Klima

Ökostrom: Woher der Strom wirklich kommt

Zertifikate, Herkunftsnachweise, echte Erneuerbarer-Anteil

Von ZenNews24 Redaktion 6 Min. Lesezeit
Ökostrom: Woher der Strom wirklich kommt

Wer Ökostrom bezieht, fühlt sich häufig auf der sicheren Seite. Der Vertrag verspricht erneuerbare Energien, die Werbung zeigt grüne Windräder und sonnige Solaranlagen. Doch die Realität ist komplizierter. Zwischen dem, was Kundinnen und Kunden zahlen, und dem, was tatsächlich ins Stromnetz fließt, liegen Zertifikate, Herkunftsnachweise und ein globales Handelssystem, das sachliche Aufklärung verdient.

Die zentrale Frage lautet: Wenn ich Ökostrom kaufe, führt das wirklich dazu, dass mehr erneuerbare Energien gebaut werden — oder zahle ich nur für Papier? Diese Fragen beschäftigen Millionen Haushalte in Deutschland und Europa. Die Antworten sind differenzierter, als ein einfaches Ja oder Nein zulässt.

Das Paradox des Strommarktes: Physik gegen Zertifikate

Der deutsche Strommarkt folgt einem grundlegenden physikalischen Prinzip: Strom fließt immer den Weg des geringsten Widerstands. Unabhängig davon, ob eine Kilowattstunde von einem Kohlekraftwerk oder einer Windanlage stammt, kann das Stromnetz die Herkunft nicht unterscheiden. Im Moment des Verbrauchs ist Strom gleich Strom.

Um dennoch Ökostrom zu definieren und handelbar zu machen, hat die Europäische Union ein Zertifikatssystem entwickelt: die sogenannten Herkunftsnachweise, international als „Guarantees of Origin" (GoO) bekannt. Jede Megawattstunde Strom aus erneuerbaren Quellen erhält ein solches Zertifikat. Entscheidend ist: Dieses Zertifikat kann separat vom physischen Strom gehandelt werden. Ein Energieversorgungsunternehmen in Deutschland kann Herkunftsnachweise aus Skandinavien oder der iberischen Halbinsel kaufen und seinen Kundinnen und Kunden damit „100 Prozent Ökostrom" anbieten — obwohl die physische Kilowattstunde möglicherweise aus einem Gas- oder Kohlekraftwerk stammt.

Das ist rechtlich kein Betrug, sondern eine bewusste Marktgestaltung. Die Logik dahinter: Wenn Produzentinnen und Produzenten erneuerbarer Energie europaweit für ihre Zertifikate bezahlt werden, entsteht überall ein wirtschaftlicher Anreiz zum Ausbau. Das klingt elegant — und es gibt ökonomische Argumente dafür. Doch es gibt auch erhebliche Kritikpunkte, die sich nicht wegdiskutieren lassen.

CO2/Klimazahl: Der deutsche Strommix bestand im Jahr 2023 zu rund 59 % aus erneuerbaren Energien (Quelle: Bundesnetzagentur, vorläufige Zahlen). Der EU-Durchschnitt lag 2022 bei etwa 41 % erneuerbarer Stromerzeugung (Quelle: Eurostat). Wichtig: Diese Zahlen messen die physische Erzeugung. Über den Handel mit Herkunftsnachweisen können Länder und Unternehmen ihre rechnerische Ökostromquote erhöhen, ohne dass sich die tatsächlich ins Netz eingespeiste erneuerbare Strommenge verändert. Ein norwegisches Wasserkraftwerk, das ohnehin seit Jahrzehnten betrieben wird, erzeugt durch den Zertifikatverkauf keine zusätzliche Kilowattstunde grünen Strom.

