ZenNews24› Wirtschaft› Jede zwölfte Firma bangt um ihre Existenz Wirtschaft Jede zwölfte Firma bangt um ihre Existenz Ifo-Umfrage zeigt: Steigende Kosten und schwache Nachfrage gefährden deutsche Unternehmen. Von Julia Schneider 20.04.2026, 07:23 Uhr 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 24.06.2026 Das Wichtigste in Kürze Eine aktuelle Ifo-Umfrage offenbart die angespannte wirtschaftliche Lage in DeutschlandEtwa acht Prozent der Unternehmen kämpfen um ihre Existenz – besonders der Handel ist betroffen Rund 8,3 Prozent aller deutschen Unternehmen — also etwa jede zwölfte Firma — sehen ihre wirtschaftliche Existenz derzeit ernsthaft gefährdet. Das zeigt die aktuelle Umfrage des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Mai 2026, die ein alarmierendes Bild der Lage im deutschen Mittelstand und Handwerk zeichnet. Steigende Energiekosten, schwache Inlandsnachfrage und ein zunehmend schwieriges Exportumfeld bilden eine toxische Kombination, die vor allem kleine und mittlere Betriebe an ihre Belastungsgrenze treibt.InhaltsverzeichnisDas ifo-Barometer schlägt AlarmKostendruck und Nachfrageschwäche: Die doppelte ZangeWelche Sektoren verlieren — und wer profitiertDie politische Dimension: Was Berlin bisher nicht leistetGeopolitische Risiken als externer Belastungsfaktor Das ifo-Barometer schlägt Alarm Die neueste Erhebung des ifo Instituts, die monatlich rund 9.000 Unternehmen aus Industrie, Handel, Dienstleistung und Baugewerbe befragt, zeigt im Mai 2026 eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Vorquartal. Der Anteil der Unternehmen, die ihre wirtschaftliche Lage als existenzbedrohend einschätzen, ist im Vergleich zum Jahresbeginn um fast zwei Prozentpunkte gestiegen. Besonders betroffen sind das Verarbeitende Gewerbe sowie der stationäre Einzelhandel. (Quelle: ifo Institut für Wirtschaftsforschung) ▶ Auf einen BlickRund jede zwölfte Firma in Deutschland sieht ihre Existenz gefährdet.Steigende Kosten und schwache Nachfrage treiben Unternehmen an die Grenze.Das ifo Institut warnt vor strukturellen Problemen und Erwartungen an Verschlechterung. ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte die Zahlen mit ungewohnter Schärfe: Die Unternehmen litten nicht nur unter konjunkturellen Schwankungen, sondern unter strukturellen Verwerfungen, die ohne politische Weichenstellungen nicht zu beheben seien. Tatsächlich zeigt die Umfrage, dass die Mehrheit der betroffenen Betriebe keine kurzfristige Erholung erwartet. 54 Prozent der als gefährdet eingestuften Unternehmen gehen davon aus, dass sich ihre Lage in den kommenden sechs Monaten weiter verschlechtern wird. (Quelle: ifo Institut) Methodische Einordnung: Was bedeutet "Existenzgefährdung"? In der ifo-Erhebung gilt ein Unternehmen als existenzgefährdet, wenn es gleichzeitig über Liquiditätsengpässe, rückläufige Auftragsbestände und mangelnde Fähigkeit zur Kostendeckung berichtet. Die Schwelle ist bewusst hoch gesetzt — das bedeutet, die tatsächliche Dunkelziffer an wirtschaftlich angeschlagenen Betrieben dürfte deutlich über den kommunizierten 8,3 Prozent liegen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass weitere vier bis fünf Prozent der Betriebe in einer Grauzone operieren, in der einzelne Schocks zur Insolvenz führen könnten. (Quelle: DIW Berlin) Diese Einordnung ist wichtig, weil die politische Debatte häufig auf Spitzenwerte wie Insolvenzzahlen fixiert ist — die aber immer mit zeitlichem Verzug reagieren. Die ifo-Erhebung misst die Selbstwahrnehmung