Gesundheit

Quarks: Impfung gegen Krebs? Was die neuen Studien bedeuten

mRNA-Technologie im Kampf gegen Tumore — Quarks erklärt den Stand der Forschung

Von Andreas Koch 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
Quarks: Impfung gegen Krebs? Was die neuen Studien bedeuten
Das Wichtigste in Kürze
  • Wir haben uns diese Woche die aktuelle Quarks-Folge zur mRNA-Technologie im Kampf gegen Krebs angehört — und müssen ehrlich sagen: Das hat uns...

Rund 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Krebs — doch eine Technologie, die ursprünglich für die Corona-Pandemie entwickelt wurde, könnte die Onkologie grundlegend verändern. Die mRNA-Impfstoffe gegen Tumore sind kein Science-Fiction mehr: Erste Studienergebnisse sind vielversprechend genug, dass Zulassungsbehörden weltweit die Entwicklung beschleunigen.

Die Wissenschaftssendung Quarks hat sich zuletzt ausführlich mit dieser Frage beschäftigt und dabei eine ernüchternde wie gleichzeitig hoffnungsvolle Antwort gegeben: Ja, es gibt echte Fortschritte. Aber nein, die Impfung gegen Krebs ist noch nicht da. Was hinter den Schlagzeilen steckt, was die Daten wirklich sagen — und was das für Patientinnen und Patienten bedeutet.

Was ist eine Krebs-Impfung überhaupt?

Der Begriff „Impfung" ist im Zusammenhang mit Krebs erklärungsbedürftig. Klassische Impfungen richten sich gegen Krankheitserreger — sie trainieren das Immunsystem, einen Virus oder ein Bakterium zu erkennen und zu bekämpfen, bevor eine Infektion eintritt. Bei Krebs ist das Prinzip ähnlich, aber der Feind ist ein anderer: die körpereigene entartete Zelle.

Tumorzellen tragen auf ihrer Oberfläche veränderte Eiweißstrukturen, sogenannte Neoantigene. Diese entstehen durch Mutationen im Erbgut und unterscheiden sich von gesunden Körperzellen. Genau hier setzt die neue Generation von Krebsimpfstoffen an: Sie programmieren das Immunsystem darauf, diese spezifischen Merkmale zu erkennen und gezielt anzugreifen. Die mRNA-Technologie — bekannt aus den COVID-19-Impfstoffen von BioNTech und Moderna — liefert dabei die Bauanleitung für diese Immunreaktion.

Es gibt zwei grundlegende Ansätze: präventive Impfstoffe, die verhindern sollen, dass Krebs überhaupt entsteht, und therapeutische Impfstoffe, die gegen einen bereits bestehenden Tumor eingesetzt werden. Der prominenteste Vertreter der Prävention ist seit Langem der HPV-Impfstoff, der vor bestimmten Krebsarten schützt, die durch das Humane Papillomavirus ausgelöst werden. Das ist bereits etablierte Realität. Die eigentliche Revolution, über die Quarks berichtet, betrifft jedoch die therapeutischen Ansätze.

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Die aktuellen Studiendaten — was wirklich belegt ist

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Studienlage: In einer Phase-2b-Studie von BioNTech und MSD (Merck) mit dem mRNA-Impfstoff mRNA-4157/V940 in Kombination mit dem Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab bei malignem Melanom (schwarzer Hautkrebs) zeigte sich nach rund drei Jahren Nachbeobachtungszeit eine Reduktion des Risikos für Rückfall oder Tod um 49 Prozent im Vergleich zur alleinigen Pembrolizumab-Therapie. Die Studie umfasste 157 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Stadium-III/IV-Melanom nach chirurgischer Entfernung des Tumors. (Quelle: New England Journal of Medicine Evidence, BioNTech SE) — Parallel laufen Phase-3-Studien, deren Ergebnisse noch ausstehen. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs zeigte ein individualisierter mRNA-Impfstoff in einer kleinen Phase-1-Studie (16 Patienten) an der Memorial Sloan Kettering Cancer Center, dass bei 8 von 16 Patienten eine messbare T-Zell-Antwort ausgelöst wurde; 3 Jahre nach Behandlung waren diese Patienten rückfallfrei. (Quelle: Nature, 2023)

