Bezahlter Mord als Freizeitsport: Die Scharfschützen von Sarajevo
Neue Zeugenaussagen belegen, dass westeuropäische Touristen im Bosnienkrieg für Schüsse auf Zivilisten zahlten.
Es gibt Verbrechen, die sich dem menschlichen Vorstellungsvermögen hartnäckig entziehen — nicht wegen ihrer Abstraktion, sondern wegen ihrer entsetzlichen Konkretion. Das Bild, das Überlebende der Belagerung Sarajevos heute zeichnen, gehört dazu: Männer aus Westeuropa, ausgestattet wie auf einer Jagdreise ins Schwarzwälder Hochland, die auf einem der am längsten beschossenen Stadtgebiete des 20. Jahrhunderts für Geld auf Kinder zielten. Neu vorliegende Zeugenaussagen legen nahe, dass diese Praxis organisiert, wiederholt und bezahlt war — mit Summen bis zu 50.000 Euro pro Opfer.
Hintergrund: Was steckt dahinter?
Die Belagerung Sarajevos dauerte vom April 1992 bis Februar 1996 — 1.425 Tage, länger als die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg. Bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von General Ratko Mladić umschlossen die Stadt vollständig, kontrollierten die umliegenden Hügel und beschossen das Stadtgebiet systematisch. Über 13.000 Menschen starben, darunter mehr als 5.000 Zivilisten. Mindestens 643 Kinder wurden durch Scharfschützenfeuer getötet.
Was die nun dokumentierten Aussagen von dem bekannten Bild des Kriegsverbrechens unterscheidet: Es waren nicht nur reguläre Soldaten oder paramilitärische Kräfte, die das Feuer eröffneten. Zeugen berichten übereinstimmend von fremden Männern — aus Deutschland, anderen westeuropäischen Ländern — die in die serbischen Stellungen auf den Hügeln Trebević, Žuč und Grdonj gelangten, offenbar mit Duldung der Belagerungsführung. Sie waren, wie mehrere Überlebende unabhängig voneinander beschreiben, mit hochwertigem zivilen Jagdequipment ausgestattet. Ferngläser, Präzisionsgewehre, Ausrüstung, die man eher in einem Waffengeschäft in München oder Stuttgart vermuten würde als in einem Schützengraben auf dem Balkan.
Die wichtigsten Fakten im Überblick
- Dauer der Belagerung: 1.425 Tage — von April 1992 bis Februar 1996, die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Geschichte moderner Kriege
- Opferzahl: Über 13.000 Tote, darunter mindestens 643 Kinder — viele davon durch gezieltes Scharfschützenfeuer
- Genannte Preise: Zeugenaussagen sprechen von gestaffelten Summen — Schüsse auf Erwachsene zu niedrigeren Beträgen, für Kinder angeblich bis zu 50.000 Euro (inflationsbereinigt auf heutige Kaufkraft umgerechnet)
- Herkunftsländer: Neben Deutschland werden auch andere westeuropäische Staaten erwähnt; die Ermittlungen laufen, Namen wurden bislang nicht offiziell publiziert
- Rechtliche Situation: Das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) hat seine Arbeit 2017 formell beendet; der Residualmechanismus IRMCT ist weiterhin aktiv, nationale Strafverfolgung in den Herkunftsländern wäre theoretisch möglich
Jagdtourismus des Grauens: Was die Zeugenaussagen wirklich bedeuten
Der Begriff „Scharfschützentourismus" klingt nach einer bürokratischen Umschreibung. Er verschleiert das Wesen des Beschriebenen. Präziser wäre: bezahlter Lustmord unter militärischem Deckmantel. Die Logik, die hinter den geschilderten Zahlungsstrukturen steckt, folgt einer perversen Marktmechanik — das Schwächste, das Schutzloseste, das Jüngste hatte den höchsten Preis. Ein Kind zu treffen galt offenbar als die exklusivere Dienstleistung.
Für das Verständnis dieser Aussagen ist ein psychologischer Kontext entscheidend: Die Belagerung Sarajevos war kein Chaos, sondern eine Struktur. Die serbischen Stellungen auf den umliegenden Hügeln waren organisierte Militärpositionen mit Kommandostrukturen, Versorgungslinien, Kommunikationsnetzen. Dass Dritte in diese Strukturen eingeschleust werden konnten, setzt eine bewusste Entscheidung der Befehlshaber voraus. Es handelte sich nicht um individuelle Entgleisung, sondern um ein zumindest geduldetes, möglicherweise organisiertes System.

Bislang verurteilte das ICTY Ratko Mladić 2017 zu lebenslanger Haft, unter anderem explizit für die Belagerung Sarajevos und den Terror gegen die Zivilbevölkerung. Radovan Karadžić erhielt ebenfalls lebenslänglich. Was die Urteile jedoch nicht erfassten: die Frage nach westeuropäischen Tatbeteiligten. Sie tauchten in den Anklageschriften nicht auf.
Deutschlands unbequeme Frage
Dass Deutsche unter den mutmaßlichen Zahlungstätern sein sollen, ist eine Aussage, die in der Bundesrepublik bislang kaum politisch rezipiert wurde. Dabei wäre die Strafverfolgungskompetenz eindeutig: Das Völkerstrafgesetzbuch, 2002 in Kraft getreten, erlaubt deutschen Behörden die Verfolgung schwerster Kriegsverbrechen unabhängig vom Tatort. Theoretisch. In der Praxis gilt das Prinzip der Subsidiarität — deutsche Staatsanwaltschaften handeln, wenn andere Instanzen versagen. Das Bundeskriminalamt und der Generalbundesanwalt haben bislang keine öffentlichen Ermittlungsverfahren in dieser Sache bekanntgegeben.
Die politische Sensibilität ist erheblich. Deutschland spielte in den Bosnienkriegsjahren eine widersprüchliche Rolle: einerseits treibende Kraft hinter der frühzeitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, andererseits zögerlich bei militärischem Engagement. Die Bundeswehr beteiligte sich erst nach dem Dayton-Abkommen von 1995 an der IFOR-Mission. Dass gleichzeitig deutsche Staatsbürger als bezahlte Schützen in den Hügeln über Sarajevo gesessen haben sollen, ist eine historische Hypothek, die aufgearbeitet werden müsste — unabhängig davon, ob Strafverfolgung nach drei Jahrzehnten noch realistisch ist.
Ausblick: Was kommt als Nächstes?
Die unmittelbare Frage lautet: Werden die Aussagen zu förmlichen Ermittlungen führen? In Bosnien-Herzegowina arbeitet die Staatsanwaltschaft weiterhin an Kriegsverbrechensfällen aus den 1990er-Jahren — mit chronisch knappen Ressourcen und einer politisch gespaltenen Justizstruktur, die das Funktionieren des Staates seit dem Dayton-Abkommen strukturell erschwert. Der IRMCT in Den Haag könnte eine Anfrage an nationale Behörden richten, hat aber keinen direkten Ermittlungsauftrag mehr.
Bosnische Opferverbände fordern seit Jahren, dass die internationale Gemeinschaft die Aufarbeitung nicht allein dem geschundenen Land überlässt. Die Aussagen über zahlende Schützen aus Westeuropa sind in diesem Sinne nicht nur ein historischer Befund. Sie sind eine gegenwärtige politische Forderung: an Deutschland, an die EU, an all jene Staaten, deren Bürger in Sarajevo Jagd auf Menschen gemacht haben sollen. Die Überlebenden schweigen nicht mehr. Die Frage ist, ob irgendjemand zuhört.
Quelle: Zeit Politik















