Wirtschaft

Deutschlands Wirtschaft wächst wieder

Nach Jahren der Stagnation zeigen die Frühjahrs-Zahlen erstmals wieder echtes Wachstum — doch die Risiken bleiben.

Von Julia Schneider 6 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026
Deutschlands Wirtschaft wächst wieder

Plus 0,4 Prozent im ersten Quartal: Deutschlands Wirtschaft wächst erstmals seit mehreren aufeinanderfolgenden Quartalen wieder — ein Signal, das die Debatte über das Ende der Stagnationsphase neu entfacht, aber bei weitem keine Entwarnung bedeutet.

Das Statistische Bundesamt hat die Frühjahrs-Zahlen veröffentlicht, und die Reaktionen aus Wirtschaft und Politik sind so gespalten wie selten. Auf der einen Seite feiern Industrieverbände das Plus als Bestätigung für die Resilienz des deutschen Exportmodells. Auf der anderen Seite warnen führende Wirtschaftsforschungsinstitute vor voreiligem Optimismus: Die strukturellen Probleme — hohe Energiekosten, Fachkräftemangel, schleppende Digitalisierung — sind durch ein einziges Wachstumsquartal nicht gelöst. Mehr dazu, wie die aktuellen Konjunkturdaten einzuordnen sind, lesen Sie im Hintergrundartikel zu Deutsche Wirtschaft wächst erstmals wieder: Plus 0,4 Prozent.

Konjunkturindikator: Das ifo Geschäftsklimaindex stieg im April auf 86,9 Punkte — der zweite Anstieg in Folge und ein Zeichen vorsichtiger Stabilisierung. Experten des ifo Instituts betonen jedoch, dass ein nachhaltiger Aufschwung erst ab einem Wert von 90 Punkten als gesichert gilt. Der aktuelle Wert liegt damit noch deutlich unterhalb der historischen Wachstumsschwelle. (Quelle: ifo Institut)

Was die Zahlen wirklich bedeuten

Ein Wachstum von 0,4 Prozent klingt bescheiden — und das ist es auch. Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland weiterhin hinterher: Frankreich und Spanien verzeichneten im gleichen Zeitraum ein Wachstum von 0,7 beziehungsweise 0,6 Prozent (Quelle: Statista). Dennoch markiert das Plus einen psychologisch bedeutsamen Wendepunkt. Zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem oder stagnierendem Wachstum hatten Deutschland in die technische Rezession geführt — jetzt ist dieser Trend zumindest vorläufig gebrochen.

Die Bundesbank hatte in ihrem jüngsten Monatsbericht noch vor übertriebenen Erwartungen gewarnt. Die monetären Bedingungen bleiben trotz sinkender Leitzinsen der Europäischen Zentralbank restriktiv, die Kreditvergabe an Unternehmen stockt, und die globale Nachfrage nach deutschen Industriegütern erholt sich langsamer als erhofft. Besonders die Automobilbranche, traditionell das Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft, kämpft mit dem Übergang zur Elektromobilität und zunehmendem Wettbewerbsdruck aus China (Quelle: Bundesbank).

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) betont in seiner aktuellen Konjunkturprognose, dass die Binnennachfrage zwar leicht angezogen hat — angetrieben durch steigende Reallöhne und einen stabilen Arbeitsmarkt —, aber strukturelle Investitionsschwäche im öffentlichen Sektor nach wie vor ein erhebliches Hemmnis darstellt. Öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung und digitale Netze sind seit Jahren chronisch unterfinanziert (Quelle: DIW).

Gewinner und Verlierer der Konjunkturerholung

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Nicht alle Branchen und Regionen profitieren gleichermaßen vom vorsichtigen Wachstumsimpuls. Die Verteilung der Erholungsgewinne ist heterogen — und das ist politisch brisant.

Sektoren, die profitieren

Besonders deutlich spüren den Aufschwung der Dienstleistungssektor sowie die Chemie- und Pharmaindustrie. Der Dienstleistungsbereich — von Unternehmensberatung über IT bis hin zu Gesundheitsdienstleistungen — verzeichnet stabile Umsatzzuwächse und profitiert von der robusten Inlandsnachfrage. Gerade in Ballungsräumen wie Köln und Stuttgart zeigen sich die positiven Effekte der Digitalisierung und der wachsenden Nachfrage nach qualifizierten Dienstleistungen besonders deutlich. Wie sich das konkret auf den regionalen Mittelstand auswirkt, zeigt der Bericht über Kölner Wirtschaft wächst: Neue Impulse durch Digitalisierung.

Auch der Maschinenbau meldet nach einem schwachen Vorjahr wieder steigende Auftragseingänge — getrieben insbesondere durch Nachfrage aus Asien und dem Nahen Osten. Die Pharmaindustrie, ohnehin strukturell resilient, verzeichnet dank anhaltend hoher globaler Gesundheitsausgaben stabile Wachstumsraten. Dass selbst Unternehmen dieser Branche derzeit unter Druck stehen, zeigt der Blick auf aktuelle Unternehmensentscheidungen im Wirtschafts-Ticker: BioNTech baut Stellen ab, US-Defizit wächst.

Sektoren unter Druck

Anders sieht es im verarbeitenden Gewerbe, insbesondere in der Automobilindustrie und im Bausektor aus. Die Baubranche leidet nach wie vor unter hohen Zinsen, gestiegenen Material- und Lohnkosten sowie einem massiven Auftragsrückgang im Wohnungsbau. Insolvenzen im Bauhandwerk sind auf einem Mehrjahreshoch, zahlreiche mittelständische Betriebe kämpfen ums Überleben.

