Politik

Wer verhandelt für Europa? Schröder, Merkel und die Suche nach dem richtigen Vermittler

Europa diskutiert mögliche Vermittler im Ukraine-Krieg – doch wer hätte Putins Ohr, ohne die Glaubwürdigkeit zu verlieren?

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit
Wer verhandelt für Europa? Schröder, Merkel und die Suche nach dem richtigen Vermittler

Es ist eine der heikelsten Fragen der europäischen Diplomatie: Wer kann mit Wladimir Putin reden – und dabei noch ernst genommen werden? Während die USA unter Donald Trump unilateral Waffenstillstandsgespräche mit Russland führen, ohne Kiew oder Brüssel am Tisch zu dulden, wächst in Europa die Erkenntnis, dass man eigene Gesprächskanäle nach Moskau braucht. Die Diskussion über mögliche europäische Vermittler hat dabei zwei deutsche Ex-Kanzler ins Spiel gebracht, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Gerhard Schröder – und Angela Merkel.

Hintergrund: Warum Europa einen eigenen Kanal braucht

Die Verhandlungsarchitektur um den Ukraine-Krieg hat sich in den vergangenen Monaten grundlegend verschoben. Seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Januar arbeitet Washington an einem bilateralen Deal mit Moskau, der europäische Sicherheitsinteressen strukturell ausblendet. Die Gespräche in Riad und die Annäherung zwischen US-Außenminister Marco Rubio und seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow haben Europa in eine defensive Rolle gedrängt.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der britische Premier Keir Starmer haben bereits versucht, eine "Koalition der Willigen" zu formen, die einen möglichen Waffenstillstand absichern könnte. Doch absichern ist nicht verhandeln. Europa fehlt ein direkter Draht nach Moskau – einer, der von Putin als legitim akzeptiert wird, ohne dass dieser Kanal die westliche Geschlossenheit untergräbt. Genau hier beginnt die Suche nach Persönlichkeiten mit Vergangenheit und ohne aktive Regierungsverantwortung.

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Wer verhandelt für Europa? Schröder, Merkel und die Suche nach dem richtigen Vermittler

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Schröder als Vermittler: faktisch ausgeschlossen. Der SPD-Altkanzler hat seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 jeden politischen Kredit in Europa verspielt. Er verweigerte den Rückzug aus russischen Staatskonzernen – darunter Rosneft und Nord Stream – bis ihn der Druck der eigenen Partei zu symbolischen Gesten zwang. Schröder bleibt in Moskau willkommen; in Brüssel, Paris und Kiew nicht.
  • Merkel: geschwiegen, aber nicht vergessen. Die Ex-Kanzlerin hat sich seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt im Dezember 2021 politisch vollständig zurückgezogen. Sie kommentiert den Krieg nicht öffentlich, verteidigte aber ihre Russland-Politik – inklusive der Minsker Abkommen – als damals richtige Entscheidung.
  • Minsker Abkommen als Hypothek: Merkels bekanntestes außenpolitisches Erbe in der Russland-Frage sind die Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015, die den Donbass-Konflikt einfroren, aber nicht lösten. Kritiker – darunter die ukrainische Seite – sehen darin eine Politik der Zeitgewinnung zugunsten Russlands.
  • Keine offizielle Anfrage bekannt: Weder die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz noch die EU-Kommission hat Merkel oder andere deutsche Altkanzler offiziell als Vermittler ins Gespräch gebracht. Die Debatte speist sich bislang aus Think-Tank-Kreisen, Medienanalysen und anonymen Diplomatenaussagen.
  • Deutschlands neue Zurückhaltung: Merz hat unmissverständlich klargemacht, dass Deutschland keine eigenständige Vermittlerrolle anstrebt, die an der ukrainischen Regierung vorbeiläuft. Berlin will koordinieren, nicht preschen.

Das Merkel-Problem: Kompetenz trifft Hypothek

Angela Merkel kennt Putin wie kaum ein westlicher Spitzenpolitiker. Ihre 16-jährige Amtszeit war geprägt von regelmäßigen, oft stundenlangen Direktgesprächen mit dem Kremlchef. Sie spricht Russisch, er Deutsch – eine Vertrautheit, die in der aktuellen Diplomatengeneration schlicht nicht existiert. Macron hat versucht, Putin durch häufige Telefonate zu beschwichtigen; er scheiterte. Merkel hat solche Gespräche nie romantisiert.

Gleichzeitig trägt sie das Gewicht ihrer eigenen Politik. Die Entscheidung, Nord Stream 2 trotz wachsender Warnungen voranzutreiben, die Ablehnung ernsthafter Waffenlieferungen an die Ukraine schon vor 2022, die Fixierung auf wirtschaftliche Verflechtung als Friedensstrategie – all das hat Merkels Ansehen in Kiew dauerhaft beschädigt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Minsker Abkommen öffentlich als gescheitert bezeichnet. Eine Vermittlerin, die für diese Abkommen mitverantwortlich zeichnet, dürfte in Kiew keinen Vertrauensvorschuss genießen.

Das fundamentale Dilemma: Wer Putin kennt, hat meistens auch Fehler gegenüber der Ukraine gemacht. Und wer glaubwürdig für Kiew eintritt, wird in Moskau nicht gehört.

Europa zwischen Selbstbehauptung und Glaubwürdigkeitsfalle

Die eigentliche Herausforderung ist struktureller Natur. Europa sucht nicht nur einen Vermittler – es sucht eine Rolle. Die Entscheidung der Trump-Administration, Europa aus den Verhandlungen herauszuhalten, hat eine Debatte ausgelöst, die tiefer geht als die Frage nach einzelnen Personen. Sie berührt das Selbstverständnis der EU als geopolitischer Akteur.

Dass dabei deutsche Namen ins Spiel kommen, ist kein Zufall. Deutschland hat als größte europäische Volkswirtschaft und als Land mit der engsten historischen Verstrickung in Russlands Energieinfrastruktur eine besondere Verantwortung – und eine besondere Hypothek. Kanzler Merz hat bislang auf multilaterale Koordination gesetzt: enge Abstimmung mit Paris und Warschau, Unterstützung des Weimarer Dreiecks, klares Bekenntnis zur ukrainischen Souveränität.

Diese Linie ist außenpolitisch konsistent, aber sie produziert keine Vermittlerpersönlichkeit. Für eine solche Rolle bräuchte es jemanden, der außerhalb der aktiven Politik steht, von allen Parteien – inklusive Moskau – als vertraulich wahrgenommen wird und dennoch keine Kompromittierung der ukrainischen Interessen darstellt. Diese Kombination existiert im deutschen Politikpersonal derzeit schlicht nicht.

Ausblick: Was kommt als Nächstes?

Die Diskussion über europäische Vermittler wird nicht verschwinden – im Gegenteil. Sollten die amerikanisch-russischen Gespräche stocken oder zu einem Deal führen, der Kiew faktisch zu Gebietsabtretungen zwingt, wird Europa unter massivem Druck stehen, eigene Gesprächsformate zu etablieren. Dann könnte die Frage nach Persönlichkeiten mit Moskau-Kontakt sehr konkret werden.

Bis dahin gilt: Gerhard Schröder ist als Option nicht ernsthaft diskutabel. Angela Merkel bleibt theoretisch denkbar – aber nur, wenn Kiew zustimmt. Und das ist, Stand heute, kaum vorstellbar. Europa sucht weiter. Die Antwort auf die Frage, wer für den Kontinent sprechen kann, hat es noch nicht gefunden.

Quellen: Der Spiegel
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ZenNews24 Redaktion
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Quelle: Spiegel Politik
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