Bis zu 225.000 Jobs weg: VDA-Studie zeigt das Ausmaß der Autokrise
Eine Prognos-Studie im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie prognostiziert massive Stellenverluste bis 2035 – vor allem in der Zuliefererbranche. Die Zahlen aus Deutschland, Europa, USA und China erzählen eine Geschichte des Wandels
Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat gemeinsam mit der Prognos AG eine Studie vorgelegt, die den Transformationsdruck auf die deutsche Autobranche in konkreten Zahlen greifbar macht: Bis 2035 könnten im Basisfall rund 190.000 Stellen in der Automobilindustrie wegfallen – im pessimistischen Szenario bis zu 225.000. Besonders betroffen: die Zuliefererbranche.
- ~190.000 bis 225.000 Stellen bis 2035 gefährdet (VDA/Prognos, Oktober 2024)
- 46.000 Jobs bereits zwischen 2019 und 2023 weggefallen
- Zulieferer überproportional betroffen – Mechatronik, Antriebstechnik, Motorenkomponenten
- Deutsche Hersteller in China: Marktanteil von ~25 % (2020) auf ~15 % (2024) eingebrochen
- VW, Bosch, ZF, Continental, Ford: Zusammen über 70.000 angekündigte Stellenstreichungen
Die Studie: Was Prognos und VDA gemessen haben
Die am 29. Oktober 2024 veröffentlichte Prognos-Studie im Auftrag des VDA analysiert, wie sich die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, zunehmende Konkurrenz aus China und sinkende Marktanteile auf die Beschäftigung in Deutschland auswirken. Das Ergebnis ist ernüchternd.
Im Basisszenario – bei graduellem Wandel und staatlicher Unterstützung – fallen bis 2035 etwa 190.000 Vollzeitstellen weg. Im pessimistischen Szenario (Trendfortschreibung der Entwicklung 2019–2023 ohne Gegenmaßnahmen) sind es bis zu 225.000. Zwischen 2019 und 2023 sind bereits rund 46.000 Stellen weggefallen – ohne großes öffentliches Aufsehen.
Der entscheidende Grund: Ein Elektroauto hat etwa 40 Prozent weniger Bauteile im Antriebsstrang als ein Verbrenner. Kein Getriebe, kein Motorblock, keine Einspritzanlage. Alles Kernbereiche der deutschen Zuliefererindustrie.
„Der Strukturwandel ist real und er ist tiefgreifend. Die Branche braucht jetzt konkrete Unterstützung bei Qualifizierung und Transformation – nicht in fünf Jahren." — Hildegard Müller, Präsidentin VDA, Oktober 2024
Wer schon abgebaut hat – oder ankündigte
Die Studie kommt nicht im Vakuum. Parallel zu ihrer Veröffentlichung rollte eine Welle von Stellenabbau-Meldungen durch die Branche:
| Unternehmen | Geplanter Stellenabbau | Zeitraum |
|---|---|---|
| Volkswagen | ~35.000 (Deutschland) | bis 2030 |
| Bosch | bis 15.000 (weltweit) | 2024–2026 |
| ZF Friedrichshafen | ~14.000 | bis 2028 |
| Continental | >7.000 | bis 2028 |
| Schaeffler | ~4.700 (Europa) | 2024–2026 |
| Ford Köln | ~2.900 | bis 2027 |
Allein diese sechs Unternehmen kündigen zusammen über 74.000 Stellen an. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs der bekannten Ankündigungen.
Wie sich der Automarkt weltweit verändert hat
Um den Wandel zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Verkaufszahlen der letzten fünf Jahre – in Deutschland, Europa, den USA und China. Die Märkte haben sich sehr unterschiedlich entwickelt.
PKW-Neuzulassungen: Deutschland
| Jahr | Einheiten | Veränderung |
|---|---|---|
| 2021 | 2,62 Mio. | −10,1 % (Chip-Krise) |
| 2022 | 2,65 Mio. | +1,1 % |
| 2023 | 2,84 Mio. | +7,3 % |
| 2024 | 2,80 Mio. | −1,0 % |
| 2025 | ~2,85 Mio. | +~1,4 % (geschätzt) |
Der deutsche Heimatmarkt ist vergleichsweise stabil – aber weit unter dem Vor-Corona-Niveau von rund 3,6 Millionen (2019). Die Lücke von fast 800.000 Fahrzeugen pro Jahr ist strukturell, nicht konjunkturell.
