzerns und die Frage der Informationspflicht gegenüber Investoren.
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ZenNews24 RedaktionUnabhängige Nachrichtenredaktion · Schwerpunkt: Wirtschaft
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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

Quelle: FAZ Wirtschaft
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