Sonntagsfrage Mai 2026: Parteien im Überblick
Ein Jahr Merz-Regierung: Wo stehen CDU, SPD, AfD und Grüne wirklich?
Rund 29 Prozent für die Union, knapp 19 Prozent für die AfD, die SPD bei historisch schwachen 14 Punkten — ein Jahr nach der Regierungsbildung unter Friedrich Merz zeigen die aktuellen Sonntagsfragen ein politisches Deutschland im Umbruch. Die Koalition aus CDU/CSU und SPD regiert, aber die Stimmung im Land ist gespalten wie selten.
Die aktuelle Umfragelage: Union führt, aber mit Abstand zum Ziel
Die CDU/CSU hält sich in den Meinungsumfragen des Monats Mai stabil über der 28-Prozent-Marke. Das ist solide, aber kein Triumph — gemessen an den Erwartungen, die Friedrich Merz nach seinem Einzug ins Kanzleramt geweckt hat. Verschiedene Meinungsforschungsinstitute weisen für die Union Werte zwischen 28 und 31 Prozent aus, je nach Erhebungsmethodik und Befragungszeitraum (Quelle: Infratest dimap, Forsa, INSA). Das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Wahlergebnis vom Februar des Vorjahres, spiegelt aber noch keinen dramatischen Vertrauensverlust wider.
Die SPD hingegen steckt tief in einer Legitimationskrise. 14 bis 16 Prozent — je nach Institut — bedeuten für die älteste Volkspartei Deutschlands ein historisches Umfragetief, das selbst parteiinterne Strategen alarmiert. Der Eintritt in die große Koalition unter Merz war innerhalb der Sozialdemokratie umstritten; die Kritiker scheinen in den Umfragen recht zu behalten. Während die Koalitionsarbeit im Berliner Alltag funktioniert, verliert die SPD ihr eigenständiges Profil. Wählerinnen und Wähler, die progressivere Politik erwarten, wandern zu den Grünen ab — oder enthalten sich.
Besonders interessant ist die Entwicklung bei der Sonntagsfrage April 2026: BSW verliert Profil, Linke unter 5 Prozent nachgezeichneten Fragmentierung am linken Rand des Spektrums. Was dort im April begann, setzt sich im Mai fort: Die Linke droht dauerhaft unter die Fünf-Prozent-Hürde zu fallen, BSW verliert Konturen. Profiteurin könnte mittelfristig die SPD sein — wenn sie ihren Kurs neu justiert. Derzeit aber profitiert niemand auf der linken Seite des politischen Spektrums wirklich.
AfD: Stabil, konsolidiert, zunehmend parlamentarisch eingebettet
Die AfD notiert im Mai bei 18 bis 20 Prozent. Das ist gegenüber den Höchstwerten vergangener Monate ein minimaler Rückgang, aber kein Einbruch. Die Partei hat sich nach den turbulenten Querelen um Parteistrategie und Kurs unter Alice Weidel strukturell stabilisiert. Die Oppositionsrolle im Bundestag gibt ihr Bühne ohne Verantwortung — eine politisch komfortable Position.
Dabei verdient ein Blick in die Langzeitentwicklung besondere Aufmerksamkeit. Wie die Sonntagsfrage Februar 2026: AfD zieht in Umfragen nach, SPD fällt dokumentierte, war es gerade der erste Regierungsmonat der Merz-Koalition, der der AfD Auftrieb gab. Das Paradox: Je aktiver die neue Bundesregierung agierte, desto mehr profitierten die Rechtspopulisten in den Umfragen — weil ein Teil der Wählerschaft das Regierungshandeln als zu wenig konsequent wahrnahm, ein anderer Teil es als zu hart empfand. Beide Gruppen wandten sich von den Koalitionsparteien ab.
Die Frage, ob das Bundesverfassungsgericht durch seine laufenden Verfahren zu Parteifinanzierung und Verfassungsschutz-Einstufungen mittelfristig Einfluss auf die AfD-Umfragewerte nehmen wird, bleibt offen. Karlsruhe hat zuletzt klargestellt, dass Beobachtungen durch den Verfassungsschutz mit demokratischen Rechten vereinbar sind — eine politisch bedeutsame, aber für die Umfragewerte bislang folgenlose Entscheidung.