der Unternehmen in Echtzeit und ist damit ein früher Indikator für kommende Insolvenzzahlen, die das Statistische Bundesamt üblicherweise mit drei bis sechs Monaten Verzögerung ausweist. (Quelle: Statistisches Bundesamt, ifo Institut)📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Konjunkturindikator: Der ifo-Geschäftsklimaindex liegt im Mai 2026 bei 87,4 Punkten (2015=100) — ein Rückgang um 1,8 Punkte gegenüber April. Die Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate notieren mit 84,1 Punkten auf dem niedrigsten Stand seit dem dritten Quartal 2023. Besonders stark ausgeprägt ist der Pessimismus im Verarbeitenden Gewerbe (Index: 81,2) und im Einzelhandel (Index: 79,8). (Quelle: ifo Institut für Wirtschaftsforschung, Mai 2026) Kostendruck und Nachfrageschwäche: Die doppelte Zange Wirtschaft Rezession Konjunktur Fallende Kurve Grafik Deutschland Wirtschaft Die deutsche Wirtschaft leidet derzeit unter einem seltenen, aber besonders schmerzhaften Doppelphänomen: Die Produktionskosten steigen, während die Nachfrage — sowohl im Inland als auch aus dem Ausland — stagniert oder rückläufig ist. Energiepreise, die trotz zeitweiliger Entspannung strukturell auf einem höheren Niveau verharren als vor 2022, belasten vor allem energieintensive Branchen wie die Chemie-, Metall- und Glasindustrie. Dazu kommen gestiegene Lohnkosten infolge von Tarifabschlüssen, die zwar sozial notwendig waren, die Margen vieler Betriebe aber weiter komprimieren. Auf der Nachfrageseite zeigt sich ein anderes, nicht minder ernüchterndes Bild. Der private Konsum in Deutschland ist trotz nominaler Lohnzuwächse real kaum gewachsen. Viele Haushalte sparen angesichts geopolitischer Unsicherheiten — darunter die anhaltend instabile Lage im Nahen Osten, die globale Lieferketten und Energiemärkte belastet. So beeinflusst die Destabilisierung durch Iran-Attacken auf die fragile Waffenruhe im Nahostkonflikt nicht nur regionale Akteure, sondern auch die Risikowahrnehmung europäischer Investoren und Konsumenten. Energieintensive Branchen: Die härteste Betroffenengruppe Der Verband der Chemischen Industrie hat zuletzt gewarnt, dass ein erheblicher Teil der deutschen Chemieproduktion dauerhaft ins Ausland abwandere. Laut einer Befragung unter Mitgliedsunternehmen haben 22 Prozent der Betriebe in den vergangenen zwölf Monaten Teile ihrer Produktion verlagert oder entsprechende Pläne beschlossen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung bestätigt den Trend: Die sogenannte Deindustrialisierungsgefahr sei in Deutschland akuter als in jedem anderen großen EU-Mitgliedsland. (Quelle: DIW Berlin, VCI) Auch die Glasindustrie und Teile der Keramikhersteller melden Produktionskürzungen und Kurzarbeit. Für mittelständische Zulieferer der Automobilindustrie kommt erschwerend hinzu, dass der Transformationsdruck in der Fahrzeugbranche ungebrochen ist, während gleichzeitig die Elektromobilität global an Schwung verloren hat. Wer auf Verbrennungsmotorenkomponenten spezialisiert ist, sitzt in einer Zwickmühle ohne kurzfristigen Ausweg. Welche Sektoren verlieren — und wer profitiert Die Verlierer sind klar identifizierbar: Einzelhandel, klassisches Verarbeitendes Gewerbe, Baugewerbe und Teile des Gastgewerbes. Der stationäre Einzelhandel kämpft weiterhin gegen die Verlagerung zum Online-Handel und gegen rückläufige Frequenzen in Innenstadtlagen. Die Baubranche leidet unter dem Einbruch der Wohnungsbaunachfrage infolge gestiegener Zinsen und gestiegener Materialkosten — obwohl die Zinsen zuletzt leicht zurückgegangen sind, bleibt das Volumen neuer Baugenehmigungen weit unter dem Niveau, das für eine Trendwende notwendig wäre. Im Baugewerbe berichten laut ifo-Umfrage 11,7 Prozent der Unternehmen von existenzieller Gefährdung — das ist der höchste Wert aller Sektoren und deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Schnitt von 8,3 Prozent. Handwerksbetriebe im Ausbaugewerbe sowie kleinere Generalunternehmer sind besonders betroffen. (Quelle: ifo Institut) Gewinner: Digitale Dienstleistungen und Gesundheitssektor Es gibt jedoch Branchen, die sich im aktuellen Umfeld als widerstandsfähig oder sogar als Wachstumsträger erweisen. Digitale Dienstleistungen, Cybersicherheit, KI-nahe Softwareunternehmen und der Gesundheitssektor melden überwiegend stabile oder wachsende Auftragsbücher. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens, wie sie etwa durch die jüngste Expansion von Doctolib vorangetrieben wird — das Unternehmen hat erst kürzlich mit der Übernahme der britischen Softwarefirma Medicus seinen europäischen Footprint ausgebaut —, steht exemplarisch für Sektoren, die strukturell wachsen, unabhängig von der gesamtwirtschaftlichen Schwächephase. Auch der Bereich Finanztechnologie entwickelt sich dynamisch. Die zunehmende Automatisierung von Finanzprozessen durch KI-gestützte Systeme verändert die Wettbewerbslandschaft grundlegend. Der Markteintritt von spezialisierten KI-Akteuren wie im Fall des KI-Finanzagenten von Anthropic zeigt, dass technologiegetriebene Unternehmen auch in einem schwierigen Makroumfeld wachsen können — während traditionelle Finanzdienstleister unter Margendrück stehen. Regionale Unterschiede: Süd-Nord-Gefälle nimmt zu Die wirtschaftliche Not ist geografisch ungleich verteilt. Bayern und Baden-Württemberg, traditionell die wirtschaftlich stärksten Bundesländer, zeigen zwar ebenfalls Schwäche — aber die strukturelle Diversifizierung ihrer Wirtschaft puffert die Einschläge ab. Sachsen, Thüringen, das Saarland und Teile Niedersachsens hingegen, die noch stärker auf industrielle Monostrukturen angewiesen sind, registrieren überdurchschnittlich hohe Anteile existenzgefährdeter Betriebe. (Quelle: Statista, ifo Institut) Branche Anteil existenzgefährdeter Betriebe Beschäftigte (Mio.) Geschäftsklimaindex (Mai 2026) Trend (vs. Vorquartal) Baugewerbe 11,7 % 2,4 79,1 ▼ −2,9 Einzelhandel (stationär) 10,4 % 3,1 79,8 ▼ −1,7 Verarbeitendes Gewerbe 9,1 % 7,8 81,2 ▼ −2,1 Gastgewerbe 8,8 % 1,7 80,4 ▼ −1,4 Dienstleistungen (gesamt) 6,2 % 15,3 88,6 ▶ −0,3 IT / Digitale Wirtschaft 2,9 % 1,4 96,3 ▲ +0,7 Gesundheitswesen 3,1 % 5,9 94,1 ▲ +0,4 Die politische Dimension: Was Berlin bisher nicht leistet Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz steht unter zunehmendem Druck, konjunkturstützende Maßnahmen zu ergreifen. Bislang hat die Koalition Signale gesendet, die eher auf langfristige Strukturreformen als auf kurzfristige Nachfragestimulierung setzen. Steuererleichterungen für Unternehmen wurden angekündigt, sind aber noch nicht in Kraft getreten. Gleichzeitig wird die Haushaltsdisziplin hochgehalten, was expansive fiskalpolitische Impulse begrenzt. Die Bundesbank hat in ihrem jüngsten Monatsbericht darauf hingewiesen, dass die Geldpolitik der EZB zwar unterstützend wirke, dass aber fiskalische Impulse notwendig seien, um einen nachhaltigen Aufschwung anzustoßen. (Quelle: Deutsche Bundesbank) Die politische Lage macht schnelle Entscheidungen nicht leichter. Nachdem Merz eine