Gesundheit

Hyperemesis gravidarum: Schwanger, krank, nicht ernst genommen

Hyperemesis gravidarum betrifft bis zu drei Prozent aller Schwangeren – und wird von Ärzten wie Angehörigen noch immer systematisch unterschätzt.

Von ZenNews24 Redaktion 4 Min. Lesezeit
Hyperemesis gravidarum: Schwanger, krank, nicht ernst genommen
Das Wichtigste in Kürze
  • Übelkeit ist in der Schwangerschaft völlig normal – das hört Jessica Sanfilippo-Schulz immer wieder
  • Doch was sie durchlebt, geht weit über das hinaus, was gemeinhin als „Morgenübelkeit" bekannt ist
  • Sie erbricht stündlich, kann kaum Wasser bei sich behalten und verliert…

Übelkeit ist in der Schwangerschaft völlig normal – das hört Jessica Sanfilippo-Schulz immer wieder. Doch was sie durchlebt, geht weit über das hinaus, was gemeinhin als „Morgenübelkeit" bekannt ist. Sie erbricht stündlich, kann kaum Wasser bei sich behalten und verliert kontinuierlich an Gewicht. Trotzdem wird sie von Ärzten und Angehörigen nicht ernst genommen. Die Diagnose, die ihr Leben verändern sollte: Hyperemesis gravidarum – eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung, die weit mehr ist als nur ein vorübergehendes Unwohlsein in den ersten Schwangerschaftswochen.

Der Fall der Betroffenen ist kein Einzelfall. Frauen mit Hyperemesis gravidarum kämpfen nicht nur gegen ihre körperlichen Symptome, sondern auch gegen Skepsis, Unverständnis und Bagatellisierung durch medizinisches Personal und ihr soziales Umfeld. ZenNews24 beleuchtet, was hinter der Erkrankung steckt, warum die Diagnose so oft verzögert wird und was Betroffene sowie Angehörige tun können.

Was ist Hyperemesis gravidarum?

Hyperemesis gravidarum ist eine schwere Form der Schwangerschaftsübelkeit, die sich durch unstillbares, wiederkehrendes Erbrechen auszeichnet. Im Gegensatz zur normalen Morgenübelkeit, die bei etwa 70 bis 80 Prozent der Schwangeren auftritt und meist nach dem ersten Trimester abklingt, führt Hyperemesis gravidarum zu erheblichem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust, relevantem Gewichtsverlust und Mangelernährung. Die Erkrankung kann den Verlauf der Schwangerschaft ernsthaft gefährden und erfordert in vielen Fällen stationäre Behandlung.

Die genauen Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Aktuelle Forschung deutet auf ein komplexes Zusammenspiel hormoneller Faktoren hin, insbesondere des humanen Choriongonadotropins (hCG), ergänzt durch genetische Prädispositionen. Eine 2024 im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie identifizierte zudem das Protein GDF15 als möglichen zentralen Auslöser: Frauen mit bestimmten GDF15-Varianten scheinen deutlich anfälliger für schwere Schwangerschaftsübelkeit zu sein. Auch eine familiäre Häufung der Erkrankung ist dokumentiert, was auf eine genetische Komponente hinweist.

Die Symptome beginnen typischerweise zwischen der vierten und achten Schwangerschaftswoche. Während normale Morgenübelkeit meist bis zur zwölften bis vierzehnten Woche abklingt, kann Hyperemesis gravidarum die gesamte Schwangerschaft andauern. Betroffene Frauen können häufig keine feste Nahrung zu sich nehmen, verlieren rasch an Gewicht und entwickeln durch anhaltenden Elektrolytmangel ernsthafte Komplikationen. Dazu zählen Nierenprobleme, ein erhöhtes Thromboserisiko durch Dehydratation sowie die Wernicke-Enzephalopathie – eine potenziell lebensbedrohliche neurologische Erkrankung infolge von Thiaminmangel (Vitamin B1).

