Cem Özdemir zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt
Stuttgart, 13. Mai 2026 – Mit einer historischen Mehrheit im ersten Wahlgang hat der Stuttgarter Landtag Cem Özdemir zum neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt – und damit ein Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgeschlagen, das lange undenkbar schien.
Ein Moment, der größer ist als die Tagespolitik
Der Saal im Stuttgarter Landtag war ungewöhnlich still, als der Landtagspräsident das Ergebnis verkündete. Cem Özdemir, 58 Jahre alt, geboren in Bad Urach im Herzen der Schwäbischen Alb, erhielt im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit der Stimmen. Der Grünen-Politiker tritt damit die Nachfolge von Winfried Kretschmann an, der das wirtschaftsstärkste Bundesland im Süden Deutschlands seit 2011 – und damit länger als jeder andere Grünen-Regierungschef in der Geschichte der Bundesrepublik – geprägt hat. Özdemir ist der erste Politiker mit türkischen Wurzeln, der das Amt des Ministerpräsidenten eines deutschen Bundeslandes übernimmt. Was in anderen Demokratien selbstverständlich klingt, ist in Deutschland eine Zäsur.
Der neue Regierungschef steht für ein Baden-Württemberg, das von seiner eigenen Biografie erzählt: Sohn eines türkischen Einwanderers, aufgewachsen in einer Kleinstadt auf der Alb, seit 1994 im Bundestag, zuletzt Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft in der Ampel-Koalition. Und nun Chef einer Landesregierung, die über den Standorten von Mercedes-Benz, Porsche und Bosch wacht – über eine Volkswirtschaft, deren Bruttoinlandsprodukt größer ist als das der Hälfte aller EU-Mitgliedsstaaten.
Die Abstimmung: Solides Ergebnis für Grün-Schwarz
Die Koalition aus Grünen und CDU trägt Özdemir mit einer stabilen Mehrheit. Die AfD stimmte geschlossen gegen den Kandidaten, die Ablehnung war erwartbar und folgte dem Muster, das die Partei bundesweit bei der Wahl von Regierungschefs mit Migrationsgeschichte pflegt. Özdemir ließ sich davon sichtlich unbeeindruckt zeigen. In seiner Antrittsrede, die er auf Schwäbisch einleitete – „Des isch mei Heimat" – sprach er von Verantwortung, Wirtschaftsmodernisierung und einem Zusammenhalt, der nicht trotz, sondern wegen der Vielfalt des Landes möglich sei.
| Fraktion | Sitze im Landtag | Abstimmungsverhalten | Koalitionsstatus |
|---|---|---|---|
| Grüne | 48 | Ja | Regierungspartei |
| CDU | 42 | Ja | Regierungspartei |
| SPD | 19 | Enthaltung | Opposition |
| AfD | 17 | Nein | Opposition |
| FDP | 9 | Enthaltung | Opposition |
Fraktionspositionen im Stuttgarter Landtag: Grüne: Geschlossen für Özdemir, Fraktionschefin bezeichnete die Wahl als „logische Konsequenz aus einem langen Prozess der Erneuerung". CDU: Mehrheitlich für den Koalitionspartner, einzelne Stimmen aus dem konservativen Flügel galten im Vorfeld als unsicher, hielten jedoch stand. SPD: Enthaltung aus taktischem Kalkül – Özdemirs Agrarpolitik aus Ampel-Zeiten sitze der Fraktion noch quer, hieß es intern. AfD: Geschlossenes Nein, Fraktionschef sprach von einer „Entscheidung gegen das Land". FDP: Enthaltung mit wohlwollender Begründung – Özdemirs wirtschaftsliberale Signale seien „nicht uninteressant", eine inhaltliche Zusammenarbeit bleibe aber abzuwarten.
Kretschmanns Erbe: Groß und schwer
Winfried Kretschmann hinterlässt ein Amt, das er wie kaum ein zweiter Ministerpräsident in der jüngeren deutschen Geschichte geprägt hat. Seit 2011 regierte er Baden-Württemberg, zunächst mit der SPD, dann in zwei Legislaturperioden mit der CDU. Er machte die Grünen in einem konservativ geprägten Bundesland nicht nur regierungsfähig, sondern zur stärksten Partei – eine Leistung, die im politischen Berlin lange Zeit ungläubig beäugt wurde. Kretschmann saß heute im Plenum, applaudierte seinem Nachfolger mit ruhiger Geste und verließ den Saal ohne große Inszenierung. Es war, wie er selbst es wohl nennen würde, ein geordneter Übergang.
Für Özdemir ist das Erbe Fluch und Segen zugleich. Kretschmann genoss parteiübergreifend Respekt, sein Pragmatismus wurde auch von CDU-Wählerinnen und -Wählern geschätzt. Der neue Ministerpräsident muss beweisen, dass er diesen Vertrauensvorschuss nicht verspielt – in einem Bundesland, dessen Industrie unter dem globalen Strukturwandel in der Automobilbranche stöhnt, dessen Mittelstand unter Energiekosten leidet und dessen Gesellschaft die Fragen von Migration und Integration täglich neu verhandelt.
Wirtschaftsmacht unter Druck: Özdemirs größte Baustelle
Baden-Württemberg ist kein gewöhnliches Bundesland. Es ist der Maschinenraum der deutschen Exportwirtschaft. Mercedes-Benz und Porsche haben hier ihre Stammsitze, Bosch beschäftigt allein in Baden-Württemberg mehr als hunderttausend Menschen. Doch die Transformation der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität, der Druck durch asiatische Konkurrenz und die stockende Digitalisierung des Mittelstands haben tiefe Risse in das Fundament des Wohlstands gegraben. Özdemir hat im Wahlkampf ein industriepolitisches Programm vorgestellt, das auf staatliche Investitionen in Wasserstofftechnologie, beschleunigten Bürokratieabbau und eine engere Verzahnung von Hochschulen und Unternehmen setzt.
