Politik

AfD in Sachsen-Anhalt baut Vorsprung aus: 41 Prozent

Vier Monate vor der Landtagswahl zeigen aktuelle Umfragen die AfD weit vor der CDU — die Parlamentsarithmetik könnte eine Alleinregierung ermöglichen

Von Thomas Weber 8 Min. Lesezeit Aktualisiert: 08.05.2026
AfD in Sachsen-Anhalt baut Vorsprung aus: 41 Prozent
Das Wichtigste in Kürze
  • Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt bei 41 Prozent und könnte bei ungünstiger Parlamentsarithmetik erstmals die absolute Mehrheit in einem deutschen Bundesland

41 Prozent: Mit diesem Wert hat die AfD in Sachsen-Anhalt einen neuen Umfrage-Höchststand erreicht — und liegt damit mehr als zwanzig Prozentpunkte vor der regierenden CDU. Vier Monate vor der Landtagswahl verdichten sich die Anzeichen, dass die politische Landkarte des östlichen Bundeslandes vor einer historischen Verschiebung steht.

Ein Vorsprung, der die Koalitionsrechner aufschreckt

Die jüngsten Erhebungen der Meinungsforschungsinstitute zeichnen ein eindeutiges Bild: Die AfD in Sachsen-Anhalt steht bei 41 Prozent der Wählerstimmen, die CDU von Ministerpräsident Reiner Haseloff kommt auf rund 19 bis 20 Prozent. Dahinter folgen SPD und Linke mit einstelligen bis niedrig zweistelligen Werten, während die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde kratzen. Die FDP spielt in der aktuellen Berechnung kaum eine Rolle. Was diese Zahlen für die parlamentarische Praxis bedeuten, ist in Erfurt und Berlin längst Gesprächsthema: Eine Mehrheit ohne die AfD zu bilden, wird rechnerisch immer schwieriger — und politisch immer komplizierter. (Quelle: Infratest dimap)

Zum Vergleich: Bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lag die AfD noch bei 20,8 Prozent und blieb damit hinter der CDU. Seitdem hat sich der Abstand dramatisch umgekehrt. Bundesweit zeigt sich ein ähnliches, wenn auch weniger extremes Muster: AfD auf 20 Prozent: Historischer Höchststand in Umfragen beschrieb bereits vor Monaten eine Zäsur im deutschen Parteiensystem — doch in Sachsen-Anhalt hat sich diese Entwicklung mit deutlich höherer Geschwindigkeit fortgesetzt als im Bundesschnitt.

Dass die Partei auch auf Bundesebene an Stärke gewonnen hat, belegen die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl: AfD mit 20,8 Prozent: Zweitstärkste Kraft im neuen Bundestag — ein Ergebnis, das die Partei als Sprungbrett für Landtagswahlkämpfe nutzt. In Sachsen-Anhalt ist dieser Sprung bereits weit über das Bundesergebnis hinausgegangen.

Reiner Haseloff und die Arithmetik des Möglichen

Pol Parteien Wahl
Pol Parteien Wahl

Ministerpräsident Reiner Haseloff regiert Sachsen-Anhalt seit über einem Jahrzehnt und gilt als einer der profiliertesten Landespolitiker der Union. Doch die aktuelle Lage stellt selbst einen erfahrenen Amtsinhaber vor eine Herausforderung, die strukturell und nicht nur personell ist. Sachsen-Anhalt: Schulze kämpft um Wiederwahl gegen erstarkte AfD — diese Schlagzeile könnte mit dem Namen Haseloff ebenso stehen, denn das Grundproblem ist identisch: Wer in einem ostdeutschen Land regieren will, muss entweder mit der AfD koalieren oder eine breite Allianz aller anderen Parteien schmieden.

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Das sogenannte Brandmauer-Konzept der CDU — also die kategorische Ablehnung jeder Zusammenarbeit mit der AfD auf Landesebene — wird in diesem Szenario zum arithmetischen Dilemma. Selbst wenn CDU, SPD und alle weiteren Parteien zusammengeschlossen würden, wäre eine stabile Mehrheit ohne Einschluss der stärksten Fraktion rechnerisch kaum zu konstruieren, wenn die AfD tatsächlich die 41-Prozent-Marke bei der Wahl erreicht. Ein Blick in den Magdeburger Landtag, in dem die CDU derzeit mit SPD und FDP regiert, macht deutlich, wie fragil solche Mehrheiten werden können, wenn eine der Stützparteien unter die Fünf-Prozent-Hürde fällt.

Der Vergleich mit Sachsen: Was lässt sich übertragen?