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Zahlen und Fakten zu Hyperemesis gravidarum

Prävalenz 0,3 bis 3 Prozent aller Schwangerschaften (je nach Studie und Falldefinition)
Schwere Fälle Bei etwa 1 bis 2 von 1.000 Schwangerschaften liegt eine lebensbedrohliche Verlaufsform vor
Stationäre Behandlung 20 bis 30 Prozent der Patientinnen benötigen mindestens einen Krankenhausaufenthalt
Gewichtsverlust Definitionsgemäß mehr als 5 Prozent des Körpergewichts; in schweren Fällen auch deutlich mehr
Psychische Begleiterkrankungen Depressionen und Angststörungen treten bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen auf
Auswirkung auf Familienplanung Studien belegen, dass Frauen mit Hyperemesis gravidarum signifikant seltener weitere Schwangerschaften planen
Diagnosekriterium Gewichtsverlust über 5 Prozent plus Ketonurie im Urin gelten als klinische Schwellenwerte

Quellen: American Journal of Obstetrics and Gynecology; Cochrane Database of Systematic Reviews; European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology; Nature 2024

Der Kampf gegen Unverständnis und verzögerte Diagnose

Jessica Sanfilippo-Schulz erlebte das, was viele Betroffene weltweit beschreiben: Sie wurde nicht geglaubt. Ärzte führten ihre Symptome auf psychische Ursachen zurück oder bewerteten sie als überbewertet. Angehörige rieten ihr, „durchzuhalten". Diese Haltung ist medizinisch problematisch, weil sie dazu führt, dass Patientinnen notwendige Behandlung zu spät oder gar nicht erhalten.

Ein Teil des Problems liegt in der medizinischen Ausbildung. Hyperemesis gravidarum wird im Studium oft nur am Rande behandelt; der Fokus liegt auf häufigeren Komplikationen. Viele Ärztinnen und Ärzte unterschätzen daher den Schweregrad und die potenziellen Komplikationen. Die Verwechslung mit normaler Morgenübelkeit verzögert Diagnose und Behandlung mitunter um Wochen.

Hinzu kommt eine anhaltende Tendenz, Beschwerden in der Schwangerschaft als psychosomatisch einzustufen, sobald keine offensichtliche organische Ursache gefunden wird. Diese Einschätzung ist bei Hyperemesis gravidarum nicht nur sachlich falsch, sondern auch klinisch gefährlich: Die Erkrankung ist mit messbaren biochemischen Veränderungen verbunden – nachweisbarer Ketonurie, Elektrolytentgleisungen und Gewichtsverlust. Sie als rein psychisch bedingt abzutun, verzögert lebensnotwendige Interventionen wie Infusionstherapie, Antiemetika und engmaschige Überwachung – und schadet dem Vertrauen der Patientinnen in das Gesundheitssystem nachhaltig.

Für Betroffene und Angehörige gilt: Wer den Verdacht hat, an Hyperemesis gravidarum zu leiden, sollte aktiv eine zweite medizinische Meinung einholen und auf objektiv messbaren Befunden – Gewichtsverlust, Urinbefund, Blutbild – bestehen. Patientenorganisationen wie die britische Pregnancy Sickness Support oder deutschsprachige Selbsthilfegruppen bieten Informationen, Vernetzung und Unterstützung. Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto geringer sind die Risiken für Mutter und Kind.

Das wachsende wissenschaftliche Interesse an Hyperemesis gravidarum – sichtbar etwa in den Forschungsarbeiten rund um GDF15 – lässt hoffen, dass künftig gezieltere Therapien und eine raschere Diagnose möglich sein werden. Bis dahin bleibt die Aufklärung – in Praxen, Kliniken und im gesellschaftlichen Diskurs – die wichtigste Stellschraube, um Betroffene nicht länger mit ihrer Erkrankung allein zu lassen.

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ZenNews24 Redaktion
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Quelle: AutoEditor/gesundheit
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