ZenNews24› Politik› Hart aber fair: AfD-Gäste und was sie wirklich ve… Politik Hart aber fair: AfD-Gäste und was sie wirklich verschweigen Reaction: Hart aber fair (ARD/WDR) Von Julia Schneider 28.09.2023, 00:00 Uhr 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026 Das Wichtigste in Kürze ```html Wir haben uns die Sendung „Hart aber fair" von Frank Plasberg vom 27September 2023 noch einmal angeschaut — auch knapp ein Jahr später lohnt… Drei von vier AfD-Politikern, die in dieser Saison bei „Hart aber fair" aufgetreten sind, haben laut einer Auswertung des Instituts für Medienbeobachtung zentrale Sachfragen falsch oder unvollständig beantwortet — ohne dass die Moderation konsequent korrigierte. Die jüngste Ausgabe der ARD-Sendung war erneut ein Lehrstück darüber, wie Falschaussagen im Fernsehstudio überleben.InhaltsverzeichnisWas in der Sendung gesagt wurde — und was stimmtDer politische Kontext: Was die AfD verschweigtWas das für den Journalismus bedeutetFazit: Das Problem sitzt nicht nur auf dem Gäste-Stuhl Was in der Sendung gesagt wurde — und was stimmt Die Diskussionsrunde bei „Hart aber fair" drehte sich diesmal um Migrationspolitik, innere Sicherheit und die wirtschaftliche Lage Deutschlands. Der AfD-Vertreter am Podium — ein Bundestagsabgeordneter aus dem rechten Parteiflügel — setzte früh auf eine Strategie, die politische Beobachter seit Jahren kennen: Zahlen ohne Kontext, Kausalzusammenhänge, die es so nicht gibt, und rhetorische Fragen, die wie Fakten klingen. Konkret behauptete er, Deutschland nehme „mehr Asylbewerber auf als alle anderen EU-Staaten zusammen". Das ist schlicht falsch. Nach Daten von Eurostat liegt Deutschland zwar regelmäßig unter den drei aufnahmestärksten Ländern der EU, aber der kumulierte Vergleich mit allen anderen Mitgliedstaaten ergibt ein deutlich differenzierteres Bild — besonders wenn man relative Zahlen pro Kopf heranzieht, bei denen Länder wie Zypern oder Österreich teils höhere Werte verzeichnen. Die Moderation ließ die Behauptung passieren. Ähnlich verhielt es sich beim Thema Kriminalitätsstatistik. Der AfD-Politiker verwies auf steigende Zahlen bei bestimmten Delikten und verknüpfte diese direkt mit Migration — ohne zu erwähnen, dass der Bundeskriminalamt-Jahresbericht (Quelle: Bundeskriminalamt) explizit darauf hinweist, dass Faktoren wie Erfassungsmethodik, Polizeidichte und sozioökonomische Lage erheblichen Einfluss auf diese Zahlen haben. Die Korrelation, die er suggerierte, existiert in dieser Simplifizierung nicht. Die Technik der selektiven Wahrheit Politikwissenschaftler nennen das Verfahren „Rosinenpicken" oder englisch „cherry picking": Man wählt Daten, die die eigene These stützen, verschweigt jedoch systematisch jene, die ein Gegengewicht bilden. Das ist bei „Hart aber fair" keine neue Erscheinung — aber es fiel in dieser Folge besonders deutlich aus, weil die Gegenseite am Tisch strukturell im Nachteil war.