Minderheitsregierung und Neuwahlen kategorisch abgelehnt hat, ist die Koalition auf Stabilität angewiesen — aber auch auf Kompromisse, die wirtschaftspolitische Entschlossenheit zuweilen bremsen. Wirtschaftsverbände beklagen, dass die politische Agenda zu stark von geopolitischen Krisenthemen dominiert werde und strukturelle Wirtschaftsreformen in den Hintergrund gedrängt werden. Was Unternehmen von der Politik fordern In einer Begleitumfrage des ifo Instituts nannten befragte Unternehmen ihre drei dringlichsten politischen Forderungen: erstens eine spürbare Senkung der Energiepreise durch staatliche Intervention oder strukturelle Reformen im Energiemarkt, zweitens den Abbau bürokratischer Belastungen — insbesondere im Bereich Berichterstattungspflichten und Lieferkettensorgfaltspflichten —, und drittens eine Reform der Unternehmensteuer, die Deutschland im internationalen Vergleich wettbewerbsfähiger machen soll. (Quelle: ifo Institut) Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat zuletzt ein Sofortprogramm gefordert, das kurzfristig wirksam sein soll: niedrigere Industriestrompreise durch einen Brückenstrompreis, die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren sowie die vollständige Abschaffung der Energiesteuer auf betrieblich genutzten Strom. Ob und wann diese Forderungen politisch aufgegriffen werden, ist derzeit unklar. Geopolitische Risiken als externer Belastungsfaktor Die deutschen Unternehmen agieren nicht im luftleeren Raum. Externe Schocks, insbesondere geopolitische Krisen, beeinflussen Lieferketten, Energiemärkte und das Investitionsklima unmittelbar. Die instabile Sicherheitslage im Nahen Osten — zuletzt haben Berichte über von den Emiraten gemeldete iranische Raketenangriffe die Märkte verunsichert — hält die Risikoaufschläge auf Energie hoch und bremst globale Handelsverflechtungen. Hinzu kommt die anhaltende Rechtsunsicherheit im Bereich künstlicher Intelligenz und digitaler Plattformen. Die laufenden juristischen Auseinandersetzungen rund um Trainingsdaten für KI-Sprachmodelle — exemplarisch dafür der Fall der US-Verlage, die Meta wegen des Sprachmodells Llama verklagen — schaffen für Unternehmen, die auf KI-Technologien setzen, eine schwer kalkulierbare Rechtslage. Das betrifft mittelbar auch deutsche Unternehmen, die US-amerikanische KI-Dienste nutzen oder in die eigene Digitalisierung investieren wollen. Lieferketten unter Dauerdruck Die Diversifizierung von Lieferketten, die seit der Pandemie intensiv diskutiert wird, ist in vielen Unternehmen noch nicht abgeschlossen. Laut einer Erhebung von Statista haben nur 38 Prozent der deutschen Industrieunternehmen ihre Lieferketten bislang signifikant umstrukturiert. Der Rest ist weiterhin auf Lieferanten aus wenigen Schlüsselregionen angewiesen — mit entsprechend hoher Anfälligkeit für geopolitische Verwerfungen. (Quelle: Statista, ifo Institut) EinordnungDie Umfrage des ifo Instituts zeigt eine deutliche Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im deutschen Mittelstand. Dies wirft Fragen nach der langfristigen Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit deutscher Betriebe auf. ZZenNews24 RedaktionUnabhängige Nachrichtenredaktion · Schwerpunkt: Wirtschaft Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Ifo-Umfrage deutsche Wirtschaft Konjunktur Unternehmenskrise Einzelhand J Julia Schneider Gesellschaft & International Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet. 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