Warum die AfD-Wählerschaft stabiler ist als erwartet
Soziologische Analysen aus aktuellen Nachwahlbefragungen zeigen: Die AfD-Wählerschaft hat sich professionalisiert. Es handelt sich längst nicht mehr überwiegend um Protestwählerinnen und -wähler, die nach einer Enttäuschungsphase abwandern. Ein wachsender Kern — Schätzungen gehen von 40 bis 50 Prozent der AfD-Anhänger aus — identifiziert sich ideologisch fest mit der Partei (Quelle: Allensbach Institut). Das macht die Partei schwerer angreifbar und die Erosion ihrer Werte schwieriger. Die klassische Strategie, AfD-Wähler durch bessere Regierungsarbeit zurückzugewinnen, greift bei diesem Kern schlicht nicht mehr.
Die Grünen: Stabilisierung, aber kein Aufschwung
Nach dem desaströsen Bundestagswahlergebnis, das die Grünen in die Opposition zwang, zeigt die Partei im Frühjahr dieses Jahres erste Zeichen der Stabilisierung. Umfragewerte zwischen 11 und 13 Prozent bedeuten: kein weiterer Absturz, aber auch keine Erholung auf das einstige Niveau um 20 Prozent.
Wie bereits die Sonntagsfrage Januar 2026: Merz-Bonus hält, Grüne erholen sich anzeigte, profitiert die Partei von ihrer Oppositionsrolle in bestimmten Politikfeldern — insbesondere Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit. Die Grünen können die Merz-Regierung glaubwürdig von links-ökologischer Seite kritisieren, ohne die Koalitionsräson fürchten zu müssen.
Intern jedoch bleibt die Frage nach Führung und inhaltlicher Neuaufstellung virulent. Robert Habecks Abgang aus der Regierung hat eine Lücke hinterlassen, die noch nicht überzeugend gefüllt ist. Die Partei arbeitet an einer programmatischen Erneuerung — aber ob diese bis zu den nächsten Landtagswahlen fruchtet, ist offen.
Klimapolitik als Differenzierungsmerkmal — und als Risiko
Die Bundesregierung hat im Frühjahr ihre Klimaziele für den Verkehrssektor nachjustiert — nach erheblichem Druck aus der Industrie und aus den Reihen der CSU. Der Bundesrat, in dem mehrere CDU-geführte Länder die Mehrheit haben, begleitete diesen Kurswechsel mit einer entsprechenden Entschließung, die ambitioniertere CO₂-Reduktionsziele vorläufig suspendierte. Für die Grünen ist das Wasser auf ihre Mühlen: Sie können die Koalition in einem zentralen Thema angreifen, ohne selbst Verantwortung zu tragen.
Gleichwohl birgt die Oppositionsstrategie ein Risiko: Wer dauerhaft nur dagegen ist, verliert an konstruktivem Profil. Die Parteistrategen wissen das — und suchen nach Wegen, Gestaltungsanspruch zu signalisieren, ohne in die Koalition zurückzukehren.
Fraktionspositionen: CDU/CSU setzt auf wirtschaftspolitische Entlastungen für den Mittelstand und eine restriktivere Migrationspolitik; die Fraktion trägt die Koalitionspolitik geschlossen mit, interne Kritiker halten sich bedeckt. SPD verteidigt die Koalitionsbeteiligung mit Verweis auf erkämpfte Sozialleistungen, verliert aber an Markenkern und kämpft gegen das Bild einer Partei ohne eigene Stimme. Grüne positionieren sich als konstruktive Opposition mit Schwerpunkt auf Klimaschutz, sozialer Gerechtigkeit und Europapolitik; die Fraktion ist geschlossener als in Regierungszeiten. AfD nutzt die Oppositionsrolle zur scharfen Profilierung gegen Koalitionspolitik in allen Bereichen von Migration bis Haushalt; die Fraktion versucht, parlamentarische Seriosität mit außerparlamentarischer Mobilisierung zu verbinden.
Haushalt, Wirtschaft, Migration: Die Themenagenda bestimmt die Umfragen
Der politische Mai ist geprägt von drei dominierenden Sachthemen, die die Umfragewerte aller Parteien direkt beeinflussen.
