ZenNews24› Regional› Overtourism auf Rügen: Einheimische leiden Regional Overtourism auf Rügen: Einheimische leiden Zu viele Besucher, zu wenig Infrastruktur: Wie Rügen seinen Ruf retten will Von Sarah Müller 27.02.2026, 08:16 Uhr 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 07.05.2026 Das Wichtigste in Kürze In der aktuellen NDR-Reportage über Massentourismus auf der Ostseeinsel Rügen wird ein Phänomen diskutiert, das längst zum Albtraum für Einheimische... Rund 8,5 Millionen Übernachtungen verzeichnet Rügen jedes Jahr – auf einer Insel mit gerade einmal 63.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Was einst als Erfolgsgeschichte des deutschen Tourismus galt, ist für viele Rüganer längst zum Albtraum geworden: überfüllte Strände, kollabierender Nahverkehr, explodierende Mieten und eine Infrastruktur, die schlicht nicht für diese Last gebaut wurde.InhaltsverzeichnisWenn das eigene Zuhause zur Touristenkulisse wirdDie Auswirkungen auf den Alltag der BevölkerungReaktionen aus Gemeinderat und VerwaltungModelle aus anderen Regionen – was Rügen lernen könnteWas jetzt gefordert wird Wenn das eigene Zuhause zur Touristenkulisse wird Petra Sander lebt seit über dreißig Jahren in Binz, dem bekanntesten Seebad der Insel. In diesem Sommer hat sie erstmals ernsthaft darüber nachgedacht, wegzuziehen. „Man kommt im Juli und August kaum noch zum Bäcker, ohne sich durch Menschenmassen zu schieben", sagt die 58-jährige Krankenschwester. „Parkplätze gibt es keine, die Busse sind übervoll, und die Mieten steigen so schnell, dass meine Kinder sich Rügen schlicht nicht mehr leisten können." Sander steht mit dieser Frustration nicht allein. Der Tourismus auf Rügen hat in den vergangenen Jahren eine Dimension angenommen, die Fachleute als klassisches Overtourism-Phänomen einordnen: zu viele Besucherinnen und Besucher auf zu engem Raum, mit zu wenig begleitender Infrastruktur. Die Folgen sind vielschichtig, sie betreffen Wohnen, Umwelt, Verkehr und das soziale Gefüge der Gemeinden gleichermaßen. Lokale Zahlen: Rügen verzeichnet laut Statistischem Amt Mecklenburg-Vorpommern aktuell rund 8,5 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Auf den Spitzentagen der Hauptsaison reisen bis zu 100.000 Tagesgäste zusätzlich auf die Insel. Der durchschnittliche Mietpreis für eine 70-Quadratmeter-Wohnung in Binz liegt derzeit bei über 1.200 Euro kalt – ein Anstieg von mehr als 40 Prozent in den letzten fünf Jahren. Über 4.000 Ferienwohnungen sind auf Rügen bei einschlägigen Buchungsplattformen registriert, während der Leerstand für Einheimische nahezu null beträgt. Der ÖPNV auf der Insel bedient täglich rund 18.000 Fahrgäste – die Kapazitätsgrenze ist nach Angaben des Kreises Vorpommern-Rügen an Spitzentagen regelmäßig überschritten. (Quelle: Statistisches Amt Mecklenburg-Vorpommern, Landkreis Vorpommern-Rügen) Die Auswirkungen auf den Alltag der Bevölkerung Ostsee Kueste Strand Ruegen Kreideküste Wellen Sommer Die Probleme, die Overtourism in der Praxis erzeugt, sind keine abstrakten Statistiken. Sie sind im Alltag der Inselbewohner spürbar – täglich, konkret, manchmal demütigend. Der Gemeinderat von Binz hat die Beschwerden der Bevölkerung in den letzten Jahren systematisch dokumentiert. Das Ergebnis ist ein dichtes Bild struktureller Überlastung.