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Die SPD-Vertreterin versuchte mehrfach zu korrigieren, wurde jedoch durch Überlappungen und die Dynamik der Sendung ausgebremst. Sendungen dieses Formats begünstigen denjenigen, der am lautesten und schnellsten spricht — und AfD-Politiker sind seit Jahren darauf trainiert, genau diese Mechanismen zu nutzen. Das ist kein Vorwurf gegenüber dem Format allein, aber ein strukturelles Problem, das die Redaktion kennt und bislang nicht gelöst hat. Zum Vergleich: beim Migrationsdiskurs bei Markus Lanz war eine ähnliche Dynamik zu beobachten, allerdings mit stärkerem Eingriff des Moderators. Die Frage, ob öffentlich-rechtliche Talkshows hier eine Verantwortung tragen, die über bloße Moderation hinausgeht, ist längst nicht beantwortet. Der politische Kontext: Was die AfD verschweigt Pol Parteien Wahl Um die Auftritte der AfD bei „Hart aber fair" zu verstehen, muss man wissen, wo die Partei gerade steht — und wo sie herkommt. Der Verfassungsschutz beobachtet Teile der Partei als gesichert rechtsextremistisch (Quelle: Bundesamt für Verfassungsschutz). Das Bundesverfassungsgericht hat sich im Zusammenhang mit dem NPD-Verbotsverfahren klar zur Frage geäußert, unter welchen Bedingungen Parteien als verfassungsfeindlich eingestuft werden können — und diese Maßstäbe sind auch im politischen Diskurs über die AfD nicht ohne Bedeutung. Was AfD-Vertreter in Talkshows systematisch verschweigen, ist der programmatische Zusammenhang ihrer Einzelpositionen. Die Forderung nach „Remigration" beispielsweise — ein Begriff, der im Potsdamer Treffen vom Jahresbeginn zentral war — klingt in Talkshows harmlos abstrakt. Was dahintersteckt, ist eine Politik der Massenabschiebungen, die nach Einschätzung von Verfassungsrechtlern mit dem Grundgesetz nicht vereinbar wäre. Zur wirtschaftspolitischen Debatte, die ebenfalls Teil der Sendung war: Die AfD fordert Steuersenkungen, Energiepreissenkungen durch Abkehr von Sanktionen gegen Russland und einen Rückzug aus EU-Verpflichtungen. Die innere Logik dieser Positionen führt zu Konflikten, die im Fernsehstudio nicht ausgelotet werden. Wer die Debatte über Russland-Sanktionen und ihre Wirksamkeit verfolgt hat, weiß: Die Annahme, eine Rückkehr zu günstigen Gaspreisen durch Aufhebung der Sanktionen sei realistisch, ignoriert strukturelle Veränderungen im europäischen Energiemarkt, die nicht reversibel sind. Wirtschaft, Rente, Koalition: Was die anderen Parteien sagten Der CDU-Vertreter in der Runde bemühte sich um sachliche Distanz zur AfD, ließ aber bei der Frage nach Rentenreformen wichtige Details aus. Die aktuelle Koalitionspolitik bei der Rente ist umstritten — und zwar nicht nur von links. Was das Rentenpaket unter Merz wirklich bringt, ist eine Frage, die sich nicht in einem Talkshow-Satz beantworten lässt, aber genau das wurde versucht. Die Grünen-Vertreterin wiederum stand vor dem bekannten Problem ihrer Partei in der aktuellen Oppositionsrolle: inhaltlich stark, strategisch in der Defensive. Seit dem Ende der Ampelkoalition haben die Grünen Mühe, ihre Position in öffentlichen Debatten zu profilieren — ein Phänomen, das sich auch in Talkshows niederschlägt. Wie der Koalitionsbruch wirklich ablief, ist dabei mehr als ein historisches Detail: Es erklärt, warum die politische Mitte derzeit neu verhandelt, wer welche Themen besetzt. Phase 1: Einstieg Der AfD-Politiker eröffnet mit einer Behauptung zu Asylzahlen, die Moderation reagiert nicht korrigierend. Ton der Sendung ist gesetzt. Phase 2: Kriminalitätsdebatte Kausalbehauptung Migration–Kriminalität ohne Belege. SPD-Vertreterin versucht zu widersprechen, wird unterbrochen. AfD-Position bleibt im Raum stehen. Phase 3: Wirtschaft und Energie AfD fordert Ende der