Politik

Polizeigewerkschaft fordert mehr Personal: Stimmung in den Wachen

Überlastung, Kriminalität, Burn-out — was Polizisten bewegt

Von Julia Schneider 7 Min. Lesezeit Aktualisiert: 06.05.2026
Polizeigewerkschaft fordert mehr Personal: Stimmung in den Wachen

Berlin — Die Polizeiwachen in Deutschland leeren sich aus, während die Einsatzzahlen steigen. Mit dieser Diagnose konfrontiert die Gewerkschaft der Polizei (GdP) derzeit die Bundesregierung und die Länder. Bei ihrer Jahreskonferenz Mitte März fordert GdP-Chef Jochen Kopelke die Schaffung von mindestens 25.000 neuen Vollzeitstellen bundesweit — eine Forderung, die in den Koalitionsgesprächen zwischen Union und SPD längst ein Zankapfel geworden ist. Was sich hinter den Forderungen verbirgt, ist eine Stimmungskrise in den Behörden, die mit bloßen Statistiken nicht zu erfassen ist.

Gespräche mit Beamten aus den größeren Flächenländern zeigen ein konsistentes Bild: Überstunden von 60, 80, manchmal über 100 Stunden monatlich sind der Standard geworden, nicht die Ausnahme. Burnout-Raten unter Polizisten sind in den vergangenen vier Jahren um 23 Prozent gestiegen. Psychische Erkrankungen führen häufiger zur Pensionierung als körperliche Verletzungen. Ein Oberkommissar aus Nordrhein-Westfalen beschreibt gegenüber dieser Redaktion, wie er vor zwei Jahren noch optimistisch in seinen Dienst ging — heute bereite ihm jede Schicht Magenschmerzen. „Wir sind nicht mehr in der Lage, anständige Polizeiarbeit zu leisten", sagt er. „Wir reagieren nur noch auf Brände, statt Prävention zu betreiben."

Bundespolizei Einsatz Nacht Blaulicht Strasse Berlin Polizisten Zennews24
Bundespolizei Einsatz Nacht Blaulicht Strasse Berlin Polizisten Zennews24

Der Fachkräftemangel trifft die Polizei mit besonderer Härte, weil Schichtdienste, geringe Aufstiegschancen und sinkhendes Ansehen in der Gesellschaft zusammenkommen. Anfang 2024 fehlten bundesweit über 18.000 Stellen, eine Quote, die seitdem nicht verbessert wurde. Manche Bundesländer berichten sogar von leicht steigenden Vakanzen. Bayern und Baden-Württemberg fahren verstärkt Nachwuchskampagnen, um überhaupt noch Bewerber zu rekrutieren — und konkurrieren dabei direkt mit privaten Sicherheitsfirmen, die bessere Arbeitszeiten bieten.

Die Zwischenbilanz nach einem Jahr: Wie Bürger die Merz-Regierung bewerten, zeigt: Innere Sicherheit ist für 47 Prozent der Deutschen das wichtigste Politikfeld — ein neuer Höchststand. Doch die Bevölkerung nimmt gleichzeitig wahr, dass Polizeipräsenz sinkt. In Berlin-Neukölln und anderen Problemkiezen sagen Anwohner, dass nächtliche Streifengänge ausfallen, weil Personal fehlt. Das Vertrauen in die Institution Polizei bröckelt.

Der Anstieg der Kriminalität spielt als Verstärker eine große Rolle. Nach vorläufigen Statistiken registrierten Polizeibehörden 2025 etwa 6,2 Millionen Straftaten — ein Anstieg um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders Gewaltdelikte, Raub und sexuelle Übergriffe sind gestiegen. Parallel dazu explodieren die Fallzahlen im Bereich Migration und Asyl, wo die Polizei zunehmend Ordnungsaufgaben übernimmt, die eigentlich in andere Behörden gehörten. Ein Hamburger Polizeirat sagt: „Wir sind längst keine Kriminalpolizei mehr, sondern Verwaltungspolizei. Das zermürbt die beste Mannschaft."

Ampel Streit Eskaliert Lindner Fordert Grundsatzentscheidung 20230814
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Die GdP hat daher in ihrer aktuellen Forderungsliste nicht nur Personalaufwuchs priorisiert, sondern auch technische Modernisierung. Mobile Datengeräte, intelligente Fallverwaltungssysteme und bessere IT-Ausstattung sollen die manuelle Büroarbeit reduzieren — ein Bereich, in dem laut GdP etwa 40 Prozent der Arbeitszeit verloren geht. Ein Polizeipräsident aus Stuttgart beschreibt das Problem so: „Ein Beamter schreibt heute noch Berichte auf Basis von 25 Jahre alten Softwaresystemen. Das ist nicht nur ineffizient, das ist demoralisierend, weil man sich als rückständig vorkommt."

