Zwischenbilanz nach einem Jahr: Wie Bürger die Merz-Regierung
Die Bundesregierung blickt auf 365 Tage Schwarz-Rot zurück – Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD regiert nun seit zwölf Monaten unter Bundeskanzler Friedrich Merz. Ein idealer Zeitpunkt für eine umfassende Zwischenbilanz: Welche Erfolge hat die Koalition vorzuweisen? Wo entstehen Konflikte? Eine Analyse von Bürgerstimmen aus ganz Deutschland offenbart ein differenziertes, teilweise gespaltenes Bild der bisherigen Amtszeit — mit Hoffnungen, aber auch deutlicher Kritik.
- Die Regierungsbildung: Großkoalition nach langer Suche
- Wirtschaft und Strukturwandel im Fokus
- Sicherheit, Migration und innenpolitische Themen
- Arbeitsmarkt, Renten und Sozialpolitik
Die Regierungsbildung: Großkoalition nach langer Suche
Nach der Bundestagswahl einigten sich Union und Sozialdemokraten auf eine Große Koalition. Damit endete eine turbulente Phase politischer Unsicherheit, die länger andauerte als in vergleichbaren Koalitionsverhandlungen der Vergangenheit. Friedrich Merz übernahm als neuer Kanzler mit dem Anspruch, wirtschaftliche Stabilität und innenpolitische Verlässlichkeit zu demonstrieren. Die ersten Wochen standen im Zeichen von Kabinettsbildung, Prioritätensetzung und symbolischen Gesten, die zeigen sollten: Nach Monaten der Blockade funktioniert das politische System wieder.
Historisch betrachtet ist eine CDU/CSU-SPD-Koalition kein Novum — seit der Gründung der Bundesrepublik gab es mehrere solcher Konstellationen, zuletzt unter Angela Merkel. Allerdings unterscheidet sich die aktuelle Situation durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Deutschland kämpft mit Strukturproblemen, die tiefergehend sind als in früheren Koalitionsperioden. Die Inflationskrise, die Energiewende und der globale Wettbewerbsdruck stellen die neue Regierung vor beispiellose Herausforderungen.

Kernfakt: 52 % der Befragten bewerten die Regierungsbildung als „notwendig", 34 % als „verzögert"
Wusstest du schon?
Großkoalitionen auf Bundesebene haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 3,5 Jahren. Die längste Große Koalition in der Bundesrepublik dauerte von 1966 bis 1969. Experten beobachten, ob die Merz-Koalition länger Bestand haben kann.
Wirtschaft und Strukturwandel im Fokus
Industriepolitik zwischen Hoffnung und Skepsis
Ein zentrales Thema der Merz-Regierung ist die wirtschaftliche Stabilisierung. Die Koalition verspricht Entlastungen für Betriebe und ein investitionsfreundliches Klima. Der Koalitionsvertrag sieht umfangreiche Maßnahmen zur Steuervereinfachung, zur Reduzierung von Bürokratie und zur Förderung von Investitionen vor. Allerdings zeigen sich erste Risse: Der Maschinenbau steckt in einer Strukturkrise, während neue Technologiebranchen nur langsam wachsen.
Laut aktuellen Erhebungen der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) berichten etwa 65 % der befragten Unternehmen von Geschäftsunsicherheit. Besonders kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) warten auf konkrete Unterstützung, die über Ankündigungen hinausgeht. Die Quote der Betriebsgründungen ist gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken, was Experten als Indikator für fehlende unternehmerische Zuversicht interpretieren.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Clemens Fuest, äußerte sich zur Zwischenbilanz kritisch: Die Regierung müsse schneller in konkrete Maßnahmen zur Entbürokratisierung vorstoßen. Die Ankündigung allein reiche nicht aus, um das Vertrauen von Investoren wiederherzustellen.
Energiewende und Heizungsdebatten
Ein erbitterter Streitpunkt bleibt die Energiepolitik. Die Bundesregierung musste beim Heizungsgesetz bereits Korrektionen vornehmen — ein Zeichen wachsender Konflikte zwischen Klimazielen und Bürgerlast. Die Debatte hat gezeigt, dass Klimapolitik und Sozialpolitik unter dieser Koalition schwer zu vereinbaren sind: Während die Grünen in Opposition strenge Klimavorgaben fordern, argumentieren konservative Unionspolitiker für pragmatischere, graduelle Übergänge.
Gleichzeitig fielen Entscheidungen zur Impfstoffproduktion: BioNTech beendet Impfstoffproduktion in Deutschland, was Fragen zur Resilienz des Standorts aufwirft. Diese Nachricht traf die Regierung hart, da sie zeigt, dass selbst mit milliardenschweren staatlichen Investitionen Unternehmen ihre wirtschaftlichen Entscheidungen nach globalen Marktlogiken treffen — ein Symbol für die Grenzen staatlicher Steuerung.