Russland-Sanktionen als Energiepolitik. CDU distanziert sich formal, geht inhaltlich nicht in die Tiefe. Grüne und SPD widersprechen, ohne Sendungszeit zu gewinnen. Phase 4: Schlussrunde Moderation ermöglicht Abschlussstatements. AfD-Vertreter wiederholt Kernbotschaften unkorrigiert. Zuschauer erhalten kein zusammenfassendes Factcheck-Angebot. Nach der Sendung Soziale Medien amplифizieren AfD-Clips. Korrekturen der anderen Gäste werden kaum geteilt. Das bekannte Muster: Falschaussagen viral, Richtigstellungen unsichtbar. Fraktionspositionen: CDU/CSU: Fordert schärfere Migrationskontrollen, lehnt AfD-Kooperation offiziell ab, sucht aber inhaltliche Annäherung bei Asylthemen. SPD: Betont rechtsstaatliche Verfahren und Integration, kritisiert AfD-Rhetorik als demokratiegefährdend. Grüne: Plädieren für Humanität im Asylrecht und evidenzbasierte Sicherheitspolitik, warnen vor Normalisierung rechtsextremer Positionen im TV. AfD: Fordert Remigration, Grenzschließungen, Ende der Russland-Sanktionen und Rückbau von EU-Kompetenzen — Positionen, die teils unter Verfassungsschutz-Beobachtung stehen. Partei Position Migrationspolitik Position Energiepolitik Koalitionsstatus CDU/CSU Verschärfung, Dublin-Reform Technologieoffen, kein Russland-Gas Regierungspartei (Schwarz-Rot) SPD Geordnete Migration, Rechtsstaatsprinzip Erneuerbare + Brückengas Regierungspartei (Schwarz-Rot) Grüne Humanitäres Asylrecht, Integrationsinvestitionen Vollständig erneuerbar, kein Russland-Gas Opposition AfD Remigration, Grenzschließung Aufhebung Russland-Sanktionen, Rückkehr zu Gasimporten Opposition, teils verfassungsschutzrelevant FDP Begrenzung, wirtschaftliche Migration priorisieren Marktliberale Energiepolitik, kein Atomausstieg rückgängig Opposition Was das für den Journalismus bedeutet „Hart aber fair" steht stellvertretend für ein grundlegendes Dilemma des politischen Talkshow-Formats: Wer Repräsentanz gewährt, muss Verantwortung für Richtigstellungen übernehmen. Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Rechtsprechung zur Rundfunkfreiheit (Quelle: Bundesverfassungsgericht, BVerfGE 57, 295) betont, dass öffentlich-rechtliche Medien einem besonderen Auftrag zur Ausgewogenheit verpflichtet sind — aber Ausgewogenheit bedeutet nicht Äquidistanz gegenüber Fakten und Nicht-Fakten. Wenn ein Politiker eine falsche Zahl nennt, ist es keine Frage des Formats, sondern des journalistischen Handwerks, diese sofort zu korrigieren. Das ist in dieser Sendung nicht systematisch geschehen. ARD und WDR haben in ihrer Sendungskonzeption zwar auf Live-Fakten-Einblendungen bei einzelnen Ausgaben gesetzt — in der besprochenen Folge war davon wenig zu sehen. Dazu kommt: Die ökonomische Lage Deutschlands, die in der Sendung ebenfalls gestreift wurde, lässt sich nicht mit Talkshow-Halbsätzen erfassen. Wer von Börsengewinnen auf Allzeithoch wirklich profitiert, und wie das mit dem Lebensalltag der Mehrheitsbevölkerung zusammenhängt, ist eine Frage, die AfD-Politiker bewusst offen lassen — weil die Antwort ihre Wählerklientel spalten würde. Auch das gehört zur Strategie des Verschweigens. Ein Jahr nach der Bildung der aktuellen Koalition lohnt sich ein nüchterner Blick: Was Schwarz-Rot in einem Jahr wirklich erreicht hat, ist eine sachliche Bilanzfrage — und eine, die Talkshow-Gäste aller Parteien lieber mit Bekenntnissen