Zehnkämpfer Kaul: "Mein Ziel ist LA 2028"
Niklas Kaul bricht sein Schweigen über die Olympia-Planung. Es ist beeindruckend.
Niklas Kaul bricht sein Schweigen zur olympischen Planung – und die Botschaft ist deutlich: Paris 2024 ist nicht sein Ziel, Los Angeles 2028 ist es. Diese bewusste Abkehr vom nächstmöglichen Höhepunkt ist nicht einfach eine taktische Aussage, sondern ein Statement, das die gesamte deutsche Leichtathletik aufhorchen lassen sollte. Denn wenn ein Zehnkämpfer, der bereits Weltmeister war, Paris explizit nicht als seinen persönlichen Gipfel definiert, dann steckt dahinter mehr als nur Trainingslogik.
Was Niklas Kaul wirklich gesagt hat

Im DOSB Podcast und in seinen Statements gegenüber Leichtathletik.de hat der 26-jährige Zehnkämpfer aus Mainz seine mittelfristige Planung offengelegt. Kaul sprach von einem strukturierten Vierjahres-Trainingsplan, der nicht auf die kommende Olympiade zugeschnitten ist, sondern gezielt auf Los Angeles 2028 ausgerichtet wird. Das ist die Kerninformation: Er plant bewusst über Paris hinaus, nicht weil Paris ausfällt, sondern weil er dort nicht seinen absoluten Höhepunkt erwartet.
Die Kernaussage: Niklas Kaul erklärt, dass sein Vierjahres-Trainingsplan nicht Paris 2024 als Zielwettkampf hat, sondern Los Angeles 2028. Er begründet diese Entscheidung mit physiologischen und trainingstechnischen Faktoren: Der menschliche Körper braucht im Zehnkampf spezifische Zyklen, um Peak-Performance zu erreichen. Kaul deutet an, dass ein vierjähriger Aufbau zu besseren Ergebnissen führt als ein dreijähriger. Zudem erwähnt er, dass die psychologische Komponente – die Frische und der Hunger – bei einer langen, fokussierten Vorbereitung größer sind. Paris wird nicht ignoriert, aber als Zwischenschritt, nicht als Zielwettkampf definiert.
Diese Aussage ist überraschend und gleichzeitig bemerkenswert kalkuliert. Sie ist nicht mutig im klassischen Sinn – Kaul schafft sich damit auch Druck ab. Denn wer explizit sagt „das ist nicht mein Ziel", dem wird weniger Versagen vorgeworfen, wenn es dort nicht optimal läuft. Gleichzeitig ist es aber auch eine Form von Selbstbewusstsein: Ein Athlet, der in dieser Liga spielt, kann es sich leisten, eine Olympiade bewusst nicht als Höhepunkt zu sehen. Das sagt viel über seinen aktuellen mentalen Zustand – und über seine Reife als Sportler.
Unsere Analyse: Was dahintersteckt
Der Kontext, den viele vergessen
Niklas Kaul ist kein normaler Zehnkämpfer. 2019 wurde er mit 21 Jahren Weltmeister in Doha – eine Karriere-Explosion, die in der deutschen Leichtathletik seither Maßstäbe setzt. Danach folgte die typische Kurve: Verletzungen, Unsicherheit, der schwierige Weg zurück. Die Olympischen Spiele 2021 in Tokio waren für ihn kein Triumph, eher eine Nüchternheits-Erkenntnis. Kaul brauchte Zeit, um wieder zu sich zu finden. Die letzten beiden Jahre zeigen einen Athleten, der systematisch aufgebaut hat, nicht gehetzt.
Genau hier liegt der Schlüssel zu seiner aktuellen Aussage. Kaul hat gelernt, dass Dauerdruck und ständige Höhepunkte in einem Zehnkampf nicht funktionieren. Die Disziplin erfordert eine andere Mentalität als Sprint oder Mittelstrecke. Man kann nicht jedes Jahr auf Peak-Level sein. Wer das versucht, riskiert entweder den Körper oder die Motivation – oder beides gleichzeitig. Kaul hat diese Lektion scheinbar verinnerlicht, und das ist letztlich die wichtigste Entwicklung, die sein Statement transportiert.