Das Thema Innere Sicherheit: Neue Befugnisse für Polizei und Geheimdienste wird parallel diskutiert, spaltet aber die politischen Lager. CDU und CSU sehen in erweiterten Befugnissen — etwa bei der präventiven Vorratsdatenspeicherung — einen sinnvollen Schritt. Die Grünen warnen vor Überwachung. Doch Personalfragen sind weniger ideologisch aufgeladen. Hier sollte Einigung möglich sein. Dennoch: In den Haushaltsverhandlungen der letzten Monate zeigten sich immer wieder Schwierigkeiten, die nötigen Mittel bereitzustellen.

2020
Polizeibedarfsanalyse fordert 50.000 neue Stellen bundesweit; kaum Umsetzung folgt. GdP warnt vor Unterfinanzierung.
2022–2023
Erste größere Personalzusagen von Ländern und Bund; Rekrutierungscamps scheitern teilweise wegen niedriger Bewerberzahlen.
Sommer 2024
Ampel-Bruch; Thema Innere Sicherheit rückt prominenter in den Fokus. GdP intensiviert Lobbying.
März 2026 (aktuell)
GdP-Jahreskonferenz; Forderung nach 25.000 zusätzlichen Vollzeitstellen. Koalitionsgespräche CDU/CSU–SPD kämpfen mit Finanzierungsfragen.

Die Realität in den Wachen

Was die Statistiken nicht zeigen, ist der alltägliche Verschleiß. Ein Beispiel aus einer Polizeiinspektion in Köln: Die Schicht von 22 bis 6 Uhr wird mit vier statt sechs Beamten besetzt. Das heißt: Zwei Streifenwagen statt drei. Der Bereitschaftsraum ist laut, weil ständig Funksprüche kommen, und trotzdem sind die Wagen nur alle 45 Minuten verfügbar, wenn überhaupt. Ein Überfall auf einen Supermarkt muss warten, bis ein Wagen frei wird. Das ist keine Seltenheit mehr, das ist Standard in vielen Städten.

Die psychische Belastung ergibt sich aus dieser Konstellation von Erwartungshaltung und Wirklichkeit. Polizisten wollen gute Arbeit leisten — das ist für viele der Grund gewesen, in den Beruf zu gehen. Wenn das System aber systematisch verhindert, dass sie ihre Aufgabe erfüllen können, entsteht eine Form von moralischem Injury. Das ist in der Fachliteratur gut dokumentiert, wird aber in der politischen Debatte unterschätzt.

Ein weiterer Punkt: Die Polizei ist zunehmend erste Ansprechstelle für soziale Probleme. Obdachlosigkeit, Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen — diese Themen landen bei der Polizei, weil spezialisierte Behörden unterbesetzt sind. Das Hamburger Modell mit Sozialarbeitern im Streifenwagen ist vielversprechend, lässt sich aber nur umsetzen, wenn die Polizei selbst nicht ohnehin schon am Limit ist. Derzeit können solche innovativen Modelle kaum ausgebaut werden.

Fraktionen und ihre Positionen

Fraktionspositionen: CDU/CSU sieht Personalaufwuchs als unumgänglich und verknüpft dies mit erweiterten Befugnissen für die Polizei. Sie fordern 30.000 neue Stellen und höhere Löhne. | SPD unterstützt Personalzusagen, warnt aber vor einer rein repressiven Sicherheitspolitik; Prävention und Soziales sollten gleichgewichtig finanziert werden. | Grüne akzeptieren Personalaufwuchs, insistieren auf parallelen Ausgaben für Prävention und Digitalisierung. Sie lehnen Befugniserweiterungen ab. | AfD nutzt die Krise zu Stimmungsmache gegen Migration und fordert noch härtere Maßnahmen. | BSW hat das Thema bislang wenig priorisiert; Sahra Wagenknecht konzentriert sich auf Wirtschaft und Frieden.

Die Diskrepanzen zwischen den Fraktionen sind erheblich. CDU und SPD könnten sich wahrscheinlich auf konkrete Stellenzusätze einigen, doch über das Wie wird gestritten. Sollen es bundeseinheitliche Standards sein, oder können Länder eigenverantwortlich handeln? Wer finanziert — Bund oder Länder? Der klassische deutsche Föderalismus-Streit spielt auch hier eine Rolle und verzögert konkrete Maßnahmen.

Finanzierung und politische Hürden

Die Kosten sind erheblich. Jede neue Polizeistelle kostet den Staat etwa 70.000 bis 80.000 Euro jährlich, inklusive Nebenkosten und Ausbildung. 25.000 Stellen bedeuten also mindestens 1,75 Milliarden Euro pro Jahr — eine Summe, die in angespannten Haushaltslagen schwer zu rechtfertigen ist, auch wenn die Sicherheit an sich unumstritten ist.

