Gesundheit

Überreaktion des Immunsystems: »Die Sepsis ist ein echter Killer«

Jährlich sterben 75.000 Menschen in Deutschland an Sepsis – doch Früherkennung und spezialisierte Nachsorge können Leben retten.

Von ZenNews24 Redaktion 3 Min. Lesezeit
Überreaktion des Immunsystems: »Die Sepsis ist ein echter Killer«
Das Wichtigste in Kürze
  • Sepsis gehört zu den gefährlichsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten medizinischen Notfallsituationen in Deutschland
  • Während Krebs und Herzinfarkt breite öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, sterben jährlich etwa 75.000 Menschen hierzulande an den Folgen dieser lebensbedrohlichen Immunreaktion
  • Prof

Sepsis gehört zu den gefährlichsten und gleichzeitig am meisten unterschätzten medizinischen Notfallsituationen in Deutschland. Während Krebs und Herzinfarkt breite öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, sterben jährlich etwa 75.000 Menschen hierzulande an den Folgen dieser lebensbedrohlichen Immunreaktion. Prof. Dr. Christian Karagiannidis, Intensivarzt und Sepsis-Experte, bringt es auf den Punkt: „Die Sepsis ist ein echter Killer. Sie kommt oft unauffällig und schnell, und wer überlebt, kämpft oft jahrelang mit den Folgen."

Was ist Sepsis und wie entsteht sie?

Sepsis ist eine systemische Entzündungsreaktion des Körpers auf eine Infektion – bakteriell, viral oder durch Pilze ausgelöst. Anders als bei einer lokalen Infektion greift die Entzündungsreaktion auf den gesamten Organismus über. Das Immunsystem schüttet dabei massenhaft Entzündungsbotenstoffe aus, die nicht nur Krankheitserreger bekämpfen, sondern auch körpereigenes Gewebe schädigen. Diese unkontrollierte Reaktion kann zu Organversagen, Gerinnungsstörungen und lebensbedrohlichem Blutdruckabfall führen.

Jede Infektion kann zur Sepsis führen – von einer Wundinfektion bis zur Lungenentzündung. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Personen mit Immunschwäche oder chronischen Erkrankungen sowie intensivmedizinisch behandelte Patienten. Grundsätzlich kann jedoch jeder an Sepsis erkranken, unabhängig von Alter und Vorerkrankungen.

Die Warnsignale erkennen

Das Tückische an Sepsis ist, dass ihre Anzeichen zunächst unspezifisch wirken. Folgende Symptome sollten in Kombination mit einer bekannten oder vermuteten Infektion unmittelbar zum Notruf führen:

  • Hohes Fieber über 38,5 °C oder Untertemperatur unter 36 °C in Verbindung mit Schüttelfrost
  • Deutlich erhöhte Herzfrequenz (über 90 Schläge pro Minute) und beschleunigte Atmung
  • Plötzliche Verwirrtheit oder Desorientierung, die nicht anderweitig erklärbar ist
  • Fleckige, blasse oder gräuliche Haut, besonders an Händen, Füßen und Lippen
  • Extremer Schwächezustand mit dem Gefühl, ernsthaft krank zu sein
  • Stark verminderter oder ausbleibender Urinausscheidung als Zeichen beginnenden Nierenversagens

Der Sepsis-Verdacht ist ein medizinischer Notfall. Wer zwei oder mehr dieser Symptome im Zusammenhang mit einer Infektion beobachtet, sollte sofort den Notruf 112 wählen. Jede Minute ohne Behandlung verschlechtert die Prognose messbar.

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Sepsis in Zahlen – Die deutsche Situation

Jährliche Sepsis-Fälle in Deutschland: ca. 280.000 bis 300.000
Todesfälle durch Sepsis: ca. 75.000 pro Jahr
Sterblichkeitsquote: etwa 25–30 % aller Sepsis-Patienten
Anteil an Krankenhaussterblichkeit: jeder 5. Todesfall in deutschen Krankenhäusern
Patienten mit Langzeitfolgen: ca. 50–60 % der Überlebenden
Behandlungskosten pro Sepsis-Fall: durchschnittlich 25.000–40.000 Euro
Gesamtbelastung für das Gesundheitssystem: ca. 7–9 Milliarden Euro pro Jahr

Quellen: Deutsche Sepsis-Gesellschaft, Deutsches Netzwerk Sepsis (DNetSepsis), Robert Koch-Institut

Was die Forschung sagt – aktuelle Studienlage

Die wissenschaftliche Evidenz zur Sepsis-Versorgung verdichtet sich. Wichtige Erkenntnisse im Überblick:

  • Eine Studie im Fachmagazin The Lancet (2020) schätzt die globale Sepsis-Sterblichkeit auf 11 Millionen Todesfälle jährlich – mehr als durch Krebs.
  • Das „Hour-1 Bundle" der Surviving Sepsis Campaign belegt, dass Antibiotikagabe und Volumentherapie innerhalb der ersten Stunde die Sterblichkeit um bis zu 25 % senken können.
  • Eine Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO, 2023) zeigt, dass Sepsis in deutschen Krankenhäusern häufig erst im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wird – ein strukturelles Problem der Versorgung.
  • Laut einer Metaanalyse im Critical Care Medicine Journal (2022) entwickeln etwa 56 % aller Sepsis-Überlebenden innerhalb eines Jahres mindestens eine chronische Folgeerkrankung.
  • Spezialisierte Post-Sepsis-Nachsorgeprogramme reduzieren laut Daten der Universität Jena Rehospitalisierungsraten im ersten Jahr nach Entlassung um bis zu 30 %.

Das Überleben ist oft nur der Anfang

Die medizinische Fachwelt arbeitet intensiv daran, die akute Sterblichkeit bei Sepsis zu senken. Dabei gerät ein anderes Problem ins Hintertreffen: das sogenannte Post-Sepsis-Syndrom (PSS). Etwa die Hälfte aller Überlebenden entwickelt chronische körperliche oder psychische Folgeprobleme. Häufig beschrieben werden permanente Erschöpfung, Muskelschwäche, kognitive Einschränkungen wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie psychische Belastungen wie Depressionen und Angststörungen.

Experten fordern deshalb ein Umdenken: Sepsis-Versorgung darf nicht an der Krankenhausentlassung enden. Strukturierte Nachsorgeprogramme, mehr öffentliche Aufklärung und eine schnellere Diagnostik in Notaufnahmen sind die zentralen Stellschrauben, an denen Politik, Kliniken und Gesellschaft gleichermaßen drehen müssen. Denn nur wer Sepsis kennt, kann im entscheidenden Moment richtig handeln – und damit Leben retten.

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Quelle: AutoEditor/gesundheit
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