Was der IPCC sagt — und warum Zusätzlichkeit entscheidend ist

Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) betont in seinen Sachstandsberichten, dass wirksamer Klimaschutz auf echten, zusätzlichen Emissionsreduktionen beruhen muss. Es genügt nicht, Emissionen auf dem Papier zu verschieben oder statistisch zu neutralisieren — die physischen CO2-Mengen müssen sinken. Dieses Prinzip der „Zusätzlichkeit" (englisch: additionality) ist ein wissenschaftlicher Grundsatz, der auch für den Stromzertifikatmarkt gilt.

Im Klartext bedeutet das für Herkunftsnachweise: Wenn ein Unternehmen Ökostrom-Zertifikate kauft, ohne dass dadurch neue erneuerbare Anlagen errichtet werden, findet keine echte Emissionsreduktion statt. Das ist besonders relevant, wenn Zertifikate von Bestandsanlagen stammen — also von Wasserkraftwerken oder Windparks, die bereits seit Jahren laufen und ohnehin Strom erzeugen würden. Ihr Ökostrom wäre auch ohne den Zertifikathandel im Netz. Der Kauf des Zertifikats verändert die Realität nicht.

Der IPCC warnt in diesem Zusammenhang vor Maßnahmen, die den Eindruck echter Klimawirkung erzeugen, ohne sie zu entfalten — einem Mechanismus, der umgangssprachlich als Greenwashing bezeichnet wird. Entscheidend sei nicht die Bezeichnung eines Produkts, sondern seine nachweisbare Wirkung auf den CO2-Ausstoß.

Wo Zertifikate wirken — und wo nicht

Der Zertifikatmarkt ist nicht per se wirkungslos. Sein Effekt hängt stark davon ab, woher die Herkunftsnachweise stammen und ob ihr Verkauf tatsächlich neue Investitionen auslöst.

In Ländern mit noch geringem Ausbau erneuerbarer Energien — etwa in Teilen Osteuropas oder auf dem westlichen Balkan — können Zertifikaterlöse Projekte wirtschaftlich rentabel machen, die sonst nicht gebaut würden. Hier kann der Markt seine ursprünglich gedachte Funktion erfüllen: zusätzliche erneuerbare Kapazität finanzieren. In Deutschland hingegen, wo der Erneuerbaren-Ausbau bereits weit fortgeschritten ist und durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) staatlich gefördert wird, ist der Zusatzeffekt durch Zertifikatverkäufe weitgehend marginal. Die Anlagen werden gebaut — mit oder ohne Zertifikaterlöse.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das: Ein Ökostromvertrag ist nicht automatisch ein Klimaschutzvertrag. Wer sichergehen möchte, dass sein Geld tatsächlich neue erneuerbare Kapazitäten finanziert, sollte auf Tarife achten, die explizit Neuanlagen fördern oder direkt in Bürgerenergiegenossenschaften investieren.

Ländervergleich: Wie unterschiedlich Europa mit Ökostrom umgeht

Land Erneuerbaren-Anteil Strom (2022) Wichtigste Quellen Besonderheit beim Zertifikathandel
Deutschland ca. 46 % (Erzeugung 2022) / ~59 % (2023) Wind, Solar, Biomasse Hoher EEG-Anteil; Zertifikatmarkt hat geringen Zusatzeffekt
Norwegen ca. 98 % Wasserkraft Größter Exporteur von Herkunftsnachweisen in Europa; überwiegend Bestandsanlagen
Schweden ca. 75 % Wasserkraft, Wind Eigenes nationales Zertifikatssystem (Elcertifikat) parallel zu GoO
Polen ca. 20 % Kohle dominant, Wind wächst Zertifikatimporte ermöglichen Unternehmen „Ökostrom"-Deklaration trotz kohlelastigem Netz
Portugal ca. 60 % Wasser, Wind, Solar Wachsender Zertifikatexporteur; neue Projekte teils zertifikatfinanziert
Frankreich ca. 25 % erneuerbar (Rest Kernkraft) Kernkraft, Wasser Kernkraft nicht Teil des GoO-Systems für Erneuerbare; politisch umstrittene Rolle

Quellen: Eurostat 2023, ENTSO-E Transparency Platform, Bundesnetzagentur. Zahlen gerundet, teils vorläufig.