Und: Kaul ist jung genug, um langfristig zu planen. Mit 26 Jahren hat er noch ein ganzes Karriere-Fenster vor sich. Los Angeles 2028 würde ihn im Peak-Alter von 30 Jahren treffen – ideal für den Zehnkampf als Königsdisziplin der Leichtathletik, wo Erfahrung und Kraft gleichermaßen zählen. Sprinter sind mit 30 oft am Ende. Zehnkämpfer wie Daley Thompson, Roman Šebrle oder Ashton Eaton haben ihre besten Leistungen häufig jenseits der 28 abgerufen. Kaul weiß das. Sein Umfeld weiß das. Und jetzt wissen wir es auch.
| Aspekt | Aussage/Fakt | Einordnung |
|---|---|---|
| Alter bei LA 2028 | 30 Jahre | Klassisches Peak-Alter für Zehnkämpfer, optimal für Kombinationstalent aus Kraft und Erfahrung |
| Weltmeister-Status | 2019 mit 21 Jahren | Frühe Elite-Erfahrung, aber auch früher Druck – macht langfristige Planung verständlich |
| Trainingszyklen | 4 Jahre statt 3 | Physiologisch sinnvoll; längere Aufbau-Phasen ermöglichen höhere Peak-Leistungen |
| Verletzungshistorie | Mehrfach seit 2019 | Unterstreicht Notwendigkeit strukturierter, nicht gehetzter Planung |
| Paris-Status | Nicht Zielwettkampf | Aber Qualifikationsmöglichkeit und wertvolle Wettkampf-Erfahrung – pragmatisch, nicht ignorierend |
| Konkurrenz-Landschaft | Belgien, Frankreich, Ukraine stark | LA 2028 könnte strukturell anders besetzt sein; strategischer Vorteil der langen Vorbereitung |
Ist das eine Schutzbehauptung – oder echter Plan?
Man darf diese Frage stellen, auch wenn sie unbequem ist. Sportler sagen manchmal „das ist nicht mein Hauptziel", wenn sie sich absichern wollen. Das wäre menschlich und verständlich. Aber bei Kaul spricht die Datenlage dagegen. Sein Trainingsaufbau der letzten Monate, die Entscheidungen rund um Wettkampfteilnahmen und die öffentliche Kommunikation seines Teams deuten darauf hin, dass hier kein Ablenkungsmanöver stattfindet, sondern tatsächlich ein strukturierter Mehrjahresplan. Der deutsche Leichtathletik-Verband und seine Olympia-Strategie unterstützt solche individuellen Langzeitpläne zunehmend aktiv – auch das ist kein Zufall.
Was Kaul macht, ist im Grunde das, was Spitzenteams im Radsport, im Schwimmen oder in der Mehrkampf-Welt seit Jahrzehnten kennen: Periodisierung auf höchstem Niveau. Nicht jedes Jahr alles geben. Zyklen bauen. Wissen, wann man schont und wann man angreift. Im deutschen Leichtathletik-Kontext ist diese Offenheit über solche Strategien eher ungewöhnlich – und genau deshalb verdient sie Aufmerksamkeit.
Was das für Paris 2024 bedeutet
Kaul wird in Paris starten – davon ist auszugehen, sofern er die Qualifikation schafft. Aber er wird dort nicht als Medaillen-Favorit auftreten, der alles auf eine Karte setzt. Er wird Paris als das behandeln, was es in seinem Plan ist: ein hochkarätiger Trainings- und Erfahrungswettkampf unter Olympia-Bedingungen. Das klingt zunächst enttäuschend für alle, die sich eine Medaille erhofft haben. Aber es ist realistisch.
Die Zehnkampf-Konkurrenz 2024 ist brutal. Kevin Mayer aus Frankreich wird auf heimischem Boden kämpfen – mit allem, was das emotional und logistisch bedeutet. Die belgische Schule um Thomas Van der Plaetsen hat sich weiterentwickelt. Und aus den USA sowie Großbritannien kommen Talente, die in den letzten zwei Jahren stark aufgeholt haben. In diesem Feld eine Medaille zu gewinnen, wäre für Kaul 2024 ein Bonus – kein realistisches Minimalziel.
Wer das anders sieht, ignoriert den aktuellen Stand der Disziplin. Und Kaul ignoriert ihn offensichtlich nicht. Das ist keine Schwäche. Das ist Klugheit.

Warum dieses Statement größer ist als eine Sport-Meldung
In einer Sportwelt, die von kurzfristigen Ergebnissen, Social-Media-Erwartungen und schnellen Urteilen geprägt ist, ist Kauls Aussage ein kleines Gegenprogramm. Er sagt öffentlich: Ich baue auf vier Jahre. Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Ich lasse mich nicht von der nächsten Schlagzeile treiben. Das ist in der deutschen Profi-Leichtathletik selten so klar formuliert worden.
Ob dieser Plan aufgeht, weiß niemand. Verletzungen können alles verändern. Die Konkurrenz entwickelt sich weiter. Und auch Kaul selbst kann sich verändern. Aber die Haltung dahinter – die Bereitschaft, öffentlich eine Langzeit-Strategie zu kommunizieren und sich nicht in kurzfristige Erwartungshaltungen pressen zu lassen – verdient Respekt. Nicht bedingungslose Bewunderung, aber echten Respekt.
Für die Geschichte des deutschen Zehnkampfs könnte Los Angeles 2028 ein bedeutendes Kapitel werden. Ob Niklas Kaul es schreiben wird, entscheiden vier Jahre harte Arbeit. Den ersten Satz hat er bereits gesetzt – und der klingt vielversprechend.