Die Automobilindustrie steht vor einem strukturellen Umbau, der Hunderttausende Arbeitsplätze betrifft. Zulieferer sind in besonderer Weise gefährdet, da sie oft einseitig von wenigen großen Abnehmern abhängig sind und den Technologiewandel aus eigener Kraft kaum stemmen können. Auch Stuttgart, traditionell stark durch die Automobilwirtschaft geprägt, navigiert in diesem schwierigen Umfeld — wie der Bericht über Stuttgarts Wirtschaft wächst trotz Herausforderungen zeigt.

Sektor Wachstum Q1 (ggü. Vorquartal) Beschäftigte (in Mio.) Trend Risikobewertung
Dienstleistungen +0,7 % ca. 18,2 Steigend Niedrig
Maschinenbau +0,5 % ca. 1,0 Stabil Mittel
Pharmaindustrie +0,6 % ca. 0,7 Steigend Niedrig
Automobilindustrie –0,3 % ca. 2,6 Fallend Hoch
Baugewerbe –0,8 % ca. 0,9 Stark fallend Sehr hoch
Handel +0,2 % ca. 3,1 Seitwärts Mittel

Quellen: Statistisches Bundesamt, ifo Institut, DIW. Alle Werte vorläufig und gerundet.

Die politische Dimension des Aufschwungs

Konjunkturdaten sind nie rein ökonomisch — sie sind immer auch politisch. Die neue Bundesregierung wird die Frühjahrs-Zahlen als Bestätigung ihres wirtschaftspolitischen Kurses interpretieren wollen. Tatsächlich aber haben die fiskalischen Impulse aus dem Haushalt, etwa im Bereich Infrastruktur und Verteidigung, noch kaum Zeit gehabt, in der Realwirtschaft anzukommen. Der statistische Aufschwung speist sich eher aus globalen Faktoren — nachlassende Lieferkettenprobleme, leicht anziehende Exportnachfrage aus den USA und Teilen Asiens — als aus innenpolitischen Maßnahmen.

Dennoch wird die wirtschaftspolitische Debatte in Berlin intensiver. Vor allem innerhalb der Unionsfraktion, deren Vorsitzender Jens Spahn zuletzt mit deutlicher Mehrheit wiedergewählt wurde — mehr dazu im Bericht Spahn mit 86 Prozent als CDU/CSU-Fraktionschef wiedergewählt — werden Forderungen nach einer Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik lauter. Dabei geht es konkret um Steuersenkungen für Unternehmen, den Abbau bürokratischer Hemmnisse und eine Reform des Energiemarkts. Ob diese Maßnahmen mehrheitsfähig sind, ist eine der zentralen wirtschaftspolitischen Fragen der kommenden Monate — wie auch der Hintergrundartikel zu Spahn als Unionsfraktionschef wiedergewählt beleuchtet.

Risiken, die den Aufschwung gefährden

Die Liste der Risikofaktoren ist lang und ernst zu nehmen. Erstens: die geopolitische Lage. Anhaltende Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, dazu schwelende Handelsspannungen zwischen den USA und China, können die globale Nachfrage jederzeit empfindlich dämpfen. Zweitens: die Energiekosten. Deutschland zahlt für Industriestrom noch immer ein Vielfaches gegenüber US-amerikanischen oder chinesischen Wettbewerbern — ein strukturelles Wettbewerbsproblem, das durch ein Quartal mit positivem Wachstum nicht verschwindet.

Drittens — und das ist vielleicht die unterschätzteste Gefahr — droht eine Abwanderung von Investitionen. Mehrere große Industrieunternehmen haben in den vergangenen Monaten angekündigt, neue Produktionskapazitäten nicht in Deutschland, sondern in den USA oder Südostasien aufzubauen. Wenn dieser Trend anhält, werden die heutigen Wachstumszahlen in einigen Jahren als kurzfristige Erholung ohne nachhaltige Substanz gelten.

Das ifo Institut mahnt in diesem Zusammenhang, dass eine echte wirtschaftliche Trendwende erst dann als gesichert gelten kann, wenn private Unternehmensinvestitionen in Deutschland wieder dauerhaft steigen — und das setzt Planungssicherheit, stabile Energiepreise und ein wettbewerbsfähiges Steuersystem voraus. Alle drei Bedingungen sind derzeit nicht erfüllt (Quelle: ifo Institut).

Was jetzt zählt

Für die kommenden Quartale wird entscheidend sein, ob die positive Entwicklung Bestand hat oder ob sie eine statistische Momentaufnahme bleibt. Die Bundesbank rechnet in ihrem Basisszenario mit einem Jahreswachstum von 0,3 bis 0,5 Prozent — das wäre real gesehen eine weitere Phase der Stagnation, auch wenn formell kein Rezessionskriterium erfüllt würde (Quelle: Bundesbank).

Der Arbeitsmarkt bleibt vorerst stabil, die Kaufkraft der privaten Haushalte steigt durch die höheren Tariflöhne leicht an — das stützt die Binnennachfrage und ist ein echter positiver Faktor. Gleichzeitig warnen Gewerkschaften und Sozialverbände davor, dass die gestiegenen Lebenshaltungskosten der vergangenen Jahre nicht vollständig kompensiert sind und breite Bevölkerungsschichten noch immer spürbar unter Kaufkraftverlust leiden.

Das DIW empfiehlt angesichts dieser gemischten Lage eine aktive staatliche Investitionspolitik — insbesondere in Schienen, digitale Infrastruktur und Bildung. Ohne solche Investitionen, so die Berliner Ökonomen, werde Deutschland langfristig an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen, egal wie die kurzfristigen Quartalszahlen ausfallen (Quelle: DIW). Das Plus von 0,4 Prozent ist somit ein erster, vorsichtig zu wertender Lichtblick — mehr aber auch nicht.

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Weiterführende Informationen: Statistisches Bundesamt

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Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.

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