Im Bereich Erneuerbare Energien verzeichnet die Regierung Fortschritte: Der Ausbau der Windenergie an Land und auf dem Meer läuft schneller als unter der vorherigen Bundesregierung. Allerdings bleibt die Frage offen, wie die intermittente Stromversorgung stabilisiert wird und wie die Industrie mit volatilen Strompreisen umgehen kann.

Sicherheit, Migration und innenpolitische Themen
Außenpolitisch musste die Regierung auf internationale Krisen reagieren. Sicherheitsfragen nahmen großen Raum ein — sowohl im Umgang mit europäischen Spannungen als auch bei innerer Sicherheit. Die Unterstützung der Ukraine bleibt ein Kern der Außenpolitik, doch innenpolitisch entstand Diskussionsbedarf über die Dauer und den Umfang dieser Hilfen angesichts wirtschaftlicher Herausforderungen im Inland.
Bürgerbefragungen zeigen: 61 % der Wähler erwarten von Merz klare Positionen zur Migration und Integration. Die Regierung versucht, einen Mittelweg zwischen Ordnung und Offenheit zu gehen, stößt aber auf Widerstände in beiden Lagern. Die Union drängt auf schärfere Grenzkontrollen und Abschiebungen, während die SPD betont, dass Fachkräftemigration für die Wirtschaft notwendig ist. Diese Spannung durchzieht alle koalitionären Diskussionen.
Besonders nach Vorfällen mit Straftätern, die im Asylverfahren tätig waren, verstärkte sich der öffentliche Druck auf die Regierung. Sicherheitspolitisch reagierte die Koalition mit erhöhten Budgets für Polizei und Geheimdienste. Nach Erhebungen der Bundeszentrale für politische Bildung sagen etwa 58 % der Befragten, dass sie sich in ihrer Sicherheit bedroht fühlen — allerdings ist dieses Gefühl nicht immer mit objektiven Kriminalitätsstatistiken korreliert.
Arbeitsmarkt, Renten und Sozialpolitik
Ein weiterer kritischer Bereich ist die Arbeitsmarktpolitik. Die Arbeitslosenquote bewegt sich in einem stabilen Bereich, doch die Qualität der Beschäftigung gerät unter Druck. Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge nehmen zu, während Vollzeitstellen mit Tarifbindung sinken. Gewerkschaften kritisieren, dass die Koalition nicht ausreichend gegen Flexibilisierung und Lohndumping vorgeht.
In der Rentenpolitik herrscht eine gespaltene Linie vor: Die SPD drängt auf Rentenstabilität und höhere Leistungen, während Union und Teile der Koalition Beitragsstabilität und längeres Arbeiten propagieren. Dies ist ein klassischer Konflikt zwischen beiden Koalitionspartnern, der sich in den kommenden Jahren verschärfen könnte, wenn der demografische Druck steigt.
Bürgerstimmen: Ein geteiltes Bild nach einem Jahr
Die Resonanz in der Bevölkerung ist gemischt. Viele Bürger schätzen die Stabilität nach Monaten der Unsicherheit und politischen Turbulenzen. Die Wahl war von scharfen Debatten geprägt, und dass nun eine funktionsfähige Regierung amtiert, wird von vielen als positive Entwicklung wahrgenommen. Andere hingegen vermissen konkrete Verbesserungen im Alltag — bei Renten, Löhnen, Wohnungspreisen und Kinderbetreuung.
Gewerkschaften kritisieren unzureichende Arbeitsmarktreformen, während Wirtschaftsverbände mehr Flexibilität fordern. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) beispielsweise klagt über zu strenge Arbeitsschutzbestimmungen, die kleine Betriebe benachteiligen. Umweltverbände hingegen finden, dass die Energiewende nicht ambitioniert genug vorangeht.
Junge Wähler äußern Sorge um Klimapolitik, ältere Generationen fragen nach Rentensicherheit. Diese Zielkonflikte prägen die politische Debatte und werden auch die kommenden Jahre bestimmen. Eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie zeigt, dass 42 % der Befragten „eher zufrieden" oder „sehr zufrieden" mit der Regierungsarbeit sind, während 38 % „eher unzufrieden" oder „sehr unzufrieden"
- Deutscher Bundestag — bundestag.de
- Bundesregierung — bundesregierung.de
- ARD Tagesschau — tagesschau.de
Weiterführende Informationen: Bundestag.de
Quelle: Spiegel Politik




