Ein Blick nach Sachsen lohnt sich für die Einordnung. Beim Sachsen-Wahl: CDU stärkste Kraft, AfD auf Rekordniveau gelang es der CDU unter Michael Kretschmer, durch eine Koalition mit SPD und dem BSW — dem Bündnis Sahra Wagenknecht — eine knappe Mehrheit zusammenzuhalten. Ob dieses Dreiparteienmodell auf Sachsen-Anhalt übertragbar ist, bleibt fraglich: Das BSW liegt in aktuellen Sachsen-Anhalt-Umfragen ebenfalls unter der Fünf-Prozent-Marke, der Einzug in den Landtag ist unsicher. (Quelle: Forsa)

Hinzu kommt: In Sachsen war die CDU noch die stärkste Kraft. In Sachsen-Anhalt ist sie es — zumindest laut aktuellem Umfragestand — nicht mehr. Das verändert die politische Dynamik grundlegend. Wer eine Koalition anführt, die den stärksten Wahlsieger ausgrenzt, steuert von Anfang an gegen die Legitimationserwartung großer Teile der Bevölkerung.

Verfassungsrechtliche Fragen und das Prinzip der Regierungsbildung

Verfassungsrechtlich gibt es keine Vorschrift, die die stärkste Fraktion zur Regierungsbildung verpflichtet. Das Bundesverfassungsgericht hat in verschiedenen Entscheidungen klargestellt, dass parlamentarische Mehrheiten das einzig legitime Kriterium für eine Regierungsbildung sind — nicht das relative Stärkeranking der Parteien. Dennoch erzeugt eine Regierung ohne die größte Partei erheblichen politischen Rechtfertigungsdruck, den alle Beteiligten tragen müssten. In der Praxis haben sich solche Konstruktionen — wie das Modell Thüringen nach der Wahl im vergangenen Jahr — als äußerst instabil erwiesen.

Der Bundesrat, in dem die Länder ihre Interessen gegenüber dem Bund artikulieren, würde durch eine politisch fragile Regierung in Magdeburg geschwächt. Gerade in Zeiten intensiver Verhandlungen über Finanzausgleich, Flüchtlingspolitik und Infrastrukturinvestitionen ist die Stimme Sachsen-Anhalts im Bundesrat von erheblichem Gewicht — ein Argument, das in der öffentlichen Diskussion häufig unterschätzt wird.

Fraktionspositionen: CDU/CSU — Ablehnung jeder Koalition oder formellen Zusammenarbeit mit der AfD auf Landes- wie Bundesebene; Haseloff betont Eigenständigkeit der CDU-Regierungsführung in Sachsen-Anhalt. SPD — kategorisches Nein zur AfD-Beteiligung an Regierungen; drängt auf breite demokratische Mehrheiten und stärkt das BSW als potenziellen Koalitionspartner. Grüne — lehnen jede Koalition mit der AfD ab; begrüßen Brandmauer-Konzept, zweifeln jedoch intern an der Tragfähigkeit von Minderheitsregierungen. AfD — fordert Regierungsbeteiligung als demokratischen Anspruch der stärksten Kraft; lehnt Ausgrenzungsstrategien als verfassungswidrige Diskriminierung ab und beansprucht das Ministerpräsidentenamt bei einem Wahlsieg.

Was die Umfragen inhaltlich erklären

Hinter den Prozentzahlen stehen konkrete Themenlagen. In Sachsen-Anhalt, einem Land mit nach wie vor überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, strukturellen Abwanderungsproblemen und einer spürbaren Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der deutschen Wiedervereinigung, trifft die AfD mit ihrer Kritik an Migrationspolitik, Energiepreisen und der wahrgenommenen Berliner Distanz auf einen fruchtbaren Boden. Die Umfragen zeigen, dass die AfD in nahezu allen Altersgruppen unter 60 Jahren die stärkste Partei ist — ein Befund, der strukturelle Ursachen hat und nicht allein mit Protest erklärt werden kann. (Quelle: Infratest dimap)

Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass der Höhenflug der AfD im Osten nicht losgelöst von bundespolitischen Entwicklungen ist. Die Bundestagswahl 2025: CDU/CSU gewinnt mit 28,5 Prozent — ein Ergebnis, das zwar zur Regierungsbildung reichte, in ostdeutschen Wahlkreisen jedoch von der AfD deutlich übertroffen wurde. Das Vertrauen in die Bundesregierung und ihre Fähigkeit, ostdeutsche Lebensrealitäten zu adressieren, ist in Sachsen-Anhalt besonders gering.

Für die CDU unter Jens Spahn, der die Bundestagsfraktion anführt — Spahn mit 86 Prozent als CDU/CSU-Fraktionschef wiedergewählt — ist Sachsen-Anhalt damit auch ein bundespolitischer Testfall: Kann die Union in ihren traditionellen Ostgebieten wieder Boden gutmachen, oder verliert sie auch das letzte CDU-regierte ostdeutsche Flächenland an die AfD?