EU-Gesamtmarkt
| Jahr | EU-Neuzulassungen | Veränderung |
|---|---|---|
| 2021 | 9,68 Mio. | Erholung nach COVID |
| 2022 | 9,26 Mio. | −4,6 % |
| 2023 | 10,50 Mio. | +13,4 % |
| 2024 | 10,63 Mio. | +1,2 % |
| 2025 | ~10,82 Mio. | +~1,8 % (geschätzt) |
USA: Light Vehicles (PKW + SUV + Pickups)
| Jahr | Absatz USA | Veränderung |
|---|---|---|
| 2021 | 14,9 Mio. | Erholung, Chip-Engpässe |
| 2022 | 13,9 Mio. | −6,7 % |
| 2023 | 15,6 Mio. | +12,2 % |
| 2024 | 16,0 Mio. | +2,6 % |
| 2025 | ~15,6 Mio. | −~2,5 % (Zoll-Effekte) |
China: Der Wachstumsmarkt – aber nicht mehr für Deutsche
| Jahr | Absatz China (PKW) | Veränderung |
|---|---|---|
| 2021 | 21,4 Mio. | +4,4 % |
| 2022 | 23,0 Mio. | +7,5 % |
| 2023 | 26,1 Mio. | +13,5 % |
| 2024 | 28,0 Mio. | +7,3 % |
| 2025 | ~29,3 Mio. | +~4,6 % (CAAM-Prognose) |
China ist der einzige Markt, der wirklich wächst. Aber: Der Kuchen wird größer – und die deutschen Bäcker bekommen immer weniger davon ab.
Das China-Problem: Vom Platzhirsch zum Randakteur
Kein Befund der Krise trifft die deutschen Hersteller so tief wie der Marktanteilsverlust in China. Binnen vier Jahren haben die deutschen Marken gemeinsam rund 10 Prozentpunkte Marktanteil verloren:
- 2020: Alle deutschen Hersteller zusammen ~24–25 % Marktanteil in China
- 2024: Noch ~15 %
Im Detail:
- VW-Konzern: Von 19,3 % (2020) auf ~14–15 % (2024) – verlor 2022 die Marktführerschaft an BYD
- BMW: Von 4,6 % auf 3,5 % – Q3 2024: −30 % Absatz
- Mercedes: Von 4,1 % auf 3,4 % – Q3 2025: −27 % zum Vorjahr
Der Grund ist so einfach wie brutal: Chinesische Hersteller wie BYD, Li Auto und Huawei-backed AITO bauen Elektroautos, die technisch mithalten, dabei aber 30–50 Prozent günstiger sind als vergleichbare deutsche Modelle. Der frühere Prestigevorteil westlicher Marken erodiert schnell.
Was jetzt passieren muss
Die VDA-Studie ist kein Plädoyer für Resignation, sondern ein Aufruf zur Transformation. Die Autoren empfehlen konkret:
- Qualifizierungsoffensive: Umschulung von Antriebsstrang-Spezialisten zu Batterie-/Software-Fachkräften – finanziert durch Kurzarbeitergeld-ähnliche Modelle
- Standortentscheidungen für neue Batteriezellfabriken und Elektromotoren-Fertigung in Deutschland und Europa beschleunigen
- Bürokratieabbau: Genehmigungsverfahren für neue Fabriken von derzeit 5–7 Jahren auf unter 2 Jahre reduzieren
- Forschungsförderung für Festkörperbatterien, Software-defined Vehicles und KI-gesteuerte Fertigung
Fazit: Der Wandel ist nicht aufzuhalten – aber gestaltbar
225.000 wegfallende Jobs bis 2035 klingt nach Apokalypse. Tatsächlich ist es ein Zeitraum von fast einem Jahrzehnt – genug, um mit der richtigen Politik einen Großteil der Betroffenen in neue Berufsfelder zu überführen. Ob das gelingt, hängt nicht von der Technologie ab, sondern von politischem Willen und unternehmerischer Investitionsbereitschaft.
Die Zahlen aus China zeigen: Die Alternative zu Transformation ist nicht Stabilität – sondern Bedeutungslosigkeit.
Quellen: VDA: Prognos-Studie Beschäftigungsperspektiven (29.10.2024) | KBA: Jahresbilanz 2024 | ACEA: EU-Neuzulassungen | FRED: US Light Vehicle Sales | Bloomberg: BMW China −30 %
Weiterführende Informationen: Statistisches Bundesamt














