Lebensmittel-Inflation: Wie Supermaerkte die Preise drehen
Shrinkflation, Eigenmarken, Herstellerrabatte - was hinter den Preisen steckt
Die Preise im Supermarkt sind derzeit ein zentrales Gesprächsthema in deutschen Haushalten. Während die EZB-Leitzinserhöhung die Inflation bekämpfen soll, erleben Verbraucher an der Ladenkasse eine bittere Realität: Die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Monaten massiv gestiegen. Doch hinter dieser Entwicklung steckt mehr als nur inflationäre Teuerung. Supermarktketten, Hersteller und Discounter nutzen eine Vielzahl von Strategien, um ihre Margen zu schützen und die Kaufkraft der Konsumenten auszureizen. Das Phänomen der „Shrinkflation" – kleinere Packungsgrößen zum gleichen Preis – ist nur eine davon. Ein Überblick über die Preismechanismen, die derzeit das Regal bestimmen.
Fakten auf einen Blick
- Lebensmittelpreise in Deutschland stiegen 2023 zeitweise um über 20 % im Jahresvergleich (Destatis)
- Shrinkflation betrifft laut Verbraucherzentrale Bundesverband über 100 dokumentierte Produkte allein in Deutschland
- Eigenmarken haben 2023 erstmals einen Marktanteil von über 40 % im deutschen Lebensmitteleinzelhandel erreicht (GfK)
- Durchschnittlicher Preisanstieg bei Grundnahrungsmitteln wie Butter, Mehl und Speiseöl: bis zu 70 % gegenüber 2021 (Statistisches Bundesamt)
- Rund 60 % der deutschen Verbraucher gaben 2023 an, ihr Einkaufsverhalten aufgrund gestiegener Preise verändert zu haben (Handelsverband Deutschland)
Shrinkflation: Wenn die Packung schrumpft, der Preis bleibt
Das Konzept ist simpel, aber für den Verbraucher frustrierend: Hersteller reduzieren die Produktmenge in einer Packung, behalten aber den Verkaufspreis bei – oder erhöhen ihn sogar noch. Diese Strategie, im Englischen „Shrinkflation" genannt, ist aktuell weit verbreitet und betrifft nahezu alle Warengruppen im Lebensmittelhandel. Von Käse über Schokolade bis hin zu Getreideerzeugnissen – überall werden Portionsgrößen dezent kleiner, während der Preis stabil bleibt oder sogar ansteigt.

Die Gründe liegen auf der Hand: Rohstoffkosten sind gestiegen, Energiepreise haben sich verteuert, und die Logistikkosten haben sich in der Folge der globalen Lieferkettenprobleme seit 2021 massiv erhöht. Statt diese Kostensteigerungen vollständig an den Endverbraucher weiterzugeben – was zu sichtbaren und damit psychologisch spürbaren Preiserhöhungen führen würde – greifen Hersteller zur versteckten Preiserhöhung über die Packungsgröße. Für den Verbraucher ist dies schwer nachzuvollziehen, da die Aufmerksamkeit beim Einkaufen nicht auf dem Preis pro Gramm liegt, sondern auf dem absoluten Preis an der Kasse.
Besonders bei Markenherstellern ist dieses Phänomen ausgeprägt. Dokumentierte Beispiele aus Deutschland zeigen, dass etwa Schokoladentafeln von 100 Gramm auf 85 Gramm reduziert wurden, während der Preis gleich blieb. Das entspricht einer versteckten Preiserhöhung von rund 18 Prozent. Verbraucherschutzorganisationen warnen vor dieser Praktik und stufen sie als bewusste Irreführung ein. Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht, die Verbraucher auf Packungsgrößenänderungen ausdrücklich hinweist.
Warum funktioniert Shrinkflation so gut?