Diese Zahlen klingen beeindruckend — und das sind sie auch. Allerdings mahnen Expertinnen und Experten zur Vorsicht bei der Interpretation. Phase-2-Studien sind wichtige Meilensteine, aber keine abschließenden Beweise. Die Fallzahlen sind für oncologische Verhältnisse noch vergleichsweise klein, die Beobachtungszeiträume begrenzt. Ob die beobachteten Effekte sich in der breiten Bevölkerung und über viele Jahre replizieren lassen, müssen Phase-3-Studien erst noch zeigen.

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) bewertet die mRNA-basierten Krebsimpfstoffe als einen der vielversprechendsten Ansätze der personalisierten Medizin — unterstreicht aber, dass die klinische Praxis noch Jahre von einer breiten Anwendung entfernt sei. Ähnlich äußert sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die die Technologie im Rahmen ihrer Krebsprävention-Strategie zwar als prioritäre Forschungsrichtung benennt, aber keine überzogenen Erwartungen wecken will.

Das Besondere: Individualisierte Therapie

Was die neue Generation therapeutischer Krebsimpfstoffe von bisherigen Therapien fundamental unterscheidet, ist ihre Personalisierung. Das Verfahren funktioniert grob vereinfacht so: Aus dem Tumor des Patienten oder der Patientin wird Gewebe entnommen und genomisch analysiert. Ein Algorithmus identifiziert jene Mutationen, die den Tumor von gesunden Zellen unterscheiden. Daraus wird ein maßgeschneiderter mRNA-Impfstoff hergestellt, der genau auf diese individuellen Neoantigene zugeschnitten ist.

Das bedeutet: Zwei Patientinnen mit derselben Krebsdiagnose könnten theoretisch zwei völlig unterschiedliche Impfstoffe erhalten. Diese Individualität ist medizinisch sinnvoll, weil Tumore genetisch hochvariabel sind. Sie ist aber auch der Grund, warum Produktion, Qualitätskontrolle und Zulassung dieses Ansatzes enorm komplex und teuer sind. Die Herstellungszeit für einen personalisierten Impfstoff beträgt derzeit noch mehrere Wochen — für manche Krebserkrankungen mit raschem Fortschreiten ist das ein kritischer Faktor.

Forschende arbeiten deshalb parallel an halbindividualisierten und nicht-individualisierten Ansätzen, die häufige Mutationen abdecken, die bei bestimmten Tumortypen besonders verbreitet sind. Hier könnten eher klassische Zulassungsverfahren greifen.

Welche Tumorarten im Fokus stehen

Derzeit konzentriert sich die Forschung auf Krebsarten, bei denen die Datenlage am weitesten fortgeschritten ist:

  • Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs): Hier sind die Daten am robustesten; Phase-3-Studien laufen.
  • Nicht-kleinzelliges Lungenkarzinom (NSCLC): Mehrere Studien untersuchen mRNA-Impfstoffe in Kombination mit Immuntherapie.
  • Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskarzinom): Bislang eine der am schwersten behandelbaren Krebsarten; frühe Daten geben Anlass zur Hoffnung.
  • Darmkrebs (kolorektales Karzinom): Studien laufen, vor allem bei Hochrisikopatienten nach Operation.
  • Brustkrebs: Verschiedene molekulare Subtypen werden untersucht; Fokus auf dreifach-negativem Brustkrebs.
  • Blasenkrebs und Nierenkrebs: Frühe klinische Phasen.

Bei allen diesen Tumorarten wird die Impfung nicht als Monotherapie, sondern als Ergänzung zu bestehenden Behandlungen — Operation, Chemotherapie, Immuntherapie — erprobt. Das Ziel ist meist, Rückfälle nach erfolgreicher Erstbehandlung zu verhindern oder die Wirksamkeit anderer Therapien zu verstärken.