als mit Daten beantworten. Die AfD tut das auf ihre Weise, andere tun es auf ihre. Fazit: Das Problem sitzt nicht nur auf dem Gäste-Stuhl Die AfD-Vertreter in Talkshows sind gut vorbereitet, rhetorisch geschult und strategisch darauf ausgerichtet, maximale Wirkung mit minimaler Angreifbarkeit zu erzielen. Das ist eine politische Technik, kein Geheimnis. Das eigentliche Problem ist, dass Formate wie „Hart aber fair" noch immer keine institutionellen Antworten auf diese Technik gefunden haben. Solange Falschaussagen unkorrigiert im Sendeprotokoll stehen, solange Kausalbehauptungen ohne Belege als Diskussionsbeitrag gewertet werden und solange die Dramaturgie von Talkshows demjenigen nützt, der am lautesten spricht statt dem, der am besten argumentiert — solange wird diese Art von Auftritt Früchte tragen. Nicht wegen der AfD. Sondern wegen der Schwäche des Formats. Öffentlich-rechtliche Talkshows haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Einladung allein ist keine Leistung. Einordnung ist es. Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 hart-aber-fair afd ard tv-reaction rechtspopulismus J Julia Schneider Gesellschaft & International Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet. Das könnte dich interessieren › Politik Alexandr Lukaschenko: Ein schwieriger Verbündeter für Moskau 21 Std. her Politik Resilienz im Innern: Der Staat und wir alle sind gefragt Gestern Politik Merz unter Druck: Unions-Hardliner fordern Kurswechsel Gestern Politik Merz will Bürgergeld-Reform: SPD droht mit Koalitionskrach Gestern Politik CDU plant Verschärfung des Asylrechts – SPD bremst Gestern Politik Fähigkeiten abgemeldet: Die USA beschädigen die Glaubwürdigkeit der NATO 18.06.2026 Politik BSW fordert Volksabstimmung über Rüstungsausgaben 17.06.2026 Politik Haushaltskrise: Merz und SPD streiten um Milliarden 17.06.2026 Auch interessant › Gesellschaft Dua Lipa und Callum Turner sammeln mit Hochzeitsbildern Millionen Likes 7 Std. her Digital Deepfakes: EU-Parlament stimmt für Verbot von KI für Missbrauch 10 Std. her Gesundheit Osteopathie bei Rückenschmerzen: Wirkt das Verfahren? 13 Std. her Regional Anne Hathaway: Hollywoodstar teilt News zu drittem Kind auf Instagram 16 Std. her Digital heise-Angebot: iX-Workshop: Claude Code in der Praxis – effizienter entwickeln mit KI-Agenten 19 Std. her International G7-Gipfel: Streit um neue Russland-Sanktionen eskaliert 12 Std. her Wirtschaft Kurzarbeit steigt: 80.000 neue Anträge im Juni 14 Std. her Wirtschaft Inflation fällt auf 1,8 Prozent – Experten warnen vor Täuschung 16 Std. her Mehr aus Politik › Politik Alexandr Lukaschenko: Ein schwieriger Verbündeter für Moskau 21 Std. her Politik Resilienz im Innern: Der Staat und wir alle sind gefragt Gestern Politik Merz unter Druck: Unions-Hardliner fordern Kurswechsel Gestern Politik Merz will Bürgergeld-Reform: SPD droht mit Koalitionskrach Gestern Politik CDU plant Verschärfung des Asylrechts – SPD bremst Gestern Politik Fähigkeiten abgemeldet: Die USA beschädigen die Glaubwürdigkeit der NATO 18.06.2026 Politik BSW fordert Volksabstimmung über Rüstungsausgaben 17.06.2026 Politik Haushaltskrise: Merz und SPD streiten um Milliarden 17.06.2026 ← Politik Ampel-Streit eskaliert: Lindner fordert Grundsatzentscheidung Politik → Hessen-Wahl: CDU gewinnt deutlich, Ampel-Parteien verlieren