Psychologische Faktoren spielen eine entscheidende Rolle. Konsumenten nehmen relative Preisänderungen weniger wahr, wenn der absolute Preis stabil bleibt. Ein Produkt, das weiterhin 1,99 Euro kostet, wird als gleich teuer wahrgenommen – selbst wenn die Packung nun 15 Prozent leichter ist. Hinzu kommt, dass viele Verbraucher im Supermarkt unter Zeitdruck stehen und nicht jede Packung auf ihre Grammzahl überprüfen. Die kognitive Last des Einkaufens begünstigt genau jene Trägheit, auf die Hersteller bei dieser Strategie spekulieren.
Verhaltensökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von „Preisankern": Der Verbraucher hat einen bestimmten Preis für ein vertrautes Produkt im Gedächtnis gespeichert. Solange dieser Ankerpreis nicht überschritten wird, registriert das Gehirn keine Veränderung. Eine Mengenreduktion fällt dagegen deutlich seltener auf – zumal die Verpackungsgestaltung oft bewusst so gestaltet ist, dass sie Fülle suggeriert, obwohl der Inhalt abgenommen hat. Luftpolster in Chipstüten oder breite Bodenrillen in Joghurtbechern sind klassische Beispiele für diese Praxis.
Für Supermarktketten wie Edeka, Rewe und Aldi ist Shrinkflation auch eine Gelegenheit, die eigenen Margen zu stabilisieren. Die Händler müssen den reduzierten Wareninhalt nicht proportional mit niedrigeren Einkaufspreisen kompensieren, da die Hersteller die Gewinnmarge durch kleinere Portionen – und nicht durch niedrigere Abgabepreise – schützen. Der Handel profitiert dabei indirekt: Der Regalpreis bleibt optisch stabil, die Marge pro Einheit verbessert sich. Die Zeche zahlt allein der Verbraucher.
Die Rolle der Eigenmarken im Preiskampf
Während die Preise für Markenprodukte erheblich gestiegen sind, entdecken immer mehr Verbraucher die Eigenmarken der Supermarktketten. Marken wie „Ja!" von Rewe, „Gut & Günstig" von Edeka oder die verschiedenen Eigenmarkenlinien bei Aldi und Lidl bieten oft erhebliche Preisvorteile gegenüber bekannten Markenherstellern. Laut GfK-Daten haben Eigenmarken 2023 erstmals einen Marktanteil von über 40 Prozent im deutschen Lebensmitteleinzelhandel erreicht – ein historischer Höchststand.

Die Strategie der Discounter und großen Einzelhandelsketten ist dabei zweiteilig: Zum einen erhöhen sie die Preise für ihre Eigenmarken moderat, bleiben aber dennoch deutlich unter dem Niveau der Markenkonkurrenz. Zum anderen nutzen sie Eigenmarken als Zugpferd, um Kunden in die Filialen zu locken – und dort dann auch bei teureren Markenprodukten zuzugreifen. Das Ergebnis: Der durchschnittliche Einkaufswert pro Kunde steigt, obwohl der Impuls zum Besuch ein günstiges Produkt war.
Derzeit gibt es bei Eigenmarken spürbar weniger Shrinkflation als bei Markenprodukten. Das liegt daran, dass Supermarktketten ihre Eigenmarken einem stärkeren direkten Wettbewerb ausgesetzt sehen. Eine Reduktion der Packungsgröße würde unmittelbar dazu führen, dass der Kunde zur Eigenmarke eines Konkurrenten wechselt – denn die Markentreue, die Hersteller wie Nestlé oder Unilever genießen, existiert bei Handelsmarken kaum. Dies ist ein seltener Fall, in dem funktionierender Wettbewerb dem Verbraucher tatsächlich nützt.
Mengenrabatte und versteckte Preissteigerungen
Ein weiteres Phänomen, das derzeit zu beobachten ist, sind Mengenrabatte, die in Wirklichkeit Preiserhöhungen verschleiern. „3 kaufen, 2 zahlen" klingt attraktiv – doch oft bedeutet dies, dass der Einzelpreis pro Stück zuvor angehoben wurde. Der Rabatt auf die Menge täuscht über die eigentliche Basispreiserhöhung hinweg. Verbraucher, die ein einzelnes Produkt kaufen, zahlen mehr als vor der „Aktion" und bemerken dies häufig nicht, weil sie den alten Vergleichspreis nicht mehr präsent haben.