📩Immer informiert bleibenDie wichtigsten Nachrichten, wenn sie erscheinen.Newsletter holen Wohnraumkrise: Immer mehr Wohnungen werden aus dem regulären Mietmarkt herausgenommen und als Ferienwohnungen vermietet. Für Pflegekräfte, Erzieherinnen und Handwerker ist bezahlbarer Wohnraum kaum noch zu finden. Überlasteter ÖPNV: Busse der Linie Binz–Sassnitz fahren in der Hochsaison regelmäßig überfüllt ab. Einheimische berichten, dass sie an Haltestellen zurückgelassen werden, weil kein Platz mehr vorhanden ist. Verdrängung aus dem Einzelhandel: Wo früher Lebensmittelhändler und Apotheken waren, dominieren in Zentrumslagen heute Souvenirboutiquen und Eisdielen. Die Grundversorgung der Bevölkerung rückt an die Ränder der Orte. Naturschäden: Dünenbereiche und Waldzugänge zeigen deutliche Erosionsspuren. Der NABU Mecklenburg-Vorpommern warnt vor dauerhaften Schäden an sensiblen Küstenbiotopen, insbesondere rund um den Nationalpark Jasmund. Lärmbelastung und Sicherheit: In den Sommermonaten klagen Anwohnerinnen und Anwohner über nächtlichen Lärm, Falschparker auf Rettungswegen und eine spürbar erhöhte Unfallgefahr auf den Küstenstraßen. Steigende Lebenshaltungskosten: Supermärkte, Gaststätten und Dienstleister haben ihre Preise an das Touristenniveau angepasst – zum Nachteil der Einheimischen, deren Löhne nicht entsprechend gewachsen sind. Reaktionen aus Gemeinderat und Verwaltung Thomas Heilmann, Bürgermeister der Gemeinde Binz, spricht von einer „Gratwanderung, die wir nicht länger ignorieren können." In einer Gemeinderatssitzung, die im Frühjahr breite lokale Aufmerksamkeit erregt hat, sagte er: „Wir sind dankbar für jeden Gast, der Arbeit und Steuereinnahmen bringt. Aber wir haben eine Pflicht gegenüber unseren eigenen Bürgern, und die haben wir in den letzten Jahren vernachlässigt." Der Gemeinderat hat daraufhin eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die konkrete Regulierungsmaßnahmen erarbeiten soll. Auch auf Kreisebene ist das Thema angekommen. Der Landkreis Vorpommern-Rügen hat in einer Stellungnahme angekündigt, die Vergabe neuer Genehmigungen für Ferienwohnungen in besonders belasteten Ortschaften zu überprüfen. „Wir müssen steuern, nicht verbieten", heißt es aus dem Kreishaus in Bergen auf Rügen. Konkrete Beschlüsse stehen allerdings noch aus. Das Tourismusamt des Landkreises verweist auf bestehende Lenkungsmaßnahmen, etwa gezielte Informationskampagnen zu weniger frequentierten Teilen der Insel. „Rügen hat mehr als nur Binz und Sellin zu bieten", sagt Amtsleiterin Carola Wendt. „Wir versuchen, Besucherströme besser zu verteilen." Kritiker halten dagegen: Ohne verbindliche Steuerungsinstrumente sei das nicht mehr als Werbung mit anderem Vorzeichen. Ferienwohnungen: Das ungeklärte Kernproblem Ein zentraler Streitpunkt ist die Regulierung des Ferienwohnungsmarktes. In Gemeinden wie Sellin, Göhren und Baabe hat der Anteil touristisch genutzter Immobilien am Gesamtwohnbestand mittlerweile ein Niveau erreicht, das Stadtplaner als kritisch einstufen. Wer heute eine Wohnung auf Rügen kauft, tut das in der Regel nicht zum Eigengebrauch, sondern als Kapitalanlage mit Vermietungsoption. Die Gemeindeverwaltung Sellin hat als eine der ersten Kommunen auf der Insel eine Satzung auf den Weg gebracht, die Zweckentfremdung von Wohnraum für touristische Nutzung unter Genehmigungsvorbehalt stellt. Das Modell orientiert