Ein Problem liegt auch in der Ausbildung. Die Polizeischulen sind selbst nicht ausreichend ausgestattet, um schnell 25.000 Neulinge auszubilden. Baden-Württemberg hat berichtet, dass es drei bis vier Jahre dauert, um Personal nur zu rekrutieren und auszubilden. Das heißt: Selbst wenn die Gelder fließen, zeigen sich Effekte erst mittelfristig.

Die Merz-Regierung hat zwar in ihren ersten Wochen angekündigt, Sicherheit zur Priorität zu machen. Doch die SPD-geführten Länder sind skeptisch, ob Union und SPD auf Bundesebene wirklich die nötigen Summen bewilligen. Es ist ein klassisches Glaubwürdigkeitsproblem: Reden ist leicht, Geld auszugeben in angespannten Zeiten schwer.

Bundesland Vakante Stellen (2025) Geplante Neueinstellungen 2026 Burnout-Quote (in %)
Nordrhein-Westfalen 4.200 2.800 14,2
Bayern 2.900 2.100 11,8
Baden-Württemberg 2.100 1.900 13,5
Berlin 1.800 1.200 17,3
Hessen 1.200 900 12,9

Die Tabelle zeigt die klassische Scherenöffnung: Während NRW und Bayern noch relativ große Neueinstellungspläne haben, zeigt sich in Berlin eine besonders hohe Burnout-Quote. Das liegt auch an der spezifischen Belastung in einer Großstadt mit hoher Kriminalität und kultureller Diversität, die neue Anforderungen an die Polizeiarbeit stellt.

Auch das Thema Migration: Das neue Bundesgesetz und seine Folgen in der Praxis beeinflusst die Polizeibelastung erheblich. Grenzkontrollen, Abschiebungen und die Bearbeitung von Asylverfahren im administrativen Bereich zehren an den Ressourcen. Die Polizei ist längst nicht mehr nur für Strafverfolgung zuständig, sondern auch für Ordnung und Verwaltung im weitesten Sinne.

Ausblick: Was sich ändern muss

Die GdP-Forderungen sind realistisch, aber sie setzen voraus, dass Bund und Länder sich einigen und dass Geld bereitgestellt wird. Derzeit zeichnet sich ab: Es wird zu Zugeständnissen kommen, aber wahrscheinlich nicht in der vollen Höhe. Eine Debatte über 15.000 bis 18.000 neue Stellen statt 25.000 scheint realistisch — immer noch ein großer Schritt, aber eben nicht das, was die GdP fordert.

Parallel muss die Modernisierung der IT vorangetrieben werden. Das ist manchmal weniger sichtbar, aber oft wirkungsvoller als bloßer Personalaufwuchs. Ein vernünftiges digitales System kann 10 bis 15 Prozent administrative Überlastung abbauen.

Interessanterweise spielte diese Debatte auch eine Rolle in den letzten Koalitionsverhandlungen. Der BSW-Phänomen: Warum Sahra Wagenknecht die Linke spaltete, zeigte, dass neue politische Akteure auch alte Fragen neu rahmen können. Wagenknecht hat sich bislang zum Thema Polizei wenig geäußert, aber wenn BSW in Länderregierungen kommt, wird sie sich zu Haushaltsfragen äußern müssen — auch zu Sicherheit.

Die aktuelle Lage in den Wachen ist also nicht nur ein Personalproblem, sondern auch ein Symptom struktureller Verschiebungen. Mehr Aufgaben, weniger Ressourcen, sinkende Bewerberzahlen, steigende psychische Belastung — das ist ein System im Ungleichgewicht. Ob die Merz-SPD-Regierung das ändern will und kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die GdP wird nicht lockerlassen.

Ein Oberkommissar aus Düsseldorf sagt zum Abschluss eines Interviews: „Wenn sich nichts ändert, verlieren wir die Besten. Die gehen zur Schweiz oder in die Privatwirtschaft. Dann haben wir in fünf Jahren eine noch schlechtere Polizei." Das ist keine Drohung, das ist eine Diagnose. Die Frage ist nur, ob die Politik sie ernst nimmt.

Quelle: Gewerkschaft der Polizei, Bundesamt für Statistik, Interviews mit Polizeibehörden aus NRW, Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Hamburg, März 2026

J
Julia Schneider
Gesellschaft & International

Julia Schneider schreibt über gesellschaftliche Trends, internationale Konflikte und humanitäre Themen. Sie hat als Auslandskorrespondentin aus Brüssel und Wien berichtet.