Baden-Württemberg: „Du führst jetzt das stärkste und schönste Land“
Cem Özdemir scheitert im ersten Wahlgang: 19 Stimmen fehlen zum Ministerpräsidenten – die Koalition aus Grünen und CDU steht vor dem Scherbenhaufen.
Der Schrecken sitzt tief im Landtag von Baden-Württemberg. Was als historischer Aufbruch hätte werden sollen, endet vorerst im politischen Stillstand: Die Wahl von Cem Özdemir zum neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg ist im ersten Wahlgang gescheitert. Dem erfahrenen Grünen-Politiker fehlten am Ende 19 entscheidende Stimmen für die notwendige absolute Mehrheit. Ein Ergebnis, das grundlegende Fragen aufwirft – über die Geschlossenheit der geplanten Koalition zwischen Grünen und CDU und über die Stabilität der künftigen Landesregierung im Südwesten.
Die Verhandlungen zwischen beiden Parteien hatten bereits Risse gezeigt. Zwar hatten Grüne und CDU signalisiert, eine gemeinsame Regierung bilden zu wollen, doch unerwartete Abweichungen bei der Abstimmung im Plenum – Abwesenheiten und offenbar gezielte Enthaltungen aus den eigenen Reihen – führten zum Scheitern des ersten Wahlgangs. Das Plenum war in Erwartung einer raschen Entscheidung zusammengekommen. Diese Erwartung zerschlug sich innerhalb weniger Stunden.
- Cem Özdemir scheitert im ersten Wahlgang zur Wahl als Ministerpräsident von Baden-Württemberg mit 85 statt 104 nötigen Stimmen.
- Die geplante Koalition zwischen Grünen und CDU zeigt Risse durch Abwesenheiten und Enthaltungen aus den eigenen Reihen.
- Die Abstimmungsniederlage löst eine unmittelbare Koalitionskrise aus und wirft Fragen zur Stabilität der künftigen Landesregierung auf.
Die dramatischen Stunden im Landtag
Der Tag begann mit verhaltenem Optimismus. Özdemir, langjähriger Bundestagsabgeordneter und prominentes Gesicht der Grünen auf Bundesebene, galt als Kompromisskandidat zwischen beiden Lagern. Die CDU-Fraktion unter ihrem Vorsitzenden Robert Gück hatte signalisiert, einen grünen Ministerpräsidenten akzeptieren zu können – eine Konstellation, die viele Beobachter überraschte, die aber als tragfähiger Kompromiss galt. Doch bereits kurz nach Beginn der geheimen Abstimmung deutete sich an, dass etwas nicht stimmte. Die Stimmauszählung verzögerte sich, sichtbare Unruhe erfasste das Plenum.
Als das Ergebnis verkündet wurde, herrschte Ungläubigkeit im Saal: 85 Stimmen für Özdemir, während für die Wahl im ersten Wahlgang 104 Stimmen notwendig gewesen wären. Damit fehlten ihm genau 19 Stimmen. Eine Niederlage dieser Dimension hatte kaum jemand erwartet. Die geplante Regierungserklärung fand nicht statt. Özdemir verließ das Plenum mit unbewegtem Gesicht. Die Fraktionsvorsitzenden zogen sich zu Krisengesprächen zurück.
Fraktionspositionen nach dem gescheiterten Wahlgang
Grüne: Halten an Özdemir als Kandidaten fest. Fordern rasche Klärung innerhalb der CDU-Fraktion. Schließen einen zweiten Wahlgang noch in derselben Woche nicht aus.
CDU: Fraktionsvorsitzender Robert Gück räumt ein, dass „einzelne Kollegen aus Gewissensgründen nicht zustimmen konnten." Kündigt interne Aussprache an. Position zu Özdemir als Kandidat offiziell unverändert.
SPD (Opposition): Fordert sofortige Neuwahl des Landtags. Sieht das Scheitern als Beleg für mangelndes Vertrauen in die geplante Koalition.
AfD (Opposition): Nutzt das Ergebnis für scharfe Kritik an beiden Koalitionspartnern. Lehnt Özdemir als Kandidaten grundsätzlich ab.
FDP/DVP (Opposition): Ruft zur Besonnenheit auf. Signalisiert gesprächsbereit zu sein, sollte eine Neukonstellation erforderlich werden.
CDU-Abgeordnete unter Druck – Koalition am Scheideweg
Schnell richteten sich die Blicke auf die CDU-Fraktion. Zwar hatte die Parteiführung die Wahl Özdemirs unterstützt – doch offenbar nicht alle Abgeordneten folgten dieser Linie. Von mehreren Seiten wurden Berichte laut, dass konservative CDU-Vertreter gegen die Absprache der Fraktionsleitung abgestimmt oder sich der Stimme enthalten haben könnten. Besonders Abgeordnete aus ländlichen Wahlkreisen sollen intern Vorbehalte geäußert haben.
Ein Sprecher der CDU-Fraktion wies Vorwürfe gezielter interner Sabotage zunächst zurück, räumte jedoch ein, dass „einzelne Kollegen aus Gewissensgründen nicht hätten zustimmen können." Diese knappe Erklärung sorgte für weitere Irritation. Wenn die eigene Fraktion eine gemeinsam vereinbarte Kandidatur nicht geschlossen tragen kann, stellt sich die Frage nach der Belastbarkeit der gesamten Koalitionsarchitektur.
Auch in der Grünen-Fraktion wurde die Situation nüchtern analysiert. Hatte man Özdemir als Kandidaten durchgesetzt, obwohl ein Teil der eigenen Abgeordneten andere Präferenzen hatte, steht die Partei nun vor der Frage, ob sie an ihm festhalten oder den Weg für einen neuen Anlauf freimachen soll. Die kommenden Tage werden zeigen, ob Grüne und CDU den politischen Willen aufbringen, die Koalitionskrise zu überwinden – oder ob Baden-Württemberg auf eine erneute Wahl zusteuert, die niemandem nützt, aber allen schadet.
Weiterführende Informationen: Bundestag.de




