Was die mRNA-Technologie ermöglicht — und was nicht

Die Begeisterung für mRNA-basierte Krebstherapien ist teilweise eine Folge des Vertrauensbonus, den diese Technologie durch die COVID-19-Impfstoffe erhalten hat. Zu Recht: Die Plattform hat bewiesen, dass sie schnell skalierbar, gut verträglich und immunologisch wirksam ist. Die Grundprinzipien, die bei BioNTech/Pfizer und Moderna gegen SARS-CoV-2 eingesetzt wurden, lassen sich biologisch auf Krebsantigene übertragen.

Das Robert Koch-Institut (RKI) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass präventive Krebsimpfstoffe — also jene, die vor einer Krebsentstehung schützen — bereits jetzt einen wesentlichen Beitrag zur Krebsprävention leisten: Die HPV-Impfung senkt das Risiko für Gebärmutterhalskrebs nachweislich stark. Hier ist der Nutzen keine Zukunftsvision, sondern gelebte Praxis. Für Menschen zwischen 9 und 14 Jahren empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die Impfung ausdrücklich.

Doch bei therapeutischen mRNA-Impfstoffen gegen Tumore ohne Infektionshintergrund ist die Lage komplizierter. Das Immunsystem muss dazu gebracht werden, körpereigene — wenn auch entartete — Zellen als Feinde zu erkennen. Tumore haben zudem Mechanismen entwickelt, um sich dem Immunsystem zu entziehen: Sie unterdrücken Immunreaktionen aktiv. Die Impfung allein reicht deshalb oft nicht aus. Die Kombination mit sogenannten Checkpoint-Inhibitoren, die diese Unterdrückungsmechanismen blockieren, gilt derzeit als vielversprechendster Ansatz.

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie Immuntherapien und Impfansätze in der modernen Onkologie zusammenwirken, findet ergänzende Einordnung in unserem Überblick zur Krebsfrüherkennung: Was wirklich sinnvoll ist.

Was Betroffene und Angehörige jetzt wissen sollten

Die Frage, die viele Patientinnen und Patienten umtreibt: Kann ich einen solchen Impfstoff jetzt bekommen? Die ehrliche Antwort lautet: In der Regel nur im Rahmen klinischer Studien. Personalisierte mRNA-Krebsimpfstoffe sind noch nicht zugelassen. Wer an einer schwerwiegenden Krebserkrankung leidet und Interesse an Studienteilnahmen hat, sollte das Gespräch mit der behandelnden onkologischen Fachärztin oder dem Facharzt suchen. Universitätskliniken und zertifizierte Tumorzentren bieten häufig Zugang zu laufenden Studien.

Wichtig zu wissen: Die Teilnahme an klinischen Studien ist freiwillig und unterliegt strengen ethischen und regulatorischen Auflagen. Niemand wird zu einer experimentellen Therapie gedrängt — und die Standardversorgung bleibt in jedem Fall erhalten.

Darüber hinaus lohnt sich der Blick auf bestehende und bewährte Präventionsmaßnahmen. Denn unabhängig vom Fortschritt der Impfforschung gilt: Früherkennung rettet Leben. Wer die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, erhöht die Chance auf eine rechtzeitige Diagnose erheblich. Ein guter Überblick findet sich in unserem Artikel zu Krebsfrüherkennung: Welche Vorsorge wann Pflicht ist.

Was Forschende als nächste Schritte erwarten

Die entscheidenden Weichen werden in den kommenden Jahren gestellt. Mehrere laufende Phase-3-Studien — darunter die sogenannte KEYNOTE-942-Studie von BioNTech und MSD — werden zeigen, ob die positiven Signale aus früheren Studien sich bestätigen lassen. Zulassungsbehörden wie die europäische EMA und die amerikanische FDA haben signalisiert, dass sie beschleunigte Prüfverfahren für besonders vielversprechende Kandidaten in Betracht ziehen.