Erstens der Bundeshaushalt: Die Koalition hat nach monatelangem Ringen einen Haushalt verabschiedet, der die Schuldenbremse formal einhält, aber durch Umwidmungen und Sondervermögen erheblich kritisiert wird. Wie schon die Sonntagsfrage März 2026: Haushaltskrise trifft CDU in Umfragen belegte, kostete das Ringen um den Haushalt die Union kurzfristig Prozentpunkte. Im Mai hat sich das etwas beruhigt — aber Vertrauen in die Finanzpolitik der Regierung ist knapp.
Zweitens die Wirtschaftslage: Deutschland wächst im laufenden Jahr schwächer als erhofft. Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute wurden zuletzt mehrfach nach unten korrigiert. Das drückt auf die Stimmung und schadet vor allem den Regierungsparteien. Die SPD leidet stärker darunter als die Union, weil Wählerinnen und Wähler von einer sozialdemokratisch mitgetragenen Koalition wirtschaftspolitische Impulse für Beschäftigung und soziale Sicherheit erwarten — die bisher ausgeblieben sind.
Drittens Migration: Das Thema bleibt der politische Dauerbrenner. Die Koalition hat das Asyl- und Migrationsrecht verschärft, der Bundesrat hat entsprechende Gesetze passieren lassen. Ob das die AfD langfristig schwächt, ist fraglich — denn die Forschung zeigt, dass Rechtsparteien von einem Kurswechsel der Mitte eher profitieren als verlieren, weil das Thema insgesamt salonfähiger wird.
| Partei | Umfragewert Mai (Mittelwert) | Bundestagswahl-Ergebnis | Veränderung | Regierungsstatus |
|---|---|---|---|---|
| CDU/CSU | 29,5 % | 28,6 % | +0,9 % | Regierungspartei (Kanzlerpartei) |
| AfD | 19,0 % | 20,8 % | −1,8 % | Opposition |
| SPD | 14,5 % | 16,4 % | −1,9 % | Regierungspartei (Juniorpartner) |
| Grüne | 12,0 % | 11,6 % | +0,4 % | Opposition |
| FDP | 5,5 % | 4,3 % | +1,2 % | Opposition |
| BSW | 4,0 % | 4,9 % | −0,9 % | Opposition (unter 5 %-Schwelle) |
| Linke | 3,0 % | 3,1 % | −0,1 % | Opposition (unter 5 %-Schwelle) |
| Sonstige | 12,5 % | 10,3 % | +2,2 % | — |
Ein historischer Vergleich: Was Sonntagsfragen nach einem Koalitionsjahr bedeuten
Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mahnen zu Vorsicht bei der Interpretation von Umfragen nach einem Jahr Regierungsarbeit. Erfahrungsgemäß ist das erste Jahr das härteste: Die Enttäuschungen der Koalitionsverhandlungen sind frisch, die Ergebnisse der Regierungsarbeit noch nicht sichtbar, und der Oppositionseffekt bei den nicht beteiligten Parteien ist am stärksten ausgeprägt.
Die CDU hat ähnliche Konstellationen bereits erlebt. Nach dem Beginn der ersten großen Koalition unter Angela Merkel verlor die Union ebenfalls zunächst in Umfragen, bevor sie sich stabilisierte. Das strukturelle Muster wiederholt sich — auch wenn die politischen Rahmenbedingungen unterschiedlich sind. Damals wie heute leidet der Juniorpartner stärker: Die SPD bezahlt den Koalitionspreis, wie schon ein Rückblick auf die Hessen-Wahl: CDU gewinnt deutlich, Ampel-Parteien verlieren exemplarisch zeigte — auch auf Landesebene sind Juniorpartner in Großkoalitionen strukturell benachteiligt.
Für die Sonntagsfrage Dezember 2025: CDU stark, AfD stabil, SPD verliert galt bereits: Die Dynamik ist nicht neu, aber sie hat sich beschleunigt. Was früher Jahre dauerte, vollzieht sich in der digitalisierten Öffentlichkeit in Wochen.






