Ob das reicht, wird sich schnell zeigen. Die CDU als Koalitionspartner beobachtet die wirtschaftspolitische Linie des neuen Regierungschefs mit Argusaugen. Ähnliche Spannungen zwischen Reformeifer und Standortsicherung prägen derzeit auch die Bundespolitik: Wie der Koalitionsausschuss im Kanzleramt: Union und SPD ringen um Entlastungen und Zusammenhalt zeigt, ist die Frage nach wirtschaftlicher Entlastung keine regionale, sondern eine gesamtdeutsche Debatte.
Ein Politiker, der schon oft angeeckt ist
Özdemir ist kein bequemer Politiker. Wer seine Karriere verfolgt hat, weiß das. Als er in den 1990er Jahren in den Bundestag einzog, war er einer der wenigen Abgeordneten mit Migrationsgeschichte überhaupt. Er hat Parteikrisen überlebt, war in Spesenskandale verwickelt, arbeitete sich daraus wieder heraus, wurde Bundesvorsitzender der Grünen, dann Fraktionsvize, schließlich Minister. In der Ampel-Koalition trieb er das Thema Lebensmittelkennzeichnung und nachhaltige Landwirtschaft voran – und erntete dafür sowohl Lob als auch den harten Gegenwind der Agrarlobby.
Seine Haltung zu Erdoğans Türkei hat ihm in Deutschland Respekt eingebracht, in Ankara hingegen dafür gesorgt, dass ihm für Jahre die türkische Staatsangehörigkeit verweigert wurde. Özdemir trägt Widersprüche mit einer Gelassenheit, die politisch gereift wirkt. Dass er nun ausgerechnet in seinem Heimatbundesland das höchste Amt innehat, schließt einen Kreis, der biografisch fast literarisch anmutet.
Bereits in der Vorberichterstattung auf zennews24.de wurde die Spannung um seine Kandidatur deutlich: Trump in Peking, Özdemir vor Wahl, neue Koalition: Der politische Mittwoch fasste die Gemengelage treffend zusammen – ein Wahltag, der in einem außenpolitisch turbulenten globalen Umfeld stattfand.
Die Koalition: Grün-Schwarz vor neuem Stresstest
Das Bündnis aus Grünen und CDU ist in Baden-Württemberg keine Neuheit, aber auch keine Selbstverständlichkeit. Kretschmann hielt es durch Autorität und persönliches Vertrauen zusammen. Özdemir muss dieses Vertrauen erst aufbauen. Die Koalitionsvereinbarung enthält heikle Punkte: die Frage des Tempolimits auf Landesstraßen, die Nutzung von Windkraftflächen im Schwarzwald, die Schulpolitik. An diesen Themen könnten sich die unterschiedlichen Kulturen beider Parteien reiben.
Zugleich steht die neue Regierung nicht im luftleeren Raum. Die Bundespolitik setzt Rahmenbedingungen, die Stuttgart direkt betreffen. Debatten wie jene um die Koalition einigt sich auf Reformfahrplan – CO₂-Preis bleibt unangetastet haben unmittelbaren Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie. Auch der anhaltende Koalitionsstreit um Steuerreform: Union und SPD vor hartem Verhandlungspoker wird bestimmen, welchen Spielraum Özdemir in der Landespolitik tatsächlich hat.
Chronologie: Der Weg ins Stuttgarter Staatsministerium
Was dieser Tag bedeutet – jenseits des Protokolls
Es wäre falsch, den heutigen Tag allein als symbolischen Akt zu lesen. Özdemir selbst würde das vermutlich zurückweisen. Er ist Pragmatiker genug, um zu wissen, dass seine Amtsführung an Ergebnissen gemessen wird, nicht an Herkunft. Und doch: Dass ein Sohn türkischer Gastarbeiter aus einer schwäbischen Kleinstadt heute das reichste und wirtschaftlich mächtigste Bundesland der Republik führt, sagt etwas über den Zustand und das Potenzial dieser Demokratie aus.
Deutschland diskutiert seit Jahrzehnten über Integration, über Zugehörigkeit, über die Frage, wer zu diesem Land gehört. Viele dieser Debatten enden in Erschöpfung oder Eskalation. Dass am 13. Mai 2026 in Stuttgart ein anderes Signal gesetzt wurde, ist keine Antwort auf alle Fragen. Aber es ist ein Datum, das im kollektiven Gedächtnis bleiben wird.
Die Herausforderungen, die Özdemir erwarten, sind real und drängen. Die großen Koalitionsdebatten auf Bundesebene – zuletzt sichtbar beim Koalitionsgipfel im Kanzleramt: Drei Baustellen, eine Regierung – werden auch nach Stuttgart ausstrahlen. Und die Erfahrung, dass politische Versprechen schnell unter Druck geraten, wie zuletzt beim Thema Gescheitertes Versprechen: Die Koalition sucht nach dem Neustart deutlich wurde, mahnt zur Nüchternheit.
Cem Özdemir hat sein Amt angenommen. Baden-Württemberg schaut zu. Deutschland schaut zu. Und Bad Urach, die kleine Stadt auf der Alb, aus der er kommt, dürfte heute Abend etwas stiller sein als sonst – mit einem stillen Stolz, der keine Fahnen braucht.
Weiterführende Informationen: Bundestag.de