Auch die sogenannte „Mix & Match"-Strategie wird derzeit häufiger eingesetzt. Kunden sollen mehrere Produkte verschiedener Kategorien kaufen, um einen Rabatt zu erhalten. Dies führt zu höheren Warenkörben und verstärkt die effektive Preissteigerung auf Einzelprodukte, die außerhalb solcher Aktionen erworben werden. Für den Handel ist das Kalkül eindeutig: Wer mehr kauft, gibt insgesamt mehr aus – unabhängig davon, wie günstig der propagierte Rabatt erscheint.
Hinzu kommt die Praxis der sogenannten „temporären Preissenkungen", die in Werbematerialien prominent beworben werden, aber oft nur wenige Tage gelten. Danach kehrt der Preis – häufig auf ein Niveau zurück, das über dem Ausgangsniveau vor der Aktion liegt. Diese Taktik nutzt die begrenzte Preisinnerung der Verbraucher gezielt aus und ist aus Händlerperspektive nahezu risikolos, da kaum jemand im Nachhinein systematisch Preisverläufe dokumentiert.
Was Verbraucher tun können
Der informierte Einkauf ist das wirksamste Gegenmittel. Wer den Grundpreis – also den Preis pro 100 Gramm oder pro Liter – konsequent vergleicht, durchschaut Shrinkflation und versteckte Preiserhöhungen schnell. Im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist die Angabe des Grundpreises seit Jahren gesetzlich vorgeschrieben, wird aber von vielen Verbrauchern kaum genutzt. Dabei liegt die Wahrheit im Regal: Ein Joghurt für 0,59 Euro klingt günstig – bis der Grundpreis zeigt, dass das Konkurrenzprodukt daneben pro 100 Gramm deutlich günstiger ist.
Apps wie „Kaufda" oder der Preisvergleich über Online-Supermarktportale ermöglichen es, Preisveränderungen über Zeit nachzuverfolgen. Verbraucherzentralen empfehlen zudem, bei auffälligen Packungsänderungen eine Beschwerde einzureichen – denn nur dokumentierter öffentlicher Druck hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass Hersteller Praktiken offenlegten oder zurücknahmen.
Strukturell bleibt die Schieflage jedoch bestehen, solange die rechtlichen Anforderungen an Transparenz bei Packungsgrößenänderungen so gering sind wie heute. Auf EU-Ebene werden entsprechende Kennzeichnungsregeln diskutiert, eine verbindliche Richtlinie fehlt jedoch bislang. Bis dahin gilt: Wer seinen Einkaufswagen kontrollieren will, muss selbst genauer hinschauen.
| Produkt | Preisveränderung (12 Monate) | Packungsgrößen-Veränderung | Effektive Preiserhöhung pro 100 g |
|---|---|---|---|
| Käse (Schnittkäse, urspr. 200 g) | +18 % | −15 % (auf 170 g) | ca. +39 % |
| Schokolade (Markentafel, urspr. 100 g) | 0 % (Preis stabil) | −15 % (auf 85 g) | ca. +18 % |
| Müsli (Markenprodukt, urspr. 750 g) | +12 % | −10 % (auf 675 g) | ca. +24 % |
| Chips (Markentüte, urspr. 200 g) | +8 % | −12,5 % (auf 175 g) | ca. +23 % |
| Waschmittel (Tabs, urspr. 40 Stück) | +10 % | −10 % (auf 36 Stück) | ca. +22 % |
Quellen: Verbraucherzentrale Bundesverband, Statistische Bundesamt (Destatis), GfK Consumer Panel; Tabellenwerte sind repräsentative Beispielwerte auf Basis dokumentierter Fälle, keine abschließende Markterhebung.