Parallel dazu laufen Studien, die mRNA-Krebsimpfstoffe mit verschiedenen Immuntherapien, Strahlentherapien und sogar anderen Impfstoffplattformen kombinieren. Ziel ist es, Synergien zu nutzen und die Wirksamkeit weiter zu steigern. Die Forschungsgemeinschaft ist sich einig: Es handelt sich nicht um eine einmalige Wunderwaffe, sondern um einen Baustein innerhalb einer zunehmend individualisierten Krebsbehandlung.

Interessant ist in diesem Kontext auch der Vergleich mit anderen Impfentwicklungen: Wie bei der Grippeimpfung: Wer profitiert — und wer nicht gilt auch hier, dass Impfstoffe selten für alle Menschen gleich gut funktionieren. Alter, Immunstatus, Tumorbiologie und Begleiterkrankungen spielen eine Rolle.

Handlungsempfehlungen für Patientinnen, Patienten und Angehörige

  • HPV-Impfung nutzen: Die einzige derzeit zugelassene präventive Krebsimpfung (gegen HPV-assoziierte Krebsarten) sollte laut STIKO-Empfehlung im Kindes- und Jugendalter wahrgenommen werden.
  • Vorsorge ernst nehmen: Regelmäßige Krebsfrüherkennungsuntersuchungen — Darmspiegelung, Mammographie, Hautkrebs-Screening — bleiben die wirksamste aktuell verfügbare Strategie.
  • Informationsquellen prüfen: Bei Berichten über Krebsimpfstoffe in sozialen Medien kritisch bleiben — viele Meldungen übertreiben den aktuellen Forschungsstand.
  • Studienteilnahme erfragen: Wer an Krebs erkrankt ist und Interesse an neuen Therapieoptionen hat, sollte aktiv nach laufenden klinischen Studien fragen — am besten in zertifizierten Onkologiezentren.
  • Lebensstil nicht vernachlässigen: Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und übermäßiger Alkoholkonsum erhöhen das Krebsrisiko erheblich — Impfstoffe ersetzen keine gesundheitsfördernden Verhaltensweisen.
  • Mit Fachärztinnen und -ärzten sprechen: Keine Therapieentscheidung ohne onkologische Fachberatung treffen — die individuelle Situation ist stets maßgeblich.

Für Menschen, die ihren Lebensstil umfassend im Blick behalten wollen, bietet auch unser Bericht zu Sporternährung: Mythen und was Studien sagen relevante Einordnung — denn körperliche Aktivität und ausgewogene Ernährung zählen zu den am besten belegten Schutzfaktoren gegen bestimmte Krebsarten.

Einordnung: Hoffnung mit Maß

Quarks hat mit seiner Aufarbeitung des Themas etwas geleistet, was im medialen Diskurs über Krebsimpfstoffe häufig fehlt: nüchterne Einordnung ohne Sensationalisierung. Die mRNA-Technologie bietet real vielversprechende Ansätze. Die Daten sind ermutigend. Aber zwischen „vielversprechend" und „zugelassen und verfügbar" liegt noch ein langer Weg — mit weiteren Studien, regulatorischen Hürden und offenen Fragen zur Langzeitwirksamkeit.

Das bedeutet keine Entmutigung. Im Gegenteil: Der Fortschritt in diesem Bereich ist in den letzten Jahren deutlich schneller vorangeschritten als von vielen erwartet. Die Grundlagenforschung aus Jahrzehnten verbindet sich jetzt mit einer Plattformtechnologie, die ihre Praxistauglichkeit bereits bewiesen hat. Es ist realistisch anzunehmen, dass die ersten mRNA-basierten therapeutischen Krebsimpfstoffe in absehbarer Zeit eine Zulassung erhalten könnten — zunächst für spezifische Krebsarten in definierten Risikogruppen.

Wer das Thema weiter verfolgen möchte: Quarks produziert regelmäßig Beiträge, die wissenschaftliche Komplexität für ein breites Publikum zugänglich machen — ähnlich wie die Redaktion das bei verwandten Gesundheitsthemen getan hat, etwa in der Aufarbeitung zu

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