Was Deutschland konkret unternimmt

Die Bundesregierung hat mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2023 das Ziel festgeschrieben, den Anteil erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch bis 2030 auf mindestens 80 % zu steigern. Dieses Ziel ist gesetzlich verankert und geht weit über das hinzu, was allein durch Zertifikathandel erreicht werden könnte.

Parallel dazu hat die Bundesnetzagentur die Transparenzanforderungen für Stromanbieter verschärft. Seit 2021 müssen Anbieter detaillierter offenlegen, woher ihre Herkunftsnachweise stammen — ob aus Neuanlagen oder aus Bestandsanlagen, aus Deutschland oder aus dem Ausland. Dennoch bleibt die Umsetzung lückenhaft: Eine einheitliche europäische Kennzeichnungspflicht, die Verbraucherinnen und Verbrauchern auf einen Blick zeigt, ob ihr Tarif Zusatzwirkung hat, existiert bislang nicht.

Auf EU-Ebene wird derzeit im Rahmen der Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) diskutiert, strengere Kriterien für die Anerkennung von Herkunftsnachweisen im Klimaschutz einzuführen — insbesondere das Kriterium der Zusätzlichkeit und eine zeitliche Korrelation zwischen Erzeugung und Verbrauch.

Was andere Länder machen: Beispiele aus der Praxis

Einige Länder und Städte gehen über das europäische Mindeststandard-System hinaus. In den USA hat sich das Konzept der „24/7 Carbon-Free Energy" etabliert, das stundengenaue Herkunftsnachweise verlangt — also den Nachweis, dass in jeder Stunde des Tages tatsächlich erneuerbare Energie ins Netz eingespeist wurde, wenn ein Unternehmen Strom verbraucht. Google und Microsoft haben sich diesem Standard freiwillig verpflichtet und investieren entsprechend in neue Kapazitäten.

In Österreich hat der Regulator eine Pflicht eingeführt, Herkunftsnachweise zeitnah — innerhalb von zwölf Monaten nach Erzeugung — zu entwerten. Das begrenzt den Aufbau von Zertifikats-„Vorräten", der in anderen Märkten zur Verzerrung führt.

Diese Ansätze zeigen: Es gibt technische und regulatorische Wege, dem Zertifikathandel mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Sie erfordern jedoch politischen Willen und europäische Koordination.

Wie Verbraucherinnen und Verbraucher unterscheiden können

Nicht jeder Ökostromtarif ist gleich. Folgende Merkmale helfen bei der Einschätzung:

  • Herkunft der Zertifikate: Stammen sie aus Neuanlagen oder Bestandsanlagen? Aus Deutschland oder aus weit entfernten Märkten wie Norwegen?
  • Gütesiegel: Labels wie „ok power" oder der „Grüner Strom Label"-Standard stellen strengere Anforderungen als das gesetzliche Mindestmaß — unter anderem eine direkte Förderung des Erneuerbaren-Ausbaus.
  • Direktverträge (Power Purchase Agreements): Wer als Unternehmen einen PPA mit einer bestimmten Anlage abschließt, kann die Herkunft seines Stroms deutlich besser nachverfolgen als über den anonymen Zertifikatmarkt.
  • Transparenzberichte: Seriöse Anbieter veröffentlichen jährlich, welche Anlagen ihre Zertifikate erzeugen.

Für Privatkundinnen und Privatkunden bleibt die Markttransparenz eine Herausforderung. Hier sind Regulierung und unabhängige Klimasiegel für Verbraucher gefragt, nicht nur individuelle Sorgfaltspflicht.

Fazit: Ökostrom ist nicht gleich Klimaschutz — aber er kann es sein

Ökostromzertifikate sind kein Betrug. Sie sind ein Marktinstrument mit echter Logik — aber auch mit echten Schwächen. Wer einen Ökostromvertrag unterschreibt, leistet nicht automatisch einen messbaren Beitrag zur Energiewende. Das hängt dav

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