Politik

"So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben" — Forsa-Chef Matuschek im Interview

Von Markus Bauer 3 Min. Lesezeit
"So ein Umfrage-Desaster hat es noch nie gegeben" — Forsa-Chef Matuschek im Interview

Es ist selten, dass ein Meinungsforscher derart deutliche Worte findet. Dr. Peter Matuschek, politischer Forschungsleiter bei Forsa — einem der renommiertesten deutschen Meinungsforschungsinstitute — spricht im Gespräch mit BILD-Journalist Paul Ronzheimer von einem Umfrage-Desaster, das es in dieser Form noch nie gegeben hat. Gemeint ist der Absturz der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD, die seit Kanzler Friedrich Merz' Amtsantritt im Mai 2025 in den Umfragen dramatisch verliert — während die AfD auf ein historisches Hoch klettert.

Was die Zahlen sagen

Die aktuellen Umfragen (INSA, 9. Mai 2026) sprechen eine klare Sprache. Die AfD steht bei 26,9 Prozent — ein Plus von 6,1 Punkten gegenüber dem Bundestagswahlergebnis vom 23. Februar 2025 (20,8 %). Die CDU/CSU ist von 28,5 auf 24,0 Prozent gefallen. Am härtesten trifft es die SPD: von 20,5 auf 12,7 Prozent — ein Verlust von fast acht Prozentpunkten. Zum Vergleich: Die Koalition aus CDU/CSU und SPD kommt zusammen nur noch auf 36,7 Prozent und hätte damit keine Parlamentsmehrheit mehr.

▶ Auf einen Blick
  • AfD bei 26,9 % — erstmals stärkste Partei in der Sonntagsfrage (INSA, 09.05.2026)
  • CDU/CSU fiel von 28,5 % (BTW 2025) auf 24,0 % — SPD stürzt von 20,5 auf 12,7 % ab
  • Forsa-Chef Matuschek: AfD profitiert nicht durch eigene Stärke, sondern durch Schwäche der Regierungsparteien
  • Matuschek sieht einen klaren Vertrauensverlust durch gebrochene Wahlversprechen und fehlende Führungsstärke

Die drei Kernthesen des Forsa-Chefs

Matuschek formuliert im Ronzheimer-Interview drei Hauptthesen, die er aus den aktuellen Forschungsdaten ableitet:

  • These 1 — Union verliert die Mitte: Die CDU/CSU verliert nicht nur Rand-Wähler, sondern Stamm-Wähler aus der politischen Mitte. Diese Gruppe hatte 2025 gezielt Merz gewählt — und fühlt sich nun durch ausbleibende Wirtschaftserfolge und einen verwässerten Migrationskurs enttäuscht.
  • These 2 — AfD ist Protestventil, nicht Volkspartei: Die AfD wächst laut Matuschek nicht, weil sie inhaltlich überzeugt, sondern weil sie als Ventil für Regierungsunzufriedenheit dient. Viele neue AfD-Wähler kommen direkt aus dem früheren Unionslager.
  • These 3 — Vertrauen kaum zurückzugewinnen ohne Richtungswechsel: Ein bloßes Weiter-so reicht nicht. Merz bräuchte sichtbare wirtschaftliche Ergebnisse und klare Führungssignale — beides ist in einer Großen Koalition strukturell schwer zu liefern.
Bundeskanzler Friedrich Merz auf einer Pressekonferenz — die Umfragewerte der Union sind seit Amtsantritt dramatisch gefallen. Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek

Das vollständige Interview ansehen

Paul Ronzheimer veröffentlicht regelmäßig Interviews mit führenden politischen Köpfen auf seinem YouTube-Kanal. Das vollständige Gespräch mit Forsa-Chef Dr. Peter Matuschek ist dort kostenfrei abrufbar:

BILD-Journalist Paul Ronzheimer im Gespräch mit Dr. Peter Matuschek (Forsa) — Alle Folgen auf YouTube · ronzheimer.tv

Hintergründe und Einordnung

Die Umfrage-Werte sind nicht nur ein politisches Problem für Merz — sie sind ein strukturelles Warnsignal. In früheren Jahrzehnten bedeutete Regierungsunzufriedenheit, dass Wähler zu anderen demokratischen Parteien wechselten oder ins Lager der Nichtwähler abwanderten. Heute steht mit der AfD eine Partei bereit, die diese Unzufriedenheit dauerhaft kanalisiert. Das macht eine Erholung der Regierungsparteien deutlich schwieriger als in früheren Legislaturperioden.

Für eine tiefere Analyse der Hintergründe empfehlen wir die Recherche unserer Schwester-Redaktion auf bundestagwahlumfrage.de, die das Interview ausführlich auswertet:

Dreiteiler auf bundestagwahlumfrage.de

Ausblick: Was bedeutet das für 2029?

Die Bundestagswahl 2029 ist noch weit entfernt. Aber Meinungsforscher wie Matuschek weisen darauf hin, dass Vertrauensverluste in dieser Größenordnung selten spontan aufgeholt werden. Wenn Union und SPD den Trend nicht bis spätestens 2027/2028 drehen, könnten sie als Koalition mit deutlich geschwächtem Mandat in die nächste Wahl gehen — oder ganz ohne parlamentarische Mehrheit. Die einzige parlamentarisch mehrheitsfähige Alternative wäre laut aktuellen Umfragen ein Bündnis aus CDU/CSU, SPD und Grünen (zusammen 50,5 %) — eine Drei-Parteien-Koalition, die noch komplexer zu regieren wäre als die aktuelle GroKo. Weitere Hintergründe dazu liefert Infratest dimap in seinen regelmäßigen Analysen zum ARD-Deutschlandtrend.

Mehr zum Thema
EinordnungDas Ronzheimer-Matuschek-Interview ist mehr als Meinungsforschung — es ist ein Weckruf. Die Zahlen zeigen, dass die Koalition unter Merz ein ernstes Legitimationsproblem hat. Die AfD als dauerhaft stärkste Partei in der Sonntagsfrage wäre ein historisches Novum mit weitreichenden Folgen für die Regierbarkeit Deutschlands. Wie die Regierung darauf reagiert, wird die Politik der nächsten drei Jahre prägen.
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Markus BauerPolitikredakteur ZenNews24 · Schwerpunkt: Innenpolitik, Meinungsforschung
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Markus Bauer
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Markus Bauer verfolgt die Entwicklungen in Tech, KI und Digitalpolitik. Er analysiert, wie neue Technologien Gesellschaft und Wirtschaft verändern — von Datenschutz bis Plattformregulierung.

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