Letzte Landtagswahl
Die AfD erreicht in Sachsen-Anhalt 20,8 Prozent und bleibt damit hinter der CDU als zweitstärkste Kraft. Haseloff bildet eine Koalition aus CDU, SPD und FDP — die sogenannte Deutschland-Koalition.
Herbst des Vorjahres
Erste Umfragen zeigen die AfD in Sachsen-Anhalt gleichauf mit der CDU. Bundespolitische Debatten über Migration und Energiekosten verstärken den Zulauf. CDU-intern wächst der Druck auf Haseloff, schärfere Positionen zu beziehen.
Frühjahr dieses Jahres
Mehrere Umfragen bestätigen: Die AfD liegt nun stabil über 35 Prozent in Sachsen-Anhalt. CDU fällt auf unter 22 Prozent. Erste Diskussionen über Koalitionsszenarien ohne demokratische Mehrheit ohne AfD werden öffentlich geführt.
Aktuell (vier Monate vor der Wahl)
Neue Erhebungen sehen die AfD bei 41 Prozent — neuer Umfrage-Höchststand. CDU bei rund 19 bis 20 Prozent. SPD, Linke und BSW kämpfen um den Einzug in den Landtag. Die Grünen liegen an der Fünf-Prozent-Grenze. (Quelle: Infratest dimap, Forsa)
Wahltermin (Sommer/Herbst dieses Jahres)
Geplanter Wahltermin im Landtag Sachsen-Anhalt. Alle Prognosen gehen von einem historischen Ergebnis für die AfD aus — die Frage nach Regierungsbildung und parlamentarischer Stabilität bleibt bis zum Wahltag offen.

Szenarien für die Regierungsbildung

Politikwissenschaftler skizzieren derzeit drei realistische Szenarien für die Zeit nach der Wahl in Sachsen-Anhalt. Erstens: Eine breite Koalition aus CDU, SPD, BSW und möglicherweise Grünen — sofern alle diese Parteien den Einzug in den Landtag schaffen. Diese Variante wäre parlamentarisch möglich, aber politisch fragmentiert und inhaltlich schwer zu kohärent zu regieren. Zweitens: Eine CDU-geführte Minderheitsregierung, die von Fall zu Fall Mehrheiten organisiert — ein Modell, das in der deutschen Länderpraxis äußerst selten funktioniert hat. Drittens: Ein Szenario, das bislang niemand laut ausspricht, aber mathematisch unausweichlich ist, wenn die AfD tatsächlich bei 41 Prozent landet und die übrigen Parteien sich nicht einigen können — die politische Lähmung.

Jedes dieser Szenarien hat Konsequenzen für die Arbeit des Landesparlaments, für die Bundesratsmehrheiten und für das Signal, das von Sachsen-Anhalt in die übrigen ostdeutschen Länder ausgeht. Ein stabiles Regieren ohne die stärkste Kraft wird in der politischen Realität — unabhängig von verfassungsrechtlicher Legitimität — zur Herausforderung, die weit über die Magdeburger Staatskanzlei hinauswirkt.

Partei Aktueller Umfragewert Letztes Landtagswahl-Ergebnis Einzug in Landtag (Prognose)
AfD 41 % 20,8 % Sicher
CDU 19–20 % 37,1 % Sicher
SPD 8–9 % 8,4 % Wahrscheinlich
Linke 7–8 % 11,0 % Wahrscheinlich
BSW 4–5 % — (neu) Unsicher
Grüne 4–5 % 5,9 % Unsicher
FDP 2–3 % 6,4 % Unwahrscheinlich

Die Tabelle verdeutlicht das strukturelle Dilemma: Selbst wenn CDU, SPD, Linke, BSW und Grüne gemeinsam koalieren würden — eine politisch kaum vorstellbare Konstellation — kämen sie rechnerisch in der Nähe der 50-Prozent-Marke, ohne einen komfortablen Puffer. Die Verlässlichkeit von Koalitionspartnern, die selbst an der Fünf-Prozent-Hürde zittern, ist dabei zusätzlich fraglich. (Quelle: Forsa, Infratest dimap)

Die bundespolitische Dimension

Was in Magdeburg entschieden wird, hat Berliner Relevanz. Der Bundesrat ist als Verfassungsorgan auf handlungsfähige Landesregierungen angewiesen. Eine politisch gelähmte Regierung in Sachsen-Anhalt würde die Bundesratsmehrheiten verschieben und die Arbeit der großen Koalition im Bund erschweren — gerade in einer Phase, in der mehrere zustimmungspflichtige Gesetze zu Migration, Energie und Haushalt anstehen. Bundesratsentscheidungen in diesen Bereichen brauchen stabile Partner in den Ländern; ein Sachsen-Anhalt im Regierungsvakuum wäre ein Faktor der Unsicherheit.

Für die CDU als Bundespartei ist die Lage besonders heikel. Eine Niederlage in Sachsen-Anhalt — gemessen daran, ob sie das Ministerpräsidentenamt halten kann — wäre nach dem Verlust Thüringens

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Thomas Weber
Politik & Wirtschaft

Thomas Weber beobachtet seit über 15 Jahren die deutsche Bundespolitik und europäische Wirtschaftsentwicklungen. Sein Schwerpunkt liegt auf Haushaltspolitik, Koalitionsdynamiken und internationaler Handelspolitik.

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