sich an ähnlichen Regelungen, die in deutschen Großstädten wie Berlin oder Hamburg bereits etabliert sind. Ob es auf Inselebene die gewünschte Wirkung entfaltet, wird von Fachleuten skeptisch bewertet – die Nachfrage sei schlicht zu hoch und die Kontrollkapazitäten der Behörden zu gering. Interessant ist in diesem Kontext der Blick auf andere Regionen Deutschlands: Wie Städte und Gemeinden über Mobilitätskonzepte und stadtplanerische Maßnahmen Wohnraumdruck abbauen wollen, zeigt etwa das Beispiel der Bundeshauptstadt. Der Berliner Senat beschließt neue Maßnahmen zur Verkehrswende, die auch zum Ziel haben, den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren – ein Ansatz, der auf Rügen bislang kaum diskutiert wird, obwohl der Pkw-Zustrom in der Hauptsaison eines der drängendsten Probleme ist. Wirtschaft gespalten: Profiteure und Verlierer Die lokale Wirtschaft spricht nicht mit einer Stimme. Gastwirte, Hotelbetreiber und Vermieter touristischer Unterkünfte profitieren unmittelbar vom Besucherrekord. „Unsere Saison war noch nie so lang wie in den letzten Jahren", sagt Dirk Möller, der ein mittelgroßes Hotel in Binz betreibt. „Wir sind bis in den Oktober ausgebucht. Das sichert Arbeitsplätze."Bildmaterial: ZenNews24 Mediathek Doch Handwerksbetriebe, Pflegeeinrichtungen und der Einzelhandel sehen das anders. Das Handwerk auf Rügen kämpft mit akutem Fachkräftemangel – nicht weil es keine Bewerber gäbe, sondern weil potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keinen bezahlbaren Wohnraum finden. „Wir haben im letzten Jahr vier qualifizierte Bewerber verloren, weil sie schlicht keine Wohnung auf der Insel fanden", berichtet Stefan Krüger, Inhaber eines Elektrobetriebs in Bergen. „Das ist kein touristisches Problem. Das ist ein strukturelles Versagen." Die Wirtschaftsförderung des Landkreises Vorpommern-Rügen sieht die Situation differenziert. „Tourismus ist und bleibt die wirtschaftliche Lebensader der Insel", heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Aber wir erkennen, dass unkontrolliertes Wachstum langfristig auch den Tourismus selbst gefährdet. Wenn Einheimische wegziehen, verlieren wir die Arbeitskräfte, die den Gästen den Service bieten, für den sie nach Rügen kommen." Modelle aus anderen Regionen – was Rügen lernen könnte International diskutierte Gegenmaßnahmen – Besucherobergrenzen, Kurtaxe-Staffelungen, Zugangskontrollen für Naturschutzgebiete – sind auf Rügen bislang nicht systematisch umgesetzt worden. Der Vergleich mit anderen Krisenregionen ist ernüchternd: Städte wie Barcelona oder Amsterdam haben jahrelang gewartet, bevor sie zu Regulierung griffen, und zahlen bis heute einen hohen gesellschaftlichen Preis dafür. In Deutschland sind es vor allem Küstenregionen, die unter ähnlichen Symptomen leiden. Overtourism auf Rügen: Insel an Grenzen – diese Diagnose ist keine neue, sie wird seit Jahren gestellt, ohne dass verbindliche politische Konsequenzen gefolgt wären. Dass sich das ändert, hängt auch vom politischen Willen auf Landesebene ab. Mecklenburg-Vorpommerns Landesregierung hat bislang keine übergeordnete Tourismus-Steuerungsstrategie vorgelegt, die explizit auf Overtourism-Prävention ausgerichtet ist. Das Tourismusministerium verweist auf die Eigenverantwortung der Kommunen. Kritiker aus dem Gemeinderat Bergen bezeichnen das als „Verantwortung, die nach unten durchgereicht wird, ohne die nötigen Mittel mitzuschicken." Ähnliche Debatten über Infrastruktur und Belastungsgrenzen werden auch in anderen Bundesländern geführt. So hat etwa die Diskussion rund um Flut in Bayern: Hochwasser übersteigt Pegelrekorde gezeigt, wie schnell natürliche Systeme an ihre Grenzen stoßen, wenn Besiedlungs- und Nutzungsdruck unkontrolliert wachsen – eine Parallele, die Umweltplaner auch für Rügens Küstenökosystem ziehen. Was jetzt gefordert wird Aus Sicht von Kommunalpolitikern, Anwohnerinitiativen und Umweltverbänden sind konkrete Schritte überfällig. Der Runde Tisch „Rügen 2030", dem Vertreter aus Gemeinderäten, dem NABU, der Handwerkskammer und der Tourismusindustrie angehören, hat einen Maßnahmenkatalog erarbeitet, der unter anderem folgende Punkte umfasst: Erstens: Eine landesweite Zweckentfremdungsschutzverordnung, die Kommunen wirksame Instrumente gegen die Umwandlung von Wohnraum in Ferienwohnungen gibt. Zweitens: Eine Erhöhung und zweckgebundene Verwendung der Kurtaxe für Infrastrukturmaßnahmen, insbesondere im ÖPNV. Drittens: Die Einführung von Besucherobergrenzen in ökologisch sensiblen Bereichen wie dem Nationalpark Jasmund und dem Kap Arkona. Viertens: Ein Förderprogramm für einheimische Familien und Fachkräfte beim Erwerb von Wohneigentum, das Rückkehr und Sesshaftigkeit belohnt. Ob diese Maßnahmen politisch mehrheitsfähig sind, bleibt offen. Die tourismusindustrielle Lobby ist auf Rügen erheblich, und Einnahmen aus dem Fremdenverkehr finanzieren kommunale Haushalte zu einem nicht unerheblichen Teil. Die Herausforderung besteht darin, einen Wirtschaftszweig zu bändigen, von dem man gleichzeitig abhängig ist. Wie andere deutsche Großstädte mit dem Zielkonflikt zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Lebensqualität umgehen, zeigt der Blick auf die Bundeshauptstadt: Berlin beschleunigt Verkehrswende mit neuem Mobilitätsplan – auch dort steht die Frage im Zentrum, wie urbane und regionale Räume für ihre eigene Bevölkerung lebenswert bleiben können, wenn der Druck von außen wächst. Auf eine ähnliche, landesplanerisch abgestimmte Strategie warten Rügens Einwohnerinnen und Einwohner noch. Petra Sander aus Binz möchte nicht wegziehen. Sie sagt, sie liebe ihre Insel, ihren Blick auf die Ostsee, die Stille im Oktober, wenn die Gäste wieder weg sind. „Aber genau das ist das Problem", sagt sie. „Wir leben hier vier Monate wie auf einem Jahrmarkt und den Rest des Jahres fragen wir uns, ob wir uns das nächste Mal noch leisten können, hier zu bleiben." Es ist eine Frage, auf die Rügens Politik dringend eine Antwort finden muss – bevor die Einheimischen selbst zur aussterbenden Spezies auf ihrer eigenen Insel werden. Mehr zum ThemaKölns Tourismus: Zu viele Besucher, weniger LebensqualitätHafengeburtstag in Hamburg: Historiker hinterfragt TraditionWilhelma Stuttgart öffnet Gebäude nach Übergriffen auf Kinder wieder Teilen Teilen X Facebook WhatsApp Link kopieren Wie findest du das? 🔥 0 😲 0 🤔 0 👍 0 😢 0 Regional Overtourism Rügen Einheimische Besucher S Sarah Müller Sport & Regional Sarah Müller berichtet über Bundesliga, Leichtathletik und regionale Sportthemen. Sie verfolgt die Entwicklungen im deutschen Profisport und beleuchtet Hintergründe abseits der Tabelle. 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